Einheit und Vielheit – Europa pluralisieren?

Einheit und Vielheit – Europa pluralisieren?

Organisatoren
Irene Dingel / Johannes Paulmann, Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz
Ort
Mainz und digital
Land
Deutschland
Vom - Bis
02.11.2020 - 03.11.2020
Url der Konferenzwebsite
Von
Joachim Berger, Leibniz-Institut für Europäische Geschichte, Mainz

Mit der vierteiligen Konferenzreihe „Ein Europa der Differenzen – Pluralisierung, Provinzialisierung und Säkularisierung Europas in der Neuzeit“ (November 2020 bis April 2022) will das Mainzer Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) eine Bilanz seines seit 2012 laufenden Forschungsprogramms „Umgang mit Differenz im Europa der Neuzeit“ ziehen und neue Forschungsperspektiven aufzeigen.1 Mit dem Problem „Einheit und Vielheit“, so die Veranstaltenden Irene Dingel und Johannes Paulmann, widmete sich die erste Konferenz einer Kernfrage des europäischen Umgangs mit Differenz. Wie Paulmann einleitend ausführte, verwies der Untertitel der Konferenz („Europa pluralisieren?“) zum einen auf den historischen Gegenstand. Zum anderen sollte die Konferenz gegenwärtige Forschungsperspektiven auf Einheit und Vielfalt hinterfragen, indem die Beitragenden in programmatischer Multiperspektivität die Mehrstimmigkeit historischer Erfahrungen sichtbar machen. Anstatt deklamatorisch bestimmte Charakteristika Europas wie Toleranz, Diversität oder Pluralismus festschreiben zu wollen, solle die Konferenz, wie das IEG-Forschungsprogramm insgesamt, untersuchen, wie Andersartigkeit und Ungleichheit in der europäischen Geschichte der Neuzeit reguliert und begrenzt, aber auch hergestellt und bewahrt wurden. Dabei gelte es zu fragen, wie sich die Wert- bzw. Geringschätzung kultureller, sozialer und religiöser Vielfalt historisch wandelte und welche Ordnungs- und Einheitsvorstellungen den Pluralisierungsprozessen in europäischen Gesellschaften entgegengesetzt wurden.

Die Konferenz suchte dieses Programm in einer Mischung aus systematischen Impulsen, Forschungsüberblicken und empirischen Fallstudien einzulösen. Das methodische Instrumentarium für die historische Erforschung des Umgangs mit Differenz lotete eine von Paulmann moderierte interdisziplinäre Diskussion aus, die durch Impulse von WILLIBALD STEINMETZ (Bielefeld) zur historischen Praxis des Vergleichens2, STEFAN HIRSCHAUER (Mainz) zum Theorieprojekt der „Humandifferenzierung“3 und DOROTHEE KIMMICH (Tübingen) zur kulturwissenschaftlichen Herausforderung des Befunds der „Ähnlichkeit“4 eingeleitet wurde. Steinmetz sah durchaus Schnittmengen zwischen diesen Ansätzen, die, indem sie soziale Praktiken untersuchen, danach fragen, wie Kategorisierungen zustande kommen, wie sie hierarchisiert werden und in welchen größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen sie stehen. Begriffsgeschichtlich beinhalte die Geschichte des Vergleiche(n)s auch die des Gegenüberstellens (comparatio/collatio). Als ähnlich, ergänzte Hirschauer, erscheinen solche Dinge, die man nicht scharf vergleiche; Klassifikationen beruhten hingegen auf expliziten, systematisch angestellten Vergleichen. TILL VAN RAHDEN (Montréal) wies am Beispiel des rassischen Antisemitismus, der vom Feindbild des assimilierten Juden lebte, darauf hin, dass „Verähnlichung“ keineswegs nur ein friedlicher Modus des Umgangs mit Differenz sei. Hirschauer plädierte hingegen generell dafür, statt normativer Zustandsbegriffe symmetrische Prozessbegriffe für die Analyse heranzuziehen. EVELINE BOUWERS (Mainz) lenkte den Blick auf die Hierarchisierungen und Marginalisierungen, die Praktiken des Vergleichens und des Differenzierens zur Folge haben können. Kimmich verwies hier auf die für kritische Vergleichspraxis zentrale Bezugsoperation „in Hinsicht auf“, mit der sich das Verhältnis zwischen Pluralisierung und Marginalisierungen aufschlüsseln lasse.

Die Vorträge in der ersten Sektion, Mobilität und Pluralisierung, fragten danach, wie sich raumbezogene Mobilität auf politische, soziale, kulturelle und religiöse Zugehörigkeiten auswirkte, welche Strategien und Mechanismen der Vereindeutigung, Ambiguität und Dissimulation dabei griffen und wie sich verschiedene Differenzkategorien zueinander verhielten. Einleitend umriss SARAH PANTER (Mainz) im Anschluss an die jüngeren Mobility Studies drei Forschungsperspektiven: (1.) auf Mobilität im Spannungsverhältnis lokaler Verwurzelung und globaler Verflechtung, (2.) auf das dynamische Wechselspiel zwischen der Bewegung im Raum, der Pluralisierung von Zugehörigkeiten und dem Handlungspotenzial (scheinbar) „marginaler“ mobiler Akteure, sowie (3.) auf Europa als pluralen, durch komplexe Mobilitätsströme und -geflechte konstituierten Raum mit fluiden Grenzen, Zentren und Peripherien. Marginalität sei, so Panter, nicht per se negativ zu konnotieren: Mobile Akteure konnten ihre eigene marginale Position bewusst einsetzen, um ihren Status zu verbessern.

THOMAS WELLER (Mainz) leitete die historisch-empirischen Vorträge der Sektion ein. Er relativierte die von der Mobilitätsforschung gängige Zäsur um 1800 gegenüber jener, die um 1500 mit der europäischen Entdeckung des amerikanischen Doppelkontinents zu setzen sei. Weller zeigte, wie Kauf- und Seeleute aus dem Heiligen Römischen Reich im iberischen Atlantik flexibel auf die Anforderungen obrigkeitlicher Regime reagierten, indem sie deren Bemühungen, Zugehörigkeit zu vereindeutigen, durch Praktiken der Dissimulation unterliefen. Nicht nur die Außengrenzen des iberischen Imperiums, sondern auch die Grenzen zwischen den (mobilen) Akteuren wurden so in der Praxis stets aufs Neue ausgehandelt. Während frühneuzeitliche Gesellschaften uneindeutige nationale Zugehörigkeiten aushalten konnten, war religiös-konfessionelle Mehrdeutigkeit – auch aufgrund des Wirkens von Institutionen wie der Inquisition – zunehmend schwieriger aufrechtzuhalten.

Dass sich Differenzkategorien vor Ort häufig vermischten, erwies auch REINGARD ESSERs (Groningen) Forschungsüberblick zur frühneuzeitlichen Konfessionsmigration, den sie auf die Niederlande konzentrierte. Demnach zeigte sich „Liminalität“ in sozialer wie geographischer Hinsicht: In Grenzregionen avancierte das „Auslaufen“ (sonntägliche Wanderungen in andere Territorien, um an den dort zugelassenen Gottesdiensten der eigenen Konfession teilzunehmen) zu einer Technik, um religiöse Diversität im Alltag zu dissimulieren und an Festtagen zur Schau zu stellen.

MARIAN FÜSSEL (Göttingen) führte vor Augen, wie die Mobilität der Heere im Siebenjährigen Krieg verschiedene, teils überlappende und in den zeitgenössischen Quellen artikulierte Differenzkategorien (Konfession, Ethnizität und Nation) sichtbar machte und durch die Medialisierung dieses globalen Konflikts dauerhaft bereitstellte. Der Krieg führe Verflechtung und Entflechtung als gleichzeitige und reziproke Prozesse vor: Während sich das unterlegene Frankreich infolge des Krieges zunehmend provinzialisierte, wurde die britische Gesellschaft diverser; die Briten dominierten den Handel, obwohl ihre Sprache im Gegensatz zum Französischen noch wenig verbreitet war.

Die von Paulmann aufgeworfene Frage, ob Rollen- und Zugehörigkeitswechsel mobiler Akteure nach dem 18. Jahrhundert bzw. in der Spätmoderne leichter wurden, griff ANNE FRIEDRICHS (Mainz) indirekt auf. Sie zeigte am Beispiel des Ballungsraumes Ruhrgebiet, wie „Menschen im Transit“ mehrere Lebensdimensionen überblenden konnten; um dies zu erkennen, müsse man sich von einer behördlichen Sicht auf Migrierende lösen. Nach 1945 nahm Mobilität quantitativ noch einmal deutlich zu, als, worauf Gregor Feindt hinwies, im östlichen Europa Homogenitätsvorstellungen umgesetzt wurden. Dadurch veränderten sich, so Friedrichs, Differenzwahrnehmungen auch qualitativ, und mit der Kategorie des Flüchtlings wurde ein neuer Rechtsstatus jenseits von Nationalstaatlichkeit erfunden.

Die Vorträge der zweiten Sektion, Ordnungsmodelle und Pluralisierung, sollten historische Verfahren im Umgang mit religiöser Vielfalt in den Blick nehmen und danach fragen, unter welchen Umständen sich Duldung, Akzeptanz oder Wertschätzung von Vielfalt entwickelten bzw. abgelehnt wurden und wie bestimmte Akteure ihre freiwillige oder erzwungene Marginalisierung einsetzten, um eigenständige Positionen zu artikulieren und zu behaupten. Als Auftakt zeichnete CHRISTIAN WITT (Mainz) die Bemühungen um Einhegung religiöser Pluralität innerhalb des lateinischen Christentums in Westeuropa seit dem Mittelalter nach. Seit den Reformationen des 16. Jahrhunderts mussten sich die entstehenden Konfessionskirchentümer in die faktische Pluralität fügen, ohne mit ihr affirmativ umzugehen – mit Christoph Kampmann sprach Witt von „Pluralität ohne Pluralismus“. Seit 1650 wurde Pluralität, auch mittels theologischer Denkfiguren, ansatzweise konstruktiv verarbeitet und wurden Wege vorgedacht, auf denen sich langfristig Pluralismus ermöglichen und akzeptieren ließ.

Daran anschließend arbeitete CHRISTOPHER VOIGT-GOY (Mainz) drei „Wurzelgründe“ der Religionsfriedensregelungen des 16. und 17. Jahrhunderts heraus: Sie gingen (1.) aus informellen Praktiken, (2.) aus vorkonfessionellen Rechts- und Friedensregelungen und (3.) aus anderen Religionsfrieden hervor, wie Voigt-Goy territorienübergreifend am Beispiel der französischen Religionsedikte zeigte, die ihren Ursprung in Abkommen zwischen Spanien und England hatten. Die frühneuzeitlichen Religionsfrieden erscheinen so als vielfältige Ordnungskomplexe mit vor- und nachreformatorischen Elementen, die nicht nur in den jeweiligen regional-territorialen Konfliktlagen, sondern in weiteren europäischen Kontexten zu verorten sind.5

TIJANA KRISTIĆ (Budapest) stellte für das Osmanische Reich einen Ansatz vor, der über das etablierte Narrativ eines „tolerant imperial system“ hinausweisen soll6: Angesichts der um 1500 einsetzenden Bemühungen, eine sunnitische Orthodoxie zu definieren, sollen die Spielräume bei der Religionsausübung auch darüber erschlossen werden, inwieweit verschiedene innermuslimische Strömungen zugelassen oder unterdrückt wurden. Im Osmanischen Reich etablierte sich die sunnitische als einzig legitime Form des Islams. Innerhalb der von Orthodoxie und Orthopraxie gezogenen Grenzen bestanden Spielräume für Zweideutigkeit, Dissimulation und Formen des „don't ask, don't tell“. Diese Grenzen wurden nicht überschritten, solange man die Gesetze der Scharia öffentlich und äußerlich befolgte sowie die Herrschaft des Sultans und die Autorität der Ulema akzeptierte. Wer öffentlich religiöses Unwissen bekannte, wurde jedoch als ungläubig eingestuft.

DEAN PHILIP BELL (Chicago) kontrastierte drei innerjüdische Konfliktfälle aus dem mitteleuropäischen Raum des 16./17. Jahrhunderts mit solchen des 18., um die Annahme zu widerlegen, die Frühe Neuzeit sei eine Periode der Marginalisierung jüdischer Lebensformen gewesen, die durch eine zunehmende Integration abgelöst worden sei. Vielmehr wiesen die frühneuzeitlichen Gemeinschaften mit ihren hybriden Zugehörigkeiten viele Merkmale auf, die man mit der Moderne (die Bell zeit-räumlich nicht näher situierte) assoziiere.

Abschließend nahm URSZULA PĘKALA (Mainz) die Kontroversen zwischen westdeutschen und polnischen Bischöfe nach 1945 über die Anwendung des Konzepts der Versöhnung in den Blick. Versöhnung als Ordnungsmodell zur intergesellschaftlichen Konfliktbewältigung changierte dabei zwischen religiösen und politischen Inanspruchnahmen. Der Erfolg dieses stets zu erneuernden Prozessen hing laut Pękala davon ab, ob die Akteure dazu bereit seien, fortbestehende Spannungen und konfligierende Positionen – hier: zur Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze – zu akzeptieren.

Inhaltlich schloss sich der Impuls von FRIEDERIKE NÜSSEL (Heidelberg) für die Schlussdiskussion an. Sie zeigte die unterschiedlichen Einheitsvorstellungen und Ordnungsideen auf, welche die ökumenischen Gespräche der letzten Jahrzehnte auf europäischer Ebene bestimmten. Die Beteiligten erkennen die fortschreitende Pluralisierung christlicher Gemeinschaften an und verstehen sie zumindest teilweise als Ergebnis der Religionsgeschichte Europas. Über den Umgang mit dieser Pluralisierung und die Aufgabe der Ökumene gehen die Auffassungen jedoch auseinander. Gegenläufig zu den ökumenischen Prozessen ringen die einzelnen Kirchen und Konfessionsgemeinschaften um ihr Selbstverständnis, wobei sie allerdings nicht mehr kontroverstheologische, sondern familienethische und bioethische Fragen debattieren.

Die von Irene Dingel moderierte Schlussrunde wurde von resümierenden Impulsen eingeleitet: Neben Nüssels Beitrag wog BARBARA STOLLBERG-RILINGER (Berlin/Münster) Chancen und Risiken des Konzepts der Ambiguitätstoleranz ab, und Till van Rahden reflektierte das Spannungsfeld wissenschaftlicher und politischer Interessen bei der Rede über Diversität und Pluralisierung. Die Diskussion konzentrierte sich im Wesentlichen auf drei Problemkreise:

(1.) Ambiguität und Vereindeutigung. Nach Stollberg-Rilinger taugt das von Thomas Bauer geprägte Konzept der Ambiguitätstoleranz7 bei allem, was es zur Historisierung informeller, nicht institutionalisierter Lebensformen leisten kann, nur bedingt dazu, grundlegende Unterschiede zwischen Kulturen (diachron oder synchron) zu erfassen. Wenn letztlich alles ambig sein könne (z.B. Kunstwerke, Gesinnungen oder Gefühle), bleibe der Befund kultureller Ambiguität unscharf. Die Rede von einer „Kultur der Ambiguität“ schleiche zudem einen normativen Affekt ein, der Ambiguitätstoleranz als gut, Eindeutigkeit als schlecht konnotiere – eine Modernisierungsskepsis, die Ressentiment an die Stelle von Analysefähigkeit setze. Stollberg-Rilinger selbst vermutete in der katholischen Kirche eine grundlegende „Ambiguitätsblindheit“, worauf Nüssel auf die wechselseitige Beziehung von Einheit und Ordnung im katholischen Denken seit der Scholastik hinwies: Die Schöpfung erweise sich darin als Schöpfung Gottes, dass sie geordnet sei bzw. sein müsse – insbesondere auch die Kirche. Der Einheitsgedanke werde von den Katholiken als schöpfungstheologisches Gebot gedacht, während im evangelischen Verständnis die Einheit in dem einen Wort Gottes, nicht in institutionellen Strukturen liege. Die Beteiligung der katholischen Kirche an ökumenischen Gesprächen könne demnach als faktische Ambiguitätstoleranz verstanden werden: Im ökumenischen Vorgespräch würden gewisse Spielräume geschaffen, deren Handlungsfolgen dann wieder vereindeutigt würden. Stollberg-Rilinger replizierte, dass Ambiguitätstoleranz – die Wertschätzung der Uneindeutigkeit von Zugehörigkeit – nicht dasselbe wie die Wertschätzung von Vielfalt sei. Eveline Bouwers warf ein, dass Pluralisierung nicht nur Ermöglichung, etwa durch Ambiguitätstoleranz, bedeuten könne, sondern auch aus Fremd- und Selbstdisziplinierung resultieren bzw. diese nach sich ziehen könne.

(2.) (Die Sprache der) Gleichheit und Homogenität. Van Rahden machte auf den Wandel in der Semantik von Vielfalt aufmerksam: Bis zum frühen 20. Jahrhundert war die aus Botanik und Zoologie stammende Bezeichnung „Diversität“ für gesellschaftliche Phänomene nicht geläufig; seitdem verdrängte eine abstrakte Sprache ältere Begriffe wie Mannigfaltigkeit oder Vielheit. Van Rahden plädierte dafür, die zeitgenössische Sprache in ihrer eigenen Logik zu verstehen und heute obsolete oder umgedeutete Begriffe als „störrische Reisebegleiter mitzunehmen, die die Forschung auf Fragen und Probleme stoßen könnten. Der Soziologe Hirschauer widersprach: Man müsse die Universalisierung theoretischer Ansätze und Begriffe als kontrafaktisches Korrektiv durchziehen. Auf van Rahdens These, die Semantik der universellen Gleichheit habe die geburtsständische „Grammatik“ universeller Unterschiede abgelöst und die Anstößigkeit von Vielfalt verschärft, erwiderte Steinmetz, dass dies nur gelte, wenn Gleichheit mit Homogenität gleichsetzt werde. Aus seiner Sicht habe das Aufkommen der Semantik universeller Gleichheit beides ermöglicht: als Verschiedene gleiche Rechte einzufordern oder Gleichheit so auszulegen, dass sie Homogenitätszwänge nach sich zog. Stollberg-Rilinger pflichtete bei: Das revolutionär Neue am Gleichheitspostulat war, dass es von substantieller/essentieller Gleichheit abstrahiert habe.

(3.) Europa pluralisieren und provinzialisieren? Nüssel referierte das in der Charta oecumenica von 2001 festgehaltene Ziel der beteiligten Kirchen und Konfessionsgemeinschaften, an der „sichtbaren Einheit“ festzuhalten, die vor allem im gemeinsamen Eintreten für „europäische“ Werte gesehen werde. Diese seien angetan, mit dem Problem von Pluralisierung und Marginalität umgehen zu können. Dahingegen verwies van Rahden auf die Polyphonie der Werte, die in sich jeweils widersprüchliche Vorstellungen enthielten und nicht ex cathedra festzusetzen seien. Diese Fragen ins Zentrum zu rücken sei Aufgabe der Provinzialisierung (der Geschichte) Europas. Die Debatte darüber greife im Übrigen zu kurz, wenn europäische Geschichte lediglich um eine Beziehungsgeschichte Europas mit dem Rest der Welt ergänzt wird. Vielmehr müsse man europäische Geschichte auch aus anderen Blickwinkeln der Erde schreiben.

Diese Herausforderung wird die zweite Veranstaltung der Konferenzserie unter dem Titel „Universalismen im Widerspruch – Europa provinzialisieren?“ (24.–26.03.2021) weiter diskutieren. Zentrale Beiträge aus der Konferenzserie sollen in überarbeiteter Form in den „Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz“ publiziert werden.

Konferenzübersicht:

Johannes Paulmann (IEG Mainz): Begrüßung und Einführung

Sektion 1: Mobilität und Pluralisierung

Sarah Panter (IEG Mainz): Zur Einführung: Mobilität – Marginalisierung – Pluralisierung. Forschungsperspektiven auf Mobilität und die Herstellung von Differenzen und Zugehörigkeit

Thomas Weller (IEG Mainz): Fließende Grenzen. Mobilität und Zugehörigkeiten im iberischen Atlantik

Raingard Esser (Groningen): Konfessionsmigration

Marian Füssel (Göttingen): Differenzwahrnehmung und -praktiken im Siebenjährigen Krieg. Mikrogeschichtliche Perspektiven auf einen globalen Konflikt

Anne Friedrichs (IEG Mainz): Differentiating mobilities, mobilizing differences. Für eine transeuropäische Geschichtsschreibung von Zugehörigkeit im 19. und 20. Jahrhundert

Regina Römhild (Berlin): Post-migrantische Gesellschaften im Europa der Gegenwart

Vergleichen, Differenzieren, Ähnlichkeiten analysieren – eine interdisziplinäre Diskussion

Willibald Steinmetz (Bielefeld): Vergleichen als historische Praxis

Stefan Hirschauer (JGU Mainz): Humandifferenzierung – ein Theorieprojekt

Dorothee Kimmich (Tübingen): Ähnlichkeit als kulturwissenschaftliche Herausforderung

Sektion 2: Ordnungsmodelle und Pluralisierung

Christian Witt (IEG Mainz): Christentumsgeschichtliche Überlegungen zu Pluralität, Konflikt und Pazifizierung

Christopher Voigt-Goy (IEG Mainz): „Religionsfrieden“: Konfessionelle Ordnungsentwürfe im europäischen Kontext

Tijana Krstić (Budapest): „Confessionalization” of Sunni Islam? Utility and Limits of the Concept in the Early Modern Ottoman Context

Dean Phillip Bell (Chicago): Jüdische Gemeinschaften in der europäischen Neuzeit. Zwischen Marginalität und Emanzipation

Urszula Pękala (IEG Mainz): Einheit in der Vielheit? Versöhnung zwischen theologischem Konzept und politischer Handlungspraxis

Europa pluralisieren? Resümierende Impulse

Barbara Stollberg-Rilinger (Berlin): Chancen und Risiken des Konzepts Ambiguitätstoleranz

Till van Rahden (Montréal): Diversität – Pluralisierung: wissenschaftliche und politische Interessen

Friederike Nüssel (Heidelberg): Ökumene im Kontext von Ordnungsstreben und Pluralisierung

Irene Dingel (IEG Mainz): Schlusswort

Anmerkungen:
1 Vgl. dazu https://www.ieg-mainz.de/forschungs-programm.
2 Vgl. zum Forschungskontext das Programm des von Steinmetz maßgeblich mitgestalteten Bielefelder SFBs 1288 „Praktiken des Vergleichens“: https://www.uni-bielefeld.de/sfb1288/profil.html.
3 Vgl. das Programm der von Hirschauer geleiteten DFG-Forschungsgruppe 1939 „Un/doing Differences. Praktiken der Humandifferenzierung“ an der Johnnes-Gutenberg-Universität Mainz: https://www.undoingdifferences.uni-mainz.de.
4 Vgl. Anil Bhatti / Dorothee Kimmich (Hrsg.), Ähnlichkeit. Ein kulturtheoretisches Paradigma, Konstanz 2015.
5 Diese Befunde gehen aus dem am IEG Mainz und der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt durchgeführten Projekt „Religiöse Friedenswahrung und Friedensstiftung in Europa“ (Folgeprojekt seit 2020 „Europäische Religionsfrieden Digital“) hervor; vgl. http://religionsfrieden.de/.
6 Kristić bezieht sich auf Ergebnisse aus dem von ihr an der Central European University geleiteten ERC-Projekt „Ottoconfession: The Fashioning of a Sunni Orthodoxy and the Entangled Histories of Confession-Building in the Ottoman Empire, 15th–17th Centuries“; vgl. https://cems.ceu.edu/ottoconfession.
7 Vgl. Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams, Berlin 2011.