Universität und Residenz, Wissenschaft und Sammlung, Göttingen und Gotha. Eine Beziehungsgeschichte

Ort
Gotha
Veranstalter
Matthias Rekow / Julia Schmidt-Funke, Sammlungs- und Forschungsverbund Gotha der Universität Erfurt
Datum
11.12.2019 - 12.12.2019
Von
Christian Vogel, Zentrale Kustodie, Georg-August-Universität Göttingen

Als sich dem Anatomen und Naturforscher Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) die Wahl stellte, ob er in seiner Geburtsstadt Gotha oder doch lieber in seinem Studienort Göttingen seiner „künfftigen Bestimmung“ nachgehen wollte, wog er sorgsam ab, um sich dann gegen den Staatsdienst am Hof und für die Universitätsstadt zu entscheiden. Die Wahl fiel ihm offensichtlich nicht leicht, hatten doch beide Orte ihre Vorteile, wie er in einem 1775 verfassten Brief ausführte: In Gotha, am Hof des Herzogs Ernst II. von Sachsen-Gotha und Altenburg (1745-1804), warteten zwar „praktische Geschäffte“, gleichzeitig könne er sich dort aber auch dem „akademischen Leben“ widmen. Denn der Herzog sei „Kenner und Liebhaber der Wißenschaften“, und neben der gut ausgestatteten herzoglichen Bibliothek würden das dortige „Naturalien Cabinet, das neuangelegte anatomische Theater und zahlreiche Gärten […] noch die Wünsche befriedigen, die mir bey meinen übrigen Arbeiten aufstoßen könten“. Doch Göttingen hatte etwas zu bieten, womit Gotha nicht aufwarten konnte: Neben der „mit meinen Lieblingsfächern beßer besetzten Bibliothek“ und dem „Cabinet das mir während zweyjähriger Verwaltung geläufig ist“, bot die 1737 gegründete Göttinger Universität Blumenbach die nötigen Rahmenbedingungen, um sich ausschließlich seinen akademischen Studien zu widmen. Er zog die Ruhe und Abgeschiedenheit des akademischen Betriebes dem zeitraubenden höfischen Leben vor – nichtsdestotrotz unterhielt er zeit seines Lebens enge Kontakte zum Hof und zu Gothaer Gelehrten, wie ALEXANDER GEHLER und NADINE SCHÄFER (beide Göttingen) in ihrem Beitrag zeigten und dafür den Briefwechsel Blumenbachs mit Gothaer Akteuren auswerteten.

Anders als Blumenbach hatte sich der Staatswissenschaftler Johann Stephan Pütter (1725-1807) von Anfang an für Göttingen entschieden. Als sich aber durch die Belagerung der Universitätsstadt durch französische Truppen die Lehr- und Forschungsbedingungen in Göttingen zunehmend verschlechterten, nahm er 1762 die Einladung des Gothaer Herzogs Friedrich III. von Sachsen-Gotha und Altenburg (1699-1772) gerne an, als Hauslehrer für die beiden Söhne des Herzogs in Reichsgeschichte und Staatsrecht zu dienen und ließ sich für die Dauer eines halben Jahres von seinen Diensten an der Universität freistellen. Dem Staatswissenschaftler tat sich am Hof in Gotha eine komplett neue Welt auf, und unverwandt wurde er zu einem ihrer genauesten Beobachter. So sei es ihm dort möglich, „als Zuschauer manches bis auf den innersten Zusammenhang zu beobachten, wovon ich mir sonst nie so einen practischen Begriff hätte machen können“, wie Pütter rückblickend in seiner Autobiografie schrieb.[1] Auch wenn ihn das höfische Zeremoniell faszinierte und er seinen Aufenthalt dort um ein halbes Jahr verlängerte, sehnte er sich doch wieder in die ruhigen Fahrwasser seines Göttinger Gelehrtenlebens zurück.

Zumindest für die beiden Zeitgenossen Pütter und Blumenbach war damit der Unterschied zwischen der höfisch geprägten Residenzstadt Gotha und der akademischen Universitätsstadt Göttingen virulent. Während der geborene Gothaer Blumenbach die akademische Freiheit der höfischen Etikette vorzog, nutzte der klassische Lehnstuhlwissenschaftler Pütter seinen Aufenthalt in Gotha gewissermaßen zur Feldforschung avant la lettre, die ihm unmittelbare Einsichten in die höfische Politik und Wissenschaftspraxis versprach. Beide entwickelten einen scharfen Kontrast zwischen den beiden Orten: hier akademische Strenge und wissenschaftliche Tugenden, dort höfischer Prunk und rituelle Symbolpolitik.

Zur Beantwortung der Frage, ob diese holzschnittartige Gegenüberstellung zwischen akademischer und höfischer Wissenschaftspolitik und Wissenspraxis auch aus einer historischen Rückschau haltbar ist oder ob es nicht vielmehr ratsamer erscheint, eine solche Dichotomie im Sinne einer Verflechtungs- und Beziehungsgeschichte produktiv aufzulösen und das Höfische im Akademischen und das Akademische im Höfischen zu suchen, sollte der Workshop erste Anhaltspunkte liefern, eine Materialgrundlage zusammentragen und an einschlägigen Beispielen diskutieren. Eingeladen waren Beiträge, die die reiche Beziehungsgeschichte beider gelehrter Standorte im „langen 18. Jahrhundert“ anhand von Personen, Netzwerken und Dingen zeigten.

In seinem programmatischen Vortrag machte MARTIN MULSOW (Gotha) vor allem auf die „Beziehungsgeflechte“ aufmerksam, in die Kooperationen unter Gelehrten jeweils eingebettet sind und die als dritte Orte oftmals den Möglichkeitshorizont und die Beziehungsweisen persönlicher Kontakte und Netzwerke strukturieren. Im Sinne einer Triangulation plädierte Mulsow dafür, den Mikrobereich persönlicher Kontakte mit dem Makrobereich größerer (mächte-)politischer, sozialer oder diplomatischer Konstellationen des europäischen Mächtesystems kurzzuschließen. Entscheidend für die akademischen Kontakte des Gothaer Hofs seien beispielsweise die Position des Herzogtums im Gefüge des Alten Reiches und die damit verbundenen diplomatischen und politischen Kontakte gewesen. Dieses Geflecht stelle dann den Rahmen bereit, in dem Reisen und Besuche unter Gelehrten unternommen, notwendige Forschungsressourcen wie Bücher oder Instrumente beschafft, Sammlungsobjekte ausgetauscht oder Briefkontakte oftmals über Jahrzehnte aufrechterhalten werden konnten; dynastische Heiratspolitik ging Hand in Hand mit dem Austausch von wissenschaftlichen Daten und experimentellen Ergebnissen. Besonders England müsse als dritter Ort in die Beziehungsgeschichte der beiden gelehrten Standorte Göttingen und Gotha eingeschlossen werden.

Die ganze Bandbreite des Beziehungsgeflechts zwischen Göttingen und Gotha zeigt sich wohl kaum so prägnant wie am Beispiel Blumenbachs. Wie Gehler und Schäfer in ihrem Vortrag herausarbeiten konnten, war der Göttinger Gelehrte nicht nur aufgrund seiner familiären Beziehungen mit Gotha verbunden, sondern stand auch in einem regen Austausch mit Gothaer Akteuren, mit denen er durch gemeinsame Forschungsinteressen verbunden war und Objekte für Forschung und Auf- und Ausbau akademischer Sammlungen austauschte. Auch wurde er immer wieder von der herzoglichen Familie in Gotha als Berater und Korrespondenzpartner in wissenschaftlichen Fragen herangezogen. Schließlich suchten ehemalige Göttinger Studenten, die nach ihrem Studium eine Anstellung am Gothaer Hof gefunden hatten, weiterhin Kontakt zu ihrem Lehrer; die Korrespondenz changierte zwischen kollegialer Ebenbürtigkeit und ehrfürchtiger Respektsbekundung, die das ehemalige Lehrer-Schüler Verhältnis perpetuierte.

Das berufliche Verhältnis zwischen Johann Reinhold Forster (1729-1798) und seinem Sohn Georg (1754-1794) war dagegen nicht von langer Dauer. Der ursprünglich als Assistent und Zeichner für seinen Vater vorgesehene Sohn emanzipierte sich bei der zweiten Weltumsegelung James Cooks von 1772-1775 schnell von der ihm zugedachten Assistentenrolle und stellte eigene naturhistorische und ethnografische Beobachtungen an. Auch die große Zahl ethnografischer und naturkundlicher Objekte, die sich heute in vielen europäischen Archiven und Sammlungen befinden, zeugen vom Sammlungs- und Arbeitseifer des damals 17-jährigen. SUSANNE WERNSING (Göttingen/Wien) nahm in ihrem Vortrag zwei dieser Objektbestände in den Blick, die heute getrennt in Göttingen und Gotha vorliegen: Während in Göttingen ca. 350 Herbarbelege von Pflanzen lagern, die Georg Forster auf der Reise gesammelt und präpariert hatte, befinden sich in Gotha ca. 30 Zeichnungen von diesen Pflanzen, die in Farbe und als Aquarelle ausgeführt mit einem hohen ästhetischen Anspruch aufwarten. Während neuerdings gerade den Aquarellen aufgrund ihres großen Schauwerts Aufmerksamkeit zukomme und damit gewissermaßen die auf Repräsentation ausgerichtete Sammlungspolitik des Gothaer Hofes reproduziert werde, seien die Herbarbelege beinahe in Vergessenheit geraten, so Wernsing. Indem sie nun diese beiden Objektbestände retrospektiv wieder aufeinander bezieht, können nicht nur Fragen nach den jeweiligen Sammlungspolitiken an beiden Standorten gestellt werden, sondern kann auch das damalige Verhältnis zwischen wissenschaftlichen Praktiken des Sammelns, Beschreibens und Klassifizierens und ästhetischen Verfahren des Zeichnens und Kolorierens, mithin zwischen gelehrtem Wissen und zeichnender Hand bestimmt werden, die erst im 19. Jahrhundert zu eindeutigen Gegensätzen stilisiert wurden. Aus einer postkolonialen Perspektive wiederum lassen sich innerhalb einer solchen Transformationskette, die vom Objekt über das Präparat zur Zeichnung und Einordung in ein Klassifikationssystem führt, eine sukzessive Auslöschung indigener botanischer Wissensbestände und ihre Überschreibung mit westlichen Ästhetiken und Wissensformen beobachten. Die Vorstellung von weißen Flächen, die im Zuge der kolonialen Unternehmungen des 19. Jahrhunderts vom europäischen Auge „entdeckt“ wurden, stellt sich von hier aus als Effekt solcher Techniken der Verdrängung und Unsichtbarmachung indigener Epistemologien dar.

Weniger eine Verflechtungsgeschichte als vielmehr einen Vergleich strebte MATTHIAS REKOW (Gotha) an, der das jeweilige Selbstverständnis sowie die Arbeits- und Geschäftspraktiken von Mechanikern und wissenschaftlichen Instrumentenbauern am Gothaer Hof sowie im Umfeld der Göttinger Universität in den Blick nahm. Die Bedeutung dieser Handwerksgelehrten vor allem für die physikalischen und astronomischen Wissenschaften sowohl in Göttingen wie in Gotha kann nicht unterschätzt werden, auch wenn sich ihre Rolle in der zeitgenössischen Repräsentation und in der archivalischen Überlieferung zumeist nur als Leerstelle niederschlage. Die mühevolle Rekonstruktion, die Rekow zu leisten versuchte, machte aber ihre Stellung in den lokalen Wissenskulturen in mindestens zweierlei Hinsicht deutlich. Am Beispiel des Göttinger Experimentalphysikers Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) und seinem langjährigen Mechaniker Johann Andreas Klindworth (1742-1813), der auch für den Gothaer Hof gearbeitet hat, zeigt sich, wie sehr Lichtenberg nicht nur bei der Auswahl und Entwicklung neuer, sondern auch bei der Modifizierung, Reparatur und Anpassung alter Instrumente an neue Fragestellungen und Experimentalsysteme auf die Expertise des Mechanikers und Instrumentenherstellers angewiesen war. Das Arbeitsverhältnis beider Akteure war mehr eine Kooperation auf Augenhöhe als ein hierarchisches Verhältnis zwischen Kopf- auf der einen und Handarbeit auf der anderen Seite. Auch für den Mechaniker Johann Friedrich Schröder (geb. 1737) in der herzoglichen Residenzstadt Gotha konnte Rekow diese besondere Stellung und Verankerung in der lokalen wie höfischen Wissenskultur nachweisen.

Mit Johann Friedrich Carl Grimm (1737-1821) und Friedrich Christian Schmidt (1755-1830) stellte JULIA SCHMIDT-FUNKE (Gotha) zwei Gothaer Akteure vor, die sich einer klaren Zuordnung zu Hof oder Universität, zu Beamtenschaft oder Gelehrtentum entziehen. Beide standen zwar im Dienst des Gothaer Hofs – Schmidt als Kommissionsrat, Grimm als Leibarzt – und verdienten damit ihren Lebensunterhalt, betätigten sich aber auch als Gelehrte, hatten ihre eigenen Forschungsinteressen, standen in Korrespondenz mit damaligen wissenschaftlichen Größen wie Haller oder Blumenbach und publizierten in wissenschaftlichen Zeitschriften. Schmidt legte außerdem eine über 17.000 Exemplare umfassende Conchyliensammlung an. Um beiden historisch gerecht zu werden, ist es wohl ratsam, sie nicht jeweils auf ein Tätigkeitsfeld und eine damit korrespondierende persona zu reduzieren, sondern sie ähnlich wie die von Ursula Klein beschriebenen Akteure als „hybride Experten“ zu verstehen, die verstärkt im 18. Jahrhundert auftraten und sowohl über eine klassisch akademische Grundbildung verfügten als auch mit einer praktischen und technischen Expertise aufwarten konnten und nicht selten als Staats- und Hofbeamte wirkten.[2]

Die weiteren Beiträge des Workshops boten viele zusätzliche Beispiele für die Beziehungsgeschichte zwischen Göttingen und Gotha, entweder, indem sie die direkten persönlichen Kontakte aufzeigten, die sich zwischen Gelehrten beider Standorte entspannten, wie im Vortrag von CARSTEN ECKERT (Gotha) am Beispiel der ehemaligen Göttinger Studenten Ernst Friedrich von Schlotheim (1764-1832) und Karl Ernst Adolf von Hoff (1771-1837), die später beide in herzoglichen Diensten standen und sich sogleich in den entstehenden Geowissenschaften hervortaten, oder indem sie die mehr formalisierten und institutionalisierten Kontakte hervorhoben, wie PETRA WEIGEL (Gotha) am Beispiel des Gothaer Verlags Justus Perthes, für den viele Göttinger Wissenschaftler arbeiteten, schließlich, indem sie die Zirkulation von Objekten zwischen beiden Standorten hervorhoben, wie im Vortrag von GUDRUN BUCHER (Göttingen) am Beispiel der Ethnografica, die im Zuge der Weltumsegelungen James Cooks unter anderem nach Göttingen kamen und von dort aus an den Gothaer Hof zur Begutachtung und Abzeichnung verliehen wurden.

Der Workshop diente zum einen dazu, eine erste Sichtung und Bestandsaufnahme der Bandbreite und Qualität des Austausches und der Zusammenarbeit zwischen Gotha und Göttingen zu leisten. Die meisten Beiträge lieferten dafür eine Fülle an Material, von persönlichen Beziehungen zwischen einzelnen Akteuren über den Austausch von Forschungs- und Sammlungsobjekten bis zu formalisierten Kooperationsverhältnissen. Bereits in dieser Zusammenschau wurde deutlich, dass die einfache Gegenüberstellung zwischen höfisch auf der einen und akademisch auf der anderen Seite wenn nicht gänzlich aufgelöst, so doch verkompliziert und differenziert werden muss. Zum anderen lieferte der Workshop Anregungen und Ideen für eine weitere Ausarbeitung und Vertiefung der Beziehungsgeschichte zwischen Göttingen und Gotha im Speziellen und zwischen Gelehrtenstandorten im Allgemeinen. Abschließend sollen drei weiterführende Fragestellungen und Forschungsperspektiven genannt werden.

Erstens wurde deutlich, dass es fruchtbar sein kann, die Beziehungsformen nicht ausschließlich von einzelnen Individuen und deren Persönlichkeit aus zu denken, sondern die jeweilige konkrete Beziehungspraxis als Teil eines größeren und umfassenderen Netzwerkes zu begreifen, das gleichermaßen menschliche wie nicht-menschliche Entitäten umfasst, die konstitutiv miteinander verschränkt und aufeinander bezogen sind. Darunter fallen nicht nur, wie Martin Mulsow in seinem Vortrag angemerkt hat, die dynastischen und politischen Verbindungen, in denen die beiden Städten eingebunden waren, sondern auch die jeweiligen Medien der Kommunikation, die von mündlichen Formen des Austausches über schriftliche Formate (wie die für die Gelehrtenrepublik des 18. Jahrhunderts ganz typischen Briefe) bis hin zu hochstandardisierten Formaten der Kommunikation reichen können.

Neben den Medien des Austausches sind – und das wäre eine zweite Forschungsperspektive – die zirkulierenden Objekte selbst ein konstitutives Moment innerhalb solcher Netzwerke. Wurden bisher distanzüberbrückende Beziehungen von Gelehrten vor allem ausgehend von den menschlichen Akteuren beschrieben und etwa auf das Vertrauen aufmerksam gemacht, das unter den Teilnehmern bestehen bzw. erst hergestellt und aufrechterhalten werden muss, damit sie in eine Tauschbeziehung eintreten, so kann man auch umgekehrt von den Objekten aus auf die Art, Qualität und Reichweite von Gelehrtennetzwerken schließen. Das heißt nicht, den strukturierenden Faktor lediglich vom Menschen auf die Dinge zu übertragen, sondern beide Entitäten in eine mehr symmetrische und relationale Beziehung zueinander zu rücken. Bedingung dafür ist, die in solchen Netzwerken zirkulierenden Objekte nicht nur im Sinne einer Warenökonomie zu begreifen, bei der die verschenkten, getauschten, entliehenen oder verkauften Objekte für sich alleine stehen und keine Beziehungen zwischen Geber und Nehmer knüpfen, als sie vielmehr auch im Sinne einer Gabenökonomie zu verstehen, bei der sich sowohl die menschlichen Akteure wie ihre jeweiligen Beziehung relational mit und bezogen auf die zirkulierenden Objekte herausbilden und darüber strukturiert werden.[3] Zirkulierende Objekte knüpfen, verstetigen und konsolidieren Beziehungen, schaffen aber auch Abhängigkeiten und hierarchische Interaktionen und können – zumal für Beschenkte und Empfänger – eine Herausforderung und Bürde sein.

Schließlich müsste – und das wäre eine dritte Forschungsperspektive – die Rolle von Frauen innerhalb solcher Gelehrtennetzwerke herausgearbeitet werden. In vielen Vorträgen waren Frauen lediglich als Anekdote oder Randbemerkung eingestreut – die für ihren Ehemann briefeschreibende Professorengattin, die „an Wissenschaft interessierte“ Adelige. Es geht aber darum, gerade diese weibliche „Schattenökonomie“[4], die zumeist im Hintergrund stattgefunden und nur wenige Spuren in der öffentlichen Repräsentation hinterlassen hat, auf ihren systemrelevanten Gehalt für eine solche Beziehungsgeschichte hin zu überprüfen.

Konferenzübersicht:

Matthias Rekow / Julia Schmidt-Funke (Gotha): Begrüßung

Martin Mulsow (Gotha): Göttingen und Gotha im langen 18. Jahrhundert

Sektion 1: Naturgeschichte zwischen Göttingen und Gotha

Alexander Gehler / Nadine Schäfer (Göttingen): Beziehungen zwischen Göttingen und Gotha im Spiegel Johann Friedrich Blumenbachs und seiner naturhistorischen Sammlungs-Objekte

Susanne Wernsing (Berlin): Sammeln, Dokumentieren, Publizieren. Botanische Belege von der Expedition ins Archiv

Sektion 2: Mechaniker, Studenten, Amtsträger – akademisch-höfische Austauschbeziehungen

Matthias Rekow (Gotha): Mechaniker am Gothaer Hof und an der Göttinger Universität

Julia Schmidt-Funke (Gotha): Auf den Spuren Blumenbachs und Hallers? Die Göttinger Kontakte Johann Friedrich Carl Grimms und Friedrich Christian Schmidts

Carsten Eckert (Gotha): Zwei Wege zur Geologie. Schlotheim und Hoff als Studiosi in Göttingen

Sektion 3: Presse- und Verlagswesen im 18. und 19. Jahrhundert

Martin Gierl (Göttingen): Göttinger Fachjournale von 1765 bis 1825

Petra Weigel (Gotha): Die Beziehungen zwischen Gotha und Göttingen im Spiegel der Sammlung Perthes

Round Table zum Thema „Sammeln und Wissen – eine Beziehungsgeschichte“
Impuls: Margarete Vöhringer (Göttingen)

Sektion 4: Fremde Dinge in Göttingen und Gotha

Gudrun Bucher (Göttingen): Vom Interesse an Entdeckungsreisen im 18. Jahrhundert zur Gründung des Instituts für Völkerkunde der Universität Göttingen im 20. Jahrhundert

Sara Müller (Göttingen): Objekte wissenschaftlicher Expeditionen aus Deutsch-Neuguinea in Göttingen

Emily Teo (Gotha): Das Gothaer Chinesische Kabinett

Anmerkungen:
[1] Johann Stephan Pütter: Selbstbiographie zur dankbaren Jubelfeier seiner 50-jährigen Professorsstelle zu Göttingen, Göttingen 1789, Bd. 1, S. 404.
[2] Vgl. Ursula Klein: Nützliches Wissen. Die Erfindung der Technikwissenschaften, Göttingen 2016.
[3] Die Unterscheidung und Gegenüberstellung von Waren- und Gabenökonomie hilft zwar, diesen Punkt deutlich zu machen, ist aber idealtypisch und hat es in dieser Eindeutigkeit wohl nie gegeben. Selbst in Gesellschafts- und Wirtschaftssystemen, die sich um die Warenform der Dinge gebildet haben, existieren Misch- und permanente Übergangsformen beider Systeme, wie Anna Lowenhaupt Tsing jüngst am Beispiel der globalen Verwertungsketten einer bestimmten Pilzart gezeigt hat; vgl. dies.: Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus, Berlin 2019 [engl. 2015], besonders S. 171 ff.
[4] Vgl. Monika Mommertz: Schattenökonomie der Wissenschaft. Geschlechterordnung und Arbeitssysteme in der Astronomie der Berliner Akademie der Wissenschaften im 18. Jahrhundert, in: Theresa Wobbe (Hg.): Frauen in Akademie und Wissenschaft. Arbeitsorte und Forschungspraktiken 1700–2000, Berlin 2002, S. 31-63.

Zitation
Tagungsbericht: Universität und Residenz, Wissenschaft und Sammlung, Göttingen und Gotha. Eine Beziehungsgeschichte, 11.12.2019 – 12.12.2019 Gotha, in: H-Soz-Kult, 29.06.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8796>.