Jüdische Identitäten in Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert im Wandel. Neue Perspektiven historisch-kulturwissenschaftlicher Forschung

Ort
Marburg
Veranstalter
Heidi Hein (Herder-Institut Marburg); Gertrud Pickhan (Freie Universität Berlin)
Datum
04.09.2005 - 15.09.2005
Von
Anna Aurast, Historisches Seminar, Arbeitsbereich Mittelalter, Universität Hamburg

Zum wiederholten Male organisierte das Marburger Herder-Institut im September eine Sommerakademie für Doktoranden und Examenskandidaten aus ganz Europa. Dieses Jahr zum Thema "Jüdische Identitäten in Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert im Wandel. Neue Perspektiven historisch-kulturwissenschaftlicher Forschung". Die Leitung der Veranstaltung hatten Dr. Heidi Hein (Herder-Institut Marburg) und Prof. Dr. Gertrud Pickhan (Freie Universität Berlin) inne. Zwischen dem 4. und 15. September hatten Historiker, Kunsthistoriker und Literaturwissenschaftler die Gelegenheit dazu, in fünf thematisch abgesteckten Sektionen ihre aktuellen Forschungsprojekte vorzustellen, um sich anschließend sowohl in zahlreichen engagierten Plenumsdiskussionen als auch außerhalb der Sektionen in geselligen Runden ausführlich und angeregt über die behandelten Themen auszutauschen und sie zu vertiefen. Die Forschungspräsentationen der Teilnehmer wurden zudem von öffentlichen Vorträgen namhafter Wissenschaftler begleitet, die nicht wenige Plenumsdiskussionen mit ihren Erkenntnissen und Ansichten kritisch und fruchtbar ergänzten.

1. Sektion: Jüdische Geschichte im Kontext neuer Forschungsperspektiven

Nach einer informativen Führung durch die einzelnen Abteilungen (Bibliothek, Bildarchiv, Karten- und Dokumentensammlung) des Herder-Instituts führte Gertrud Pickhan (Berlin) die Teilnehmer sowie das zahlreich erschienene Publikum mit ihrem öffentlichen Vortrag ‚Kulturelle Vielfalt und Mehrsprachigkeit. Jüdische Identitätskonstruktionen im Polen der Zwischenkriegszeit' in die Thematik der Sommerakademie ein. Sie zeigte am Beispiel des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbunds (Bund) die Identitätsmöglichkeiten auf, die polnischen Juden der Zwischenkriegszeit zur Verfügung standen. Neben der Volkskultur konnte demnach auch die Zugehörigkeit zum sozialistischen Bund eine Alternative für die eigene Identitätsbildung werden. Pickhan ging in ihren Überlegungen von Norbert Elias These aus, der zufolge es keine Ich-Identität ohne Wir-Identität gebe. Die polnische Judenheit der Vorkriegszeit zeichnete sich durch innere Vielfalt aus, die sich vor allem in der trilingualen (Jiddisch, Polnisch, Hebräisch) Kultur manifestierte, und ihren Ausdruck z.B. in der Blüte des polnisch-jüdischen Films der 30er Jahre oder in der großen Auswahl von jüdischer Presse fand.

Den zentralen Begriff der Sommerakademie - Identität - aufgreifend stellte Katrin Steffen (Warschau) in einem weiteren öffentlichen Vortrag die Thesen ihrer Dissertation vor, die das Phänomen der "jüdischen Polonität" gründlich untersuchte [1]. Laut Steffen sei Identität etwas flexibles und wandelbares, ein Konstrukt, wie sich auch in der Definition der jüdischen Polonität zeige: diese sei, so Steffen, ein konstruierter und sich konstruierender Identitätsentwurf, der sowohl der polnischen als auch der jüdischen Kultur untergeordnet sei. Daß Identitätsbildung bereits im Mittelalter auch gleichzeitig Abgrenzung bedeutete, zeigte Anna Aurast (Hamburg) mit ihrem Beitrag ‚Fremdzuschreibungen am Beispiel der Juden in der "Chronik der Böhmen" des Cosmas von Prag'. Der böhmische Chronist legte großen Wert darauf, Juden als fehlerbehaftete und durch und durch verwerfliche Fremdlinge darzustellen, die in Böhmen höchst unwillkommen gewesen seien. Er habe ihnen dabei ihren "falschen" Glauben, ihre angebliche Geld- und Machtsucht vorgeworfen. Möglicherweise, so Aurast, habe Cosmas von Prag mit seiner Schilderung seinem Unmut über den in Prag jener Zeit so alltäglichen Handel mit christlichen Sklaven Ausdruck geben wollen, der (auch) von jüdischen Kaufleuten betrieben worden wäre. Mit seinem Beitrag ‚Die Verflechtung zwischen Identität und Politik am Beispiel der deutschsprachigen Juden in der Bukowina vor und nach dem Zweiten Weltkrieg.' versetzte dann Petru Weber (Brighton/Berlin) die Zuhörer mit einem zeitlichen und räumlichen Sprung in die kulturell deutsch/habsburgisch geprägte Bukowina. Er untersuchte dabei zwei Hauptströmungen der Identitätsbildung deutschsprachiger Juden in der Bukowina nach dem Zerfall des Habsburger Reiches und der Übernahme der Gebiete durch Rumänien in der Folge des Ersten Weltkrieges: im nördlichen Teil (Czernowitz) sei die Bewahrung des österreichischen Erbes in Form von aktiver und bewußter Pflege der deutschen Sprache festzustellen, während im Süden eine allmähliche sprachlich-kulturelle Assimilation an Rumänien vor allem unter Jüngeren zu beobachten sei. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten reagierten die deutschsprachigen Juden in der Bukowina vermehrt mit der Ablehnung ihrer deutschen Identität. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und dessen Folgen wurde die deutsche Kultur in der Region vollständig ausgelöscht. Das Beispiel Bukowinas als Grenzgebiet und Vielvölkerland nutzte Natalia Shchyhylevska (Mainz) in ihrem literaturwissenschaftlichen Beitrag, um den ‚Kulturtransfer und die Transferwege des Fremden. Das Bukowina-Modell' aufzuzeigen. Friedliche Koexistenz und daraus resultierende Transkulturalität unterschiedlicher Volks- und Religionsgruppen in der Bukowina in der ersten Hälfte des 20. Jh., so Shchyhylevska, begünstige die Erforschung des Kulturtransfers zwischen den dort lebenden Gemeinschaften: Juden, Deutschen, Huzulen, Ruthenen, Rumänen, Zigeunern, Moldawiern. Als Übertragungs- und Untersuchungsmedium eigneten sich insbesondere Werke deutsch-jüdischer Dichter dieser Region, die neben den beiden Kultursprachen Deutsch und Jüdisch (Jiddisch und Hebräisch) auch Einflüsse anderer Kultursprachen - Rumänisch, Ukrainisch, Polnisch - vorwiesen. Anhand dieser sei die Partizipation der jüdischen Autoren aus der Bukowina an dem Kulturgut der Umgebungsgesellschaften sichtbar.

2. Sektion: Modernisierung und gesellschaftlicher Wandel

Mit seinem öffentlichen Vortrag ‚Jüdische Geschichte als Sozialgeschichte', in dem er einen Überblick über den Forschungstand zur jüdischen Sozialgeschichte skizzierte, führte der Sozialhistoriker François Guesnet (Potsdam) in das Thema der 2. Sektion ein. Dabei kritisierte er den Versuch Lässigs, die Verbürgerlichung der Juden mit dem Kapitalkonzept Bourdieus erklären zu wollen [3]. Nachfolgend präsentierte Michal Szulc (Gdansk) die ersten Ergebnisse seiner Magisterarbeit über ‚Rechts- und Sozialverhältnisse der Juden in der napoleonischen Freistadt Danzig (1807-1814).' Anhand der soziotopographischen Methode wies Szulc dabei nach, daß die erste französische Belagerung Danzigs eine bisher unbekannte Vermengung zwischen Mitgliedern der Danziger Gemeinden nach sich gezogen habe. Toralf Kleinsorges (Frankfurt/O.) Referat führte in die Problematik der Juden in Posen/Preußen ein, die er in seiner Dissertation ‚Juden und Judentum im Posener Land von der zweiten Teilung Polens (1793) bis zum polnischen Aufstand (1848)' erforsche. Im Mittelpunkt seiner Untersuchung, so Kleinsorge, stehe die Integration von ursprünglich fremden Elementen wie Aufklärung und Romantik in die jüdische Tradition und der dynamische Prozeß der Neuerfindung dieser Tradition in den jüdischen Gemeinden des Posener Landes vor dem Hintergrund der Entstehung der modernen deutschen und polnischen Nationen. Auch Mykola Kuschnir (Czernowitz) knüpfte in seinem Beitrag ‚Jüdisches Vereinswesen im Modernisierungsprozeß der Bukowina zur Zeit der Habsburgermonarchie (1848-1914): Ein Versuch der Problemstellung' an die nationalen Wandlungsprozesse des 19. Jhdts. an. Seinen Forschungsschwerpunkt legte er dabei auf jüdische Vereine auf dem Gebiet der bereits in anderen Beiträgen besprochenen Bukowina. Dabei untersuchte er die Vielfalt des ab der Mitte des 19. Jhdts. neu entstandenen jüdischen Vereinsnetzes (im Gegensatz zu den traditionellen khevrot) und führte in einem ersten Ergebnis die massenhafte Entstehung der Vereine auf zwei Tendenzen zurück: zum einen auf den Modernisierungsschub, der durch Reformen der österreichischen Regierung vorangetrieben und von Säkularisation, Emanzipation und Assimilation innerhalb des Judentums begleitet wurde, und zum anderen auf soziale und nationale Nöte der Bukowiner Judenheit.

3. Sektion: Die "großen Ideologien": Zionismus und Sozialismus

Bei der Erörterung des Zusammenhangs zwischen Ideologie und Identität, die in die Thematik der 3. Sektion einführte, tauchten Fragen nach Gefühl und Kalkül in der Geschichte auf. Zwar begegneten Historiker unweigerlich Begriffen wie ‚Nationalgefühl', ‚Gemeinschaftsgefühl' und wandten sie selbst an, häufig geschehe dies jedoch unreflektiert. Anstatt aber der Kategorie Emotionen beim historischen Arbeiten aus dem Wege zu gehen, sollten Historiker laut dem Plenumskonsens verstärkt nach wissenschaftlichen Methoden suchen, mit welchen sie auch diesen Aspekt des Menschseins in all seinen Auswirkungen auf die Geschichte gebührend zu fassen vermochten. Als Nächstes stellte Gerben Zaagsma (Florence) sein Dissertationsprojekt vor, das die Problematik der ‚Jewish communists in Paris and the Spanish Civil War' behandelt. Ausgehend von jiddischsprachiger kommunistischer, sozialistischer und zionistischer Presse der ostjüdischen Emigranten in Paris, so Zaagsma, könne nachvollzogen werden, wie der Aspekt der "Jüdischkeit" bei den jüdischen Kommunisten in Paris der 30er Jahre benutzt und konstruiert wurde. Einem von der deutschsprachigen Forschung bisher gänzlich vernachläßigten Thema widmete sich Elena Panagiotidis (Marburg) in ihrem Beitrag ‚Die Stellung der Juden in der Wirtschaft des Ersten Jugoslawien.' Sie stellte dabei wichtige Unterschiede zwischen den im Norden Jugoslawiens lebenden aschkenasischen und den eher die südlichen Regionen bewohnenden sephardischen Juden fest: die wirtschaftlich hoch entwickelten Aschkenasim seien von der nicht-jüdischen Bevölkerung Jugoslawiens beargwöhnt und als Fremde betrachtet worden, wohingegen die armen und wirtschaftlich nicht prosperierenden Sephardim als Teil der Gemeinschaft, als "unsere" Juden angesehen worden seien. Mit den polnischen Bundisten beschäftigte sich Daniel Mahla (Berlin) im nachfolgenden Beitrag, in dem er seine Magisterarbeit ‚"Mit di massen in di gassen" - Die Maifeiern des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbund in Polen 1926-1939' vorstellte. Darin untersuchte er die sozialistischen Maifeiern, ein Fest von zentraler Bedeutung für die Bundisten, ausgehend von der Prämisse, daß Massenfeste und symbolische Politik wichtige Funktionen bei der Konstruktion von Gemeinschaften und ihren Identitäten übernähmen. Die bundistische Parteiführung habe sich der Feiern bedient, um zum einen Machtansprüche und politische Forderungen nach außen zu tragen und zum anderen die Arbeiter auf die jüdisch-sozialistische Gemeinschaft einzuschwören. In der anschließenden Abendveranstaltung wurde das Bild von den jüdischen Sozialisten mit der Vorführung des Propagandafilms von Aleksander Ford "Mir kumen on" (1935) über das bundistische Medem-Sanatorium ausgezeichnet vervollständigt.

4. Sektion: Jüdische Kultur zwischen Moderne und Tradition

Mit einem aufschlußreichen Überblick über das Sovietjiddisch führte der Sprachwissenschaftler Gennady Estraikh (New York) in einem öffentlichen Vortrag die Teilnehmer in den stärker kulturwissenschaftlich geprägten Themenkomplex der Sommerakademie ein. Malgorzata Stolarska (Breslau) näherte sich in ihrem Beitrag dem Begriff "Identität" aus kunsthistorischer Perspektive: In ihrem Dissertationsvorhaben befasse sie sich mit der ‚Teilnahme (der Gesellschaft) der Breslauer Juden am künstlerischen Leben der Stadt von der Emanzipation bis zur Mitte der 30er Jahre des 20. Jhdts.' Darin versuche sie herauszufinden, inwieweit Werke von Künstlern jüdischer Herkunft als Ausdruck ihrer (jüdischen?) Identität betrachtet werden können, sei es in bezug auf die von ihnen bearbeiteten Themen, oder im Hinblick auf bestimmte Formen der Kunstwerke. Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive beleuchtete Marie Schumacher-Brunhes (Brüssel) in ihrem Beitrag die Frage nach jüdischer Identität, indem sie ihre soeben abgeschlossene Dissertation vorstellte: ‚I.L. Peretz (1852-1915) als Verkörperung eines idealen jüdischen Lebensweges im multiethnischen Polen der Jahrhundertwende.' Als Befürworter der nationalen Identität habe Peretz, so Brunhes, nicht zuletzt mit der Veröffentlichung seiner "Chassidischen Erzählungen" den Anstoß gegeben zu einer allgemeinen Besinnung auf das jüdische Selbstverständnis und die Möglichkeit einer spezifischen jüdischen Kultur im Exil, womit er zum Inspirator einer jüdischen kulturellen Renaissance im Osten Europas geworden sei. Jiddische Literatur war auch das Thema des Beitrages von Alina Polonskaya (Moskau), die jedoch ihren Schwerpunkt auf ‚The Jewish woman as a hero of Yiddish fiction at the end of the 19th and in the early 20th centuries' legte. Am Beispiel David Bergelsons ‚Noch alemen' [3] stellte Polonskaya den modernen jiddischen Roman mit einer seiner wichtigsten literarischen Errungenschaften vor: der mehrdimensionalen weiblichen Protagonistin. Von der kunsthistorischen Seite legte Maria Dimitrieva (Leipzig) mit ihrem öffentlichen Vortrag ‚Konzepte jüdischer Kunst vor dem Hintergrund der Avantgardekunst und staatlichen Kunstpolitik im Dreieck Kiev-Vitebsk-Warschau 1918-1939' das Phänomen der ‚jüdischen Renaissance' in der Kunst dar, die ihren Ausdruck auch in der staatlichen Kulturpolitik (Kulturliga in Kiev) fand. Die Komplexität jüdischer Identität wurde danach sehr anschaulich am Beispiel des Schriftstellers Elias Canetti von Erika Garics (Budapest) dargestellt. In ihrem Beitrag ‚Aspekte Canettis deutsch-jüdischer Identität' vollzog Garics Canettis Identitätsentwicklung anhand seines sprachlichen und geographischen Lebensweges, von einem Ladino sprechenden Nachfahren sephardischer Einwanderer im osmanischen Reich zum deutschsprachigen Wiener Juden im Londoner Exil. Die kulturwissenschaftliche Sektion beendete Isabelle Pignal mit ihrer Vorstellung des galizischen Schriftstellers Soma Morgenstern. In ihrem Beitrag ‚West- und Ostjuden im Zeichen des Totalitarismus der Zwischenkriegszeit in Soma Morgensterns Romantrilogie "Funken im Abgrund"' zeigte Pignal, daß für Morgenstern durchaus auch eine "umgekehrte" Wandlung jüdischer Identität vorstellbar gewesen sei: die seines Protagonisten Alfred vom assimilierten Wiener Juden zum traditionsgebundenen Ostjuden in Galizien.

5. Sektion: Vernichtung und Neuanfang

Die letzte Sektion eröffnete Piotr Weiser (Warschau) mit seinen Überlegungen zum Thema ‚Fact of continuation and lack of continuation in the interpretation of Jewish history before 1933 and after 1945. Theoretical problem and critical approach.' Darin erörterte er Probleme, auf die Historiker bei der Erforschung des Holocausts stößen. Der schwächste Punkt der Holocaust-Historiographie sei die Holocaust-Methodologie. Dabei unterschied Weiser zwischen "Erklärung" und "Verständnis" von Holocaust. Auf Widerstand im Plenum stieß jedoch seine Behauptung, der Holocaust als einmaliges Ereignis in der Geschichte sei zudem ein Ereignis ohne Grund gewesen. Oleksandr Svyetlov (Kiew) schilderte in seinem Referat ‚Jewish history education in the Baltic states' die Situation der Schulbildung in bezug auf den Holocaust in den jungen baltischen Staaten Litauen und Lettland. Zwar gebe es durch neue Textbücher und Unterrichtsmethoden deutliche Fortschritte im Vergleich zu dem 50 Jahre andauernden Schweigen über den Holocaust in der litauischen und lettischen Öffentlichkeit, jedoch sei die Darstellung zum einen häufig oberflächlich, und zum anderen würde nach wie vor die aktive Teilnahme der baltischen Völker am Holocaust öffentlich nicht thematisiert. Mit jüdischen Überlebenden unmittelbar nach dem Krieg befaßte sich Zofia Wieleba (Kassel), indem sie ihr Dissertationsprojekt ‚"Ich Leb". Das kulturelle Leben im jüdischen Displaced Persons-Camp Eschwege 1945-1949' präsentierte. Da es zwar viele offizielle Statistikdokumente, jedoch keine über das Leben in den Camps gebe, versuche sie anhand zeitgenössischer Quellen, insbesondere der Lagerzeitschrift "Undzer Hoffenung", das kulturelle und religiöse Leben sowie den Alltag der Campbewohner in Eschwege zu rekonstruieren. Der Leiter des Jüdischen Historischen Institutes (ZIH) in Warschau, Feliks Tych bot in seinem öffentlichen Vortrag ‚Die PRL-Machthaber und die jüdische Frage' einen historischen Abriß über die Lage der Juden im kommunistischen Polen. Die politischen Beziehungen zwischen Israel und der DDR skizzierte Cornelia Lein (Dresden) in ihrem klar gegliederten Beitrag ‚Außerpolitisches Interesse und Ideologie - ein Spannungsverhältnis. Das Beispiel der DDR-Israelpolitik unter besonderer Berücksichtigung der Parteibeziehungen zwischen SED und MAKI, 1949-1963.' Zwar betrachteten die DDR-Machthaber Israel als Klassenfeind, da es aus ihrer Perspektive ein kapitalistischer, imperialistischer und militaristischer Staat gewesen sei, die SED unterhielte jedoch regen Kontakt zu der kommunistischen Partei Israels, MAKI. Im letzten Beitrag der Sommerakademie präsentierte Christine Müller (Heidelberg) die Ergebnisse ihrer Magisterarbeit zum Thema: ‚Die Diskussion um das Buch "Nachbarn" und das Verbrechen von Jedwabne am 10. Juli 1941 im Spiegel der polnischen Presse - Ursachen und Folgen.' Darin arbeitete sie vier Hauptströmungen der Kritik heraus, die von polnischen Historikern am Buch von Jan Tomasz Gross geäußert worden sei: die selbstkritische Gruppe, die die Thesen Gross' generell unterstützte; die defensiv offene Gruppe, die zwar die moralische Botschaft des Buches akzeptierte, Gross' Forschungsmethoden jedoch kritisierte; die defensiv geschlossene Gruppe, die die These der polnischen Täterschaft und Hauptverantwortung für das Jedwabne-Verbrechen ablehnte, und schließlich die vierte Gruppe, die grundsätzlich die neuen Erkenntnisse und alle Argumente zurückweise, die eine polnische Mittäterschaft an dem Massaker beweisen sollten. Zum Schluß stellte Karol Sauerland (Warschau/Thorn) im öffentlichen Vortrag ergänzend zum vorangegangenen Beitrag sein Buch vor, in dem er die Jedwabne-Debatte vor dem Hintergrund der polnisch-jüdischen Beziehungen zwischen 1939 und 1968 u.a. anhand von literarischen Quellen (Milosz, Andrzejewski, etc.) beleuchtet [4].

In der Abschlußdiskussion wurden einige wichtige Ergebnisse festgehalten, die hier in aller Kürze aufgeführt werden sollen: Der zentrale Begriff der Sommerakademie, "Identität(en)", stellte sich als ein sehr komplexes Konzept heraus, das, um damit wissenschaftlich arbeiten zu können, einer genauen Definition bedarf. Kategorien wie Religion, Sprache, Herkunft etc. sind dabei von konstitutiver Bedeutung. Aus diesem Grund wäre auch eine Änderung des Titels der Veranstaltung in "Identitätskonstruktionen" empfehlenswert. Gleichzeitig wurde betont, daß "Identität" weit mehr umfaßt als "nur" Sprache oder Herkunft. Andere Aspekte spielen hier eine ebenso große Rolle, sind jedoch mit den traditionellen historischen oder literaturwissenschaftlichen Methoden viel schwieriger zu fassen: Emotionen und Psyche seien hier beispielsweise zu nennen. Um diese Kategorien wissenschaftlich korrekt erfassen zu können, bedarf es der Entwicklung neuer Methoden. Des weiteren wurde angemerkt, daß von dem Konzept "Identität" dasjenige der "Alterität" nicht zu trennen sei - durch die Wahrnehmung und Feststellung der Andersartigkeit fremder Gruppen werden die Grenzen der eigenen Identität umrissen und ausgebildet. Zu fragen wäre dann, wie Forscher mit der "Andersartigkeit" der Juden umgehen könnten. Daneben seien Identitäten wandelbare Konstrukte, die den politischen, sozialen oder kulturellen Gegebenheiten entsprechend angepaßt werden könnten, was gerade für Juden in Ostmitteleuropa in besonderem Maße gegolten habe, wie in vielen Beiträgen thematisiert wurde. Sind diese Bestandteile jüdischer Identitäten - Flexibilität, Modernität, etc. - positiv zu sehen? Ist jüdische Identität, um es zugespitzt auszudrücken, gar die bessere Alternative? Auch wenn die zuletzt gestellte Frage ungeklärt blieb, kann mit Sicherheit konstatiert werden, daß es dank der diesjährigen Sommerakademie des Herder-Instituts möglich wurde, Vertreter verschiedener Disziplinen zum Thema "Jüdische Identitäten" an einen Tisch zu setzen, damit sie ihre Erkenntnisse und Ideen in kompetenten Beiträgen und intensiven, fruchtbaren Diskussionen austauschen konnten. - Ein sehr gutes Beispiel dafür, daß Europa funktioniert.

Anmerkungen:
[1] Katrin Steffen, Jüdische Polonität: Ethnizität und Nation im Spiegel der polnischsprachigen jüdischen Presse 1918-1939 (Schrr. des Simon-Dubnow-Instituts 3) Göttingen 2004. Den Begriff "jüdische Polonität" (polskosc zydowska) schmiedete 1946 der Journalist Jakub Appenszlak.
[2] Simone Lässig, Jüdische Wege ins Bürgertum. Kulturelles Kapital und sozialer Aufstieg im 19. Jahrhundert. Mit 40 Tabellen und 18 Diagrammen (Bürgertum, N.F. 1) Göttingen 2004.
[3] Als deutsche Übersetzung unter dem Titel "Leben ohne Frühling" zuletzt 2000 beim Aufbau-Taschenbuchverlag in Berlin erschienen.
[4] Karol Sauerland, Polen und Juden zwischen 1939 und 1968. Jedwabne und die Folgen, Berlin-Wien 2004. S. auch die Rezension von Toralf Kleinsorge, in: H-Soz-u-Kult, 10.10.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-4-019>.

Zitation
Tagungsbericht: Jüdische Identitäten in Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert im Wandel. Neue Perspektiven historisch-kulturwissenschaftlicher Forschung, 04.09.2005 – 15.09.2005 Marburg, in: H-Soz-Kult, 24.10.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-893>.