Student Conference – Business as Medieval?

Ort
digital (Kiel)
Veranstalter
Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Datum
01.09.2020 - 02.09.2020
Von
Henning Andresen (Abteilung für Regionalgeschichte) / Tilko Müller / Merve Prösch (Historisches Seminar), Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Die mittelalterliche Wirtschaftsgeschichte, die mit dieser verbundene Wirtschaftsethik sowie die Diesseits- und Jenseitsökonomie standen im Mittelpunkt der Konferenz, die im Rahmen eines Projektseminars am Historischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel unter Leitung von Anne Diekjobst und Christian Hagen von Studierenden organisiert und vom „Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen“ gefördert wurde. Ziel der Konferenz war es, Studierenden die Möglichkeit zu geben, ihre Forschungsarbeiten einem breiteren Publikum vorzustellen. In sechs thematischen Sektionen widmeten sich die Vorträge unterschiedlichen Themen der mittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte. Wegen der Einschränkungen der Corona-Pandemie fand die Konferenz digital statt.

In der ersten Sektion Ökonomie und Glauben beschäftigte sich TILKO MÜLLER (Kiel) mit der Leitfrage, welche praktischen Implikationen das kanonische Zinsverbot für das Geschäftsgebaren des Baseler Kaufmanns Ludwig Kilchmann (1450-1518) zeitigte. Aus dem untersuchten Schuldbuch gehe hervor, dass sowohl weltliche als auch kirchliche Würdenträger zum Kundenstamm Kilchmanns gehörten. Somit verdeutliche die vorgestellte Quelle, dass das kanonische Zinsverbot umgangen werden konnte und die Regeln, die mit der mittelalterlichen Wirtschaftsethik verbunden waren, nicht flächendeckend umgesetzt wurden.

SILAS MEHRENS (Kiel) präsentierte seine Untersuchungen zum Regensburger Pfandleihregister von 1519. Aus Leonhart Widmanns Chronik von Regensburg lässt sich die Entstehung der jüdischen Pfandlisten nachvollziehen. Diese geben nicht nur Auskunft über die Art und den Wert der Pfände, sondern ermöglichen auch Rückschlüsse auf den bedienten Kundenstamm. Der Referent kam zu dem vorläufigen Ergebnis, dass das Zinsennehmen einen bedeutenden Nebenerwerb für Regensburger Juden darstellte und unerlaubte Verpfändungen, entgegen der ursprünglichen Annahme, sehr selten vorkamen.

MARIE JÄCKER (Kiel) eröffnete mit ihrem Referat über die Raumwirksamkeit des Konstanzer Stadthofes der Zisterzienserabtei Salem die zweite Sektion Klösterliches Wirtschaften. Ihr Vortrag basierte auf der theoretischen Grundannahme, dass der historische Raum durch Ereignisse, kommunikative Beziehungen und individuelle wie kommunikative Wahrnehmungen geprägt worden sei. Der von ihr untersuchte Stadthof hat in diesem Zusammenhang einen signifikanten Wert für das Kloster gehabt und im Wechselspiel zwischen ländlicher und städtischer Sphäre eine zentrale Rolle in wirtschaftlichen, politischen und religiösen Angelegenheiten gespielt.

MERVE PRÖSCH (Kiel) stellte ihre Arbeit zur Problematik des Eigenbesitzes von Nonnen vor. Frauen hatten beim Eintritt in ein Kloster alle persönlichen Besitztümer abzugeben, da die Regeln klösterlichen Lebens diese Enthaltung aus verschiedenen Gründen vorschrieben. Aus der von der Referentin untersuchten Quelle, dem Testament der Margarethe Imthurn aus der Ordensgemeinschaft St. Agnes in Schaffhausen, wird jedoch deutlich, dass sowohl das Kloster als Institution als auch die Nonnen selbst Handel betrieben und Zinsen erhalten haben und damit auch privater Besitz möglich war. Die Referentin schloss ihre Ausführungen mit der Feststellung, dass das Verbot von Eigenbesitz und das geistliche Testament parallel existiert haben.

Im Rahmen der dritten Sektion Ökonomische Praktiken stellte JONAS NALBACH (Hamburg) seine Ausarbeitungen über das Handelsbuch des Kaufmanns Lorenz Meder von 1558 vor. Anhand dieser grundlegenden Quelle versuchte er mit einem quantitativen Ansatz nachzuvollziehen, über welches ökonomische Wissen der Kaufmann verfügt hatte. Er konnte seine Annahme bestätigen, dass Meder über diverse, umfangreiche und detaillierte Wissensressourcen verfügt hatte, die er zu seinen Gunsten hatte nutzen können und die seinen kaufmännischen Erfolg maßgeblich unterstützten.

JAN OCKER (Kiel) warf einen ökonomischen Blick auf Holstein im 15. Jahrhundert. Sein Vortrag ging der Frage nach, ob Verpfändungen im Mittelalter als strategisches Mittel mit positiver Absicht angesehen werden können oder ob es sich bei diesem Finanzierungsmodell lediglich um eine temporäre Finanzspritze handelte. Als Quellen dienten ihm verschiedene Pfandbriefe, in denen Pfandgeschäfte der Holsteiner Grafen und später Herzöge mit den Städten Hamburg und Lübeck dokumentiert worden waren. Die hohen Pfandgebühren und die Feststellung, dass Pfandschaften meist schnell eingelöst werden konnten, sobald ein nachfolgender Herrscher in eine gute finanziellen Situation gelangte, zeigten, so das Fazit, dass diese durchaus als Mittel zur kurzfristigen Geldbeschaffung verstanden werden können.

ULLA KYPTA (Hamburg) musste ihre Teilnahme an der Tagung kurzfristig absagen, ließ ihre Keynote aber verlesen. Die vormoderne Wirtschaftsgeschichte sei dahingehend relevant, dass sie eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart schlage. So seien in ihr die Wurzeln unserer heutigen Wirtschaft zu finden. Im Vergleich zur heutigen Wirtschaft werde sie als moralisch unter-/überlegen bezeichnet. Wirtschaftsethische Fragen seien damals wie heute ähnlich. Die mittelalterliche Wirtschaftsethik zeichne sich dadurch aus, dass sie beide Parteien im Blick behielte und somit sowohl Schuldner als auch Gläubiger unterstützte. Kypta verdeutlichte, dass es nach der christlichen Wirtschaftsethik nicht generell verwerflich gewesen sei, wirtschaftlichen Tätigkeiten nachzugehen, aber nicht Geldgier sollte das Motiv zum Geldverdienen sein, sondern das Erreichen von etwas Gutem. Geld durfte verliehen werden, sofern es mit Maß geschah. Auch das Geldverdienen durch Handel sei früher wie heute nicht abgelehnt worden, da der Warenvertrieb zum Wohl der Gemeinschaft beitrage. Diese wirtschaftsethischen Prinzipien seien auch heutzutage noch gültig. Daraus resultiere für die Vormoderne und die Moderne gleichermaßen, dass das Geldverdienen nach Maß, um Gutes zu erreichen, legitim sei. Schließlich könne die Beschäftigung mit mittelalterlichen Phänomenen dazu beitragen, dass die heutige Gesellschaft mit anderen Augen gesehen werde.

LEONARD ENGELMAIER (Wien) eröffnete die Sektion Berg und Boden mit einem Vortrag über die Bodenverteilung im oberösterreichischen Mühlviertel in der Frühen Neuzeit. Er analysierte und verglich die Grundbesitzverhältnisse in zwei Urbaren der Grundherrschaft Schwertberg aus den Jahren 1603 und 1675 sowie die Angaben aus dem Josephinischen Lagebuch zur Katastralgemeinde Schwertberg von 1787, um herauszufinden, wie sich die Ressource Grund und Boden unter der Bevölkerung über die Zeit veränderte. Aus der Untersuchung ging hervor, dass der Großteil einer vorangegangenen Besitzakkumulation bereits vor dem 17. Jahrhundert stattgefunden haben musste, und es war eine Zunahme des Anteils derer ohne subsistenzermöglichenden Grund zu erkennen.

MADELEINE LEHMANN (Kiel) referierte über den Fund von Silbererzen im Jahr 1162 im sächsischen Freiberg, die daraus resultierende Auflösung der agrarisch geprägten Strukturen im Ort sowie die Entstehung einer bergmännischen Siedlung neben dem einstigen Dorf. Der Silberbergbau habe fortan nicht nur die örtliche Wirtschaft beherrscht, sondern Freiberg auch zu einem Knotenpunkt europäischer Fernhandelsbeziehungen gemacht. Als Quellen für den Handelscharakter der Stadt wurden das Jahrmarktsprivileg von 1263 und die Zoll- und Geleitsbefreiung von 1291 aufgeführt. Die Referentin hob den enormen Einfluss des Bergbaus auf die Stadt und die Verzahnung von montan- und stadtgeschichtlicher Perspektive hervor. Das Beispiel Freibergs unterstreiche überdies die bereits seit dem Mittelalter bestehende enge Verflechtung von wirtschaftlichen, politischen und sozialen Themen.

In der Sektion Währung und Geldwert sprach MICHAŁ MALICZOWSKI (Wien) über die gescheiterten Versuche des österreichischen Erzherzogs Albrechts VI., eigene Goldmünzen zu etablieren. Obwohl vier Münzordnungen aus der Regierungszeit Albrechts VI. überliefert sind, könne ihm bis heute keine Goldmünze zugeschrieben werden. Ausgehend von dieser Tatsache stellte der Referent die Unmöglichkeit einer albertinischen Goldprägung fest. Er untersuchte den Versuch und das Scheitern einer eigenen Goldprägung unter Albrecht VI. im Erzherzogtum Österreich zwischen 1458 und 1463. Das Besondere hierbei ist, dass der Erzherzog zwar als Prägeherr von Goldmünzen in Erscheinung getreten ist, jedoch nur auf dem Papier. Der Grund dafür sei die einsetzende Inflation gewesen, die eine Unwirtschaftlichkeit für Münzmeister auslöste.

Die sechste Sektion wandte sich Fragen zum Thema Reisen und Wirtschaften zu. MARKUS ZANDER (Kiel) benutzte als Quelle den Reisebericht von Hans Bernhard von Eptingen. Mit Hilfe des Familienbuchs der von Eptingens näherte er sich der Frage, ob Pilgerreisen nach Jerusalem im Mittelalter einem elitären Kreis vorbehalten waren. Er konnte darstellen, dass Pilgerreisen zunächst religiöser und moralischer Natur gewesen seien. Später seien dann handelspraktische Motive hinzugekommen, und das Verfolgen wirtschaftlicher Interessen sowie die standesgemäße Repräsentation der gesellschaftlichen Stellung sei verstärkt in den Fokus der Reisen gerückt.

TINA SCHEICHEL (Graz) sprach über die Kommunikation zwischen Christoph Kolumbus und dem spanischen Hof hinsichtlich wirtschaftlicher Gewinne und Verluste respektive der Entdeckungen der neuen Welt. Die Schilderungen von Kolumbus in den Briefen, die im Libro Copiador erhalten und ediert worden sind, schwanken, so die Referentin, zwischen Prahlerei und Selbstmitleid und spiegeln somit die wechselhafte ökonomische Situation von Kolumbus einerseits, als auch auf der anderen Seite sein ambivalentes Verhältnis zum spanischen König wider.

Abgeschlossen wurde die Konferenz durch eine Round-Table-Diskussion. Unter der Moderation von Gerald Schwedler (Kiel) diskutierten Julia Bruch (Köln), Tord-Hendrik Grobe (Hannover), Angela Huang (Lübeck) und Hiram Kümper (Mannheim) auf der Grundlage der studentischen Beiträge über aktuelle Trends der mittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte und den aktuellen Stand der Disziplin. Der inhaltliche Bogen war weit gespannt und reichte von grundlegenden Fragen über die Position des Faches zwischen den Geschichts- und Wirtschaftswissenschaften, über die Zukunftschancen, die sich mit der zunehmenden Digitalisierung von Archivmaterial und Literatur ergeben, bis hin zu unterschiedlichen methodischen Zugriffen auf einzelne Quellen. In einem zusammenfassenden Schlusswort appellierte Gerald Schwedler vor allem an die anwesenden Studierenden, sich weiterhin im Fach zu engagieren und eine Veranstaltung wie die Student Conference als eigenen Beitrag zu einer intellektuellen Gemeinschaft zu betrachten.

Die Vorträge stellten die Wirtschaft im Mittelalter in vielfältiger Weise dar. Sie zeigten, wie ähnlich die wirtschaftsethischen Fragen des Mittelalters denen der modernen Wirtschaft sind, und unterstrichen damit die Relevanz der Untersuchung und Auswertung dieses Themenschwerpunkts. Insgesamt wurde die Student Conference sehr produktiv und positiv aufgenommen; es wäre wünschenswert, dieses Format auch in Zukunft an Universitäten als Veranstaltung durchzuführen.

Konferenzübersicht:

Lusan Akrawi (Kiel): Begrüßung und Vorstellungsrunde

Henning Andresen / Philipp Scheinert (beide Kiel): Moderation

Sektion 1: Ökonomie und Glauben

Tilko Müller (Kiel): Das kanonische Zinsverbot im Lichte mittelalterlicher Geschäftspraktiken

Silas Mehrens (Kiel): Die Pfandleihpraxis der Regensburger Juden im ausgehenden Mittelalter – Untersuchungen des Pfandregisters von 1519

Sektion 2: Klösterliches Wirtschaften

Marie Jäcker (Kiel): Der Stadthof der Zisterzienserabtei Salem in Konstanz – eine raumwirksame Schnittstelle zwischen Stadt und Land

Merve Prösch (Kiel): Werkstattbericht: Probleme des Eigenbesitzes einer Nonne am Beispiel des Testaments von Margaretha Imthurn aus der Ordensgemeinschaft St. Agnes in Schaffhausen von 1473

Sektion 3: Ökonomische Praktiken

Jonas Nalbach (Hamburg): Das ökonomische Wissen eines Kaufmanns des 16. Jahrhunderts. Das Handelsbuch des Lorenz Meder

Jan Ocker (Kiel): Finanzierungsmodell Verpfändung?! Ein ökonomischer Blick auf Holstein im 15. Jahrhundert

Keynote

Ulla Kypta (Hamburg): Wie darf man Geld verdienen? – Mittelalterliche Diskussionen als Bereicherung heutiger Debatten?

Sektion 4: Berg und Boden

Leonard Engelmaier (Wien): Wege der ursprünglichen Akkumulation. Bodenverteilung im unteren Mühlviertel ca. 1603-1787

Madeleine Lehmann (Kiel): Auswirkungen des Bergbaus auf die Stadtentwicklung Freibergs

Sektion 5: Währung und Geldwert

Michał Maliczowski (Wien): „Des Herzogs neue Münzen“ – Versuch und Scheitern einer eigenen Goldprägung unter Albrecht VI. im Erzherzogtum Österreich zwischen 1458 und 1463

Sektion 6: Reisen und Wirtschaften

Markus Zander (Kiel): Pilgerreisen nach Jerusalem unter der Beachtung von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten

Tina Scheichl (Graz): Gewinn und Verlust bei Christoph Kolumbus. Der Reichtum Indiens in der Kommunikation mit dem spanischen Hof

Round-Table-Diskussion

Julia Bruch (Köln), Tord-Hendrik Grobe (Hannover), Angela Huang (Lübeck), Hiram Kümper (Mannheim), Moderation: Gerald Schwedler (Kiel)

Zitation
Tagungsbericht: Student Conference – Business as Medieval?, 01.09.2020 – 02.09.2020 digital (Kiel), in: H-Soz-Kult, 09.03.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8892>.