Gesicht und Handschrift. Transzendente Begründung und Authentifikation in mittelalterlichen Visionen

Ort
digital (Stuttgart)
Veranstalter
Andreas Bihrer, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel; Julia Weitbrecht, Institut für deutsche Sprache und Literatur I, Universität zu Köln
Datum
18.03.2021 - 20.03.2021
Von
Lara Schwanitz, Institut für deutsche Sprache und Literatur I, Universität zu Köln; Wiebke Witt, Germanistisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Die interdisziplinäre, digitale Tagung beschäftigte sich mit den Formen der Authentisierung von Visionen und ihren funktionalen Möglichkeiten zur transzendenten Begründung. Einleitend bereiteten die beiden Veranstalter:innen den gemeinsamen Ausgangspunkt vor. So stellte ANDREAS BIHRER (Kiel) den zentralen Deutungsansatz der Tagung vor, dass das Wieder-Schreiben oder Über-Schreiben von visionärem Erleben in Bericht, Text und Bild der Beglaubigung des Geschauten und der Authentisierung des Geschilderten diene. Die textuellen und medialen Transformationen bringen unterschiedliche Strategien der Absicherung und Steigerung von Glaubwürdigkeit hervor, die an die variierenden Wahrheitskriterien der veränderten Kontexte angepasst seien.

JULIA WEITBRECHT (Köln) widmete sich dem Aspekt der Funktionalisierung von Visionen und ihrem Potential zur transzendenten Begründung diesseitiger Zusammenhänge. An der Schnittstelle zwischen Jenseits und Diesseits bringe das Erzählen von Geschautem auf religiöser, sozialer und politischer Ebene unterschiedliche Formen der Funktionalisierung hervor, die insgesamt unter dem Aspekt der Verfügbarmachung der exklusiven Transzendenzerfahrung der Visionär:innen ein Wirken auf das Diesseits in den Blick nehmen.

HEDWIG RÖCKELEIN (Göttingen) gab einen Überblick über unterschiedliche narrative Techniken der Variation in der hochmittelalterlichen Visionsliteratur. Diese Techniken griffen besonders dann, wenn die Glaubwürdigkeit des Geschauten zwischen Visionär:in und Autor ausgehandelt werde. Röckelein stellte in Hinblick auf Authentisierung und Autorisierung heraus, dass sich Inhalte und Darstellungen des Visionsgeschehens zur Steigerung der Glaubwürdigkeit am Vorwissen des Publikums über das Jenseits orientierten.

Anhand der Visionen von Orm, Thurkill und Tnugdalus argumentierte KAROLIN KÜNZEL (Kiel), dass die Darstellung des im Diesseits zurückgebliebenen Körpers des Jenseitsreisenden eine Strategie zur Authentisierung sei. Der Leib werde in der Rahmenhandlung der Vision ausführlich behandelt, um an ihm zu verdeutlichen, dass der Visionär sich im Zustand der Entrückung zwischen Leben und Tod befinde. Gleichzeitig werde über diese Darstellung des Leibes die Vision im Kontrast zur Jenseitsreise in einem realen Setting verortet und dadurch authentisiert.

ARMIN BERGMEIER (Leipzig) widmete sich der Entwicklung von Darstellung und Bedeutung des visionären Bildes. Ausgehend vom spätantiken Apsismosaik im Latomos-Kloster arbeitete er heraus, dass byzantinische Darstellungen die Erfahrbarkeit von visionärem Erleben thematisieren. Die nicht namentlich identifizierten Propheten im Apsismosaik führten Bergmeier zu der Annahme, dass hier zwei Möglichkeiten der Visionserfahrung exemplifiziert seien. Durch das Hinzufügen der Namen in der Poganovo-Ikone hingegen liege das visionäre Ereignis in der Vergangenheit, und eine Teilhabe des Betrachtenden sei nur durch interzessorische Vermittlung möglich.

Im Abendvortrag stellte DAVID GANZ (Zürich) die Frage nach der Funktionalisierung von bildlichen Darstellungen der Apokalypse und zeichnete nach, wie sie in der Verdoppelung des Zeichensystems den medialen Status der visionären Schau reflektieren. Im Zusammenspiel von Medium, Handlung und Akteur machte Ganz vier Stadien der Medialisierung von der Buchübergabe in frühmittelalterlichen Szenarien über Schreibszenen im Hochmittelalter bis zur Buchöffnung und Buchverschlingung im Spätmittelalter und in der beginnenden Neuzeit aus.

Anknüpfend an die einleitenden Thesen der Veranstalter:innen zeigte RIKE SZILL (Kiel) auf, dass sich der vermutlich im 12. Jahrhundert entstandene byzantinische Jenseitsdialog „Timarion“ nicht in einer satirischen Lesart erschöpfe, sondern Jenseitsvorstellungen und die Auseinandersetzung um die Etablierung des Fegefeuers als dritten Jenseitsort tiefergreifend reflektiere. Insbesondere anhand eines Exzerpts des Dialogs konnte sie eine Funktionalisierung im Kontext der Leib-Seele-Thematik plausibilisieren.

JOHANNES TRAULSEN (Berlin) untersuchte die politische Dimension von Visionen am Beispiel der Engelserscheinung Karls des Großen im „Rolandslied“ und in Strickers „Karl“. Mit Blick auf die illuminierte Prachthandschrift, die diesen Text mit der „Weltchronik“ des Rudolf von Ems vergesellschaftet, konnte er zeigen, dass Illustration und Sammlungskontext Strategien der transzendenten Begründung und Authentifikation von Herrschaft entwickelten. So deutete er die Zusammenstellung dahingehend, dass die Reichs- und Expansionslogik des Stricker-Textes durch die Einbindung in einen durch das Geschichtswerk vorgegebenen heilsgeschichtlich-typologischen Zusammenhang relativiert werde.

Auch UTA KLEINE (Hagen) bewegte sich mit ihrer Betrachtung einer Traumepisode Heinrichs I. aus dem „Chronicon ex chronicis“ im Rahmen politischer Prognostik, die rückwirkend auf einen Wendepunkt in der Geschichte der anglonormannischen Herrschaft prämonitorisch verweise. In der ältesten Handschrift der Chronik umrankt die Erzählung von Heinrichs Traumgesicht eine in vier Registern angelegte kolorierte Federzeichnung – eine Komposition, die nach 1135 über einer Radierung angebracht und Ergebnis einer Neuredaktion des Johannes von Worcester ist. Neben der typologischen Einordnung der Herrschergestalt und der Etablierung eines neuen Typus des Traumdeuters betonte Kleine die mediale Verdopplung der Traumerzählung im Bild als wichtigstes Mittel der Authentisierung.

TANJA MATTERN (Düsseldorf) beschäftigte sich mit dem Verhältnis von Vision und Reliquien am Beispiel der Elisabeth von Schönau und den Gebeinfunden an der St. Ursula-Kirche in Köln. Sie konnte zeigen, dass Elisabeths Vision nicht nur die tradierte Narration der heiligen Ursula und ihrer Gefährtinnen korrigiere, sondern auch selbst eine Authentisierung erhalte, wenn die mit den Reliquien verbundenen Märtyrer:innen durch ihr Sprechen und Auftreten die Relevanz des Geschauten und dessen heilsgeschichtliche Bedeutsamkeit unter Beweis stellen. Die Authentizität der Reliquien, der ihnen beigegebenen Tituli und der Vision der Elisabeth von Schönau präsentieren sich als mediales Ensemble.

Ausgehend vom Negativbeispiel der Kurzvita des Kölner Bischofs Severin in „Der Heiligen Leben“ erprobte DANIEL EDER (Göttingen) an der ersten lateinischen Vita des heiligen Severin den narratologischen Begriff der Ereignishaftigkeit, um damit das Verhältnis von Narration und Vision in der Vita zu beschreiben. Für die drei Visionen der lateinischen Vita sei eine syntagmatische Verklammerung auszumachen, die qua göttlicher Offenbarung aus dem episodenhaften Geschehen eine Geschichte entwickle. Dabei zeige die Betrachtung der Visionen auch, dass die Heiligkeit des Kölner Bischofs als Wunderwirkender und Tugendvorbild über die Verbindung mit dem heiligen Martin entworfen und authentisiert wurde.

MAXIMILIAN BENZ (Bielefeld) überführte den leitenden Ansatz der Tagung in die Analyse einer Sammlungskompilation aus der Bibliothek des Anton von Annenberg. In der Fokussierung auf die rahmenden Texte der Handschrift – drei Jenseitsreiseerzählungen und die „Imitatio Christi“ des Thomas von Kempten – argumentierte er für eine wechselseitige Funktionalisierung von Vision und Devotion. Während die Visionen der Jenseitsreisen Höllenstrafen in ihrer konkreten Wirksamkeit am Beispiel der sündhaften Visionär:innen vorführen und so eine vorbeugende Selbstsorge des Gläubigen und die Ausbildung eines christlich-moralischen Habitus durch meditative Praktiken, ein Leben als meditatio mortis, motivierten, leiste die Inserierung der Jenseitsreisen in einem auch diskursiv ausgerichteten Sammlungskontext eine Authentisierung dieser streitbaren Erzählungen.

Im Fassungsvergleich der frühneuhochdeutschen Übersetzungen C und D der „Visio Tnugdali“ verfolgte PATRICK NEHR-BASELER (Kiel) die These, dass die Übersetzungen im Absatzmarkt des süddeutschen Buchdrucks durch mediale Gestaltung und inhaltliche Umakzentuierungen unterschiedliche frömmigkeitstheologische und seelsorgerische Potentiale entfalten. So fokussiere C die Schulung der inneren Sinne und stelle das fortwährende Hoffen auf Gottes Barmherzigkeit als heilsame emotionale Haltung in den Vordergrund, während D sich dadurch auszeichne, dass an den Jenseitsreisenden Tundalus als skrupulöse Figur geringere Ansprüche gestellt werden.

CORNELIA LINDE (Greifswald) zeigte am Beispiel der schon zu Lebzeiten als Heilige verehrten Lucia Brocadelli den Umgang der Dominikaner mit Visionen und Visionär:innen ex negativo auf. Sie überlegte, aus welchen Gründen die Visionen Lucias nicht authentisiert, funktionalisiert oder verbreitet wurden. Im Fokus der Diskussion stand dabei zum einen die Frage nach dem Verhältnis von Selbstautorschaft der Visionärin und männlichen Fürsprechern respektive Authentisierungsinstanzen. Zum anderen plausibilisierte Linde, dass das Scheitern der Authentisierung auch im Zusammenhang mit der konkurrierenden Auseinandersetzung mit den Franziskanern zu sehen sei.

Anhand des Apokalypsenkommentars des Laicus Alexander Minorita reflektierte FELICITAS SCHMIEDER (Hagen) historisch und systematisch die zentralen Fragestellungen und Ergebnisse der Tagung und ließ die verschiedenen herausgearbeiteten Authentisierungsstrategien Revue passieren. Ausgehend von der Gesamtschau der Beiträge lenkte sie den Blick auch auf Fragen der Klassifizierung: In der Vielfalt an Zuständen (visio, visum, somnium, Reise, Traum, Erscheinung, Gesicht, Prophetie, Kommentar, Brief, Audition), in denen Visionen ihren Erzählraum finden, ziele die konkrete Wahl der Bezeichnung darauf, den Ursprung des Textes zu skizzieren und darüber eine Authentisierung des Geschauten anzustreben.

In ihren Vorträgen entwarfen die Teilnehmer:innen dieser interdisziplinären Tagung differenzierte Perspektiven auf Transformationen des visionären Gesichts. In der Gesamtschau der Einzelbeiträge wird ein Bündel an Authentisierungsstrategien greifbar, deren Zielpunkt nicht nur, aber auch die transzendente Begründung im diesseitigen Wirkfeld sein konnte. Dabei erwies sich der Ansatz eines offenen Textkonzepts nicht nur als fruchtbar, sondern auch als konstitutives Merkmal der Texte, die mit dem Phänomen der Vision umgehen und göttliches Offenbarungswissen präsentieren. Ausgehend von den exemplarischen Vorträgen kristallisierte sich diesbezüglich in der gemeinsamen Diskussion eine begriffliche Schärfung heraus: Im Gegensatz zur „Authentifikation“ hebt die „Authentisierung“ das den Texten inhärente Potential hervor, sich durch mannigfaltige Strategien selbst authentisch zu machen.

Konferenzübersicht:

Johannes Kuber (Stuttgart): Begrüßung

Andreas Bihrer (Kiel) / Julia Weitbrecht (Köln): Begrüßung und Einführung

Moderation: Klaus Herbers (Erlangen)

Hedwig Röckelein (Göttingen): Strategien der Authentisierung, der Autorisierung und der Historisierung in hochmittelalterlichen Jenseitsvisionen

Karolin Künzel (Kiel): Zwischen den Welten. Die Körper des Jenseitsreisenden

Armin Bergmeier (Leipzig): Die spätantike Visionserwartung und ihre Transformation im Mittelalter

Abendvortrag

David Ganz (Zürich): Schrift-Bilder. Buch und Vision in mittelalterlichen Apokalypsedarstellungen

Moderation: Claudia Alraum (Erlangen)

Rike Szill (Kiel): Rasend, geblendet, irrsinnig. Das Scheitern von Visionen im „Timarion“

Johannes Traulsen (Berlin): Gesicht und Schwert. Formen und Funktionen von Visionen in der Karlsepik

Uta Kleine (Hagen): Der König träumt. Visionen als politische Botschaften im „Chronicon ex chronicis“ des Johannes von Worcester (um 1140)

Moderation: Peter Rückert (Stuttgart)

Tanja Mattern (Düsseldorf): Authentifikation durch Offenbarung – Authentifkation von Offenbarung. Elisabeth von Schönau, die Kölner „Reliquienfunde“ und die Legende der heiligen Ursula

Daniel Eder (Göttingen): Der abwesende Bischof. Überlegungen zur Funktion des Wechselspiels von Vision und Narration in der Severin-Legende

Moderation: Freimut Löser (Augsburg)

Maximilian Benz (Bielefeld): Vision und Devotion. Zu Innsbruck, ULBT, Cod. 979

Patrick Nehr-Baseler (Kiel): „Also das sy nahend verzagt was an gottes barmhertzikeyt“. Die frühneuhochdeutsche Übersetzung C der „Visio Tnugdali“ im Fassungsvergleich

Cornelia Linde (Greifswald): Der lange Arm der Ordenspolitik. Die Visonen Lucia Brocadellis (1476-1544)

Felicitas Schmieder (Hagen): Zusammenfassung und Abschluss

Zitation
Tagungsbericht: Gesicht und Handschrift. Transzendente Begründung und Authentifikation in mittelalterlichen Visionen, 18.03.2021 – 20.03.2021 digital (Stuttgart), in: H-Soz-Kult, 27.05.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8951>.