34. Tagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung

Place
digital
Host/Organizer
Florian Bock, Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit, Ruhr-Universität Bochum; Daniel Gerster, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg; Markus Leniger, Katholische Akademie Schwerte des Erzbistums Paderborn
Date
21.11.2020 - 22.11.2020
By
Florian Bock, Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit, Ruhr-Universität Bochum / Daniel Gerster, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

Rund 45 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Kirchengeschichte und Geschichtswissenschaft nahmen an der 34. Jahrestagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung (SAK) teil, die in digitaler Form stattfand. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen auch in diesem Jahr die Vorstellung und Diskussion laufender Forschungsarbeiten zur Katholizismusforschung. Eine Generaldebatte widmete sich dem Thema „Religion übersetzen. Katholizismus und kulturelle Vermittlungsprozesse im 19. und 20. Jahrhundert“.

Zum Auftakt stellte MAREN BAUMANN (Trier) ihr Dissertationsvorhaben vor und erörterte Möglichkeiten und Grenzen von Raumeinnahme, -gestaltung und -nutzung im religiösen Kontext der Heilig-Rock-Wallfahrten in Trier für die Jahre zwischen 1891 und 1996. Dem Vortrag lag das Konzept des „Sakrotops“ (Thorsten Cress) zugrunde, das eine praktikenorientierte Betrachtung des religiös konnotierten Raumes ermöglicht. Mit Blick auf die Heilig-Rock-Wallfahrten legte Baumann Kontinuitäten und Unterschiede in der vielfältigen Raumaneignung durch die Pilgerinnen und Pilger über einen Zeitraum von über hundert Jahren offen.

ANDREAS OBERDORF (Münster) berichtete aus seinem laufenden Forschungsprojekt über das Collegium Americanum zu St. Mauritz bei Münster, das 1867 eröffnet und im Zuge des Kulturkampfes 1875 geschlossen wurde. Es handelte sich um eine Einrichtung, in der junge Theologen und Priester für die deutschsprachigen Gemeinden in den USA ausgebildet werden sollten. Oberdorf stellte dar, dass die Bildungseinrichtung nicht nur auf eine pastorale Professionalisierung der Seminaristen abzielte, sondern zugleich auch den Interessen ultramontaner Kreise gerecht zu werden versuchte.

Über Julius Angerhausen (1911-1990), erster Weihbischof des Ruhr-Bistums Essen, und die Fraternität der Kleinen Bischöfe sprach MIRIAM NIEKÄMPER (Bochum). Die Fraternität war eine international vernetzte und agierende Gruppe katholischer Bischöfe, die die von ihnen auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil erfahrene weltweite Gemeinschaft und gemeinsame Spiritualität in den postkonziliaren Alltag übertragen wollte. Die Mitglieder der Gruppe folgten hierbei einem Kirchenbild, das die Sorge um die Armen und Benachteiligten in den Mittelpunkt stellte und Demut von den katholischen Amtsträgern selbst einforderte. Die Vernetzung erfolgte in erster Linie durch gemeinsame Treffen und Rundbriefe, wobei dem Essener Weihbischof Angerhausen als Sekretär eine entscheidende Rolle zukam.

KLAUS UNTERBURGER (Regensburg) und HANS-JÜRGEN BÖMELBURG (Gießen) stellten die Arbeit des Historischen Vereins für Ermland vor und schlugen künftige Kooperationen mit dem SAK wie auch einzelnen Katholizismusforscherinnen und -forschern vor.

JULIE ADAMIK (Paderborn) sprach anhand der drei Leitbegriffe „Gemeinschaft“, „Neuer Mensch“ und „Liturgie“ über den jugendbewegten Strang der Liturgischen Bewegung unter der Leitung von Romano Guardini (1885-1968). In Anbetracht der politischen Themengestaltung in der von der Gruppe Quickborn herausgegebenen Zeitschrift „Die Schildgenossen“ und Parallelen, die Guardini zwischen Liturgie und Politik zog, gab sie einen Einblick in die politische Komponente der Liturgischen Bewegung. Anhand der Schriften von Guardini wies Adamik auf Inhalte hin, die das Wirken der Liturgischen Bewegung über den liturgischen Tellerrand hinaus zum Vorschein bringen können.

NILS HOFFMANN (Erfurt) stellte sein Dissertationsprojekt zum katholischen Sakralbau für die sozialistischen Großwohnsiedlungen in der DDR vor. Er verortete dabei konkrete Bauprojekte wie die Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin-Neu-Hohenschönhausen in den Rahmenbedingungen der kirchlichen Situation in der DDR seit dem Ende der 1960er Jahre und konnte dadurch deutlich machen, wie sich die Einstellung von Politik und Verwaltung zu Kirchenbauprojekten über die Jahre wandelte. Gerade bei den Neubauprojekten, die seit den 1970er Jahren als Soziotope innerhalb der sozialistischen Gesellschaft entstanden, fanden sich zunehmend Möglichkeiten und Wege für den kirchlichen Sakralbau. Diese wurden, so Hoffmann, zentrale Orte für die Selbstvergewisserung der katholischen Kirche in der DDR.

MICHAEL NEUMANN (Münster) skizzierte grundsätzliche Überlegungen zu seinem Promotionsvorhaben über den politischen Einfluss des Katholischen Büros in Bonn zwischen 1958 bis 1977. Im Zentrum seiner Studie wird die politische Interessenvertretung dieses Büros als eine Schnittstelle zwischen den katholischen Bischöfen und der Bundespolitik vor dem Hintergrund der Pluralisierung der Gesellschaft stehen. Neumann stellte sowohl die Verortung und die Abstimmungsprozesse des Kommissariats innerhalb des deutschen Katholizismus als auch die Entwicklung der politischen Netzwerke des Büros vor. Exemplarisch ging er auf die Arbeit des Kommissariats bei der Reform des § 218 ein.

NATALIE POWROZNIK und DAVID RÜSCHENSCHMIDT (beide Münster) erörterten Aspekte und Möglichkeitsbedingungen von Sprachlichkeit im Kontext sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche. Während Betroffene von Missbrauch durch die machtvolle Position des Priesters, durch die Erwartung, kein Gehör oder keinen Glauben zu finden, und durch die eigene religiös-kulturell formierte Scham in ihrer Sprachfähigkeit gehemmt waren, agierten Bischöfe und Generalvikare bis in die 2000er Jahre mit der Vertuschung von Vorwürfen und der diskreten Versetzung von beschuldigten Priestern. Betroffene waren und sind häufig erst nach langer Zeit in der Lage, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Erleben, Deutungen und Verortungen von Betroffenen fallen dabei oft heterogen aus, und das „Sprechen mit einer Stimme“ ist voraussetzungsreich und nicht immer möglich.

Die Generaldebatte des Schwerter Arbeitskreises widmete sich kulturellen Übersetzungs- und Vermittlungsprozessen in den Katholizismen des 19. und 20. Jahrhunderts. Das Thema ließ bewusst verschiedene Herangehensweisen zu. CHRISTOPH NEBGEN (Saarbrücken) gab Einblicke in transnationale und -kulturelle Verflechtungsprozesse, die sich anhand der Quellengattung Missionszeitschriften identifizieren und rekonstruieren lassen. Beispielhaft stellte er die seit 1873 im Verlag Herder erschienene Zeitschrift „Die Katholischen Missionen“ vor. Nebgen mahnte eine intensivere Auseinandersetzung gerade der katholischen Kirchengeschichte mit diesen Quellen an und riet, die insbesondere in Ordensniederlassungen vorliegenden Bestände rechtzeitig zu sichern.

WIM DAMBERG (Bochum) analysierte im Anschluss und Bezug darauf zunächst exemplarische, empirisch nachweisbare religiöse Dynamiken am Ende des 20. Jahrhunderts wie den Niedergang von Organisation, sich verschiebende Zukunftsdiskurse, Generationswechsel, Ästhetisierung und Politisierung, um in einem zweiten Schritt nach den zugrundeliegenden Prozessen zu fragen. Er hob hervor, dass die Produktion und der Austausch religiösen Wissens den Veränderungen anderer Wissensbestände folgten, und unterstrich, wie Elementarisierung (oder aus traditioneller Sicht: Fragmentierung) und potentielle Ubiquität im Rahmen einer „religiösen Glokalisierung“ in sehr unterschiedlicher Weise zusammengehen können. Offenkundig ist in diesem Kontext eine Art Sprachensterben der überlieferten religiösen Semantiken. Daraus folge, so Damberg in einer Linie mit den Schlussfolgerungen von Nebgen, dass die Archivierung und Erhaltung der Lesbarkeit der Diversität dieser religiösen Sprachen als Teil des immateriellen Kulturerbes eine wichtige Aufgabe der Forschung sei.

In der anschließenden Diskussion zeigte sich die große Mehrheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer beeindruckt von den Gemeinsamkeiten, die sich trotz der unterschiedlichen Fragestellungen in den beiden Referaten ausmachen ließen. Zugleich wurde deutlich, dass die aufgezeigten Forschungsperspektiven und -fragen eine ganze Bandbreite an weiteren Studien erfordern. Die Vorstellung solcher aktuellen Forschungsarbeiten wird auch im nächsten Jahr wieder möglich sein, wenn sich der Schwerter Arbeitskreis Katholizismusforschung vom 19. bis 21. November 2021 in der Katholischen Akademie Schwerte – hoffentlich wieder in Präsenz – treffen wird. Die Tagung wird dann von den neuen Sprecherinnen Sarah THIEME (Münster) und Martin BELZ (Mainz) geleitet, die am Ende des diesjährigen Treffens das Amt von Florian Bock und Daniel Gerster übernahmen.

Konferenzübersicht:

Maren A. Baumann (Trier): Sakrotope – ein Beitrag zur Räumlichkeit bei Wallfahrten

Andreas Oberdorf (Münster): Das Collegium Americanum zu St. Mauritz bei Münster, 1864-1874. Zur Bildung und Ausbildung von Priestern für die USA – ein Werkstattbericht

Miriam Niekämper (Bochum): Julius Angerhausen (1911-1990) und die Fraternität der Kleinen Bischöfe – ein Beispiel für die Theologie einer Kirche der Armen

Klaus Unterburger (Regensburg) / Hans-Jürgen Bömelburg (Gießen): Historischer Verein für Ermland

Julie Adamik (Paderborn): Die Liturgische Bewegung in der Weimarer Republik – Neuer Mensch, Gemeinschaft und Liturgie

Nils Hoffmann (Erfurt): Katholischer Sakralbau für die sozialistischen Großwohnsiedlungen in der DDR

Michael Neumann (Münster): Verbindungsstelle zwischen Bischofskonferenz und Bundespolitik. Der politische Einfluss des Katholischen Büros in Bonn zwischen 1958 und 1977

Natalie Powroznik / David Rüschenschmidt (beide Münster): Über Missbrauch reden in der katholischen Kirche – Methoden und erste Ergebnisse der Münsteraner Missbrauchsstudie

Christoph Nebgen (Saarbrücken): Übersetzung und Verflechtung – Missionszeitschriften als kirchenhistorische Quelle

Wim Damberg (Bochum): Dynamiken religiösen Wissens im ausgehenden 20. Jahrhundert

Citation
Tagungsbericht: 34. Tagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung, 21.11.2020 – 22.11.2020 digital, in: H-Soz-Kult, 12.01.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8848>.
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Published on
12.01.2021
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