Innovation und mittelalterliche Gemeinschaft in Nordwesteuropa (1200-1500)

Ort
Münster
Veranstalter
Nils Bock, Westfälische Wilhelms-Universität Münster; Elodie Lecruppe-Desjardin, Université de Lille (IRHiS)
Datum
20.11.2019 - 21.11.2019
Von
Charlotte Bock von Wülfingen, Universität Münster

In einer Einführung stellte ELODIE LECUPPRE-DESJARDIN (Lille) anhand ausgewählter Beispiele Städte neben Klöstern als Zentrum der neuen Künste und Ort der Innovationen vor. Gründe dafür seien ein hoher Grad an Wettbewerbsfähigkeit, eine räumliche Konzentration und die Zirkulation von Personen, Wissen und Ideen. Das Zusammenspiel zwischen Innovation und Tradition im Mittelalter sei ein paradoxes Phänomen zwischen einem Neuerungen scheuenden Mittelalter und einem innovativen Mittelalter gewesen, wobei Lecuppre-Desjardin herausstellte, dass Innovation häufig aus einer sich wiederholenden Tätigkeit entstehen konnte. Ziel des Workshops sei es, die Rezeption von Innovationen in den jeweiligen Gemeinschaften zu beobachten, die Verbreitungs- oder Ablehnungsstrategien in den verschiedenen ausgewählten Gemeinschaften zu identifizieren und schließlich die komplexen Wechselbeziehungen von Novation und Transformation in diesen vormodernen Gesellschaften zu verstehen, die einerseits „Neuheit“ ablehnen und andererseits auf die Erfordernisse des Wandels reagieren.

Die ersten Vorträge befassten sich mit der Innovation in der Buchhaltung. HARMONY DEWEZ (Poitiers) berichtete über die Einführung von Buchführungspraktiken und über die Verbreitung der Praxis der Obedienz-Konten. Anhand von Fallbeispielen zeigte sie, wie die Entwicklung von Formen pragmatischer Schriftlichkeit während eines langen 13. Jahrhunderts die Verwaltungspraktiken im kirchlichen Bereich tiefgreifend veränderte. Ein großer Teil der Veränderungen in der „pragmatischen Wende“ beruht auf der Schaffung neuer Typen von Dokumenten. Damit verbunden sind soziale und institutionelle Dynamiken, da die Autoren von Verschriftlichung angesichts ihrer Produktion und der neuen Nutzungsmöglichkeiten, die sie zulässt oder nicht, Aktualisierungen des Mediums initiieren können, die eine Praxis verstärken oder im Gegenteil aufgeben. Die Schriftformen sind daher nicht nur ein Signum von Modernität, sondern ein zutiefst ambivalentes Phänomen, da sie zugleich Machtmittel der Überwachung und Kontrolle schaffen. Diese Einführung gibt einen Einblick in die Ambivalenz von Buchführungspraktiken, deren Akzeptanz über die Verwaltung verhandelt wird.

RUDI BEAULANT (Dijon) untersuchte den Schatz der Ersparnisse der Herzöge von Burgund, der um 1445 von Philipp dem Guten geschaffen wurde. Bislang ist er aufgrund der fragmentarischen Überlieferung noch wenig erforscht. Laut Beaulant handelt es sich um eine fürstliche Innovation des Spätmittelalters, was durch seine Organisation und die betreffenden Rechtsakte belegt sei. Die Organisation und Umschichtung der Einnahmen verstärken den Eindruck, dass das Ziel der Ersparnisse die Verwaltung der Gelder und die Rückgewinnung des Vermögens gewesen sei. Die mit dem Schatz verbundenen Normen scheinen jedoch nicht immer befolgt worden zu sein. So habe es mehrfache Verlängerung bestimmter Aufträge und erfolglose Reisen mancher Boten gegeben. Insgesamt sei die Neuerung seitens der Buchverwaltung für den Herzog von Burgund jedoch ein relativer Erfolg gewesen.

Die folgenden Vorträge befassten sich mit Innovation und städtischer Herrschaft. BORIS BOVE (Paris) nahm die Entstehung der großen Pariser Charta von 1416 in den Blick. Die Charta wurde von der königlichen Kanzlei erstellt und war ein Handelsgesetzbuch mit 700 Artikeln, welche das Handeln auf dem Wasserweg bestimmten. In ihrer Präambel werde hervorgehoben, dass einige alte Vorschriften geändert wurden, um sie an einen zeitgemäßen Gebrauch anzupassen. Der Vorgang erscheint zunächst recht gewöhnlich. Extravaganter ist die Ausfertigung des Dokuments, das mit einer Länge von neun Metern und in seiner vorzüglichen Machart alleine durch seine Materialität einen hohen repräsentativen Charakter hat. Für den Gebrauch in Gerichtsverhandlungen wurde ein beglaubigter Blätterkodex mit Inhaltsverzeichnis angefertigt. Die scheinbare Banalität des Inhalts habe HistorikerInnen als Gegensatz zur spektakulären Feierlichkeit des Dokuments gegolten. Dabei stellen die Herstellung beider Dokumente, die Details ihrer Ausführung und Beglaubigung eine Reihe von Innovationen dar, die sich durch den Handlungsspielraum erklären lassen, der sich den Pariser Stadträten im Zuge der Wiedererlangung der Autonomie der Stadt bot.

OLIVIER RICHARD (Strasbourg) untersuchte, wie die Stadtbewohner auf die Stadtbücher reagierten, die im 14. Jahrhundert aufkamen und im 15. Jahrhundert in großer Zahl zu finden waren. Die Stadtbücher, welche in verschiedene Stadtbuchserien (beispielsweise Bürger-, Gerichts- oder Eidbücher) aufgeteilt wurden, seien als Innovation betrachtet worden, da bis zum 15. Jahrhundert ein Stadtbuch mit gemischtem Inhalt genügt habe. Die neuen Stadtbuchserien sollen eine effizientere Verwaltung und eine bessere Kontrolle über die Bevölkerung ermöglicht haben – eine Parallele zu dem Befund der Rechnungsführung. Die Reaktionen der BürgerInnen auf die neuen Stadtbücher sollen empfindlich gewesen sein. So sollen sie die neuen Stadtbuchtypen gefordert haben, um ihre Rechte besser verteidigen zu können, aber gegen Neuerungen protestiert haben, wenn diese ihrer Meinung nach ihre Rechte beschnitten.

Um die Aufnahme der technischen Innovation ging es im dritten Themenblock. MARCUS POPPLOW (Karlsruhe) fragte, ob ein technischer Wandel ohne Technikdiskurs stattfinden könne. Er stellte die These auf, dass im europäischen Mittelalter eine Vielzahl technischer Innovationen realisiert worden sei, ohne dass sie als solche bezeichnet wurden. In der historischen Forschung werde der Begriff aber ganz selbstverständlich zur Beschreibung technischer Wandlungsprozesse in Transport, Militärtechnik, Handwerk, Landwirtschaft, Architektur und Mechanik selbst in vormodernen Epochen verwendet. Eine solche Verwendung des Innovationsbegriffs avant la lettre bedarf einer kontextualisierenden Diskursgeschichte des Begriffs, zu der die Mediävistik beitragen könne, indem sie die historisch vorausgehenden oder zeitgleichen Diskursfelder wie beispielsweise „Reform“, „Gemeinwohl“, „Erfindung“ und „Technik“ integriert. Wahrscheinlich ist die Geschichte von Innovationsprozessen von der Geschichte des Innovationsbegriffs zu trennen. Während es Praktiken kreativen Schaffens schon immer gab, stehe der Begriff für Veränderungen seit den 1960er Jahren, als den Innovationsprozessen immer größere Spielräume gewährt wurden.

Mit einem anderen Aspekt bei der Aufnahme der technischen Innovationen beschäftigte sich BART LAMBERT (Brüssel). Er stellte die Beziehung zwischen Einwanderung und wirtschaftlicher Innovation und den Platz dieses Themas in der politischen Debatte im spätmittelalterlichen England vor. England habe im Spätmittelalter die Anfänge einer Konsumgesellschaft entwickelt, in der die Wirtschaft von der Nachfrage nach Produkten und nicht vom Angebot bestimmt wurde. Damit habe sich England als günstiges Umfeld für wirtschaftliche Innovationen entwickelt, wodurch die Einwanderung vom europäischen Kontinent für hochqualifizierte Arbeitskräfte erleichtert worden sei. Diese Einwanderer führten neue Produkte und Techniken ein. So brachten sie beispielsweise niederländisches Bier, Brillen und Uhren nach England. Bestimmte Gruppen englischer Produzenten sollen die Arbeitslosigkeit und Armut auf diese ausländischen Handwerker zurückgeführt haben. Der Konkurrenzkampf sei von englischen Herstellern verloren worden, was für die Beliebtheit der ausländischen Produzenten und Produkte bei den englischen Verbrauchern gesprochen habe. Obwohl die gestiegene Kaufkraft dazu geführt habe, dass Produkte gekauft werden konnten, die vorher nicht erhältlich waren, seien die Produzentengruppen gegenüber den Beschäftigungseffekten der Einwanderer weiterhin kritisch gewesen.

JAN DUMOLYN (Gent) präsentierte einige Gemälde des großen Meisters Jan van Eyck und fragte, ob dieser ein innovativer Humanist oder ein empirischer Handwerker gewesen sei. Jan van Eyck sei ein Meister des Lichts gewesen, halb Alchimist, halb Wissenschaftler, aber alles andere als ein Handwerker, und er habe großes Talent gehabt, Bewegungen wie Wasser und Feuer zu malen. Er habe fundierte Kenntnisse in Optik und Theologie gehabt und sei als „gelehrter“ Maler zu betrachten. Jan van Eyck war Hofmaler und habe besonders in Brügge künstlerisch gewirkt. Die Interaktion zwischen dem Hof und den Städten wie Gent und Brügge habe mit ihrem hochstehenden Kunstgewerbe und ihren vielgereisten Handwerkern den idealen Kontext für van Eycks „Revolution“ gegeben.

Den vierten Themenblock zu Innovation und Fürsorge eröffnete MAUD TERNON (Paris) mit ihrem Vortrag über normative Veränderungen im Schicksal von verwaisten Kindern und deren Aufnahme durch die Familien der Vormunde. Sie zeigte, dass viele Regeln, die den Umgang mit Waisen betrafen, versuchten, Altes mit Neuem zu kombinieren. Dabei sei es vor allem um den Schutz von minderjährigen Waisen gegangen. Ternon stellte verschiedene Arten der Vormundschaft vor. Bei der sogenannten römischen Vormundschaft, einem Pflichtamt, sei der Vormund verpflichtet gewesen, sich um die Waise zu kümmern. Hingegen habe man bei anderen Verfahren die Vormundschaft aufgrund finanzieller Risiken auch ablehnen können. Zudem habe es die Möglichkeit gegeben, im Testament einen neuen Vormund zu benennen. Bei diesem Verfahren habe das Gericht aber nachträglich intervenieren können.

CLAIRE WEEDA (Leiden) und JANNA COOMANS (Amsterdam) stellten Innovationen und Paradoxe in Bezug auf die Pest vor. Die Pest habe als Motor des Wandels und der Innovation in dieser Zeit für viele neue Technologien gesorgt, mit denen versucht wurde, ihre Ausbreitung zu stoppen. Diese Innovationen traten vor allem in städtischen Räumen auf, bedingt durch die dortige Bevölkerungsdichte. Räumliche Beschränkungen des Waren- und Personenverkehrs durch Quarantäne sollten gemeinsam mit Maßnahmen zur Verbesserung der öffentlichen Hygiene für eine Bekämpfung der Krankheit sorgen. Zudem seien getrennte Gesundheitseinrichtungen entstanden. Die Maßnahmen blieben aber zunächst situativ beschränkt und mündeten nicht in einen kontinuierlichen Innovationsprozess wie in der Moderne.

Im Zentrum der letzten Sektion standen kulturelle und religiöse Innovationen. MARTIN KINTZINGER (Münster) führte zunächst in das Feld der Universitäten und der gelehrten Gesellschaft in Europa ein. Die Scholastik könne als Innovation des Mittelalters angesehen werden, doch handelte es sich dabei weniger um eine Innovation der Institution Universität. Vielmehr bot sie als Gemeinschaft in den Städten jenen Handlungsspielraum, den Intellektuelle für ihre Kreativität im Denken und Unterrichten nutzten, wenn die Universität als Ganze im Rahmen ihrer eigenen institutionellen Veränderungen intellektuellen Fortschritt zuließ. Demgegenüber wurden intellektuelle Innovationen häufig dann eingeschränkt, wenn sich die Universität einer Politik fürstlicher Gewalten unterordnete und ihre Angehörigen sich auf das höfische Ratgeben beschränkten.

Während Kintzinger sich eher mit den Rahmenbedingungen von Innovation beschäftigte, ging es BÉNÉDICTE SÈRE (Paris) um Neuerungen auf dem Feld der Ekklesiologie zur Zeit der großen Reformkonzilien des 15. Jahrhunderts. Das Kirchenschisma als europaweite Krise habe Handlungsspielräume eröffnet, über neue Formen der Problemlösung nachzudenken und sie zu erproben, um die Einheit der Kirche zu gewährleisten. So sei Innovation der Versuch, anders zu denken, weil das Existierende nicht mehr funktioniere. Die Teilnehmer an den Konzilien bildeten zugleich das Publikum, das reflektiert Stellung bezog und seine Akzeptanz oder Ablehnung ausdrückte, wodurch die Innovationen direkt einem „Empörungs- und Sympathietest“ unterzogen wurden.

Zuletzt stellte KRISTIN HOEFENER (Würzburg) ihre Arbeit zum lebendigen Umgang mit der liturgischen Praxis bei den Zisterziensern am Beispiel des kompilierten Jungfrauenoffiziums Angelorum cum regina aus Köln vor. Dieser zisterziensische Zyklus sei ein Beispiel für den lebendigen Umgang mit neuen oder zu neuer Popularität erwachten Heiligenkulten und dafür, wie liturgische Praxis an spezifischen Orten im Mittelalter umgesetzt wurde. Die Zisterzienserskriptorien seien Orte gewesen, an denen man schöpferisch arbeitete. Diese schöpferische Arbeit verband man möglicherweise mit alten Elementen, um den neuen zur Akzeptanz zu verhelfen.

NILS BOCK (Münster) bemerkte abschließend, dass mit historischem Wandel die Erfindung von neuen Praktiken und Ideen gemeint sei, die die soziale Gesellschaft organisierten. Dazu zählten Prozesse der Integration von Märkten, der Annäherung von Menschen, der Entwicklung von Transportmitteln und der Kommunikation sowie die Wiederholung und Anpassung mancher Strukturen in Religion und Familie. Als Faktoren des Wandels mache die Forschung verschiedene Angebote (challenge and response, Kumulation, Kontingenz). Für die weitere Untersuchung von Innovationsprozessen sei zum einen die aufgeworfene präzise Unterscheidung im Vokabular und im Diskurs fortzusetzen, die man in Bezug auf Innovationen im Mittelalter nutze. Daran anschließend seien zum anderen die strukturellen Bedingungen, die Begriffe und Phänomene zu analysieren, die die Handlungsspielräume kreativen Schaffens einerseits ermöglichen, andererseits die Akzeptanz der Neuerungen berühren.

Konferenzübersicht:

Elodie Lecuppre-Desjardin (Lille): Introduction

Rezeption von Innovation in der Buchhaltung
Moderation: Nils Bock (Münster)

Harmony Dewez (Poitiers): Entre contrainte et innovation. Les communautés monastiques et canoniales anglaises et l’adoption de pratiques comptables (XIIIe-XIVe siècles)

Rudi Beaulant (Dijon): Le trésor de l’Épargne des ducs de Bourgogne et sa réception dans l’administration princière

Innovation und städtische Herrschaft
Moderation: Jan Dumolyn (Gent)

Boris Bove (Paris): Les innovations pratiques, idéologiques et diplomatiques dans la grande charte parisienne de 1416

Olivier Richard (Strasbourg): Les bourgeois face aux nouveaux livres municipaux – Sud-Ouest germanique de l’Empire, XVe siècle

Aufnahme technischer Innovation
Moderation: Marc Boone (Gent)

Marcus Popplow (Karlsruhe): Technischer Wandel ohne Technikdiskurs? Zur begrifflichen Grundlage der Thematisierung technischer Innovationen in mittelalterlichen Texten

Bart Lambert (Brüssel): Nouveau et étranger. La réception des innovations technologiques des immigrants dans l’Angleterre tardo-médiévale

Jan Dumolyn (Gent): Jan van Eyck, un humaniste innovant ou un artisan empiriste?

Innovation und Fürsorge
Moderation: Elodie Lecuppre-Desjardin (Lille)

Maud Ternon (Paris): Les mutations normatives du sort des enfants orphelins et leur réception par les familles, XIIIe-XVIe siècle

Claire Weeda (Leiden) / Janna Coomans (Amsterdam): Paradoxes of Plague: Regulatory Innovation, Repetition and Social Stratification in Urban Communities, 1300-1500

Kulturelle und religiöse Innovation
Moderation: Nils Bock

Martin Kintzinger (Münster): Innovations institutionnelles ou innovations intellectuelles? Les universités et la société savante en Europe

Bénédicte Sère (Paris): Innovations ecclésiologiques à l’heure des grands conciles réformateurs du XVe siècle?

Kristin Hoefener (Würzburg): Das kompilierte Jungfrauenoffizium Angelorum cum regina aus Köln (ca. 1300). Lebendiger Umgang mit der liturgischen Praxis bei den Zisterziensern

Zitation
Tagungsbericht: Innovation und mittelalterliche Gemeinschaft in Nordwesteuropa (1200-1500), 20.11.2019 – 21.11.2019 Münster, in: H-Soz-Kult, 16.11.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8822>.