Historisches Lernen und Denken im Wettbewerb erforschen: DoktorandInnenworkshop zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten

Ort
digital
Veranstalter
Lukas Greven, Aachen); Wanda Schürenberg, Bielefeld
Datum
14.10.2020 - 14.10.2020
Von
Kirsten Pörschke, Bereich Geschichte und Politik, Körber-Stiftung

Der 1973 vom damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann und dem Hamburger Stifter Kurt Körber initiierte Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ist der größte historische Forschungswettbewerb für junge Menschen und eine der bedeutendsten Laiengeschichtsbewegungen in Deutschland.[1] Alle zwei Jahre rufen der Bundespräsident und die den Wettbewerb ausrichtende Körber-Stiftung bundesweit SchülerInnen dazu auf, sich zum jeweiligen Ausschreibungsthema in ihrem lokalen oder biografischen Umfeld auf eine historische Spurensuche zu begeben.[2] Rund 5.000 Kinder und Jugendliche beteiligen sich durchschnittlich an den Ausschreibungen. In einem forschend-historischen Lernprozess gehen sie ihrer selbst gewählten Fragestellung zum Rahmenthema nach. Sie besuchen Archive und arbeiten mit Originalquellen, sie befragen ZeitzeugInnen oder prüfen Denkmäler und andere geschichtskulturelle Objektivationen daraufhin, wie historische Ereignisse in ihnen gedeutet werden. Ihre Ergebnisse präsentieren die Teilnehmenden meistens in einem umfangreichen Aufsatz, aber auch als Filmdokumentation, Podcast, Theaterstück o.Ä. Die Wettbewerbsbeiträge werden in einem mehrstufigen Juryverfahren auf Landes- und Bundesebene begutachtet und ausgezeichnet.

Seit seiner Gründung wurden mehr als 33.500 Beiträge zum Geschichtswettbewerb eingereicht. Ein Archiv der Körber-Stiftung in Hamburg bewahrt die prämierten Beiträge der 26 bisherigen Wettbewerbsrunden auf, seit 2013 alle eingereichten Beiträge. Diese stehen ebenso wie Begleitmaterialien zum Wettbewerb (Ausschreibungs- oder Ergebnishefte, Anleitungen zur historischen Projektarbeit u.Ä.) für Forschungszwecke bereit und erhalten kontinuierlich die Aufmerksamkeit geschichtswissenschaftlicher und vor allem -didaktischer Forschung.[3] In den vergangenen Jahren hat das forscherische Interesse am Wettbewerb und insbesondere an seinen Produkten neue Impulse erhalten. Das zeigt sich zum einen in komplexen empirischen[4] und theoretischen[5] Arbeiten zum Wettbewerb, zum anderen in der zunehmenden Anzahl direkt oder indirekt auf den Geschichtswettbewerb bezogener Qualifikationsprojekte. Auf Initiative von Lukas Greven und Wanda Schürenberg kamen nun erstmals zum Geschichtswettbewerb Promovierende in einem Workshop zusammen, um sich überuniversitär über Erfahrungen auszutauschen.

LUKAS GREVEN (Aachen) eröffnete den Workshop und stellte den aktuellen Stand seines Promotionsprojekts vor. Darin geht er der Frage nach, inwiefern sich das forschend-historische Lernen im Rahmen des Geschichtswettbewerbs vor dem Hintergrund der Veränderung im geschichtsdidaktischen Diskurs gewandelt hat. Mittels integrativer Inhaltsanalyse im Rahmen eines retrospektiven Längsschnittdesigns untersucht er 168 Wettbewerbsbeiträge aus den Jahre 1975 bis 2013.[6] In seinem Vortrag stellte er einen Auszug des der Studie zugrundeliegenden Kategorienrasters und erste Ergebnisse zur Diskussion, die das forschend-historische Lernen eher konstant als über die Zeit veränderlich erscheinen ließen.

Anschließend präsentierte JOHANNA GLANDORF (Münster) konzeptionelle und theoretische Überlegungen ihres Promotionsvorhabens. Ihr Fokus liegt auf der Auseinandersetzung mit dem Geschichtswettbewerb als Maßnahme individueller Förderung. Dabei nimmt sie insbesondere die (Geschichts-)LehrerInnen in den Blick, die als TutorInnen den Geschichtswettbewerb an den Schulen betreuen. Diese Betreuung analysiert sie in ihrer Studie als Gelingensbedingung für historisch forschendes Lernen systematisch.

Einen anderen Schwerpunkt legt MORITZ HEITMANN (Münster). Er skizzierte seine Auseinandersetzung mit dem Geschichtswettbewerb 1994/95 zum Thema „Ost-West-Geschichte(n). Jugendliche fragen nach“. Diese Ausschreibung ordnete er in die „Vereinigungsgesellschaft“[7] der frühen 1990er Jahre ein und erläuterte, wie er die Wettbewerbsbeiträge nutzt, um historische Orientierungsleistungen in der „Vereinigungsgesellschaft“ zu untersuchen.

WANDA SCHÜRENBERG (Bielefeld) stellte anschließend die theoretischen, konzeptionellen und methodischen Überlegungen ihres Promotionsprojekts zur Diskussion. Der Hintergrund ihres Vorhabens ist, dass entschuldende und schuldabwehrende Narrative zum Nationalsozialismus in den Geschichtsbildern Jugendlicher die historisch-politische Bildungsarbeit in Deutschland bis heute vor Herausforderungen stellen. Sie schlug ein methodisches Vorgehen vor, nämlich in einem diachronen Vergleich von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart Diskursformationen in den Wettbewerbsbeiträgen zu untersuchen, die eine Schnittstelle zwischen dem privateren Familiendiskurs und dem öffentlicheren schulischen Diskurs bilden. Dadurch erhofft sie sich Hinweise darauf, ob eine kritisch-reflektierende Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus durch familienbiographisch oder lokalhistorisch angelegte Projektarbeit gefördert wird und welchen Einfluss Familien- und Lokalgeschichten sowie die Auseinandersetzung mit Täterschaft, Opferschicksalen und Widerstand auf Identifikation und Schuldverarbeitung der Jugendlichen haben.

Im letzten Vortrag gab JOHANNES SCHMITZ (Jena) einen Einblick in seine Studie. Er untersucht, wie SchülerInnen sich seit der Wiedervereinigung mit der DDR-Geschichte befasst haben. Mittels qualitativer Inhaltsanalyse analysiert er Beiträge, die seit der Wiedervereinigung 1990 zu wechselnden Themenausschreibungen beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten eingereicht wurden. Im besonderen Fokus stehen dabei die historischen Urteilsbildungsprozesse der Heranwachsenden. Das Projekt ist Teil des vom BMBF geförderten interdisziplinären Forschungsverbundes „Diktaturerfahrung und Transformation“ (Teilbereich Repräsentation und Urteilsbildung), in dem die Erfahrungsgeschichte der späten DDR und der Transformationszeit akzentuiert wird.

In der abschließenden Diskussion rückten die Schnittmengen in den Blick, die die Projekte trotz unterschiedlicher inhaltlicher und methodischer Ausrichtung haben. Dazu gehören vor allem spezifische Herausforderungen der Beiträge der SchülerInnen als Forschungsmaterial. Im Austausch wurden Umgangsweisen evaluiert, jedoch auch die Grenzen der Aussagekraft des Materials offengelegt. Die Promovierenden fanden die Zusammenführung der Forschungsprojekte und die Diskussion über Herausforderungen und Handlungsfelder aufschlussreich und produktiv – sie begrüßten darum die Idee eines weiteren, vertiefenden Austauschs in Form einer Forschungswerkstatt.

Konferenzübersicht:

Lukas Greven (Aachen) / Wanda Schürenberg (Bielefeld): Begrüßung und Einführung

Lukas Greven (Aachen): Forschend-historisches Lernen im retrospektiven Längsschnitt. Eine empirische Untersuchung am Beispiel des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten

Johanna Glandorf (Münster): Individuelle Begleitung und Förderung von historischen Lern- und Sinnbildungsprozessen. Eine empirische Studie zum Handeln von Lehrkräften am Beispiel des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten

Moritz Heitmann (Münster): Historische Orientierung in der „Vereinigungsgesellschaft“ am Beispiel des Geschichtswettbewerbs

Wanda Schürenberg (Bielefeld): Den NS als „eigene“ Geschichte erzählen? Sinnbildungsstrukturen und Schuldverarbeitung in Beiträgen des Geschichtswettbewerbs

Johannes Schmitz (Jena): Historische Urteilsbildung von SchülerInnen: Die DDR als Gegenstand von Aufsätzen aus dem „Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten“

Abschlussdiskussion und Ausblick

Anmerkungen:
[1] Vgl. Thomas Lange / Thomas Lux, Historisches Lernen im Archiv, Schwalbach/Ts. 2004 (Wochenschau Geschichte), S. 54.
[2] Für eine Übersicht der bisherigen Ausschreibungsthemen siehe https://www.koerber-stiftung.de/geschichtswettbewerb/portraet [10.12.2020].
[3] Vgl. Gerhard Schneider, Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten, in: Klaus Bergmann u.a. (Hrsg.), Handbuch der Geschichtsdidaktik, Düsseldorf 1979, S. 591–596; Bodo von Borries, „Forschendes Lernen“ und „oral history“ am Beispiel des „Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten“, in: Gerold Niemetz (Hrsg.), Aktuelle Probleme der Geschichtsdidaktik, Stuttgart 1990, S. 111–136; Bodo von Borries, Historische Projektarbeit: „Größenwahn“ oder „Königsweg“? in: Lothar Dittmer / Detlef Siegfried (Hrsg.), Spurensucher. Ein Praxisbuch für historische Projektarbeit, Weinheim 1997 (Beltz-Praxis), S. 243–252; Detlef Siegfried, Der Reiz des Unmittelbaren. Oral-History-Erfahrungen im Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte, in: BIOS. Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History 8 (1995), H. 1, S. 107–128.
[4] Vgl. Christopher Wosnitza / Johannes Meyer-Hamme, Student essays expressing historical thinking: A quantitative and dually qualitative analysis of 1,100 papers for the History Contest of the German President, In: History Education Research Journal 16 (2019), H. 1, S. 88–102.
[5] Vgl. Saskia Handro, Kinder und Jugendliche machen Geschichte! Geschichtswettbewerb als partizipative Ressource, in: Katrin Minner (Hrsg.), Themenschwerpunkt: Public History in der Regional- und Landesgeschichte, Münster 2019 (Westfälische Forschungen, Bd. 69), S. 295–327.
[6] Vgl. Werner Früh, Inhaltsanalyse. Theorie und Praxis, 9. überarb. Auflage, Konstanz 2017.
[7] Vgl. Thomas Großbölting / Christoph Lorke (Hrsg.), Deutschland seit 1990. Wege in die Vereinigungsgesellschaft, Stuttgart 2017 (Nassauer Gespräche der Freiherr-vom-Stein-Gesellschaft, Band 10).

Zitation
Tagungsbericht: Historisches Lernen und Denken im Wettbewerb erforschen: DoktorandInnenworkshop zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, 14.10.2020 – 14.10.2020 digital, in: H-Soz-Kult, 06.02.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8872>.