Transformation von unten. Neue Perspektiven auf den Vereinigungsprozess

Ort
digital (Leipzig)
Veranstalter
Universität Leipzig, Historisches Seminar; Leipziger Institut für Heimat- und Transformationsforschung (LIHT); Johannes-Sassenbach-Gesellschaft e.V.
Datum
22.04.2021 - 23.04.2021
Von
Konrad Bunk, Historisches Seminar, Universität Leipzig

Drei Jahrzehnte nach der staatlichen Vereinigung beider deutscher Staaten gerät die unmittelbare Transformationsphase der ostdeutschen Gesellschaft stärker in den wissenschaftlichen Blickpunkt. Der Zeitraum der frühen 1990er-Jahre soll aufgearbeitet werden, weil er in den letzten Jahren erneut Gegenstand politischer Diskurse geworden ist. Der Workshop brachte verschiedene zeitgeschichtliche, medienwissenschaftliche und medienhistorische Forschungsansätze im interdisziplinären Austausch zusammen. Dabei standen Fragestellungen im Mittelpunkt, die rund um das Thema Partizipation damals betroffener Menschen an den jeweiligen Entscheidungsprozessen kreisten. Welche Gestaltungsmöglichkeiten konnten sie in die Transformation einbringen und wie einflussreich waren sie dabei? Die meisten Beiträge entstanden aus laufenden Forschungsvorhaben. So bot sich im Rahmen des Workshops die Möglichkeit, neue Impulse für die jeweiligen Projekte zu gewinnen.

In ihrer Begrüßung erläuterten Detlev Brunner, Judith Kretzschmar und Rüdiger Steinmetz die Ziele und Hintergründe der Veranstaltung. Perspektiven „von unten“ auf den Transformationsprozess seien bislang vielfach vernachlässigt worden und die Periode müsse noch jenseits der verbreiteten Dichotomie Erfolg/Misserfolg untersucht werden. Das habe sich während der jüngsten Jubiläen von 30 Jahren Umbruch in der DDR und deutscher Vereinigung in vielen noch immer verbreiteten negativen Emotionen ausgedrückt.

JUDITH KRETZSCHMAR und RÜDIGER STEINMETZ (beide Leipzig) stellten im ersten Themenbeitrag ihr Projekt zur frühesten Transformationsphase im Spiegel sächsischer Lokalfernsehprogramme vor, das vom Freistaat Sachsen im Programm „Revolution und Demokratie“ gefördert wird. Das Vorhaben basiert auf einer modularen Methoden-Schrittfolge, die auf das gesamte Bundesland angewandt wird. Diese Module reichen von der Suche und Erfassung lokalen Fernsehmaterials über eine Kategorisierung und Einordnung, Kontextualisierung mit Zeitzeugeninterview und Fokusgruppengesprächen bis hin zur Erarbeitung von Materialpaketen für historisch-politische Bildung. Anhand des bereits durchgearbeiteten Fernsehmaterials konstatiert das Projekt schnelle, grundlegende Wandlungs- und Lernprozesse der ostdeutschen Bevölkerung, die von anfänglicher Unbefangenheit gegenüber Westdeutschland hin zu Ernüchterung führten. Kretzschmar und Steinmetz attestierten auf der Basis ihrer heutigen Fokusgruppen- und Zeitzeugengespräche die Reaktivierung traumatisierender Erfahrungen (Zeitzeugen-Generation) sowie eine große Offenheit gegenüber der medienvermittelten Erfahrung (Nachwende-Generation), noch immer große mentale Ost-West-Differenzen und einen andauernden Prozesscharakter der „Vollendung der Einheit“.

MANDY TRÖGER (München) arbeitete den Einfluss bundesdeutscher Presseverlage auf den Transformationsprozess der ostdeutschen Medienlandschaft heraus. Demnach gelang es vier Großverlagen bis zum Herbst 1990, den DDR-Markt unter sich aufzuteilen, wobei ihr Verhalten zwar teilweise ungesetzlich gewesen sei, aber mit Unterstützung der Bundesregierung und gegen den erklärten Willen der DDR-Regierungen stattgefunden habe. Tröger kontrastierte diese Entwicklung mit zeitgleichem Enthusiasmus der ostdeutschen Bevölkerung, ausgedrückt in zahlreichen Zeitungsneugründungen. Diese hätten dem Druck der bundesdeutschen Großverlage allerdings nur kurz standhalten können. Sie zeigte auf, wie die damaligen Geschehnisse den ostdeutschen Pressemarkt bis heute prägen und in charakteristischen Unterschieden zu den alten Bundesländern nachwirken, etwa beim Vorhandensein von mehr verlagsnahen Grossisten.

In seinem Beitrag über Einfluss und Handeln der Gewerkschaften in der Transformationsphase betonte DETLEV BRUNNER (Leipzig/Berlin) zunächst, dass die bundesdeutschen DGB-Gewerkschaften auf die Geschehnisse seit dem Herbst 1989 nicht vorbereitet gewesen seien, aber 1990 trotzdem zügig den wirtschaftlichen Wandel in der DDR zu beeinflussen suchten. Demnach entfiel der ostdeutsche FDGB als Akteur, und gewerkschaftliches Engagement ging von selbstständigen Ost-Gewerkschaften und den DGB-Organisationen aus. Die bundesdeutschen Gewerkschaften hätten im Osten die gewerkschaftliche Neuorganisation vorangetrieben und gleichzeitig deutliche Forderungen zur Gestaltung des Transformationsprozesses gestellt. Das widerspreche der verbreiteten Meinung, die Gewerkschaften seien nur verspätet und träge beim Thema Ostdeutschland aktiv geworden. Die großen Leitlinien der Transformationspolitik mitzubestimmen, sei den Gewerkschaften aber schwergefallen, auch weil sie in der federführenden Treuhandanstalt nur verhältnismäßig geringen Einfluss gehabt hätten. Trotzdem ließen sich durchaus prominente Erfolge feststellen, etwa der Erhalt des mitteldeutschen Chemiedreiecks, für das sich insbesondere die IG Chemie eingesetzt habe. Um abschließende Urteile über Ergebnisse und den gewerkschaftlichen Einfluss treffen zu können, müsse aber weiter geforscht werden, so Brunner.

JAKOB WARNECKE (Potsdam/Leipzig) arbeitete an einem konkreten Beispiel den Einfluss von Betriebsrat und Gewerkschaft auf die Transformation des Stahlwerks Hennigsdorf heraus. Dort sei Protestkultur und basisdemokratisches Engagement im Herbst 1989 von Anfang an stark durch Personal des Werks geprägt gewesen. Zeitgleiche Kontaktaufnahme zu bundesdeutschen Gewerkschaftsorganisationen sei aus traditionellen Netzwerken zu West-Berliner und Bremer Industriebetrieben und nicht völlig neu entstanden. Betriebliche Demokratisierung und Erneuerung habe 1989/90 aus der Belegschaft selbst heraus stattgefunden, sodass legitimiertes Personal die gewerkschaftliche Einheit 1990 vollzog. Alles Engagement sei immer eng verzahnt gewesen mit außerbetrieblichen Kräften wie dem örtlichen Bürgerkomitee, das bis zum Sommer 1990 starken Einfluss auf den Betrieb ausüben konnte.

JÖRN-MICHAEL GOLL (Leipzig) sprach abschließend über die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Transformationsprozess. Ohne vorige Initiative der bundesdeutschen Verbände der föderalen GEW seien in der DDR bis Sommer 1990 neue GEW-Verbände entstanden. Sie hätten sich in expliziter Opposition zum bisherigen SED-Staat gegründet, obwohl Lehrpersonal ideologisch eng eingebunden gewesen sei. Deshalb hätten Diskurse über ehemalige Verknüpfungen mit dem alten System einen großen Stellenwert eingenommen. Die Führungsfiguren und wichtiges Personal in zweiter Reihe seien nicht aus der Bundesrepublik, sondern aus dem oppositionellen und aus altem DDR-Gewerkschaftsmilieu gekommen. Weil viele Mitglieder der neuen Verbände an Hochschulen und Kindertagesstätten tätig waren, sei die GEW erst jetzt faktisch zur übergreifenden Bildungsgewerkschaft geworden. Goll konstatierte, dass auch auf dem Feld der Gewerkschaftsgeschichte in der Transformationszeit nach wie vor hoher Forschungsbedarf besteht.

In der Abschlussdiskussion forderte Rüdiger Steinmetz die Zeitzeugengeneration der Transformation auf, die damaligen Kämpfe nicht fortzusetzen. Alle Generationen mit ihren spezifischen Fragestellungen müssten in der Geschichtsschreibung mitgedacht werden. Auch dürfe die weitere Forschung nicht westdeutsch dominiert stattfinden und 1989/90 nicht als „Stunde null“ gelten. Schon vorher im bundesdeutschen Kapitalismus angelaufene Prozesse müssten stets mitgedacht werden und könnten im Licht der ostdeutschen Transformation besser verstanden werden. Gerlinde Frey-Vor (MDR, Leipzig) warf die Frage auf, ob zeitgenössische sozialwissenschaftliche Arbeiten über Wiedervereinigung und Transformationszeit nicht im aktuellen Diskurs neu erforscht und ausgewertet werden sollten. Detlev Brunner bekräftigte, dass auf diesem Feld künftig gearbeitet werde. Die Diskutant:innen äußerten vielfach den Wunsch, ähnliche Veranstaltungen mit weiteren interdisziplinären Beiträgen und Perspektiven auch zukünftig stattfinden zu lassen. Brunner betonte abschließend, dass der Workshop als ein Auftakt für künftige Tagungen im Rahmen der entstehenden Leipziger Forschungsstelle für Transformationsgeschichte dienen solle.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Einführung

Judith Kretzschmar/Rüdiger Steinmetz (Leipzig): Abbruch. Umbruch. Aufbruch. Transformationsprozesse in lokalen Fernsehprogrammen Sachsens (1990-1995). Mit Beispielen

Mandy Tröger (München): 30 Jahre Medienwende. Wie medienpolitische Lobbyarbeit westdeutscher Verlage die Transformation der DDR-Presselandschaft beeinflusste

Detlev Brunner (Leipzig/Berlin): Einfluss ohne Mitbestimmung? Gewerkschaftliches Handeln in der Transformationsphase der 1990er-Jahre

Jakob Warnecke (Potsdam/Leipzig): Betrieb und Gewerkschaft in der Transformation. Das Fallbeispiel Hennigsdorf

Jörn-Michael Goll (Leipzig): Die GEW im Einheits- und Transformationsprozesse

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Transformation von unten. Neue Perspektiven auf den Vereinigungsprozess, 22.04.2021 – 23.04.2021 digital (Leipzig), in: H-Soz-Kult, 02.06.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8957>.