Innere Einheit – Ein (un)erreichbares Ziel?

Ort
digital
Veranstalter
Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung; Universität Erfurt; Friedrich-Schiller-Universität Jena; Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora; Stiftung-Ettersberg; Forschungsverbund „Diktaturerfahrung und Transformation: Biographische Verarbeitungen und gesellschaftliche Repräsentationen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren“; Stadt Erfurt
Datum
21.10.2020 - 21.10.2020
Von
Jenny Price, Jena Center Geschichte des 20. Jahrhundert, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Wer schon einmal mit dem ICE durch Erfurt gefahren ist, kennt die Losung auf dem Dach des ehemaligen Interhotels gegenüber der Bahnhofshalle: WILLY BRANDT ANS FENSTER. Dass sich die Stadt Erfurt nach der Wiedervereinigung bewusst für ein zentrales Denkmal entschieden hat, das nicht an den Einheitsprozess ab 1989 erinnert, sondern einen Tag DDR-Geschichte thematisiert und zugleich mit dem Westen verknüpft, ist vielsagend. Die Frage nach den unterschiedlichen Erfahrungsgemeinschaften in Deutschland bleibt selbst nach 30 Jahren aktuell und sollte auch diese Tagung bestimmen. Zu einer großen Menschenversammlung in Erfurt, wie an dem historischen Tag 1970, als die ErfurterInnen lautstark auf den Bahnhofsplatz strömten, um den Bundeskanzler zu begrüßen, sollte es in diesem Jahr trotz aller Bemühungen allerdings nicht kommen. Somit wurde die Fachkonferenz der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, die ursprünglich im Erfurter Rathaus hätte stattfinden sollen, kurzfristig und mit großer Professionalität digitalisiert. Die TeilnehmerInnen konnten dem wissenschaftlichen Austausch dafür auf dem YouTube-Kanal der Stiftung – wo der Livestream inzwischen nachzuhören ist – folgen und Kommentare einbringen.[1]

Besonders solle zum diesjährigen Jubiläum auf die gemeinsamen und unterschiedlichen Erfahrungen, Erinnerungen und Narrative der deutschen Geschichte und Gegenwart geachtet werden, erklärte seitens der Veranstalter WOLFGANG SCHMIDT (Berlin) zu Beginn. Diese historischen Diskurse laufen nun schon seit mehr als zehn Jahren auseinander, und mehrfache Hinweise auf strukturelle Benachteiligung fanden in der breiten Öffentlichkeit bis vor kurzem kaum Gehör. Dabei ist dies doch eine gemeinsame Erfahrung, die – wie Schmidt andeutete – sowohl Gemeinden im Osten wie im Westen Deutschlands und Deutsche mit und ohne Migrationserfahrung betrifft. Neueste Studien des Markt- und Meinungsforschungsinstituts YouGov und der Bertelsmann-Stiftung hätten nun bestätigt, dass Ungleichheiten – zum Beispiel in Beschäftigung, Einkommen und Vermögen – eindeutig strukturell sind. Auf dieser Grundlage begann die Konferenz also mit der Frage, wie sich genannte Unterschiede und Gemeinsamkeiten methodisch am besten untersuchen ließen. Die von Schmidt vorgeschlagene regionale Betrachtungsweise könnte übergeordnete Themenkomplexe wie gesellschaftliche Deklassierung und die sozialen Auswirkungen von Transformationsprozessen beleuchten. Doch welche Rolle spielen dann die Erfahrungen von einzelnen Menschen oder mikrohistorische Sonderheiten?

Mit dieser Spannung zwischen der Beachtung einzelner Narrative und der Dringlichkeit, sie in größere Erzählungen einzubetten, beschäftigten sich PATRICE POUTRUS (Erfurt) und FRANKA MAUBACH (Jena) und thematisierten zugleich einen weiteren methodischen Streitpunkt: die Einbeziehung von Zeitzeugenberichten in die historische Arbeit. Während sich Maubach im Rahmen des gemeinsamen Forschungsverbunds „Diktaturerfahrung und Transformation“ ausschließlich auf ältere Oral-History-Sammlungen bezog, weil diese ein genaueres Bild der damaligen Stimmungslage wiedergäben, berichtete Poutrus, dass BürgerInnen es heutzutage als „Befreiung“ empfänden, gehört zu werden; ein Aufruf an ZeitzeugInnen in Thüringen sei auf ein so enormes Interesse gestoßen, dass sogar ein Telefondienst eingerichtet werden musste. In den Erzählungen der Menschen machte der Historiker eine Art „Graben zwischen den Erzählungen vor 1989 und nach 1990“ aus. Obwohl die Erfahrungen vor 1989 gegensätzlich, divers und dennoch konfliktfrei beschrieben würden, blieben die Erzählungen zu 1989/90 knapp und phrasenhaft, und die Zeit danach werde kaum behandelt. Ein Widerspruch betreffe die Unterscheidung zwischen persönlicher und kollektiver Erfahrung: Trotz positiver Alltagserfahrungen mit Bekannten aus Hessen oder Bayern nach 1990 werde dennoch negativ über „die Westdeutschen“ im Allgemeinen berichtet. MigrantInnen kämen in diesen Erzählungen so gut wie überhaupt nicht vor, so Poutrus zum Schluss. Wieso gibt es also einerseits einen großen individuellen Redebedarf und andererseits ein kollektives Schweigen?

Franka Maubach deutete den Erzählgraben von 1989 als Hinweis auf einen großen emotionalen Umbruch, geprägt von „hochgespannten Erwartungen, tiefen Enttäuschungen und neuerlichen Hoffnungen“. Dieser dramatische Wechsel sei allerdings schon vor 1990 ein wiederkehrendes Grundmuster im Leben der Menschen in der DDR gewesen. In der weit verbreiteten Darstellung der „Ostdeutschen“ als zurückgezogene BürgerInnen in einer Nischengesellschaft erkannte Maubach daher eine Gefahr; demnach werden der aktive Umgang mit mehrfachen Krisensituationen und die vielfältigen und regelmäßigen Streiks und Proteste – vor und nach 1990 – missachtet. Um auch das breite Fundament für rechtes Gedankengut in der Gesellschaft zu verstehen, seien, so Maubach, neben Streiks in Betrieben auch rassistische Ausschreitungen in eine umfassende Protestgeschichte einzuordnen.

Obwohl die deutsche Einheit in Ostdeutschland stark mit Demütigungserfahrungen und Existenzängsten verbunden werde, betonte ANNA KAMINSKY (Berlin), dass sie und die anschließende Transformation nicht nur ein emotionales Problem, sondern ein allgemeines Darstellungsproblem seien. Die anhaltende Unzufriedenheit im Osten stamme nämlich nicht, oder nicht hauptsächlich, von der beschriebenen Enttäuschung, denn nach aktuellen Umfragen sei die Mehrheit der ehemals Ostdeutschen mit ihrer persönlichen Lebenslage heute zufrieden. Vielmehr benannte Kaminsky die überwiegend negative und stereotype Berichterstattung über den Osten in den westlichen Medien als Grund für Wut und Skepsis. Diese habe wiederum zu einer wachsenden Ablehnung des „westdeutschen“ Systems geführt. Die gegenseitigen Wahrnehmungen in Ost und West seien laut Analysen nicht von eigentlich positiven Entwicklungen, sondern von bedenklichen Minderheitserscheinungen geprägt worden. Diesem Argument zufolge ließe sich der von Poutrus beschriebene Redebedarf unter ZeitzeugInnen im Osten Deutschlands also auch auf ein Repräsentationsproblem in der deutschen Öffentlichkeit zurückführen.

Als Beispiel für gegensätzliche Sichtweisen in der Öffentlichkeit skizzierte MARCUS BÖICK (Bochum) daraufhin die unterschiedlichen Einstellungen zur umstrittenen Treuhandanstalt über drei Jahrzehnte, von Euphorie zu Ernüchterung, Enttäuschung und Erbitterung. Die Treuhand sei zwar nicht für die Rahmenbedingungen verantwortlich gewesen, hätte aber das entscheidende Tempo der Privatisierung massiv vorgegeben, welches den Übergang in die freie Marktwirtschaft zu einer Art Schocktherapie machte. Mit der Corona-Pandemie im Jahr 2020 stünde Deutschland auf einmal vor einem neuen Ausnahmezustand. Diesmal sei allerdings bewusst mit Überbrückungshilfen und Entschleunigung reagiert worden, um die bekannten langfristigen gesellschaftlichen Folgen eines Stilllegungsschocks abzumildern. Auch wenn die „40 Regal-Kilometer“ von Treuhand-Akten erst jetzt historisch und empirisch untersucht würden und die gegensätzlichen Bewertungen nicht auf eine endgültige Formel von Erfolg oder Scheitern zu bringen seien, bleibe das komplexe Geschehen also hochaktuell und präge auch heutige politische Entscheidungen.

Die von Kaminsky und Böick angesprochenen Verbindungen zwischen historischen Entwicklungen im Einheitsprozess und politischen Einstellungen in Deutschland sprachen auch die beiden Vorträge in der letzten Sektion an. GERT PICKEL (Leipzig) unterschied die verschiedenen Hintergründe der Unzufriedenheit im Osten. Diese richte sich laut Studien nicht gegen die Demokratie als System, sondern gegen ihre Umsetzung in den gegenwärtigen demokratischen Strukturen und politischen Institutionen. Gefühle kollektiver Zurücksetzung prägten auch die Haltung zur Demokratie im Osten und trügen zur Entwicklung einer „Ostidentität“ bei, die sich stark von den Westdeutschen und anderen Identitätsgruppen, vor allem kulturell differenten MigrantInnen, abgrenze und die Distanz zu ihnen verfestige. Die Unterschiede der politisch-kulturellen Einstellungen zwischen West- und Ostdeutschland würden nur langsam schmelzen. Eine Angleichung werde mindestens noch eine Generation brauchen, aber nur, wenn politische Bemühungen unternommen würden, die Symbole der kollektiven Differenz zu beheben, prognostizierte Pickel.

Diese abgrenzenden Identitäten diskutierte die Ethnologin IRENE GÖTZ (München) unter dem Begriff „Volk“. Wie in den bekannten Losungen des Herbstes 1989 erkennbar, würden sich zwei verschiedene Konzepte dahinter verbergen: demos, die mündigen StaatsbürgerInnen („Wir sind das Volk“), und ethnos, eine Abstammungsgemeinschaft mit einer gemeinsamen Kultur („Wir sind ein Volk“). Diese beiden Konzepte kämen vor allem zum Feiertag am 3. Oktober – dem Tag der Einheit, der inzwischen in manchen Kommunen als „Tag der Vielfalt“ gefeiert wird – zum Vorschein. Man müsse daher weniger von Ost- oder Westdeutschen sprechen und mehr auf diese verschiedenen Identitätskonzepte eingehen, die zugleich politisch seien. Inszenierungen der „Neuen Deutschen“ und diskriminierende Fragen im Alltag deuteten, so führte Götz aus, allerdings darauf hin, dass sich das demos-Konzept in der breiten deutschen Gesellschaft noch nicht durchgesetzt habe. Demnach würde sich das von Kaminsky angesprochene Thema der verzerrten Darstellung von „ostdeutschen“ BürgerInnen auch auf wichtige Forschungsfragen auswirken.

In seinem Kommentar griff JÖRG GANZENMÜLLER (Jena) die Gedanken von Götz auf und sprach sich für ein differenzierteres Bild der verschiedenen Kulturen und Biografien innerhalb Deutschlands aus. Den Begriff der inneren Einheit, dem eine Erwartung der Homogenisierung innewohne, stellte er in Frage und riet, dass Vielfalt an sich keine Bedrohung darstelle, solange alle Identitätsformen dem Grundgesetz treu blieben. „Ostdeutsche“ Erfahrungen seien daher als eine Komponente der regionalen Vielfalt zu verstehen, die nicht unbedingt mit der Zeit verschwinden wird oder sollte und daher auch weitere Untersuchungen rechtfertige. In diesem Sinne würden biografische Interviews, indem sie individuelle und unterschiedliche Narrative aufzeigen, seines Erachtens auch nachträglich dazu dienen, Dichotomien aufzubrechen. Allerdings müsse die Perspektive der Zeitzeugen überwunden werden, um die Transformation nicht nur als Erfolg, Enttäuschung oder Scheitern einzuordnen, sondern tatsächlich zu historisieren. Auch Entwicklungen im Westen, wie zum Beispiel die Schließung von Betrieben durch die Europäische Union, sollten in eine größere Transformationsforschung einbezogen werden, und der Krisenbegriff müsse dabei stärker hinterfragt werden. Den Ursprung des Kommunikationsproblems zwischen Ost- und Westdeutschland erkannte Ganzenmüller in den verschiedenen Vorstellungen von Begriffen wie „Demokratie“.

Der Kommentar lieferte somit neue Impulse für die Abschlussdiskussion, in der insgesamt für eine stärkere Anerkennung des Ostens plädiert wurde. Das Ausmaß der Hürden, die „ostdeutsche“ BürgerInnen in ihrem Alltag bewältigen mussten, solle dabei stärker in den Fokus gerückt werden. Der Begriff „ostdeutsch“, der während der Tagung schon mehrfach diskutiert wurde, diene vor allem „Ostdeutschen“ dazu, Probleme an die Öffentlichkeit zu tragen, die sonst nicht zur Geltung kämen, und unterstreiche somit nochmals das Problem der ungleichen Repräsentation. Doch die Probleme, die mit Blick auf Ostdeutschland untersucht werden, seien auch gesamtdeutsche Erscheinungen. Rassismus zum Beispiel betreffe weder mehrheitlich die „Ostdeutschen“ noch die „Westdeutschen“ und sei dennoch ein großes Problem für die Demokratie. Man müsse daher stärker die Perspektive von Minderheiten in den Blick nehmen, ohne die Erfahrungen von „Ostdeutschen“ und MigrantInnen gleichzusetzen, da solche Analogien das Phänomen der rassistischen Diskriminierung ignorieren.

Die Erwartung an BürgerInnen im Osten Deutschlands, die Geschichte und Gesellschaft der Bundesrepublik tiefgründig zu kennen, wurde dem fehlenden Wissen über die DDR in anderen Teilen der Bundesrepublik gegenübergestellt; eine Ungleichheit, die allerdings auch die Migrationsgeschichte betrifft. Die Vermittlung von historischen Kenntnissen stelle demnach ein zweites gesamtdeutsches Problem dar, wobei es vor allem im Westen starken Nachholbedarf gebe. Für die weitere Transformationsforschung solle über nationale Grenzen hinaus gedacht und stärker eine wirtschaftliche Perspektive eingenommen werden. Auch die Generationenfrage müsse stärker reflektiert werden; die Themen Kapitalismus, Ökologie und Umwelt interessierten junge Studierende besonders und böten daher neue Forschungsperspektiven. Um eine gesamtdeutsche Geschichte zu schreiben, müsse also differenzierter analysiert werden, ohne zu simplifizieren, zu pauschalisieren oder alte Narrative zu reproduzieren.

Immer wieder kam die Diskussion zur „inneren Einheit“ kritisch auf den Homogenisierungsdiskurs zurück und schaffte es somit, den alten Ost-West-Diskurs ein wenig aufzubrechen. Denn wie es Poutrus mit Bezug auf die „Ostdeutschen“ erklärte, entstehen untergeordnete Identitäten auch aus der Ausgrenzung heraus. Die Diskussion zeigte, dass verschiedene Erfahrungsnarrative zwar in eine größere Geschichte eingebettet werden müssen, den Menschen aber nicht durch pauschalisierende Vergleiche abgesprochen werden dürfen. Dennoch führt die Konzentration auf Ostdeutschland und auf die Einheit manchmal am Thema der Ausgrenzung in Deutschland vorbei, statt diesen Aspekt stärker zu behandeln. Götz befasste sich im letzten Vortrag ausführlich damit und wies auf die Dringlichkeit hin, das Nationale in der Einheitsdebatte zu thematisieren. Solange nämlich nur von „Ostdeutschen“, „Westdeutschen“ oder „Deutschen mit Migrationshintergrund“ gesprochen werde, ohne zu historisieren, was „deutsch“ bedeutet und wie ethnisch dieser Begriff weiterhin in der Gesellschaft verstanden wird, wird der dialektische Kampf um strukturelle Anerkennung und Zugehörigkeit weitergehen. In einem Land, das zwar die eigene Geschichte vorbildlich aufarbeitet, aber dennoch vor der nationalen Diskussion zurückschreckt, bleibt nämlich genau dieser Begriff weitgehend unbesprochen – auch zum Tag der („deutschen“) Einheit.

Konferenzübersicht:

Wolfgang Schmidt (Berlin): Einführung

Patrice Poutrus (Erfurt): Diktaturerfahrung und Transformation. Perspektiven auf die Lebenswelten und Biografien in der DDR

Franka Maubach (Jena): Der große Umbruch. Gesellschaftskrise und Krisenerfahrung 1970-2010

Anna Kaminsky (Berlin): Friedliche Revolution und Wiedervereinigung 1989/90. Die zeitgenössischen Einstellungen und Erwartungen in Ost und West zur deutschen Einheit

Marcus Böick (Bochum): Anstalt für Ausverkauf und Abwicklung? Zur Rolle der Treuhand und ihrer (Erinnerungs-)Geschichte

Gert Pickel (Leipzig): Getrennte Pfade, partielle Annäherung oder übergreifende Homogenität? Die politische Kultur im wiedervereinigten Deutschland 1990-2020

Irene Götz (München): Wer oder was wollen „die Deutschen“ heute und morgen sein? Über deutsche, europäische und andere Identitäten

Jörg Ganzenmüller (Jena): Kommentar und Anstoß für die Diskussion

Abschlussdiskussion

Anmerkung:
[1]https://www.youtube.com/watch?v=psGFMbIKqps

Zitation
Tagungsbericht: Innere Einheit – Ein (un)erreichbares Ziel?, 21.10.2020 – 21.10.2020 digital, in: H-Soz-Kult, 11.02.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8877>.