Kommunikation und Sprache im Reich. Die Nürnberger Briefbücher im 15. Jahrhundert

Ort
digital
Veranstalter
DFG-Projekt “Kommunikation und Sprache im Reich. Die Nürnberger Briefbücher im 15. Jahrhundert”, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Datum
28.04.2021 - 28.04.2021
Von
Anna Bub / Julian Krenz / Katharina Neumeier / Martin Mayr, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Im Rahmen des an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg angesiedelten DFG-Projekts “Kommunikation und Sprache im Reich. Die Nürnberger Briefbücher im 15. Jahrhundert” fand ein digitaler Workshop statt. Die Teilnehmenden aus den Disziplinen der Geschichtswissenschaft, Linguistik und Mustererkennung setzten sich zunächst mit Fragen und Schwierigkeiten der hybriden Edition (Print und digital) der Quellen auseinander. Im Anschluss präsentierten die Projektmitarbeiter:innen ihre Dissertationsvorhaben, die angeregt diskutiert wurden.

SABRINA SPÄTH (Erlangen) stellte ihre abgeschlossenen Dissertationsarbeiten zum ersten Nürnberger Briefbuch vor. Neben ihrem Vorgehen bei der Edition der Handschrift beleuchtete sie unter anderem einige interessante Funde ihrer Auswertungen: So konnten durch die ausführliche äußere Quellenkritik nicht nur neue Erkenntnisse zur Anlage der Briefbücher festgestellt werden, sondern durch die Untersuchung von Adressaten und Briefimpulsen sowie die Schreiberdifferenzierung auch Rückschlüsse auf die inneren Kanzleiabläufe getätigt werden. Zudem eröffnete Späth ein Feld an weiteren Forschungsfragen, das sich von tiefergehenden prosopografischen Analysen unter Einbezug anderer Amtsbücher über einen Vergleich mit Briefbuchüberlieferungen anderer Städte bis hin zur Gegenüberstellung der konzeptartigen Briefbucheintragungen mit den versendeten Originalbriefen erstreckte.

In der nächsten Sektion präsentierten die Mitarbeiter:innen des DFG-Projekts die bisherigen gemeinsamen Arbeiten. Der Fokus lag auf interdisziplinären Schnittstellen bei der Erstellung einer Hybridedition mehrerer Briefbuchbände. Durch unterschiedlich originalgetreue Transkriptionsvarianten sollen Möglichkeiten für die weitere Forschung im Bereich der Geschichts- und Sprachwissenschaft geschaffen werden. Gleichzeitig wurden auch Synergieeffekte zwischen Geisteswissenschaften und Informatik – beispielsweise in Form der automatisierten Schreiberhändedifferenzierung – erkennbar. Ebenfalls ausführlich diskutiert wurden die besonderen Herausforderungen der Editionsarbeit, allen voran bei der technischen Umsetzung verschiedener Editionsformate, sowie Möglichkeiten zur langfristigen Datensicherung im Sinne des Forschungsdatenmanagements.

Erste Einblicke in inhaltliche und formale Auswertungen der Briefbücher konnten in den darauffolgenden Dissertationsvorstellungen gewonnen werden. JULIAN KRENZ (Erlangen) legt in seinem mediävistischen Dissertationsvorhaben den Fokus entsprechend der inhaltlichen Ausrichtung der Briefbücher auf die Außenpolitik der Reichsstadt Nürnberg im beginnenden 15. Jahrhundert. In Anlehnung an Luhmanns Kommunikationsbegriff können die registrierten Schriftstücke nicht nur als Ausdruck der außenpolitischen Strukturen der Pegnitzstadt verstanden werden, sondern seien gleichermaßen Voraussetzung und konstitutives Element ebendieser Strukturen. Unter dieser Voraussetzung soll die Beschaffenheit der Nürnberger Kommunikationsstrategien untersucht werden: Wie langfristig oder situativ wurde außenpolitisch kommuniziert? In welchen Situationen setzte der Nürnberger Rat auf disruptive Kommunikation, welche Angelegenheiten verfolgte er hartnäckig? Gab es Unterschiede in Kommunikation und Strukturbildung hinsichtlich unterschiedlicher Empfängergruppen wie Reichsstädten, geistlichen oder weltlichen Herren? Mögliche Anknüpfungspunkte bilden die vielfältigen Arbeiten zur Außenpolitik spätmittelalterlicher Städte sowie die Kultur- und Kommunikationsgeschichte des Politischen.

Eine Einführung in mobilitätsgeschichtliche Belange der Briefbücher lieferte ANNA BUB (Erlangen), die ihr Dissertationsvorhaben in der Bayerischen und Fränkischen Landesgeschichte vorstellte. Sie geht dabei der Frage nach, inwiefern und mit welchen Mitteln der Nürnberger Rat zu Beginn des 15. Jahrhunderts die Mobilität seiner Bürger sowie Fremder auf seinem Gebiet lenkte. Darauf aufbauend soll der Zusammenhang bzw. die Wechselwirkung zwischen Motilität (Mobilitätslenkung) und den reichsstädtischen Machtverhältnissen in der Zeit untersucht werden. Nach einer begrifflichen und methodischen Hinführung standen die verschiedenen Mittel der Mobilitätslenkung des Rates im Zentrum des Vortrags. Diese untergliedern sich in motilitätstheoretische Voraussetzungen (u.a. Reisefreiheiten, Handelsprivilegien, Infrastruktur und Geleit) und Motilitätspraxis, die sich vor allem mit der Reaktion auf Konflikte und Zwischenfälle bei der Bewegung von Nürnberger Bürger:innen beschäftigt.

Einblicke in ihr sprachhistorisch ausgerichtetes Dissertationsvorhaben gab KATHARINA NEUMEIER (Erlangen), die Aspekte der Formelhaftigkeit in den Nürnberger Briefbüchern untersucht. Zunächst arbeitete sie ausgehend von verschiedenen, textstrukturierenden Formeln das Briefformular der Reichsstadt Nürnberg im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts heraus, um im Anschluss die Mikrostruktur der untersuchten formelhaften Wendungen im Hinblick auf deren Konstanz bzw. Variation genauer in den Blick zu nehmen. Kontrastiert werden die Beobachtungen mit Überlieferungen der zeitgenössischen Briefschreiblehre in Formelbüchern sowie der frühen Briefbuchüberlieferung Speyers. Ziel der Arbeit ist es, mögliche Einflussfaktoren, wie beispielsweise schreiber- oder kanzleispezifische Präferenzen, aber auch sprachlich-stilistisch Aspekte, auf die Entwicklung historischer Formelhaftigkeit zu identifizieren und das Auftreten von Variation innerhalb formelhafter Wendungen aus linguistischer Perspektive zu beschreiben.

MARTIN MAYR (Erlangen) stellte seine Forschungsarbeiten im Bereich der automatischen Handschrifterkennung vor. Er zeigte verschiedene Herausforderungen in der Arbeit mit historischen Dokumenten auf, wie Varianz im Schriftbild, Hintergrundartefakte, Durchstreichungen und Dokumentenschäden. Diese hohe Komplexität spiegelt sich in den vielen aufeinander aufbauenden Schritten wider, die bei der automatischen Handschrifterkennung gewöhnlich vonnöten sind: Zuerst erfolgt eine Vorverarbeitung der Daten, um das Schriftbild zu vereinheitlichen, den Text vom Hintergrund zu separieren und die einzelnen Zeilen bzw. Textabschnitte zu segmentieren. Die Menge der Trainingsdaten wird künstlich mit klassischen Methoden der Bildverarbeitung oder Imitation der vorhandenen Dokumente mit neuen Inhalten erweitert. Ansätze für letzteres wurden im Laufe des Vortrags anhand von durchgeführten Arbeiten genauer dargestellt. Daraufhin erklärte Mayr die Funktionsweise des Texterkennungssystems, das als zentrales Element des Prozesses fungiert. Zuletzt ging er auf die Nachverarbeitung ein, die menschliches Wissen oder Sprachmodelle für die Verfeinerung der Ergebnisse verwendet. Das Dissertationsvorhaben befasst sich mit der Gegenüberstellung des Nutzens verschiedener Methoden der automatischen Handschrifterkennung in historischen Dokumenten zu den aufgewendeten Ressourcen.

Im Rahmen des Workshops wurden zahlreiche Perspektiven interdisziplinärer Arbeit zur weiteren Erschließung historischer Quellen deutlich, wobei sich die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit sowie eines wechselseitigen Austauschs zwischen den Disziplinen abzeichnete. So erscheint eine weitreichende Begleitung der technisierten Arbeitsschritte durch paläographisch und fachlich geschulte Wissenschaftler:innen nach wie vor unabdingbar, kann jedoch im Gegenzug durch informatische, objektivierbare Analysen ergänzt werden. Daneben offenbarte sich die große Bandbreite der städtischen Missiv- oder Briefbücher. So reichen die Inhalte dieser Quellengattung im Fall Nürnbergs von mikrogeschichtlichen Einblicken in alltägliche Gegebenheiten des städtischen Lebens im Spätmittelalter bis hin zur politischen Großwetterlage und lassen so Erkenntnisse in vielfältigen rechtlichen, geistlichen, sozialen und politischen Vorgängen zu Beginn des 15. Jahrhunderts zu.

Konferenzübersicht:

Sektion I: Vorarbeiten

Sabrina Späth (Erlangen): Das älteste Nürnberger Briefbuch (1404-1408). Edition und Auswertung einer Verwaltungshandschrift aus dem frühen 15. Jahrhundert

Sektion II: Projektarbeit

DFG-Projekt “Kommunikation und Sprache im Reich. Die Nürnberger Briefbücher im 15. Jahrhundert”. Ein Werkstattbericht

Sektion III: Dissertationspräsentationen

Julian Krenz (Erlangen): Strukturen jenseits der Stadtmauern. Die außenpolitische Kommunikation Nürnbergs zwischen 1404 und 1437

Anna Bub (Erlangen): Mediating Mobility. Motilitätskapital als Ausdruck von Machtstrukturen in den Nürnberger Briefbüchern zu Beginn des 15. Jahrhunderts

Katharina Neumeier (Erlangen): Zwischen Konstanz und Variation. Überlegungen zur Formelhaftigkeit in den Nürnberger Briefbüchern

Martin Mayr (Erlangen): Evaluation verschiedener Techniken zur Verbesserung der automatischen Handschriftenerkennung in historischen Dokumenten

Zitation
Tagungsbericht: Kommunikation und Sprache im Reich. Die Nürnberger Briefbücher im 15. Jahrhundert, 28.04.2021 – 28.04.2021 digital, in: H-Soz-Kult, 16.06.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8971>.