Lorenz Kardinal Jaeger als Kirchenpolitiker

Ort
Schwerte
Veranstalter
Kommission für kirchliche Zeitgeschichte im Erzbistum Paderborn
Datum
27.08.2020 - 29.08.2020
Von
Christian Kasprowski, Institut für Katholische Theologie - Lehrstuhl für Kirchen- und Religionsgeschichte, Universität Paderborn

Zur dritten Fachtagung des Forschungsprojekts „Lorenz Kardinal Jaeger (1892-1975)“ versammelten sich ca. 30 HistorikerInnen und TheologenInnen aus ganz Deutschland in der Katholischen Akademie Schwerte. NICOLE PRIESCHING (Paderborn) leitete die Tagung in ihrer Funktion als Vorsitzende der Kommission für kirchliche Zeitgeschichte im Erzbistum Paderborn. Nach „Jaeger als Theologe“ (2018) und „Jaeger als Ökumeniker“ (2019) war „Jaeger als Kirchenpolitiker“ das Thema der dritten von insgesamt fünf Fachtagungen, die im Jahresabstand stattfinden.

GISELA FLECKENSTEIN (Speyer) sprach über die politischen Prägungen Lorenz Jaegers bis zum Ende der Weimarer Republik. Jaeger wurde in seiner Schulzeit in Halle, Olpe und Wipperfürth zu Patriotismus, Gehorsam und Kaisertreue erzogen. Er wurde kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs freiwillig Soldat. Aus englischer Kriegsgefangenschaft kehrte er in ein neues Staatsystem zurück und konnte das Prestige seiner Offizierskarriere in den demokratischen Staat hinüberretten. Jaeger war geprägt durch christliche, preußisch-kaiserliche und deutsch-nationalstaatliche Werte. Als Priester stand er in der Hierarchie der Kirche und als Staatsbeamter (Geistlicher Studienrat) bzw. Lehrer im höheren Schuldienst Preußens innerhalb der staatlichen Ordnung. Als Reserveoffizier pflegte er die Verbindung zum Militär. Alle drei Bereiche konnte er im Bund Neudeutschland durch seinen christlichen Glauben und seinen Sinn für Kameradschaft verbinden.

Im Anschluss berichtete ARNOLD OTTO (Paderborn) über Jaegers Verbindungen zu „den Briten“. Mit „Briten“ wurde die britische Besatzungsmacht bezeichnet, mit der ein enger, fallbezogener Kontakt Jaegers nachgewiesen werden konnte. Die Verbindungen Jaegers zum Vereinten Königreich waren jedoch vielschichtiger. Jaeger, der in seiner schulischen Laufbahn keinen Englischunterricht hatte, geriet zum Ende des Ersten Weltkriegs in mehrmonatige englische Kriegsgefangenschaft. Dort lernte er vermutlich die englische Sprache, die er in seinen späteren Briefen als Erzbischof gut beherrschte. Er stand auch im Austausch mit den britischen Bischöfen, die in den Nachkriegsjahren Hilfsaktionen (Care-Pakete) für die deutsche Bevölkerung organisierten. Feststellen ließ sich eine Reise nach England, wo er neben kirchlichen Würdenträgern auch britische Parlamentarier traf. Zu katholischen Orden in Großbritannien unterhielt Jaeger langjährige Kontakte, die er zum Beispiel nutze, um seiner Cousine eine Unterkunft in England zu vermitteln.

Den zweiten Vortragsblock eröffnete KLAUS UNTERBURGER (Regensburg). Erzbischof Jaeger stand der Entnazifzierungspraxis – wie seine Mitbischöfe – kritisch gegenüber, die meisten Parteimitglieder, so seine Ansicht, seien keine überzeugten Nationalsozialisten gewesen. Dennoch wurde Jaeger bald zu einer wichtigen Instanz in der britischen Besatzungszone, die häufig um Entlastungszeugnisse für Beamte, besonders für Lehrer, und Unternehmer angegangen wurde. Bei der Prüfung der Fälle konnte er sich auf persönliche Bekanntschaften und auf das Pfarreiennetz stützen. Wichtiges Kriterium für eine nur oberflächlich-taktische Parteimitgliedschaft war für ihn die lebendige katholische Glaubenspraxis. In einigen Fällen verweigerte er kämpferischen Nationalsozialisten ein Zeugnis. Bei den Bestätigungen für ehemals deutschchristliche protestantische Bischöfe spielten ökumenische Hoffnungen eine wichtige Rolle, während Jaegers Fürsprache für Wehrmachtsgeneräle sich wohl auch auf eigene Erfahrungen als Militärgeistlicher stützte.

OLAF BLASCHKE (Münster) zufolge hielt Jaeger es 1947 für „nutzlos, vergangene Ungerechtigkeiten zu bekämpfen. Aber die gegenwärtigen Ungerechtigkeiten” an unschuldigen Deutschen sollten „gemildert werden.” Bei Jaegers Umgang mit dem vergangenen Nationalsozialismus erwiesen sich fünf Elemente als entscheidend: 1. der Dualismus (Katholiken vs. Nationalsozialismus), 2. das Opfer-, 3. das Oppositionsnarrativ, 4. die Problematisierung des Schweigens und Sprechens im und über den Nationalsozialismus und 5. dessen Erklärung mit Hilfe der Entchristlichung. Der zweite Teil des Vortrags, der die „gegenwärtigen Ungerechtigkeiten” der Zeit ab 1945 behandelte, offenbarte starke Strukturanalogien zur Vergangenheitsdeutung: 1. den „anderen Dualismus“ (Christentum vs. Sozialismus), 2. ein neues Opfer- und 3. Oppositionsnarrativ, beide gegen die Alliierten gerichtet, 4. instrumentalisierendes Sprechen über den Nationalsozialismus bis hin zu Vergleichen zwischen alliierten und Gestapomethoden und schließlich 5. die Rechristianisierung als Vergangenheitsbewältigungsangebot.

REIMUND HAAS (Köln) trug zur Entstehung des Bistums Essen vor. Nach ersten Überlegungen 1900 und 1918 wurde 1925 der Plan für eine große „Industrie-Diözese Essen“ von Kleve bis Plettenberg (mit 2.229 000 Katholiken) entwickelt. Doch die „Mutter-Bistümer“ Münster und Paderborn waren nicht bereit, so große Anteile (z.B. Dortmund, Recklinghausen) dafür abzutreten, so dass nur das Bistum Aachen zur Entlastung des Erzbistums Köln 1930 wiedergegründet wurde. Ab 1953 begannen neue Verhandlungen für ein verkleinertes Ruhrbistum Essen, das 1958, als schon die erste Zeche geschlossen wurde, mit nur noch 1.430.000 Katholiken (bei 1.721.000 Nicht-Katholiken) und dem Paderborner (Weih-)Bischof Dr. Franz Hengsbach – als erstem „Ruhrbischof“ – gegründet und Teil der Kirchenprovinz Köln wurde.

Nach GEORG PAHLKE (Warburg) nahm Lorenz Jaeger an den zwölf Katholikentagen während seiner Amtszeit ausnahmslos teil. Beim zweiten Nachkriegskatholikentag in Bochum (1949), bei dem er als Ortsbischof in der Rolle des Protektors auftrat, rief er zu staatlicher und kirchlicher Hilfe auf, beklagte aber auch Glaubensverfall und Säkularisierung im zerstörten Nachkriegsdeutschland. Darin zeigte sich ein Grundmuster, das er auch bei den weiteren Laientreffen immer wieder aufgriff, bei denen er seine Verkündigung schwerpunktmäßig auf Frauenseelsorge und Ökumene richtete. Dem gesellschaftlichen und innerkirchlichen Auf- und Umbruch stand er zunehmend skeptischer und ablehnender gegenüber. Hatte er den Bochumer Katholikentag noch als eine „Demonstratio catholica“ bezeichnet, so erlebte er den Essener Katholikentag (1968) eher als „Demonstratio catholicorum“ gegen Papst, Bischöfe und Lehramt, was nicht mehr seinem Verständnis eines Deutschen Katholikentages entsprach.

JÖRG SEILER (Erfurt) analysierte die dichte Korrespondenz zwischen Jaeger und seinem Weihbischof im Erzbischöflichen Kommissariat Magdeburg, Friedrich Maria Rintelen. Er entwickelte eine deutsch-deutsche Geschichte unter Berücksichtigung des gemeinsamen Kampfes gegen den Materialismus (Hirtenbrief 1956), der Reisemöglichkeiten, die bereits nach der Liboripredigt Jaegers von 1959 und nicht erst mit dem Mauerbau verboten wurden und der Konkurrenz um den Priesternachwuchs. Zentral war Seilers These zum „Scheitern einer Bischofsgeneration“. Seit Mitte der 1960er Jahre entwickelte sich aus dem freundschaftlichen Verhältnis beider auch eine Art Gefährtenschaft in ihrer Frustration über die Aufbruchsbewegungen nach dem Konzil. Rintelen befürchtete einen negativen Einfluss aus dem Westen, Jaeger sehnte sich in die relativ heile Kirchenwelt seines Magdeburger Diözesanteils.

CHRISTIAN KASPROWSKI (Paderborn) behandelte die Verbindung zwischen Erzbischof Jaeger und dem Paderborner Bundestagsabgeordneten, Bundesminister, Oppositionsführer im Bundestag und CDU-Kanzlerkandidaten Dr. Rainer Barzel. Nachgewiesen werden konnten regelmäßige Treffen und Briefwechsel, in denen beide über aktuelle politische und gesellschaftliche Themen diskutierten. Thematisiert wurde dabei u.a. die sich reformierende SPD, welche beide als für Katholiken nicht wählbar ansahen. Barzel war für Jaeger eine sichere Informationsquelle für aktuelle bundespolitische Themen. Im Gegenzug nutze Barzel das kirchliche Netzwerk Jaegers. Der Paderborner Kardinal vermittelte Barzel z.B. eine Privataudienz bei Papst Paul VI. im Jahr 1967. 1972 schaltete sich Jaeger in den Wahlkampf ein, indem er in seiner Allerheiligenpredigt den FDP-Gegenkandidaten Barzels, Rudolf Augstein, und dessen Buch Jesus Menschensohn angriff.

WILHELM GRABE (Paderborn) fragte, wie Lorenz Kardinal Jaeger in „seiner“ Bischofsstadt Paderborn wahrgenommen wurde, und wertete dazu die beiden einschlägigen Paderborner Lokalzeitungen aus. Erzbischof Jaeger wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zum Gesicht des Wiederaufbaus und entwickelte sich zur überragenden Identifikationsfigur in der Paderstadt. In der Binnenwahrnehmung übertrug sich der „Abglanz des Konzils“ auf die provinzielle Mittelstadt Paderborn. Bis zum Beginn der 1990er Jahre gab es in der Lokalpresse keine Kritik am Erzbischof. Nach 2000 hatte der frühere Paderborner Oberhirte als regionale Identifikationsfigur ausgedient, doch erst 2015 rückten seine umstrittenen Kriegshirtenbriefe von 1941/42 erneut in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit.

Bei der Podiumsdiskussion zum Thema „Lorenz Jaeger im Nationalsozialismus“ vertrat Joachim Kuropka (Vechta) die Position, Jaeger habe es „gut gemacht“[1]. Dagegen kritisierte Klaus Große Kracht (Münster) Jaegers Nationalismus und Antibolschewismus. Vor allem seine Äußerungen zum Krieg wurden unterschiedlich bewertet. Insgesamt wurden erhebliche Lücken in der Quellenlage und methodische Interpretationsspielräume sichtbar.

DANIEL GERSTER (Münster) ging auf das Verhältnis von Jaeger zum Thema „Frieden“ ein und unternahm eine Art Gegenprobe zu den Diskussionen um seine Person im Nationalsozialismus und im Krieg. Er zeichnete dazu Jaegers Friedensverständnis von den 1940er Jahren bis zum Ende seines Pontifikats nach und setzte es am Beispiel der Paderborner Pax Christi-Gruppe mit der Entwicklung katholischer Friedensaktivitäten in Beziehung. Gerster kam zu dem Ergebnis, dass Jaegers Friedensverständnis in erster Linie theologisch begründet war und er sich mit Äußerungen zu konkreten Fragen und Ereignissen des politischen und gesellschaftlichen Friedens in der Regel zurückhielt. Unter diesen Prämissen war eine erfolgreiche christliche Friedensarbeit von Pax Christi nur möglich, wenn sich Personen fanden, die sich „mit dem Segen des Erzbischofs“ persönlich engagierten.

BARBARA VOSBERG (Schwerte) führte aus, dass Jaeger über 16 Jahre hinweg als Großprior der Deutschen Statthalterei des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem wirkte, deren strukturellen Aufbau und kirchenpolitische Ausrichtung er maßgeblich mitprägte. Dabei verfolgte er zwei ineinandergreifende Konzepte: den Aufbau einer „Elitetruppe der Katholischen Aktion“ in Deutschland, deren teils prominente Funktionsträger als Miles Christi in Politik und Gesellschaft hineinwirken sollten, und die übernationale Vernetzung der Ordensmitglieder im Sinne eines internationalen „abendländischen Apostolates“. Obgleich die römische Ordensleitung diesen Konzepten am Vorabend des Zweiten Vatikanums letztlich die Unterstützung entzog, entfalteten sie eine Wirkungsgeschichte, die weit über Jaegers Amtszeit hinausreichte.

In der abschließenden Diskussion wurde deutlich, dass Jaeger kein unpolitischer Bischof war. In der Nachkriegszeit agierte er als Vermittlungsinstanz mit den britischen Besatzern, engagierte sich nicht unproblematisch bei diversen Entnazifizierungsverfahren, pflegte regen Kontakt zu Politikern der Bundesrepublik, setzte sich für gesellschaftspolitische Anliegen der Kirche ein und war immer wieder als Informationsbeschaffer, Vermittler, Ansprechpartner und Netzwerker gefragt. Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und sowie möglicher eigener Verfehlungen stand weit hinter der Aufarbeitung gegenwärtigen Unrechts, worin Jaeger aber durchaus typisch für den deutschen Episkopat war. Es blieb ein schillernder Eindruck.

Die Tagungsbeiträge werden in einem Sammelband publiziert. Die nächste Tagung des Projektes wird vom 26. bis 28. August 2021 zum Thema „Jaeger als Seelsorger“ stattfinden.

Konferenzübersicht:

Lorenz Jaeger als Kirchenpolitiker. Fachtagung der Kommission für Kirchliche Zeitgeschichte im Erzbistum Paderborn

Gisela Fleckenstein (Speyer): Offizier, Priester, Lehrer – politische Prägungen bis zum Ende der Weimarer Republik

Arnold Otto (Paderborn): Lorenz Jaeger und die Briten

Klaus Unterburger (Regensburg): Lorenz Jaeger und die Entnazifizierung

Olaf Blaschke (Münster): Rezeption und Aufarbeitung des Nationalsozialismus

Reimund Haas (Köln): Lorenz Kardinal Jaeger und die bewegte Geschichte des „Ruhrbistums“ Essen

Georg Pahlke (Warburg): „Demonstratio catholica“ – Lorenz Jaeger und die Katholikentage

Jörg Seiler (Erfurt): Lorenz Jaeger und das Erzbischöfliche Kommissariat Magdeburg

Christian Kasprowski (Paderborn): Lorenz Jaeger im Kontakt mit den Eliten der BRD

Wilhelm Grabe (Paderborn): Die öffentliche Wahrnehmung Lorenz Jaegers in Paderborn

Daniel Gerster (Münster): Leben und Frieden – Lorenz Jaeger, Pax Christi und die katholische Suche nach Frieden im Kalten Krieg, 1945-1973

Barbara Vosberg (Schwerte): Kardinal Jaeger als Miles Christianus

Anmerkung:
[1] Vgl. schon den jüngst in der Studie der Theologischen Fakultät Paderborn veröffentlichten Beitrag: Joachim Kuropka, Lorenz Jaeger – Geistlicher Studienrat, Divisionspfarrer, Erzbischof von Paderborn. Historisch-kritische Studien zur Kritik an Erzbischof Jaegers Haltung zum Nationalsozialismus im Kontext der Kontroverse um die Ehrenbürgerschaft Jaegers, in: Josef Meyer zu Schlochtern / Johannes W. Vutz (Hg.): Lorenz Jaeger: Ein Erzbischof in der Zeit des Nationalsozialismus, Münster 2020, S. 247-326.

Zitation
Tagungsbericht: Lorenz Kardinal Jaeger als Kirchenpolitiker, 27.08.2020 – 29.08.2020 Schwerte, in: H-Soz-Kult, 24.09.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8809>.
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Veröffentlicht am
24.09.2020