Die Wurzeln antijüdischer Stereotype – The Roots of anti-Jewish Stereotypes

Ort
Frankfurt am Main und digital
Veranstalter
Lukas Bormann, Lehrstuhl Neues Testament 2, Philipps-Universität Marburg; Susanne Maurer, Professur für Sozialpädagogik, Philipps-Universität Marburg; Jan Süselbeck, Philipps-Universität Marburg / RWTH Aachen
Datum
12.02.2021 - 12.02.2021
Von
Eva-Maria Eva-Maria Kreitschmann, Fachgebiet Theologie, Philipps-Universität Marburg

Der Workshop, der in Kooperation mit der evangelischen Akademie Frankfurt durchgeführt wurde, nahm einen interdisziplinären Blick auf Wurzeln und Tradierung antisemitischer Stereotype ein, die in latenter oder manifester Form bis in die Gegenwart hinein wirkmächtig sind. In Fachvorträgen und Diskussionen wurde insbesondere nach der Rolle von Emotionen bei der Weitergabe antisemitischer Stereotype gefragt und das in literarischen Texten greifbare antisemitische Gefühlswissen kritisch reflektiert, das sich bis auf antike und frühchristliche Konstruktionen des „jüdischen“ Anderen zurückführen lässt, aber bis heute historisch flexibel als kulturelles Skript abrufbar bleibt.

Der Workshop wurde angesichts der aktuellen Corona-Lage als Hybrid-Veranstaltung durchgeführt. Anwesend waren sieben PräsenzteilnehmerInnen; etwa 122 angemeldete Online-TeilnehmerInnen, 60 bis 90 Nutzer von Youtube und weitere 28 Interessierte über Facebook (bei über 900 Aufrufen) verfolgten die Veranstaltung via Livestream aus Deutschland, Israel, Kanada und den USA und konnten sich im Chat an der Diskussion beteiligen.

Nach der Begrüßung durch den Studienleiter der evangelischen Akademie Frankfurt, EBERHARD PAUSCH, führten die VeranstalterInnen jeweils aus der Perspektive ihres Faches in die Thematik ein. LUKAS BORMANN (Marburg) nahm die neutestamentlichen Texte als Quellen antijüdischer Stereotype in den Blick. Sie sind zwar selbst noch Zeugnisse innerjüdischer Streitigkeiten und Polemiken und stehen dem Judentum noch nicht als fremde Religion gegenüber. Dennoch ist es ihre Rezeption im Verlauf der Christentumsgeschichte, die oftmals diskriminierende bis verheerende Wirkungen entfaltete. Dabei stellt die Untersuchung der neutestamentlichen Texte unter emotionswissenschaftlicher Perspektive noch ein Desiderat der Forschung dar. Die Frage, welche Wirkungen durch Texte transportierte Emotionen entfalten können, sollte zukünftig durch das Gespräch mit den Literaturwissenschaften vertieft und so eine Re-lecture der Texte ermöglicht werden, die bis heute in den liturgischen Vollzügen der christlichen Kirchen präsent sind.

JAN SÜSELBECK (Marburg) lenkte den Blick auf die Zeit um 1800, in der die Literatur zu einer „zentralen Vermittlungs- und Kanalisierungsinstanz“ antijüdischer Stereotype avancierte. In einer Zeit der politischen Verunsicherung und der noch ausstehenden nationalen Identitätsfindung diente die Literatur oftmals dazu, ein „Fremdes“ bzw. „Anderes“ zu konstruieren, wobei auch die literarische Evokation von Gefühlen wie etwa Angst, Ekel, Hass oder Wut als „Emotionalisierungsstrategie“ eingesetzt wurde. Dieser sich etablierende literarische Antisemitismus konnte dabei auf ein uraltes, religiös und kulturell tief verankertes Gefühlswissen zurückgreifen und wirkte in Bezug auf den entstehenden modernen, völkisch, rassistisch und national argumentierenden Antisemitismus katalysatorisch.

SUSANNE MAURER (Marburg) sprach über die Bedeutung der Kategorie „Geschlecht“ in antisemitischen Diskursen. Häufig wirkten antiemanzipatorische und antijüdische Stereotype ineinander, was sich bereits in der Geschichte der frühen Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts fassen lasse. Auch aktuelle Untersuchungen verweisen auf die Verquickung von latenten antisemitischen und antifeministischen Gehalten. Im Attentat von Halle (2019) wurde diese Verbindung augenfällig. Maurer verwies auf die Flexibilität von antisemitischen und antifeministischen Stereotypen, die wahrscheinlich einer der Gründe für deren Persistenz ist.

In den anschließenden Fachvorträgen wurden diese Aspekte vertieft bzw. neue und weitere Perspektiven eingebracht. ANDREA GEIER (Trier) legte einen Fokus auf das Gelingen und Misslingen von Aufklärungsarbeit über antisemitische Stereotype, die in der Literatur selbst vollzogen wird. Mit Elmar Goerdens Theaterstück „Lessings Traum von Nathan dem Weisen“ (2002) stellte sie einen Text der literarischen Moderne vor, in dem die Produktion antijüdischer Stereotype selbst zum Thema und metareflexiv verhandelt wird. Das Stück erzählt von dem Versuch einer Reinszenierung von Lessings Toleranzdrama, die daran scheitert, dass die beteiligten Figuren – allesamt Figuren aus Lessings Stück und Shakespeares Drama „Der Kaufmann von Venedig“ – das Stück mit seinem Konzept von Toleranz und Aufklärung nach der Shoa nicht mehr verstehen. Mit der Figur des Juden Shylock reinszeniert Goerden einen Charakter, der über provokante Aussagen die ideale Figur des Nathan destruiert und somit philosemitische bzw. idealisierende Repräsentationen von Jüdinnen und Juden entlarvt. Hier wird eine emotionalisierende Strategie, nämlich die Provokation, als Mittel eingesetzt, um Aufklärung zu bewirken und Stereotype aufzubrechen, anstatt sie zu zementieren. Geier machte jedoch auch auf einen problematischen Aspekt des Stückes aufmerksam, das sein aufklärerisches Potenzial in ein Zwielicht rücke. Goerden ruft durch intertextuelle Bezüge Rainer Werner Fassbinders antijüdische Stereotype tradierendes Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ (1975) auf, ohne, dass eine kritische Auseinandersetzung mit diesem sichtbar wird; nach Geier deute sich sogar eher eine apologetische Lektüre des umstrittenen Fassbinder-Textes an. Zwar hatte Fassbinder damals selbst darauf verwiesen, dass er durch die Darstellung antijüdischer Stereotype über Antisemitismus aufklären und enttabuisierend wirken wolle. Allerdings schreibt der Text doch deutlich die stereotype Darstellung von JüdInnen als HolocaustprofiteurInnen fest. Indem Goerden Fassbinders Text ohne erkennbare Kritik rezipiert, steht er in der Gefahr, selbst wieder antijüdische Stereotype zu reproduzieren. Hier stellt sich die Frage, ob bestimmte ästhetische Repräsentationslogiken wie die Provokation, die in Goerdens Text eine wichtige Rolle spielt und die schon Fassbinder für seine Darstellung antijüdischer Stereotype in Anspruch nahm, wirklich das leisten, was sie behaupten, oder ob hier nur eine aufklärerische Wirkung in Aussicht gestellt wird, die aber letztlich nicht erreicht wird. In der Untersuchung von literarisch vermittelten antisemitischen Stereotypen muss deshalb der Fokus vermehrt auf Stilmittel, Gattungen, Verfahren sowie ihre Wirkkraft gelegt werden. An den vorgestellten Texten zeigt sich auch die komplexe Situation, dass Antisemitismus nicht als geschlossenes Weltbild einzelner AutorInnen greifbar ist, sondern im literarischen Diskurs im komplexen Spiel zwischen Aufklärung und Reproduktion antijüdischer Stereotype kritisch thematisiert oder aber auch latent tradiert werden kann. Geier plädierte zudem für einen intersektionalen Blick auf die Phänomene von Antisemitismus und Rassismus, die beide Teil von komplexen und mehrdimensionalen Alteritätskonstruktionen sind und zu verschiedenen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit führen können.

ZOHAR SHAVIT (Tel Aviv) stellte ihre Untersuchungen zur Tradierung von philo- und antisemitischen Stereotypen in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur der Nachkriegszeit bis zur Wiedervereinigung vor. Insbesondere am Beispiel des lange zum Lektürekanon in deutschen Schulen gehörenden Klassikers von Hans Peter Richter „Damals war es Friedrich“ (1961) zeigte sie, wie über philosemitische Stereotype unterschwellig antisemitische Vorurteile tradiert werden. Die ungleiche Wertung der Gruppenzugehörigkeit von „Deutschen“ und „Juden“ bleibt hier unter dem Anschein der Verurteilung der Judenverfolgung vollkommen unreflektiert. Shavit arbeitete die Ambivalenz dieser und weiterer Erzählungen heraus: Zwar verfolgten die Texte durchgehend ein gut gemeintes, pädagogisch-aufklärerisches Ziel. Zugleich aber werde auch eine die Täter entlastende Absicht greifbar, wenn alte Stereotype wie z.B. der Reichtum und die wirtschaftliche Überlegenheit von JüdInnen unkritisch reaktiviert werden. Im Subtext der Erzählungen leuchte so eine unterschwellige Begründung des Holocaust auf, der eher als geschichtliches Verhängnis denn als Verbrechen konkreter TäterInnen erscheine. Die Alteritätskonstruktion, die über die alten, kulturell tradierten antijüdischen Stereotype funktioniere, wird in den Texten nicht aufgehoben und dient letztlich der eigenen Entlastung und Freisprechung.

Jan Süselbeck zeigte anhand literarischer Texte seit 1800 die Aktivierung von antisemitischem Gefühlswissen in literarischen Texten auf. Mit Achim von Arnims Erzählung „Isabella von Ägypten“ (1812) präsentierte er einen Text der Romantik, derjenigen literaturgeschichtlichen Epoche, in der alte antijüdische Stereotype und Narrative wie Ritualmordlegenden, Brunnenvergiftung, der Verrat des Judas oder der Ahasver-Mythos aufgegriffen und insbesondere im Genre der Schauergeschichte verarbeitet wurden. In Arnims Erzählung verschränken sich Stereotype des traditionellen christlichen Antijudaismus mit antiziganistischen Fremdheitsbildern. Der Tod Karls V. und der Verlust der Einheit des Heiligen Römischen Reiches erscheint hier als Folge der Verbindung Karls mit der „Zigeunerin“ Isabella sowie verborgener jüdischer Machenschaften. Es wird deutlich, dass antijüdische Stereotype von ihrer konkreten Gerichtetheit gegen jüdische Menschen gelöst und zu einer flexibel einsetzbaren Chiffre des Fremden werden können, die die eigene Identität bedroht. In Arnims Erzählung sei dies konkret die „reaktionäre Klage über den Verlust der Einheit des Heiligen Römischen Reiches“. Die Aktivierung von tief verwurzeltem anitjüdischem Gefühlswissen z.B. durch die Aufnahme des Ahasver-Mythos oder die dämonische Darstellung des Jüdischen lässt sich als „doing emotions“ fassen. Das Wirkpotential des Textes zeigt sich darin, dass er an das antijüdische Einfühlungsvermögen des Publikums appelliert und es so vor der zerstörerisch wirkenden Allianz mit dem Fremden warnt. Ein weiteres Beispiel für die flexible Einsetzbarkeit antijüdischen Gefühlswissens ist die Geschichte der konfessionellen Abgrenzung zwischen Protestantismus und Katholizismus seit der Reformationszeit, in der die jeweils andere Konfession als Ausdruck des „Jüdischen“ diffamiert wurde. Dass antijüdisches Gefühlswissen bis hinein in die literarische Moderne wirksam ist, zeigte Süselbeck an weiteren Beispielen, so eine kleine „Literaturgeschichte“ der Tradierung antijüdischen Gefühlswissens skizzierend.

Eberhard Pausch führte abschließend in den jüngst (2021) erschienenen und von der Historikerin Stefanie Schüler-Springorum sowie von Jan Süselbeck herausgegebenen Band „Emotionen und Antisemitismus. Geschichte, Literatur, Theorie“ ein. Die Grundthese des Buches formulierte er mit den Worten: „Man kann den Antisemitismus nur dann zureichend interpretieren, wenn man seine emotionalen Grundlagen und Dimensionen wahrnimmt.“ Pausch führte aus, dass sich diese These bereits in Jean-Paul Sartres Essay „Überlegungen zur Judenfrage“ von 1944 finde, wenn dieser den Antisemitismus als „Leidenschaft und Weltanschauung“ definiert. Weder die Arendtsche Rede von der „Banalität des Bösen“, die die Rolle von Ressentiments und Emotionen der Täter unbeleuchtet lässt, noch Wilhelm Heitmeyers Begriff der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“, der mit einer Emotion operiert, aber die spezifisch kognitiven Gehalte von Antisemitismus nicht adressiert, können das Phänomen Antisemitismus ausreichend erfassen. In antisemitischen Haltungen sind kognitive und emotionale Gehalte eng miteinander verwoben. Pausch verwies auf den Antisemitismus als „Gefühlscontainer“, der Emotionen wie Angst, Scham, Ekel, Neid, Besitzgier, Empörung, Zorn, Hass usw. in sich vereine und sich leicht in gewaltvollen Exzessen entladen könne. Das Buch bietet anthropologische, biologische, psychologische, historische, psychoanalytische sowie sozial- und literaturwissenschaftliche Perspektiven auf die emotionswissenschaftliche Untersuchung von Antisemitismus.

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde der Blick zunächst noch einmal auf die sozio-politische Dimension von Emotionen gerichtet, wie sie sich etwa in den Tweets Donald Trumps und der aufgeladenen öffentlichen Stimmung vor der Erstürmung des Kapitols am 6. Januar 2021 durch rechte Agitatoren zeigte. Nicht zuletzt waren es in diesem Zusammenhang antijüdische Stereotype, die als Instrumente der Emotionalisierung eingesetzt wurden. In einer Zeit, die von vielen als krisenhaft erlebt wird, können affektgeladene antisemitische Stereotype und Erzählungen bewältigende Funktion haben. Rationale Argumentation steht dieser oftmals hilflos gegenüber. Zweitens wurde darauf verwiesen, dass das Element des Wissens im Verbund mit Emotionen gerade im antisemitischen Diskurs eine große Rolle spielt, und zwar in Form der Pseudowissenschaftlichkeit. Exemplarisch zeigt sich das in der antijüdischen Gegnerforschung, die protestantische Neutestamentler an den Universitäten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts betrieben, um so den Antisemitismus auf eine angeblich wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Drittens wurde betont, dass Rassismus und Antisemitismus insofern verglichen werden müssen, als häufig Elemente aus beiden Kategorien zu komplexen Alteritäts- und Fremdheitsbildern vermischt werden. Die Sorge, dass die Shoa damit marginalisiert werden könnte, erweist sich als unberechtigt, da Vergleichen nicht Gleichsetzen bedeutet, aber komplexe Fremdheitskonstruktionen so angemessener untersucht werden können. Schließlich wurde auf das Phänomen der Dekontextualisierung antisemitischer Stereotype hingewiesen. Historisch grundgelegte Stereotypen (Antike, Neues Testament etc.) leben als „semantisches Dynamit“ (Jan Assmann) fort und können in einem anderen historischen Kontext mit neuer Funktion aktiviert werden.

Am Ende der Diskussion trugen die Vortragenden konkrete Aspekte zusammen, an denen weitergearbeitet werden solle. So sind emotiv wirkende literarische Verfahren wie Polemik oder Exotisierung kritisch daraufhin zu befragen, inwiefern sie aufklärerisch wirken oder Stereotype eher zementieren. Es solle nach Wegen der Intervention und der Unterbrechung von Traditionssträngen gesucht werden, bei denen nicht unter der Hand Stereotypisierungen tradiert werden oder neue entstehen (Philosemitismus). In der Pädagogik sei darüber nachzudenken, wie Kinder und Jugendliche an die kritische Lektüre von Texten herangeführt sowie komplexe Alteritätskonstruktionen durch Rassismus und Antisemitismus in Bildungsprozessen im Verbund betrachtet und aufgebrochen werden können.

Konferenzübersicht:

Eberhard Pausch (Frankfurt am Main): Begrüßung

Lukas Bormann / Jan Süselbeck / Susanne Maurer (alle Marburg): Einführung

Andrea Geier (Trier): Antisemitismus/Rassismus oder: Warum es so schwierig ist, über „alle Rassismen“ aufzuklären

Zohar Shavit (Tel Aviv): On the Role of Philo- and Anti-Semitic Stereotypes in the Construction of the German Historical Narrative for Children

Jan Süselbeck (Marburg): Mehr als nur ein Stereotyp. Zum religiösen Gefühls-Wissen in der deutschsprachigen Literatur seit dem 19. Jahrhundert

Eberhard Pausch (Frankfurt am Main): Buchvorstellung von Emotionen und Antisemitismus. Geschichte – Literatur – Theorie, hg. von Stefanie Schüler-Springorum und Jan Süselbeck, in der Reihe: Studien zu Ressentiments in Geschichte und Gegenwart, Bd. 5, Wallstein-Verlag, 2021

Zitation
Tagungsbericht: Die Wurzeln antijüdischer Stereotype – The Roots of anti-Jewish Stereotypes, 12.02.2021 – 12.02.2021 Frankfurt am Main und digital, in: H-Soz-Kult, 04.03.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8889>.