Jüdische Jugend im Übergang / Jewish Youth in Transit

Ort
digital
Veranstalter
DFG-Projekt „Nationaljüdische Jugendkultur und zionistische Erziehung in Deutschland und Palästina zwischen den Weltkriegen“, TU Braunschweig; Richard Koebner Minerva Center der Hebräischen Universität Jerusalem; Selma Stern Zentrum für jüdische Studien Berlin-Brandenburg
Datum
04.03.2021 - 06.03.2021
Von
Knut Bergbauer, TU Braunschweig

Ausgehend von der Idee einer eigenständigen Jugendkultur, die sich ab Anfang des 20. Jahrhunderts durchzusetzen begann, und deren Umsetzung in der jüdischen Jugend und speziell der jüdischen Jugendbewegung(en) nur wenige Jahre später beobachtet werden kann, beschäftigte sich die Online-Konferenz mit Inhalten, Personen und Wechselwirkungen dieser Jugendkultur innerhalb des Forschungsfeldes der Jüdischen Jugendbewegung. Die Veranstalter:innen hatten für ihre Konferenz bewusst den Titel eines 1980 erschienenen Sammelbandes zum Leben von Ludwig Tietz, dem 1933 verstorbenen Vorsitzenden des Reichsausschusses der jüdischen Jugendbewegung, entlehnt. Denn Tietz, der aus der nicht-zionistischen Deutsch-Jüdischen-Jugend-Gemeinschaft stammte, hatte in seinem letzten Lebensjahr unter dem Eindruck der Machtübernahme der Nationalsozialisten zunehmend Verständnis für zionistische Positionen gezeigt. Genau dieser Übergang: das Zweifeln, Abwägen und Entscheiden prägte nicht nur ihn, sondern zeitgleich viele jüdische Jugendliche. Denn auch wenn Jugend immer eine Zeit des Übergangs ist, traf dieser Transit in besonderer Weise auf die Erfahrungen der jüdischen Jugendbewegung zu.

In ihrer Einleitung umrissen die Veranstalter:innen ULRIKE PILARCZYK, die das DFG-Projekt an der TU Braunschweig leitet, und OFER ASHKENAZI, Leiter des Koebner-Zentrums an der Hebräischen Universität Jerusalem und Projektpartner in Israel, das Konzept der Konferenz, erläuterten dabei den gegenwärtigen Forschungsstand und verwiesen zugleich auf offene Forschungsfragen und -desiderate.

Das Spektrum der Vorträge umfasste die Zeit von der Jahrhundertwende bis 1943, wobei der Schwerpunkt auf der Zeit nach 1918 lag. Im ersten Konferenzblock standen frühe Entwicklungen im Mittelpunkt des Interesses. Was der Begriff des „Jungjüdischen“ in der Kunst ab 1900 bedeutete, erläuterte ROSE STAIR (Oxford), anhand der Bilder und Graphiken z.B. von Efraim Moses Lilien. Mit den Biographien zweier bedeutender Frauen, die sich aktiv für Berufsausbildung und Organisation von Mädchen und Frauen in Palästina eingesetzt hatten, beschäftigten sich ESTHER CARMEL HAKIM (Haifa) (am Beispiel Chana Maisel-Shohat) und SHMUEL VARDI (Potsdam) (für Ada Fishman-Maimon). Chana Maisel hatte 1911 mit der Gründung einer Farm in Kinneret (und später Nahalal) die erste landwirtschaftliche Ausbildungsmöglichkeit für junge Frauen in Palästina geschaffen, die auch eine Vorbildfunktion für ähnliche Projekte erhalten sollte. Ada Fischman, gleichermaßen zionistisch-orthodox, sozialistisch und feministisch geprägt, war dagegen ab 1920 mit der Organisierung jüdischer Arbeiterinnen in Palästina beschäftigt. OFRI ILANY (Tel Aviv) beschrieb in seinem Beitrag das widersprüchliche und männerbündisch geprägte Leben Walter Moses`. Als Führer des jüdischen Jugendbundes Blau-Weiss war er in dessen bündischer und zunehmend autoritärerer/elitärerer Phase prägend, bis er 1924/25 den Bund verließ und nach Palästina übersiedelte. Hier lebte er dann sein „zweites Leben“, als Besitzer einer Zigarettenfabrik, Kunstsammler und bekennender Homosexueller.

Der zweite Block hatte dann speziellere Aspekte der jüdischen Jugendbewegung zum Inhalt. ULRIKE PILARCZYK nahm dazu die Entwicklung des Jungjüdischen Wanderbundes/Brith Haolim (JJWB/BH) der Jahre vor 1933 in den Blick. Während sich die bisherige Forschung vor allem mit der Frühphase des Bundes und speziell dem Hachschara-Kibbuz Hameln (Kibbuz Cherut) beschäftigt hatte, gab Pilarczyk detaillierte Einblicke in die Entwicklung des JJWB/BH für die Zeit nach der Alija der Cherut-Gruppe 1928 bis zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. In ANCA FILIPOVICIs (Cluj-Napoca) Vortrag stand die jüdische Jugendbewegung im Rumänien der Zwischenkriegszeit im Zentrum. Bemerkenswert waren hier vor allem die Erörterungen zu jüdischen Jugendbünden, die sich im Spannungsfeld von Nationalismus – jüdisch und rumänisch – bewegten, verbunden mit einem Bekenntnis zum rumänischen Königshaus. Zum Abschluss des ersten Tages widmete sich REBEKKA GROSSMANN (Jerusalem) der Interpretation von Fotografien aus der jüdischen Jugendbewegung als eigener Quellengattung. Sie erläuterte dabei an Bildbeispielen die Bedeutung dieser Fotografien zur Selbstvergewisserung der Jugendlichen sowie allgemeine und spezifische Bildinhalte.

Der zweite Tag wurde durch die Mitarbeiterinnen des Archivs der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF) in Berlin BETTINA REIMERS, ANETT KREFFT und HENRIETTE HILLER eröffnet, die das Forschungsmanagement der bisher gesammelten Daten des Braunschweiger Projektes durch ihre Institution erläuterten. Im ersten thematischen Block des Tages beschäftigten sich alle Beitragenden mit Fragen, die sich um den Forschungsgegenstand Jugend-Alija bewegten. BEATE LEHMANN (Braunschweig) erinnerte an die weitgehend vergessene Biographie von David Werner Senator, der in der Forschung meist nur als zionistischer Funktionär beschrieben wird, auch wenn gelegentlich an dessen Engagement für die Jugend-Alija erinnert wurde. Lehmann akzentuierte dagegen auch Senators Verbindungen zur jüdischen Jugendbewegung. MARCO KISSLING (Braunschweig) beschrieb das Verhältnis zwischen der amerikanisch-zionistischen Frauenorganisation Hadassa und der Jugend-Alija auf Basis ihrer Korrespondenzen. Dabei machte Kissling klar, wie bedeutsam, bei allen Schwierigkeiten im Detail, dieser Versuch einer transatlantischen Zusammenarbeit war. Hanoch Rinott-Reinhold, dessen Biographie aus der jüdischen Jugendbewegung in die Jugend-Alija führte, stand anschließend im Fokus von MIRIAM SZAMETs (Jerusalem) Vortrag. Rinotts Lebensweg warf damit zugleich ein Schlaglicht auf andere Akteur:innen der Jugendbewegung, die ihre professionelle Bestimmung schließlich in der pädagogisch-institutionellen Praxis gefunden hatten. Der Komplex Jugend-Alija wurde durch eine Untersuchung der Journale der Jugend-Alija-Gruppen in den Kibbuzim von EINAT NACHMIAS (Maabarot) ergänzt. Diese meist in Hebräisch erstellten Gruppenbücher hatten ihre Vorbilder in den Fahrtenbüchern der Jugendbewegung und dienten auch hier der Selbstvergewisserung der Gruppe, reflektierten aber vor allem die Ankunft in der Neuen/Alten Heimat mit allen damit verbundenen (existentiellen) Schwierigkeiten und Ereignissen.

Der Nachmittag des zweiten Konferenztages begann mit einem Vortrag von KNUT BERGBAUER (Braunschweig) zu den Verbindungen jüdischer Jugendbewegung aus Deutschland in Europa. Ausgehend von der Feststellung, dass Transnationalität bisher im Rahmen des DFG-Projektes als auch in der Geschichte der zionistischen Jugendbewegung weitgehend nur zwischen Deutschland und Palästina verstanden wurde, versuchte der Beitrag verschiedene Versuche und Praxen eines Austausches der jüdischen Jugendbewegungen innerhalb des Galuth nachzuzeichnen. Danach wandte sich VERITY STEELE (Southhampton) in ihrem Vortrag der Praxis der religiös-zionistischen Pionier-Organisation BaChaD zu. Im Zentrum stand dabei die religiöse Hachschara in England, die besonders nach 1938, nachdem die Möglichkeiten in Deutschland immer mehr eingeschränkt waren, zunehmend an Bedeutung gewann.

Hatte sich die Konferenz bis dahin weitgehend auf die zionistische Jugendbewegung konzentriert, lag der Fokus der folgenden Beiträge an diesem Nachmittag auf nicht-zionistischen Perspektiven. LIEVEN WÖLK (Berlin) dokumentierte die bisher weitgehend unbekannte Geschichte der Mädchenschaft in dem von Jungen dominierten Schwarzen Fähnlein. Auch wenn es sich hier lediglich um einen kleinen Jugendbund handelte, kristallisierten sich in dessen Programmatik die Fragen von Deutschtum und Judentum überdeutlich heraus. WIEBKE ZEIL (Berlin) beschrieb im Anschluss die nicht-zionistische Ausbildungsstätte im schlesischen Gross-Breesen. Äußerlich geprägt durch die Erfahrungen der zionistischen Hachschara, gelang es hier bis zum November 1938 unter Leitung des Reformpädagogen Curt Bondy, eine eigene Identität der Gross-Breesener zu formen, die sich auch in den späteren „Rundbriefen“ dieses Kreises widerspiegeln sollte.

Hachschara als bedeutende Ausbildungs- und Erziehungs-Instanz der jüdischen Jugendbewegung hatte schon 2019 auf einer ersten Tagung des Braunschweiger Projektes im Zentrum gestanden. So war es folgerichtig, dass Fragen der Hachschara auch im Mittelpunkt der Konferenz 2021 standen. Diesmal befassten sich die Beiträge allerdings ausschließlich mit der Auslands-Hachschara. SILVIA GOLDBAUM TARABANI FRACAPANEs (Paris) Vortrag hatte dabei die Ausbildung in Dänemark zum Inhalt. Die Hachschara wurde dort bis zur endgültigen Auflösung 1943, vor allem von jungen deutsch-jüdischen Flüchtlingen geprägt, wäre aber ohne Unterstützung von dänisch-jüdischen Organisationen nicht denkbar gewesen. DANIELA BARTAKOVA (Prag) gab in ihrem Beitrag einen Überblick über Fragen und Probleme der Hachschara in der CSR, wobei sie einen Schwerpunkt auf Fragen von sexueller Aufklärung als erzieherischem Konzept legte. HANS SCHIPPERS (Utrecht) beschäftigte sich schließlich mit den deutschen Chaluzim der Westerweel Gruppe (Niederlande), die im Rettungswiderstand einen bedeutenden Beitrag geleistet hatten. Die Gruppe um den nichtjüdischen Christsozialisten Joop Westerweel, in der Juden und Nicht-Juden gleichermaßen aktiv waren, fälschte Papiere und organisierte Fluchtrouten, auf denen Juden über Spanien nach Palästina entkommen sollten. Eine Reihe der Aktiven dieses Kreises, darunter Westerweel und der junge Zionist Joachim Schuschu Simon, wurden verhaftet und umgebracht.

Die Konferenz endete mit einem Resümee der Veranstalter:innen Ulrike Pilarczyk und Ofer Ashkenazy sowie einer abschließenden Diskussion. Zum Erfolg der Konferenz trugen ohne Zweifel auch die Diskussionsleitungen der Konferenz-Panels, dank der klugen und sachkundigen Moderation bei.[1]

Konferenzübersicht:

Ofer Ashkenazi (HU Jerusalem) / Ulrike Pilarczyk (TU Braunschweig): Begrüßung und Einführung in das Thema der Konferenz.

Grußwort der Präsidentin der TU Braunschweig Katja Koch

Panel 1: Wegmarken. Zionistische Ideen und Erziehungskonzepte zwischen Deutschland und Palästina
Moderation: Moshe Zimmermann (Jerusalem)

Rose Stair (University of Oxford): Jungjüdisch Zionism: the German cultural Zionist construction of youth in its generational and gendered context

Esther Carmel-Hakim (University of Haifa): Dr. Chana Maisel and Agricultural Training for Young Women

Shmuel Vardi (Universität Potsdam/MMZ): Trans/Formation: The new Hebrew national education

Ofri Ilany (Tel Aviv University): The Erotic Leader: The Case of Walter Moses and the Blau Weiss

Panel 2: Zwischen-Räume. Wechselwirkungen und Beziehungsgeschichten jüdischer Jugendbewegung
Moderation: Mirjam Zadoff (NS-Dokumentationszentrum München)

Ulrike Pilarczyk: Einmal Kibbuz und zurück. Bündisch zionistische Jugend und Erziehung zwischen Deutschland und Palästina 1928-1933

Rona Yona (Tel Aviv University): What Poland can teach Germany. Transnational aspects of Zionist youth migration (ausgefallen)

Anca Filipovici (Romanian Institute for Research on National Minorities, Cluj-Napoca): Alternative identities at the periphery of a national(ist) state. Jewish youth organizations in 1930s Romania

Rebecca Grossmann (HU Jerusalem): Geographies of Defiance: Cross-National Mobilities of German-Jewish Youth, 1929-1939

Bettina Reimers/Annett Krefft/Henriette Hiller (BBF Berlin/TU Braunschweig): Forschungs-Daten-Management im DFG-Projekt „Nationaljüdische Jugendkultur“

Panel 3: Fokus Jugend-Alija – als Erziehungs- und Rettungsprojekt
Moderation: Stefanie Schüler-Springorum (TU Berlin)

Beate Lehmann (TU Braunschweig): Vom Jüdischen Volksheim in Berlin zur Jewish Agency: Werner Senator (1896-1953)

Marco Kißling (TU Braunschweig): Transatlantische Korrespondenzen: Die Organisation der Jugendalija zwischen New York, Jerusalem, London und Berlin 1934-1939

Miriam Szamet (HU Jerusalem): Reading and Teaching a New Land simultaneously: Hanoch Reinhold-Rinott’s early work for the Youth Aliya

Einat Nachmias (Maabarot/Israel): What do the group journals of youth societies in the years 1939-1942 tell us?

Panel 4: Unterwegs. Wege jüdischer Jugendbewegung aus Deutschland
Moderation: Miriam Rürup (Universität Potsdam)

Knut Bergbauer (TU Braunschweig): Unterwegs. Jüdische Jugendbewegung aus Deutschland in Europa

Verity Steele (University of Southhampton): Tensions between the Transnational and Diasporic, the Local and the Global: The case of Brit Chalutzim Dati’im (Bachad) – a youth movement in transit

Lieven Wölk (HU Berlin): „Wir alle sind jüdischer geworden. Sollen wir uns schämen, das einzugestehen?“ – Weibliche Stimmen in einem deutschgesinnten jüdischen Jugendbund

Wiebke Zeil (HU Berlin): „... wir wollen ein bewusstes, tapferes, sauberes und geistiges Leben führen.“ Das jüdische Auswandererlehrgut Groß-Breesen im Spiegel zeitgenössischer Dokumente

Panel 5: Vom Galut nach Eretz – Jüdische Pioniere in Europa
Moderation: Micha Brumlik (Berlin)

Silvia Goldbaum Tarabini Fracapane (France): Young Jews on Hachsharah in Denmark

Daniela Bartáková (Masaryk Institute and Archive, Praha): From Galut to Eretz – Jewish pioneer youth in interwar Czechoslovakia

Hans Schippers (Netherlands): German Palestine Pioneers in the Netherlands

Abschlussdiskussion

Anmerkung:
[1] Projektwebsite des Braunschweiger Projektes: http://www.juedischejugendkultur.de (07.05.2021).

Zitation
Tagungsbericht: Jüdische Jugend im Übergang / Jewish Youth in Transit, 04.03.2021 – 06.03.2021 digital, in: H-Soz-Kult, 13.05.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8940>.
Redaktion
Veröffentlicht am
13.05.2021
Beiträger
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Veranstaltung
Sprache Veranstaltung