Evaluation in den Geisteswissenschaften. Institutionen – Personen – Praktiken

Ort
digital (München)
Veranstalter
Netzwerk „Akademische Archive. Forschungsprojekte zur Praxisgeschichte der Geisteswissenschaften“
Datum
18.03.2021 - 19.03.2021
Von
Fiona Walter, Germanistisches Seminar, Universität Heidelberg

Evaluation als Kulturtechnik des organisierten Bewertens[1] in der Geisteswissenschaftsgeschichte der 1960er bis 1990er Jahre, insbesondere der deutsch-deutschen Disziplingeschichte der germanistischen Literaturwissenschaft – diesem spannungsreichen Untersuchungsfeld widmete sich ein mit etwa 50 Teilnehmer:innen pandemiebedingt in den digitalen Räumen der Ludwig-Maximilians-Universität München durchgeführter Workshop, zu dem die Mitglieder des wissenschafts- und fachgeschichtlichen Netzwerks „Akademische Archive“ eingeladen hatten.[2] 2018 gegründet, versammelt das Netzwerk derzeit acht Nachwuchswissenschaftler:innen, die in quellenbasierten Einzelprojekten die Praxisgeschichte der – zumeist deutschsprachigen – Geisteswissenschaften erforschen.

Nach einer ersten öffentlichen Tagung zum wissenschafts- und fachgeschichtlichen Status der scientific persona (Köln, 2019)[3] konzentrierte sich der Workshop zur Evaluation nun auf Praktiken, mit denen vornehmlich literaturwissenschaftliche Forschung in der Vergangenheit beurteilt, begutachtet, verglichen, rezensiert oder gerankt worden ist.[4] Sieben historische Fallstudien, die jeweils durch thematisch abgestimmte Respondenzen ergänzt, kommentiert oder weitergeführt wurden, ermöglichten so eine perspektivenreiche Diskussion über die Potenziale der praxeologischen Evaluationsforschung für die Wissenschaftshistoriographie der geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Ein spezifisches, doch nicht ausschließliches Augenmerk galt dabei dem zeithistorischen Transformationsgeschehen in den Jahren vor und nach der deutschen Wiedervereinigung, insbesondere dem wissenschafts- und fachgeschichtlich bisher noch nicht hinreichend aufgearbeiteten Prozess der Evaluation und Abwicklung bzw. Integration ehemaliger DDR-Forschungsinstitutionen in ein gesamtdeutsches Wissenschaftssystem nach 1990.[5]

Grundlegende Aufgabenstellungen des Workshops waren, seinem von Anna Axtner-Borsutzky (München) angekündigten explorativen Charakter entsprechend, zunächst eine heuristische Begriffsschärfung anhand von Erscheinungsformen, Kriterien, Funktionen und Wirkungen geisteswissenschaftsgeschichtlicher Evaluationspraktiken: Wie steht es um das Verhältnis von Kooperation und Konkurrenzbildung, besonders mit Blick auf die zeithistorischen Konstellationen und institutionellen Bedingungen, unter denen Evaluationen kooperations- bzw. konkurrenzstiftende Wirkungen befördert haben? Wie unterscheiden sich Selbst- und Fremdevaluation, d.h. eine auf die scientific community beschränkte, institutionen- bzw. fachintern und möglicherweise auch implizit verfahrende Selbstkritik gegenüber solchen Evaluationen, in denen gezielt rhetorische, publizistische oder gattungsspezifische Aufmerksamkeitsstrategien eingesetzt wurden, um auch eine nicht-(fach-)wissenschaftliche Öffentlichkeit etwa politisch zu mobilisieren? Und schließlich: Welche Methoden erfordert die archivbasierte Rekonstruktion geisteswissenschaftsgeschichtlicher Evaluationspraktiken im Format der case study, um einerseits der hohen Situations- und Kontextsensitivität konkreter Evaluationspraktiken gerecht werden, andererseits aber deren Einpassung in größere zeithistorische Entwicklungs- und Transformationszusammenhänge in angemessener Weise ermöglichen zu können?

Die Frage nach dem Verhältnis von Kooperation und Konkurrenz aufgreifend, zeigte zunächst VANESSA OSGANIAN (München) in einer institutionengeschichtlichen Fallstudie, wie die Evaluation der DDR-Hochschul- und Forschungslandschaft durch den Wissenschaftsrat innerhalb der bundesrepublikanischen Allianz der Wissenschaftsorganisationen konkurrenzstiftende Destabilisierungsmomente fördern konnte. Diskussionsgegenstand war die 1994 gezielt verhinderte und mit einem medialen Schlagabtausch beantwortete Wiederwahl des damaligen Wissenschaftsratsvorsitzenden Gerhard Neuweiler durch die Allianz (seinerzeit bestehend aus Helmholtz-Gemeinschaft, Fraunhofer-Gesellschaft, Max-Planck-Gesellschaft, Deutscher Forschungsgemeinschaft, Hochschulrektorenkonferenz und Wissenschaftsrat). Exemplarisch machte Osganian deutlich, wie die Uneinigkeit über eine mögliche Kompetenzüberschreitung des Wissenschaftsrats zusammen mit Divergenzen über die Ausweitung der staatlichen Fördertätigkeit in Ostdeutschland, offenen Finanzierungsfragen und der Sorge vor einer möglichen Wettbewerbsverzerrung zuungunsten des altbundesrepublikanischen Wissenschaftssystems das interne Kooperations- und Konsensualitätsgebot der Allianz außer Kraft setzten konnten.

Dass Evaluationspraktiken nicht nur auf der institutionellen Makroebene Konkurrenzbildung fördern, sondern ihre Wirkungen auch aus rhetorischen und publizistischen Verfahrensweisen beziehen und gerade dadurch wissenschaftsgeschichtlich relevante Öffentlichkeitswirkungen erzeugen können, zeigte CORA STUHRMANN (München). Anhand einer stärker textsortenspezifischen Herangehensweise legte sie dar, wie die Evaluationsformate der populärwissenschaftlichen Rezension und des Leserbriefs für die Politisierung und Polarisierung lebenswissenschaftlicher Forschung innerhalb einer breiten Öffentlichkeit funktionalisiert werden konnten. Das Fallbeispiel – die während der 1970er und 80er Jahre zwischen dem Harvard-Zoologen Edward O. Wilson und dessen Fachkollegen Richard Lewontin und Stephen Jay Gould in der New York Review of Books ausgetragene Kontroverse über die Soziobiologie – machte deutlich, wie die charakteristischerweise sach- und objektivitätsorientierte Fachrezension in nichtfachwissenschaftlichen Publikationsorganen zu einem politisch-gesellschaftskritischen Meinungsbildungsinstrument umfunktioniert werden kann, mit dem sich völlig neue Rezeptionsschichten erschließen lassen.

Welche Kooperationsbestrebungen und fachlichen Austauschprozesse es im Verlauf der deutsch-deutschen Germanistikgeschichte gegeben hatte, veranschaulichte demgegenüber UWE MAXIMILIAN KORN (Heidelberg), der die anerkennende Evaluation der DDR-Editionsphilologie durch den bundesrepublikanischen Wissenschaftsrat sowie deren fachgeschichtliche Hintergründe nachzeichnete. Die unter der Federführung Siegfried Scheibes am Berliner Zentralinstitut für Literaturgeschichte (ZIL) entwickelte „Textologie“ verband, so Korns Analyse, einen hohen Theoretisierungs- und Terminologisierungsanspruch mit der Bemühung um einfach zugängliche, „nicht-formalistische“ Editionen. Als Gegenmodell zur westdeutschen Editionstheorie aus der Tübinger Schule Friedrich Beißners habe der textologische Ansatz deshalb auch in der Bundesrepublik Vorbildcharakter entwickeln können, was zudem an der hervorragenden brieflichen Vernetzung und Anerkennung Scheibes durch Fachkollegen des westlichen Auslands, beispielsweise den Schweizer Literaturwissenschaftler Hans Zeller, nachvollziehbar werde. Ähnlich den Ergebnissen Osganians machte Korns Studie klar, dass die Evaluation nach 1990 durchaus auch in der westdeutschen Wissenschaftslandschaft schlummernden Aufholbedarf offenlegte, der zuvor – wenn überhaupt – nur im Stillen verhandelt worden war.

Angesichts der traditionell stärker individualisierten Arbeitsverfahren und Forschungspraktiken der Geisteswissenschaften, die hinlänglich als Gegenkultur zu den genau projektierbaren, ergebnisorientierten und öfter kollaborativ verfahrenden Natur- und Technikwissenschaften begriffen worden sind, konnte sich die Vorstellung einer Nicht-Evaluierbarkeit geisteswissenschaftlicher Forschung lange halten. Diese disziplinspezifische, zugespitzt als Inkommensurabilitätstopos beschreibbare Disposition griff KARENA WEDUWEN (Bielefeld) auf. In ihrer Fallstudie zeigte sie, welche Bedeutsamkeit Evaluationspraktiken für die Etablierung germanistischer Verbundforschungsprojekte (etwa der DFG-Schwerpunktprogramme, -Sonderforschungsbereiche und -Forschungsgruppen) vor dem Hintergrund der Rückstandsdebatte und den sich daran anschließenden wissenschaftsadministrativen Reformbemühungen im Westdeutschland der 1960er und 70er Jahre entwickeln konnten. An der 1980/81 unter der Leitung von Wilhelm Voßkamp am Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld eingerichteten Forschungsgruppe zur „Funktionsgeschichte literarischer Utopien in der frühen Neuzeit“ machte Weduwen exemplarisch deutlich, welche verfahrenspraktischen Wirkungen problemorientierte Projektformate und ergebnisorientierte Nützlichkeitsanforderungen in der allmählich sich etablierenden germanistischen Verbundforschung entfalten konnten – und wie sich kollektive und stärker gegenstandsbezogene Projektforschung entgegen der geisteswissenschaftlichen Inkommensurabilitätsthese langsam auch in der Germanistik einspielte.

Anschließend an die historischen Einzelfallanalysen bewirkte das interdisziplinäre Abendgespräch, das Anna Axtner-Borsutzky mit der Historikerin ANNA LUX (Freiburg), dem Soziologen TOBIAS WERRON (Bielefeld) und dem Literaturwissenschaftler CARLOS SPOERHASE (Bielefeld) führte, aufschlussreiche begriffssystematische Klärungen. Es wurde sichtbar, dass sich Evaluation in den Geisteswissenschaften als besonders stark situations- und kontextbedingte Bewertungspraxis verstehen lässt, die einerseits mittels Formalisierung, Standardisierung, Routinisierung und Iterabilität ein spezifischerweise „wissenschaftliches“ Objektivitäts- bzw. Intersubjektivitätsgebot sättigen soll, andererseits aber gleichzeitig mit nicht-wissenschaftlichen, alltäglichen oder impliziten Bewertungskriterien und Verfahrenslogiken verknüpft sein kann. Konkurrenzstiftende Wirkungen scheinen Evaluationspraktiken, so Werron in Rekurs auf die Konflikttheorie Georg Simmels, regelmäßig vor allem dann zu entwickeln, wenn die vergleichende Bewertung mindestens zweier Akteure entweder mehrfach wiederholt oder, wie beispielsweise in Hochschulrankings, besonders öffentlichkeitswirksam ausgestellt werde. Mit Blick auf den historischen Untersuchungszeitraum des Workshops wurde dagegen diskutiert, dass Evaluationspraktiken in den Geisteswissenschaften vor allem seit den organisationellen Reformbemühungen der 1960er Jahre eine größere Rolle spielten und insbesondere dann zum Einsatz kämen, wenn einerseits dem quantitativen Anwachsen des Forschungsbetriebs, andererseits einem zunehmenden Legitimations-, Transparenz- und Demokratisierungsbedürfnis innerhalb von Wissenschaftsadministration und -politik begegnet werden sollte. Als weiter befragungswürdig erwies sich demnach, wie Spoerhase einbrachte, etwa ein allgemeinerer Zusammenhang von Evaluation und „Abwicklung“ bzw. quantitativer Reduktion: In welchen historischen Situationen gingen formalisierte Evaluationspraktiken finanziellen, personellen oder strukturellen Ökonomisierungen innerhalb der Forschungslandschaft voraus? Wann und wie sind in der Wissenschaftsgeschichte bestimmte Evaluationskulturen entstanden, um organisationelle und administrative Konfliktpotenziale abzufedern, die innere Konsensfähigkeit wissenschaftspolitischer Entscheidungsträger:innen zu erhöhen und derart nach innen und außen systemlegitimierende Wirkungen zu entfalten? Als beispielhaftes Anschlussdesiderat wurde hier etwa die praxeologische Erforschung solcher Evaluationsverfahren diskutiert, mit denen in universitären Berufungsverfahren vor der Einführung stärker formalisierter Bewerbungsprozesse die Ordinariabilität von Kandidat:innen bewertet wurde. Mit Blick auf historische Berufungspraktiken in der Leipziger Hochschulgermanistik argumentierte Lux, dass schon während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fachwissenschaftliche Einflussfaktoren in ein wechselvolles Spannungsverhältnis mit institutionellen, gesellschaftlichen und politischen Aspekten eingebettet gewesen seien.

Welche Funktionen, Veränderungen und Kontinuitäten die fachinterne Evaluation literaturwissenschaftlicher Qualifikationsleistungen in der unmittelbaren Vor- und Nachwendeperiode kennzeichneten, verdeutlichte ERIKA THOMALLA (Berlin). An 60 Promotionsgutachten, die vom Beginn der frühen 1980er Jahre bis in die Nachwendezeit an der Humboldt-Universität zu Berlin entstanden sind, konnte sie zeigen, dass bereits deutlich vor der Wiedervereinigung selbstreflexive, über den Bezugsrahmen der marxistisch-leninistischen Theoriebildung hinausgehende literaturwissenschaftliche Innovations- und Modernisierungspotenziale verhandelt worden sind. Die fachinterne Leistungsevaluation in der Gattung des Gutachtens könne deshalb, so Thomallas These, insgesamt auch als implizite Selbstevaluation der gesamten DDR-Germanistik verstanden werden: Als „Modernisierung unter der Hand“ habe ein kritisch reflektierter Systemwechsel auch innerhalb der Fachwissenschaft bereits lange vor der politischen Wende 1989 Einzug gehalten. Hieran anschließend wäre die Wiedervereinigung, so die Zuspitzung des Diskussionsergebnisses, auch im Hinblick auf die Disziplingeschichte der germanistischen Literaturwissenschaft nicht als unikaler, zeithistorisch genau zu datierender Bruch, sondern vielmehr als längerfristiger, intern motivierter Ausdifferenzierungs- und Transformationsprozess zu verstehen, dessen Inkubationsphase mindestens bis in die frühen 1980er Jahre zurückreicht.

Am Beispiel der internen Organisationsgeschichte der Hölderlin-Gesellschaft analysierte SANDRA SCHELL (Heidelberg) die administrativen Hürden und Möglichkeiten deutsch-deutscher Wissenschaftskooperation vor und nach der Wiedervereinigung. Die in Tübingen angesiedelte Hölderlin-Gesellschaft war im Gegensatz etwa zur Weimarer Goethe-Gesellschaft während der gesamten Dauer der deutschen Teilung nicht als paritätischer oder internationaler Verein aufgestellt, und ihre Mitgliederverteilung wies durchgängig eine starke Asymmetrie zugunsten der Bundesrepublik auf. Anhand der Archivakten konnte Schell aber nachweisen, wie innerorganisationelle Maßnahmen und Initiativen (etwa Postsendungen, Kulturhilfen, reduzierte Mitgliedsbeiträge oder Patenschaften) ergriffen worden sind, um mit den ca. 80 ostdeutschen Mitgliedern einerseits auch während der Teilung Kommunikationsräume aufrechtzuerhalten, nach 1990 dann andererseits den „Transformationsfriktionen“ der Wendejahre angemessen zu begegnen. Dass in dieser historischen Konstellation organisationsstrukturelle auch mit personenspezifischen Faktoren verschränkt waren, konnte schließlich an der Mittlerposition des Leipziger Hölderlin-Forschers Günter Mieth nachvollzogen werden, der die bereits ab den 1980er Jahren zu beobachtende Ost-West-Wiederannäherung durch sein Engagement in besonderem Maße mitgestaltete.

Dass wissenschaftshistorische Institutionen- nicht grundsätzlich von der Personengeschichte zu trennen ist, veranschaulichte schließlich auch die Studie von MIKE ROTTMANN (Halle/Saale). Anhand der Personalentwicklung des Germanistischen Instituts der Universität Halle zwischen 1946 und 1995 konnte er langfristige strukturelle Anpassungs- und Transformationsprozesse innerhalb der DDR-Fachgeschichte aufzeigen, die als Entnormalisierung und Normalisierung erster bzw. zweiter Ordnung greifbar würden. Unter dem Begriff der Entnormalisierung zeichnete Rottmann nach, wie der Hallischen Hochschulgermanistik in der Gründungsphase der DDR zunächst die infrastrukturellen Ressourcen, etwa Bibliotheksmaterialien und Reisebewilligungen, entzogen und ganze Fachbereiche wie die Germanistische Mediävistik dezimiert worden seien. Auf eine explosionsartige Stellenexpansion in den 1980er Jahren folgte dann, im Zuge der Evaluation der ostdeutschen Universitätslandschaft nach der Wiedervereinigung, auch eine bedeutende Reduktion der Personalkapazitäten. Rottmanns Analyse verdeutlichte, dass die politisch-rechtliche Ent- und Reliberalisierung bzw. -normalisierung der DDR-Germanistik vor und nach 1989, die Internationalisierung und Umstellung des Forschungsbetriebs auf externe Finanzierung sowie die strukturellen Verschlankungen im Zuge der Systemtransformation auch auf Analyseaspekte der individuellen, biographischen Mikroebene zu beziehen sind.

Auch die abschließende Diskussion über das Forschungsformat der wissenschaftshistoriographischen case study zeigte, dass insbesondere ein rein disziplingeschichtlicher Zugriff auf archivalisches Quellenmaterial in zukünftigen Beiträgen zur geisteswissenschaftlichen Evaluationsforschung fruchtbar um prosopographische, netzwerktheoretische, politik- und ökonomiegeschichtliche Methoden erweitert werden sollte. Derart könnten, so die Empfehlung von Lux, schließlich auch die längerfristigen Transformationen rund um die Evaluationsprozesse der Wiedervereinigungsjahre im Sinne einer „langen Geschichte der ‚Wende‘“ beschreibbar werden, die in umfangreicheren systematisch-vergleichenden Studien ebenso auf die inneren Konfliktgeschichten von beteiligten Institutionen, Organisationen und Netzwerken zu beziehen wären.

Trotz seines in zeithistorischer Hinsicht fast noch gegenwärtigen Untersuchungszeitraums zeichnete sich der Workshop durch einen umfassenden, interdisziplinär fundierten Systematisierungsanspruch sowie eine bemerkenswerte Breite an analysierten und diskutierten Problemstellungen aus. Zu erwähnen ist außerdem, dass die Diskussion nicht nur von den materialreichen, quellenanalytisch und argumentativ feingezeichneten Einzelstudien, sondern überdies durch die Beteiligung von Zeitzeug:innen des deutsch-deutschen Evaluationsprozesses nach 1989 profitieren konnte. Ausgehend von den Explorationen des Workshops ist für die Wissenschaftshistoriographie beispielsweise von weiterführendem Interesse, etwa die Frage nach besonders evaluationsaffinen Textgattungen nochmals aufzugreifen und zu prüfen, welche Funktionen Listen als praxeologisches Wissens- bzw. Wissenschaftsorganisationstool in unterschiedlichen politischen und fachkulturellen Kontexten übernommen haben. Für die weitere quellenbasierte Historisierung der DDR-Germanistik kann zudem aufschlussreich sein, das literaturwissenschaftliche Rezensionswesen über einen größeren Zeitraum hinweg in institutionen- und organisationsspezifischer, aber auch textueller Hinsicht zu untersuchen. Weitere und umfangreichere Beiträge zur geisteswissenschaftsgeschichtlichen Evaluationsforschung dürfen – nicht zuletzt mit den laufenden Dissertationsprojekten von Mitgliedern des Netzwerks „Akademische Archive“ – erwartet werden.

Konferenzübersicht:

Anna Axtner-Borsutzky und Friedrich Vollhardt (München): Begrüßung

Vanessa Osganian (München): Evaluation, Konkurrenz und Konflikte. Reaktionen der Allianz der Wissenschaftsorganisationen auf die Wiedervereinigung

Respondenz: Franziska Stelzer (München)

Cora Stuhrmann (München): Evaluation und Öffentlichkeit. Rezensionen in der New York Review of Books und die Soziobiologiedebatte 1975–1985

Respondenz: Livia Kleinwächter (Köln)

Uwe Maximilian Korn (Heidelberg): Wieland, Schiller, Marx. Rezeption der DDR-Editionsphilologie in der Bundesrepublik

Respondenz: Jens Krumeich (Heidelberg)

Karena Weduwen (Bielefeld): Philologische Planungseuphorie. Zur kalkulierten Kreativität germanistischer Projektforschung nach 1960

Respondenz: Magnus Altschäfl (München)

Abendgespräch mit Anna Lux (Freiburg), Carlos Spoerhase (Bielefeld) und Tobias Werron (Bielefeld)

Erika Thomalla (Berlin): Promotionsgutachten der Wendezeit an der Humboldt-Universität zu Berlin

Respondenz: Anna Axtner-Borsutzky (München)

Sandra Schell (Heidelberg): „daß Zusammengehöriges sich zusammenfand durch das vereinigende Wort des Dichters“. Zur deutsch-deutschen Geschichte der Hölderlin-Gesellschaft

Respondenz: Sarah Gaber (Tübingen)

Mike Rottmann (Halle/Salle): Thesen zur Entwicklung der Germanistik an der Universität Halle (1946 bis ca. 1995)

Respondenz: Kay Schmücking (Halle/Saale)

Abschlussdiskussion

Anmerkungen:
[1] Vgl. Stefan Hornbostel, (Forschungs-)Evaluation: in Dagmar Simon u.a. (Hrsg.), Handbuch Wissenschaftspolitik, Wiesbaden 2016, S. 1-18; für kritische Anmerkungen danke ich Anna Axtner-Borsutzky, Uwe Maximilian Korn, Mike Rottmann, Sandra Schell und Karena Weduwen.
[2] Vgl. https://akademische-archive.de/ (31.03.2021); Mike Rottmann / Karena Weduwen, Gründung des Netzwerks „Akademische Archive. Forschungsprojekte zur Praxisgeschichte der Geisteswissenschaften“, in: Geschichte der Philologien 57/58 (2020), S. 151-155. Gefördert wurde der Workshop aus Mitteln des GraduateCenters der Ludwig-Maximilians-Universität München, dem ein besonderer Dank gilt.
[3] Vgl. https://www.morphomata.uni-koeln.de/veranstaltungen/workshop-personae-rather-than-persons-11574118000140/ (31.03.2021).
[4] Vgl. dazu bisher: Standards and Norms of Literary Studies, Journal of Literary Theory 5 (2011), H. 2.
[5] Vgl. jedoch Petra Boden / Frank-Rutger Hausmann (Hrsg.), Evaluationskultur als Streitkultur, Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 52 (2005), H. 4; Hendrikje Schauer / Marcel Lepper (Hrsg.), Germanistik in der DDR, ebd. 64 (2017), H. 2. Außerdem kennzeichnen einerseits retrospektive Erfahrungsberichte beteiligter Akteure das Feld: vgl. etwa Heinz-Jürgen Staszak, Evaluation und Transformation in der DDR-Germanistik. Ein Erfahrungsbericht, in: Jan Cölln / Franz-Josef Holznagel (Hrsg.), Positionen der Germanistik in der DDR. Personen, Forschungsfelder, Organisationsformen, Berlin 2013, S. 29-42; Ludwig Stockinger, Germanistische Literaturwissenschaft nach der deutschen Einheit. Ein Leipziger Erfahrungsbericht, Berlin 2019; anderseits (wissenschafts-)politische Interventionsversuche: vgl. Wolfgang Raible, Impressionen beim Evaluieren. Zur Abwicklung der kulturwissenschaftlichen Einrichtungen der ehemaligen DDR-Akademie der Wissenschaften, in: Heinz Ludwig Arnold / Frauke Meyer-Gosau (Hrsg.), Die Abwicklung der DDR, Göttingen 1992, S. 54-63; Eberhard Lämmert, Der lange Anlauf. Von der Evaluierung zur Chancengleichheit der Wissenschaftler in Ost und West, in: Merkur 47 (1993), H. 526, S. 30-45.

Zitation
Tagungsbericht: Evaluation in den Geisteswissenschaften. Institutionen – Personen – Praktiken, 18.03.2021 – 19.03.2021 digital (München), in: H-Soz-Kult, 13.05.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8938>.