Von Wanderkino bis YouTube. Katholische Filmarbeit gestern und heute

Ort
digital
Veranstalter
Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart; Geschichtsverein der Diözese Rottenburg-Stuttgart
Datum
04.03.2021 - 06.03.2021
Von
Tamara Rapp / Marie Raßmann, Mittlere und neuere Kirchengeschichte, Universität Tübingen

Die digitale Tagung nahm das ambivalente Verhältnis von Kirche und Film näher in den Blick. In drei Sektionen wurde auf das Thema geschaut: Zunächst ging es um Grundlagen kirchlicher Filmarbeit, dann wurden einige Schlaglichter auf diese Filmarbeit geworfen, um schließlich einen Blick in die Gegenwart zu werfen. Bereits in Eröffnung und Einführung stellten die Veranstaltenden Johannes Kuber, Maria Gründig (beide Stuttgart) und Christian Kuchler (Aachen) heraus, dass es in den Vorträgen vor allem um Transformationsprozesse gehe. Ferner betonten sie die Wichtigkeit des Themas Filmarbeit insbesondere in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, da diese auf diesem Gebiet in der Vergangenheit vielfach Pionierarbeit geleistet hat.

Die Sektion „Grundlagen“ eröffnete NICOLAI HANNIG (Darmstadt). Er zeigte er auf, wie ambivalent Medien von Glaubensgemeinschaften wahrgenommen wurden und auch heute noch werden. Kirchen seien immer schon Grenzgängerinnen gewesen, die sich den raschen Entwicklungen in der wachsenden Medienlandschaft anzupassen verstanden, was aber selten Einfluss auf den Kern ihrer Glaubenslehre hatte. Geschichtlich setzte Hannig in der Zeit um 1900 an, in der die ersten Massenmedien entstanden. Zur selben Zeit erlebte das öffentliche Interesse an Religion einen Aufschwung, nicht zuletzt durch Milieubildung und Kulturkampf, sodass religiöse Themen ihren Weg vermehrt auch in säkulare Zeitungen fanden. Insbesondere der Katholizismus in all seinen Eigenheiten (Wallfahrten, Marienerscheinungen etc.) erweckte immer wieder mediale Aufmerksamkeit, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts oftmals in Polemik umschlug und oft in allgemeine öffentliche Skandalisierung mündete.

WOLFGANG BECK (Frankfurt am Main) plädierte dafür, dass Theologie an filmischen Kunstwerken lernen solle, zur „geöffneten Theologie“ zu werden. Wo Filme öffentliche Diskurse abbilden, würden sie für Sozialwissenschaften und Theologie interessant. So spiegele der Film Gegen den Strom über eine Umweltaktivistin beispielsweise einen ebensolchen Diskurs wider und setze sich kritisch mit kapitalistischen Strukturen auseinander, die unseren modernen Alltag prägen. Obwohl der Film kein genuin religiöses Sujet behandle, kommen immer wieder religiöse Topoi auf, die es in christlicher Filmarbeit und Theologie aufzuarbeiten gilt. Beck sprach sich dafür aus, dass Theologie ihre Themen aus der Gesellschaft ziehen solle, hier in Gestalt des Mediums Film, und nicht umgekehrt der Gesellschaft filmisch ihre Themen aufdrücken solle. Katholische Medienarbeit müsse sich dafür letztlich in den Dienst des Gemeinwohls stellen und dürfe nicht versuchen, die eigene Agenda durchzusetzen.

HEINZ GLÄSSGEN (Hamburg) berichtete aus seiner Zeit als Fernsehbeauftragter und Leiter der Fachstelle Medienarbeit der Diözese Rottenburg-Stuttgart in den Jahren 1970 bis 1985. Er stellte die verschiedenen Entwicklungsstufen der Medienarbeit in der Diözese dar, die schon früh über das Kreieren und Senden reiner Verkündigungsformate hinausging und bald ein umfangreiches Bildungsprogramm betreffend den Umgang mit und die Anwendung von Massenmedien entwickelte.

Anstelle eines ursprünglich geplanten gemeinsamen Filmabends gab REINHOLD ZWICK (Münster) einige aktuelle Filmtipps. Bei den drei von ihm ausgewählten Filmen handelt es sich um europäische Produktionen, die schon mit ihren Titeln auf religiöse Themen verweisen und ganz unterschiedlichen Gattungen zuzurechnen sind: die Dramen Das neue Evangelium und Corpus Christi und der Dokumentarfilm A black Jesus. Diese Filme – so Zwick – tragen Fragen und Themen an die Zuschauenden heran, die von vitaler Bedeutung für die Kirche von heute und morgen sind. Sie böten unter anderem eine Antwort auf das Programm, das zuvor Wolfgang Beck vorgeben hatte: die Einladung zur Solidarisierung mit den Armen von heute.

Die zweite, historische Sektion leitete JULIA HELMKE (Fulda) mit einem Vortrag zur protestantischen Filmarbeit seit 1948 ein. Filmarbeit war, wie sie betonte, der sich neu zusammenschließenden EKD bereits am Anfang ein großes Anliegen; zwei Konferenzen legten noch in den ausgehenden 1940er Jahren den Grundstein dafür, was später in der Gründung von Filmzeitschriften und in ersten eigenen Filmproduktionen mündete. Schon früh setzte auch eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Film ein; erste einschlägige Qualifikationsarbeiten folgten in den 1990er Jahren. Spätestens in den 1980ern sah die EKD die Notwendigkeit, aus der reinen Beobachterinnenrolle auszubrechen und aktiv das Gespräch mit der Filmindustrie zu suchen – auch um ihr theologiegeneratives Potential zu nutzen. Ausblickend stellte Helmke die Fragen in den Raum, was evangelische und katholische Filmarbeit heute noch unterscheide und ob nicht auch beispielweise interreligiöse Filmarbeit notwendig werde.

JÜRGEN KNIEP (Biberach) beschäftigte sich mit dem Zensurgefüge der Kirche – ein Thema, das während der Tagung immer wieder auftauchte: Das Medium Film wurde zunächst primär als Gefahr wahrgenommen, und es stellte sich die Frage, wer das Filmschaffen kontrollieren sollte. Kniep zeigte auf, dass die Arbeitsweise der FSK immer wieder von Machtkämpfen der verschiedenen Beteiligten geprägt war. Ferner wurde deutlich, wie sich die Vorstellung von dem, was gezeigt werden darf, im Laufe der Jahrzehnte stetig wandelte. Das Fernsehen und der Vormarsch der Videos in den 1970er und 1980er Jahren galten interessanterweise als bedeutend größere Gefahr für die Gesellschaft als das Kino, insofern diese eine Individualisierung und Privatisierung der Grenzen des Zeigbaren bedeuteten und das Zensurgefüge durcheinanderbrachten.

EDITH BLASCHITZ (Krems) analysierte die enge Verknüpfung der österreichischen Filmarbeit mit dem dortigen Nationbuilding-Prozess nach 1945 und der zeitgenössischen katholischen Morallehre. Der „neue österreichische Mensch“, Leitfigur der Nachkriegszeit, sollte moralisch gefestigt, bürgerlich und katholisch sein. Medien galten nicht als förderlich für seine Erziehung zum Wahren, Schönen und Guten und wurden besonders von der Kirche kritisch gesehen. Unter Slogans wie „Reine Jugend – Starkes Volk“ unterstützten die katholischen Jugendverbände die zunächst vor allem kirchlichen Kampagnen mit dem Ziel, die Filmkontrolle der Alliierten an sich zu ziehen. Die öffentliche Ablehnung der populären Medien wurde zunehmend von allen Parteien mitgetragen und führte schließlich zur Verabschiedung des „Schmutz und Schund“-Gesetzes. Inszeniert wurde der Kampf stets als nationale Bewegung von unten. Der indirekte Einfluss der Kirche auf die Filmwirtschaft nahm sukzessive ab, doch wurden in Österreich aus Angst vor finanziellen Einbußen noch bis weit in die 1960er Jahre hinein nur jugendfreie Filme produziert. Durch den gesellschaftlichen und kirchlichen Transformationsprozess in den 1960er Jahren geriet die katholische Filmkritik schließlich mehr und mehr an den Rand.

TIM SCHAFFARCZIK (Tübingen) nahm die Teilnehmenden mit auf eine kleine historisch-ethnografische Erkundung. Auf der Grundlage einer Denkschrift zum Pfarrkino von 1960 beleuchtete er verschiedene Funktions- und Wirkweisen der Filmarbeit im Pfarrkino Anfang der 1960er Jahre. In dieser Denkschrift charakterisiert der erste Direktor des Katholischen Filmwerks, Eugen Semle, die Praxis des Pfarrkinos in den deutschen Diözesen. In vier Erkundungen betrachtete Schaffarczik die katholische Filmarbeit als Erziehung, als Grenzziehung, als Chance und als Aushandlung im Kontext zeitgenössischer gesellschaftlicher Entwicklungen.

Mehrere Vorträge griffen das Diktum des in den gesamten 1950er Jahren wirkenden Film- und Fernsehbeauftragten der EKD Werner Hess auf, die Kirche solle in der Filmarbeit „Wächter und Gestalter“ sein. Dass dieser Anspruch auch für andere Formen der kirchlichen Medienarbeit galt, zeigte RONALD FUNKE (Potsdam) für das kirchliche Wirken im öffentlich-rechtlichen Fernsehen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. So betrieben die Kirchen durch eigene Sendezeiten, Senderbeauftragte, Gremiensitze sowie kirchliche Produktionsgesellschaften wie die katholische Tellux und die evangelische Eikon eine aktive Fernseharbeit. Unter kirchlicher Verantwortung entstanden im Fernsehen auch Freiräume etwa für sozial- und gesellschaftskritische Formate, die auch gegen Kritik aus Teilen des Publikums und der Politik verteidigt wurden.

CHRISTIAN KUCHLER (Aachen) ging genauer auf die langen 1960er Jahre als Transformationszeitraum der katholischen Filmarbeit in Deutschland ein. Erst Skandalfilme wie Die Sünderin (1951) ließen ein ernstzunehmendes Interesse breiter katholischer Kreise am Format Film entstehen, was in der Folge zur Gründung der Katholischen Filmliga als kritischem Reflexionsorgan auf die Filmwirtschaft führte. Gleichzeitig lässt sich ein Wandel von reiner Filmskepsis zur Suche nach kirchlicher Nutzbarmachung des Genres Film erkennen, der sich im Katholischen Filmwerk in Rottenburg institutionell manifestierte. Die Wander- und später Pfarrkinos sollten besonders wertvolle Filme zeigen und sie durch anschließende Diskussionen und Bildungsangebote in die kirchliche Katechesearbeit integrieren. Die katholischen Diskurse über die Filme der Zeit diversifizierten sich dabei zunehmend und verliefen nicht immer konfliktfrei, wie sich spätestens bei Filmen wie Das Schweigen (1963) zeigte.

Einblicke in die gegenwärtige Arbeit der Ökumenischen Filmjury gab ALEXANDER BOTHE (Bonn). Der große katholische Akteur auf diesem Gebiet ist der Katholische Weltverband für Kommunikation SIGNIS, der international auf verschiedenen Festivals präsent ist. Seine Entscheidungskriterien sind künstlerische Qualität und eine humanistische Grundperspektive, die den Werten des Evangeliums folgt. Bei der Berlinale 2020 beispielsweise wurde der Film Doch das Böse gibt es nicht ausgewählt, der die Geschichte von vier jungen Männern erzählt, die während ihres Militärdienstes die Todesstrafe vollstrecken sollen. Die differenzierte Darstellung dieses politisch brisanten Gewissenskonflikts im Rahmen großer filmischer und darstellerischer Kunst machte für SIGNIS den Wert des Films aus.

Die dritte Sektion, die katholische Filmarbeit in der Gegenwart genauer betrachtete, eröffnete REINHOLD ZWICK (Münster), der sich besonders antijudaistischen Stereotypen in deutschen Jesusfilmen der letzten fünfzig Jahre widmete. Ausgangspunkt war der Stummfilm Der Galiläer von 1921, der wie viele nachfolgende maßgeblich von den Passionsspielen in Oberammergau inspiriert wurde. Zwick betonte bei seinem Gang durch die Jesusfilmgeschichte, wie sehr immer wieder die Juden negativ überzeichnet wurden, besonders im Kontrast zu den Römern, und wie ihnen die Rolle der Jesusmörder zugewiesen wurde. Sogar noch bei Filmen der 1970er und 1990er Jahre wies er diese Tendenz und das Bild vom jüdischen Volk als Antagonist Jesu nach.

ALEXANDER BOTHE verknüpfte in seinem zweiten Tagungsbeitrag Texte des katholischen Lehramts sowie biblische Textstellen mit dem Anliegen und dem Anspruch katholischer Filmarbeit in der Gegenwart. Er stellte heraus, dass in der Filmarbeit insbesondere das dem Christentum inhärente Bild- und Subjektverständnis erkennbar zur Geltung gebracht und gleichzeitig einzelne Subjekte gestärkt werden müssten. Filmarbeit müsse als Glaubenskommunikation verstanden werden, weshalb sie mit der Gesellschaft und ihren Individuen in Dialog stehen und deren Geschichten aufgreifen müsse. Damit fasste Bothe zusammen, was in den vorhergehenden Beiträgen schon mitschwang.

Abschließend zeigte SILVAN MAXIMILIAN HOHL (Zürich) am Beispiel des Youtube-VR-Films 2100, einem Projekt des katholischen Medienzentrums in Zürich, auf, wie katholische Medienarbeit im 21. Jahrhundert interaktiv und partizipativ gelingen könnte. Ziel des Medienzentrums sei es, durch verschiedene Projekte niederschwellig mit jungen Menschen über Glaubensthemen zu sprechen und Jugendliche zu motivieren, selbst Inhalte auf dem Youtube-Kanal zu produzieren. Dieser Film beispielsweise greife das Thema Klimawandel auf, ohne dabei eine explizit theologische Perspektive einzunehmen. Interessant waren deshalb die Ergebnisse einer nicht-repräsentativen Umfrage zu Glaubensfragen nach den Aufführungen des Films bei großen Jugendtreffen: Einerseits wurde festgestellt, dass der Film auch über die Zielgruppe hinaus gut ankam, andererseits ließen die Antworten die momentane Heterogenität der schweizerischen katholischen Kirche in Bezug auf Glaubensfragen – auch bei den Jugendlichen – erkennen.

Insgesamt gab die Tagung einen umfangreichen Überblick über Grundlagen, Geschichte und Gegenwart katholischer Film- und Medienarbeit. Trotz der Bandbreite an wissenschaftlichen Disziplinen der Vortragenden gelang es, einen roten Faden zu bewahren und aufzuzeigen, wie wichtig und fruchtbringend der Dialog mit dem Medium Film für Kirchen im deutschsprachigen Raum war und ist. So ist es wenig verwunderlich, dass am Ende der Tagung das Fazit stand, dass Film und Kino trotz der aktuellen Pandemie und trotz rasanter Entwicklungen in der Medienwelt prägend für die Gesellschaft bleiben werden und die Kirche noch weiter davon profitieren werde, wenn sie offen für diese Impulse von außen ist.

Konferenzübersicht:

Johannes Kuber und Maria Gründig (beide Stuttgart): Begrüßung

Christian Kuchler (Aachen): Einführung

1. Grundlagen – katholische Kirche und Medien

Nicolai Hannig (Darmstadt): Religion und Kirche in der Mediengesellschaft des 20. Jahrhunderts

Wolfgang Beck (Frankfurt am Main): Gegen den Strom. Eine Theologie, die an filmischen Kunstwerken lernt, eine „geöffnete Theologie“ zu werden

Heinz Glässgen (Hamburg): Medienarbeit in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Ein Rückblick auf die Jahre 1970 bis 1985

Reinhold Zwick (Münster): Aktuelle Filmtipps

2. Kirchliche Filmarbeit historisch

Julia Helmke (Fulda): Protestantische Filmarbeit von 1948 bis heute. Ein Überblick

Jürgen Kniep (Biberach): Katholische Blicke auf die „Grenzen des Zeigbaren“. Konfessionelle Positionen zur Kontrolle des Films von 1945 bis 1990

Edith Blaschitz (Krems): Katholische Filmarbeit in Österreich von 1946 bis 1970

Tim Schaffarczik (Tübingen): Der Film als „Tor zur Welt“. Historisch-ethnografische Erkundungen des Pfarrkinos anhand von Archivalien aus dem Bistum Rottenburg

Ronald Funke (Potsdam): Zwischen Kontrolle und Kooperation. Kirche und Fernsehen in der Bundesrepublik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Christian Kuchler (Aachen): Vom Verbieten zum Dialogangebot. Die langen 1960er Jahre als Transformationszeitraum der katholischen Filmarbeit in Deutschland

Alexander Bothe (Bonn): Aktuelle Filmtipps der Ökumenischen Jury

3. Katholische Filmarbeit heute

Reinhold Zwick (Münster): Jenseits der Historisierung. Die Jesusfigur im deutschen Film der letzten fünfzig Jahre

Alexander Bothe (Bonn): Moralischer Schund, visuelle Wahrheit, phronetische Erfahrung. Evolutionen, Engagements und Gegenwart katholischer Filmarbeit in Deutschland

Silvan Maximilian Hohl (Zürich): Virtuelle Realität – die neue Kommunikationsform der Kirche? Katholische Medienarbeit in der Schweiz und ihre Herausforderungen

Zitation
Tagungsbericht: Von Wanderkino bis YouTube. Katholische Filmarbeit gestern und heute, 04.03.2021 – 06.03.2021 digital, in: H-Soz-Kult, 22.04.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8911>.
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22.04.2021
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