„Eyn sonderlicher Gottis Dienst“? Evangelische Theolog/innen als Parlamentarier

Ort
digital
Veranstalter
Exzellenzcluster „Religion und Politik“ und Centrum für Religion und Moderne der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
Datum
24.02.2021 - 26.02.2021
Von
Catharina Jacob, Evangelisch-Theologische Fakultät, Institut für Ethik und angrenzende Sozialwissenschaften, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Theologinnen und Theologen haben durch die Ausübung eines politischen Mandates, als gewählte Abgeordnete in einem Parlament, die demokratischen Strukturen in Deutschland von Beginn an mitgeprägt. Ihre biographischen Hintergründe sind aus politikwissenschaftlicher und historischer Sicht ebenso interessant wie die Wechselwirkungen zwischen ihrem Theologie- und Demokratieverständnis aus theologischer Sicht. In der TheoParl-Datenbank sind die biographischen Daten zu Ausbildung, Beruf und politischer Tätigkeit von bisher 566 TheoParls (Parlamentariern mit einem theologischen Hintergrund) erfasst. Die Datenerhebung hält noch an und dient als Grundlage, genau diese Hintergründe und Wechselwirkungen genauer zu erforschen. Auf der Tagung, die mit großem interdisziplinären Interesse, wenn auch zum allgemeinen Bedauern nur digital, stattfand, wurden die Ergebnisse und die Datenbank zum ersten Mal in Form eines Zwischenstandes präsentiert und aus theologischen, juristischen und historischen Perspektiven kommentiert. Im Fokus der Tagung standen das Verständnis der TheoParls von Theologie, Glaube, Politik und Demokratie und die Gestaltung ihres politischen Amtes als „sonderlicher Gottis Dienst“[1]. Die qualitativen und quantitativen Befunde aus der Datenbank wurden überblicksartig und durch exemplarische Einzelbiographien präsentiert und durch eine genauere Betrachtung der zum Verständnis beitragenden zeithistorischen politischen und gesellschaftlichen Umstände und Hintergründe der Parlamentarier, ihrer theologischen Überzeugungen, ihrer politischen Hintergründe und ihres Demokratieverständnisses ergänzt. Über vier Epochen der deutschen Staatsgeschichte (Kaiserzeit, Weimarer Zeit, Zeit von BRD und DDR[2] und Bundesrepublik nach der Wiedervereinigung) wurden die Spezifika der theologisch-politischen Gestaltung der jeweiligen Epoche nachgezeichnet und zugleich nach Kontinuitäten und epochenübergreifenden Entwicklungen gefragt. Damit versteht sich nicht nur die Tagung, sondern die TheoParl-Datenbank insgesamt als Beitrag zur demokratischen Lerngeschichte der evangelischen Kirchen in der Bundesrepublik Deutschland und davor.

Zunächst wurden das Projekt der TheoParl-Datenbank und seine quantitativen Befunde vorgestellt. UTA E. HOHMANN und ARNULF VON SCHELIHA (beide Münster) präsentierten ihre Forschungsleitfragen und ihre formale Abgrenzung der in die Datenbank aufgenommenen TheoParls durch einen weiten Theologiebegriff[3] sowie die quantitativen Auswertungen der Datenbank in Form von Porträts für die einzelnen Parlamente (von der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche bis zu den Landesparlamenten einiger heutiger Bundesländer). Diese enthalten jeweils Zahlen zu den verschiedenen theologischen Berufen und ihrer parlamentarischen Repräsentation im Allgemeinen sowie in Bezug auf Parteizugehörigkeit, Frauenanteil, bestimmten Politikfelder u.ä. Ein wichtiger Befund, der auch im Verlauf der Tagung an anderen Stellen immer wieder bedeutend wurde, war, dass in Umbruchszeiten die Zahl der TheoParls stets am höchsten war.

UTA E. HOHMANN, die darüber hinaus qualitative Forschungen zu bestimmten theologischen Parlamentarier/innen in ihrer Dissertation unternimmt, stellte danach mit Rudolf Otto, Magdalene von Tiling und Heinrich Albertz drei TheoParls aus drei Epochen vor. Eine epochenspezifische oder epochenübergreifende Typologie des TheoParls als Ergänzung der allgemeinen quantitativen Befunde ließ sich so zwar noch nicht erstellen, aber gerade die exemplarischen Biographien zeigten einen ersten interessanten Einblick in die Diversität und persönliche Bedingtheit der individuellen theologisch-politischen Laufbahnen und Entscheidungen der TheoParls und ihr individuelles historisch und persönlich bedingtes Politik- und Demokratieverständnis. Der Vortrag zeigte, dass die Entscheidung für die Politik aus ganz unterschiedlichen Gründen getroffen wurde und mit der politischen Betätigung zum Teil auch ganz persönliche Interessen verfolgt wurden. Es konnte aber auch die These, theologische Parlamentarier/innen verfügten über eigene Denkfiguren, in denen sie ihre protestantischen Überzeugungen mit der demokratischen Idee verbinden, anschaulich belegt und gezeigt werden, wie die parlamentarische Arbeit als Praxistest für die eigene Theologie der TheoParls herhielt.

STEPHAN REIMERS (Hamburg) gab mit seinem Abendvortrag aus seinem persönlichen Leben ein anschauliches individuelles Beispiel für den Werdegang eines Theologen in der Politik auf unterschiedlichen Ebenen. Als ehemaliger CDU-Abgeordneter und späterer Bevollmächtigter des Rates der EKD bei der Bundesrepublik und der Europäischen Union kennt er die besonderen Herausforderungen und Ressourcen der TheoParls von zwei Seiten: aus eigener Erfahrung sowie aus inhaltlicher und seelsorgerlicher Begleitung. Durch seinen Vortrag wurde die Frage nach dem Einfluss kirchlicher Positionen über die TheoParls auf politische Entscheidungen relevant; ebenso warf er die Frage auf, warum als TheoParls nur Christen mit einem abgeschlossenen Theologiestudium betrachtet wurden. Reimers betonte, dass gerade theologische Laien als Christ/innen in der Politik im Sinne der Forschungsfragen relevant seien.

„Politische Pastoren sind ein Unding“ – so formulierte es einst Kaiser Wilhelm II. in Bezug auf Adolf Stoecker, und an diese These knüpfte MARTIN OTTO (Hagen) seinen Vortrag an. Er stellte über die Epochen hinweg dar, wo die Ablehnung der politisch aktiven Pastoren besonders artikuliert wurde. War es in Bezug auf Stoecker und seine politische Biographie und Position der Kaiser, der sich gegen das politische Engagement von Theologen aussprach, kam den Theologen bald ein stärkerer Gegenwind aus der eigenen Kirche entgegen. Dies ist sicherlich auch ein Symptom der Haltung der Kirchen zur Demokratie gewesen, wenn auch die Sorge um die Vernachlässigung der gemeindlichen Aufgaben bei dieser Ablehnung ebenso eine Rolle spielte und immer noch spielt. Otto zeigte, wie sich diese Haltung der Kirchen angesichts der Anerkennung ihres Öffentlichkeitsauftrages nach dem Zweiten Weltkrieg wandelte, aber auch, wie die Pfarrdienstgesetze hier unter praktischen und poimenisch-pastoraltheologischen Gesichtspunkten (aus Rücksicht auf die Gesamtgemeinde) eine Einschränkung insbesondere bei parteipolitischem Engagement machen.[4]

Diese juristische Perspektive vertiefte CHRISTIAN SCHULZE-PELLENGAHR (Coesfeld) auch in ökumenischer Hinsicht. Er konnte den Befund erklären, warum in den demokratischen Anfängen der Kaiserzeit und der Weimarer Zeit viele katholische Geistliche (gerade in der Zentrumspartei) politisch aktiv waren und in Parlamenten saßen, heute aber kaum noch vertreten sind: Der Codex Iuris Canonici von 1983 Can. 285 verbietet den Geistlichen die politische Betätigung und insbesondere die Übernahme eines politischen Mandates. Aus verfassungsrechtlicher Sicht diskutierte er außerdem die Möglichkeit, die demokratische Betätigung und das passive Wahlrecht durch Berufsvorschriften für Geistliche beiderlei Konfessionen durch die jeweilige Kirche effektiv einzuschränken. Das BVerfG erlaubt dies, um das Interesse der Gemeinden zu schützen, dem die durch ein politisches Mandat doch sehr verknappte Zeit des Geistlichen entgegenstünde. Ebenso taucht hier wieder das Argument einer möglichen Gemeindespaltung bei parteipolitischem Engagement auf.[5] In beiden Vorträgen der Juristen kam dadurch neben den historischen Entwicklungen auch die aktuelle (verfassungs-)rechtliche Dimension dieser Fragen zum Ausdruck: Darf eine Kirche in der Demokratie das demokratische Engagement ihrer Amtsträger/innen erschweren oder verbieten?

BENEDIKT BRUNNER (Mainz) ging auf die epochenspezifischen Herausforderungen für die Demokratie für Theologen und Theologinnen in den weltlichen Parlamenten wie auch im innerkirchlichen Raum (Kirchenparteien und Frauenwahlrecht) in der Weimarer Republik ein. Die anschließende Diskussion machte in Bezug auf diesen Vortrag noch einmal besonders deutlich, wie das Verständnis von Demokratie und Parlamentarismus differierte.

Der Überblick über die historischen Hintergründe der Haltung des deutschen Protestantismus zur Demokratie der Weimarer Republik wurde von ARNULF VON SCHELIHA wiederum mit einem Einzelporträt illustriert: dem des deutschnationalen und antikatholischen Bruno Doering, der sich am äußeren, zuweilen paradoxen Rand des demokratischen Spektrums aufhielt. Dieser hatte wiederholt heftige Kritik am demokratischen System im Namen des Volkes geäußert, denn er verstand die parlamentarische Demokratie gerade nicht als Repräsentation des Volkes. Scheliha zeigte aber, dass Doering trotz oder gerade wegen dieser Positionen ein beliebter Prediger war und blieb, der den „Ton des kopflosen deutschen Protestantismus getroffen hat“. Auf der Grundlage seiner inhaltlichen Argumente wurden Parallelen zum heutigen Rechtspopulismus gezogen.

Die Tagung hatte auch Nachwuchswissenschaftler/innen eine Stimme gegeben, die aus ihren Abschlussarbeiten oder laufenden Promotionsvorhaben Beiträge leisten konnten oder über den Rahmen der TheoParl-Datenbank hinaus Aspekte zum Thema beisteuern konnten: RASMUS WITTEKIND (Köln) zeigte mit seinem Vortrag zum Demokratiebegriff im Denken Friedrich Schleiermachers die Beschäftigung eines Theologen mit ähnlichen Fragen, wie sie später die TheoParls beschäftigten, zu einer Zeit, als eine Betätigung parlamentarisch nicht möglich war.

Am anderen Ende des zeitlichen Spektrums weitete CATHARINA JACOB den Blick auf das Europäische Parlament und fragte spezifisch nach der Zusammenwirkung von Demokratie und Theologieverständnis der TheoParls in diesem Parlament. Dabei plädierte sie für einen noch weiteren Theologiebegriff, der auch engagierte Laien umfasst – wenngleich nicht formal statistisch abgrenzbar, so doch in exemplarischen, qualitativen Tiefenbohrungen.

Mit einem Vorausblick auf die TheoParls in der DDR stellte ROXANNE CAMEN-VOGEL (Münster) den Theologen und Parlamentarier Rainer Eppelmann vor, dessen politisches Engagement am Ende der DDR zeigt, wie theologische Überzeugungen nicht direkt politisches Programm werden – mit der Bergpredigt ließe sich eben nicht direkt die Welt regieren, aber sie müsse doch Hintergrund allen Engagements sein – und dabei doch die parlamentarische Arbeit in dieser besonderen historischen Situation prägten.

CLAUDIA LEPP (München) ging schließlich auf die überdurchschnittlich vielen TheoParls in der letzten, aber ersten frei gewählten 10. Volkskammer der DDR 1990 und im ersten gesamtdeutschen Bundestag ein. Die Besonderheiten der letzten Volkskammer, die als Beispiel für die schon benannten Umbruchssituationen, die besonders viele Theolog/innen zum politischen Engagement motivierte, gelten kann, führte sie auf drei Gründe zurück: Die Pastoren und Pastorinnen zeichneten sich durch Leitungserfahrung, Sprachfähigkeit und Glaubwürdigkeit in dieser besonderen Situation aus. Politisch gemeinsam hatten sie bei allen individuell unterschiedlichen Vorstellungen, die Lepp exemplarisch besprach, insbesondere das fachpolitische Interesse für die Vergangenheitsaufarbeitung.

Die Tagung endete mit einer Podiumsdiskussion zwischen gegenwärtigen nordrheinwestfälischen TheoParls, die sowohl aktuelle politische Themen, die die TheoParls besonders beschäftigen, wie auch allgemeine Fragen zur politischen Identität der Parlamentarierinnen und Politiker mit theologischen Hintergründen zur Sprache brachte.

Insgesamt zeichnete sich die Tagung durch das Ineinander von (qualitativen) Porträts theologischer Parlamentarier/innen[6] und der in die Tiefe gehenden Darstellung der historisch-politischen Hintergründe der jeweiligen Epoche aus. Die Forschungsergebnisse der TheoParl-Datenbank wurden so anschaulich vertieft, und es zeigte sich vor allem die Vielfalt des politischen Engagements von Theologinnen und Theologen. Aus inhaltlich-fachlicher Perspektive hat die Tagung auch den Blick für weiteren Forschungs- und Vertiefungsbedarf geschärft. So bedarf die professionstheoretische Zuspitzung des Theologiebegriffes in Bezug auf das Engagement von Laien weiterer Überlegungen. Der epochen- und personenspezifische Demokratiebegriff (ebenso wie Wechselwirkungen mit innerkirchlichen demokratischen Entwicklungen) kann noch intensiver untersucht werden. Deutlich wurden die Besonderheiten von Umbruchszeiten und zeithistorischen Hintergründen für die Arbeit der TheoParls bis heute und die Verschiedenheit der Profile der theologischen Parlamentarier und Parlamentarierinnen.

Konferenzübersicht:

Zum Forschungsprojekt THEOPARL

Arnulf von Scheliha / Uta E. Hohmann (beide Münster): THEOPARL – Konzeption und Ergebnisse des Forschungsprojektes

Uta E. Hohmann: THEOPARL – ein qualitativer Längsschnitt. Rudolf Otto, Magdalene von Tiling und Heinrich Albertz

Abendvortrag

Stephan Reimers (Hamburg): „Tu deinen Mund auf für die Stummen“ (Spr. 31,8). Christen in der Politik

Kirchenrechtliche Dimensionen

Martin Otto (Hagen): „Politische Pastoren sind ein Unding“? Rechtshistorische Aspekte zur Vereinbarkeit von geistlichem Amt und politischem Mandat

Christian Schulze-Pellengahr (Coesfeld): Verfassungsrechtliches Konfliktpotenzial im Verbot der politischen Betätigung für Geistliche

Demokratie-Laboratorium Weimar

Benedikt Brunner (Mainz): Aneignungen und Abgrenzungen. Der protestantische Umgang mit dem demokratischen Parlamentarismus in Weimar, 1918–1933

Arnulf von Scheliha: Konservative Demokratiekritik und ihre Paradoxien am Beispiel von Bruno Doering

Workshops der Nachwuchswissenschaftler/innen

Rasmus Wittekind (Köln): Das „verwirrende aber auch leichte und sich bald wieder fröhlich entwirrende Spiel zwischen Privatinteresse und Gemeingeist, welches der wahre Charakter der Demokratie ist“ – Friedrich Schleiermachers Modifikation des Demokratiebegriffs

Catharina Jacob (Münster): Theologischer Parlamentarismus in der Europäischen Union

Roxanne Camen-Vogel (Münster): Mit der Bergpredigt die Welt regieren? Der Parlamentarier Rainer Eppelmann

Zeitgeschichtliche und gegenwärtige Fragestellungen

Claudia Lepp (München): Grün-rot bewegt. Evangelische Theolog/innen in der letzten Volkskammer und im ersten gesamtdeutschen Bundestag

Podiumsdiskussion mit gegenwärtigen Akteur/innen

Sigrid Beer (B 90/Grüne), Micha Heitkamp (SPD), Kirstin Korte (CDU)
Moderation: Dr. Holger Arning (Münster)

Anmerkungen:
[1] Martin Luther, Von weltlicher Obrigkeit (1523), WA 11, 258,1–2.
[2] Erhoben wurden für diese Zeit die Daten aus der Bundesrepublik und der 10. Volkskammer der DDR.
[3] Nicht zuletzt aus Gründen der formalen Abgrenzung ist für die Datenbank ein abgeschlossenes Theologiestudium das wichtigste Kriterium, das einen TheoParl ausmacht – dadurch wird der Theologiebegriff zugleich hinreichend offengehalten.
[4] Z. B. Württembergisches Pfarrdienstgesetz von 1977 § 20 oder das Pfarrdienstgesetz der EKD § 34
[5] BVerfGE 42, 312, 336.
[6] In dieser Hinsicht wurde auch auf das Potential der Datenbank für weitere qualitative Porträts für Seminar- und Abschlussarbeiten Studierender und weitere Promotionen hingewiesen.

Zitation
Tagungsbericht: „Eyn sonderlicher Gottis Dienst“? Evangelische Theolog/innen als Parlamentarier, 24.02.2021 – 26.02.2021 digital, in: H-Soz-Kult, 31.03.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8903>.