Communication History of International Organizations and NGOs: Questions, Research Perspectives, Topics

Ort
digital (Bremen)
Veranstalter
Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI), Universität Bremen; Fachgruppe Kommunikationsgeschichte, Deutsche Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK); Institut für Zeitungsforschung, Dortmund; Verein zur Förderung der Zeitungsforschung in Dortmund e.V.
Datum
22.04.2021 - 23.04.2021
Von
Elisa Pollack / Niklas Venema, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Freie Universität Berlin; Simon Sax, Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung, Universität Bremen

Warum eine Tagung über die Kommunikationsgeschichte Internationaler (Nichtregierungs-) Organisationen? Aus der Perspektive der Erinnerungsforschung konstatierte PETER DE BOURGRAFF (Amsterdam) eine Unterrepräsentanz des Jahres 1919 im Leitmediendiskurs des Jubiläumsjahres 2019, d.h. fehlende Erinnerungen an jene Zeit, in der die Pariser Friedenskonferenz tagte und in die die Unterzeichnung des Versailler Vertrags fällt. Schon dies scheint Grund genug zu sein, der mit diesem Vertrag vorangetriebenen Institutionalisierung internationaler Politik tagungsbreite Aufmerksamkeit zu schenken.

Dass ein solches Vorhaben insbesondere kommunikative Aspekte berücksichtigen muss, betonte MADELEINE HERREN-OESCH (Basel) in Ihrer Keynote, in der sie die Vorgeschichte der Kapitulation Japans am 2. September 1945 dar- und damit offenlegte, dass gerade die Betrachtung von – vor allem durch Akteure aus dem Umfeld Internationaler Organisationen getriebener – Kommunikation und Medialität zur Neubewertung dieses Ereignisses anregt.

In einer zweiten Keynote rückte TORSTEN KAHLERT (Wolfenbüttel) einen zentralen Diskussionsgegenstand der Tagung in den Fokus: den Völkerbund, genauer: das Sekretariat des Völkerbundes, das erst seit kurzem vermehrt wissenschaftliche Aufmerksamkeit erfährt. Kahlert stellte Befunde zu Nationalität und Gender der Mitarbeiter:innen dieses zentralen Verwaltungsorgans vor. Wenig überraschend: Obwohl die Hälfte der Sekretariatsangehörigen Frauen waren, wurden die Leitungspositionen größtenteils mit Männern besetzt. Bemerkenswert jedoch Kahlerts Befund, dass die Nationalität der Mitarbeiter:innen durchaus als strategisches Instrument begriffen wurde und bei der Vergabe von Posten eine nicht unwesentliche Rolle spielte, betonte doch Eric Drummond, von 1919 bis 1933 erster Generalsekretär des Völkerbundes, stets den internationalen Charakter und die Unabhängigkeit des Sekretariats von nationalen Regierungen. Kahlert hielt zudem fest, dass viele Sekretariatsbeamt:innen ihre Karriere nach dem Ende des Völkerbundes bei den Vereinten Nationen fortsetzten. Die Erzählung von der UN als weitgehend neuartige Organisation kann so relativiert werden.

Am Lab Kommunikationsgeschichte und Medienwandel, (ZeMKI, Universität Bremen) ist aktuell ein DFG-Projekt zur Kommunikationsgeschichte des Völkerbundes angesiedelt, aus dem heraus die Tagung organisiert wurde. So warfen fünf weitere Beiträger:innen Schlaglichter genuin auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, vor allem auf den Völkerbund.

PELLE VAN DIJK (Florenz) stellte sein Dissertationsprojekt vor, in dem er die internationalen Netzwerke des Völkerbundes ergründet. Er hob hervor, dass Abgesandte der Organisation eng mit ortsansässigen Journalist:innen zusammenarbeiteten. Mittels dieser “liason work“, die sich ausschließlich auf journalistische Meinungsführer:innen konzentrierte, hoffte man das Image des Völkerbundes zu verbessern. Der Referent konnte auch zeigen, dass diese Internationale Organisation – entgegen ihrer Selbstdarstellung – sehr wohl in Propagandaaktivitäten involviert war.

Einen Meilenstein der Entstehungsgeschichte des Völkerbundes, Wilsons 14-Punkte-Programm, erweiterte FEI HUANG (Beijing) um eine östliche Perspektive. Dem Friedensplan des US-Präsidenten stellte sie die „Erklärung der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik an das Chinesische Volk“ vom 25. Juli 1919 zur Seite. Letztere sei in China enthusiastisch rezipiert worden, habe Lenin den Heldenstatus und dem Sozialismus Reputation eingebracht.

Ausgehend von der Annahme der konstituierenden Funktion von Kommunikation für Organisationen präsentierte JÜRGEN WILKE (Mainz) Ziele, Handlungen und Probleme eines anderen, ebenfalls aus dem Versailler Vertrag hervorgegangenen Akteurs in den 1920er-Jahren: der Internationalen Arbeitsorganisation.

KAIYI LI (Braunschweig) widmete sich der Bildung als Außendarstellungsinstrument des Völkerbundes in der Zwischenkriegszeit. Mit Blick auf Unterschiede zwischen den Mitgliedsländern analysierte sie die Schulungsprogramme des Internationalen Instituts für geistige Zusammenarbeit und die Darstellung des Völkerbundes in Lehrbüchern.

SOONIM SHIN (Wien) stellte die Völkerbund-Satire Albert Cohens (1895–1981), eines ranghohen Mitarbeiters u.a. der ILO, der Jewish Agency und der UN, in seinem Roman „Die Schöne des Herrn“ vor.

SARAH NELSON (Nashville) schlug mit ihrem Vortrag die Brücke von der ersten in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit Blick auf journalistische Berufsorganisationen in den 1920er-Jahren und die UN in der Nachkriegszeit zeigte sie, dass Initiativen für eine Reform des internationalen Nachrichtenflusses lange vor den vielbeachteten Ansätzen zu einer neuen Informationsordnung in den 1970er-Jahren bestanden. Die Teilnehmenden warfen die Frage auf, ob Journalistinnen und Journalisten auch heute noch in solchem Maße medienpolitisch wirken können.

Den politischen Entscheidungen der Vereinten Nationen im Bereich der Medien und öffentlichen Kommunikation ging ROJA ZAITOONIE (Bochum) nach. In einer qualitativen Dokumentenanalyse untersuchte sie die Resolutionen der Generalversammlung und des Sicherheitsrates im Zeitraum von 1945 bis 2018. Als grundlegendes Ergebnis konnte sie festhalten, dass die Generalversammlung eine höhere Anzahl an Resolutionen verabschiedet hat, die allgemeine Informations- und Kommunikationsrechte betreffen, während der Sicherheitsrat vor allem dann tätig wurde, wenn der Bereich der strategischen Kommunikation innerhalb von Friedensoperationen betroffen war.

Die Berichterstattung u.a. über eine solche Friedensoperation analysierte MIRIAM GOETZ (Düsseldorf) an Hand von UN-Karikaturen in der serbischen und kroatischen Presse zwischen 1986 und 2008. Demnach haben sowohl serbische als auch kroatische Zeitungen und Zeitschriften die UN – insbesondere während des Bürgerkrieges – als schwache Organisation dargestellt.

Die UN waren ebenfalls Gegenstand der Betrachtungen SIGRID KANNENGIESSERS (Bremen). Sie untersuchte die Millenniums-Entwicklungsziele und die Ziele für nachhaltige Entwicklung und fragte nach der Transformation der in der Modernisierungstheorie wurzelnden Entwicklungskommunikation hin zur Nachhaltigkeitskommunikation.

Der Risiko- und Krisenkommunikation einer autonomen, mit der UN verbundenen Organisation widmete sich LUKAS SCHEMPER (Berlin) mit seinem Vortrag über die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA). Das Studium der IAEA-Akten ließ ihn für die 1970er- und 1980er-Jahre die Professionalisierung der Kommunikation einer Organisation nachvollziehen, die sich vor allem aus Wissenschaftler:innen und Expert:innen zusammensetzt. Auf der Aussagenebene habe sich diese vormals die Errungenschaften der zivilen Atomenergie preisende Kommunikation hin zur Klärung von Sicherheitsfragen verschoben, jedoch: „the message that the risks surrounding nuclear power needed to be accepted remained“.

Mit inter- und nationalen Akteurskonstellationen war ARVIND RAJAGOPAL (New York) in seiner Präsentation über das Satellite Instruction Television Experiment (SITE) befasst. Es fand zwischen 1975 und 1976 in Indien statt, in seiner Folge wurde das Satellitenfernsehen in dem südasiatischen Staat eingeführt. Rajagopal ordnete es als Produkt des Kalten Krieges ein, das vor allem von der US-Regierung vorangetrieben worden sei. Unter anderem wirkten das US-Militär, die NASA, die UNESCO und die Ford-Stiftung – oft verdeckt – auf die Einführung der neuen Kommunikationstechnologie hin.

Einen weiteren Schwerpunkt der Tagung bildeten die Kommunikationsaktivitäten europäischer Institutionen. Die Historikerin und Archivarin ANNE BRUCH (Hamburg) präsentierte die Ergebnisse ihrer Analyse von über 400 Filmen, die zwischen 1948 und 1973 in Kinos, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen europaweit vorgeführt wurden, um ein gesamteuropäisches Bewusstsein zu befördern. Bruch demonstrierte, dass die Filme an gemeinsam geteilte kulturelle Werte appellierten und insbesondere auf den Zweiten Weltkrieg Bezug nahmen. Dieser wurde als kathartisches Ereignis inszeniert, das letztlich in der europäischen Vereinigung gipfelte. Ob die Filme die intendierte Wirkung tatsächlich erzielt haben, muss mangels einer systematischen Zuschauerforschung seitens der beteiligten Organisationen leider im Dunkeln bleiben.

Mit dem Europäischen Parlament als Kommunikationsraum befasste sich INES SOLDWISCH (Aachen). Sie legte anschaulich dar, wie sich sowohl die internen als auch die externen Kommunikationsstrategien des Europäischen Parlaments im Laufe der Zeit gewandelt haben. Als Ursachen machte sie technische Innovationen wie auch Prozesse interner Neuorganisation aus.

In der Abschlussdiskussion formulierten die Teilnehmer:innen die künftigen Herausforderungen der Kommunikationsgeschichtsschreibung Internationaler Organisationen. Dabei stachen insbesondere die Forderungen Jürgen Wilkes nach einer Rückkopplung entsprechender Analysen an kommunikations- und organisationssoziologische Theoriebestände sowie nach der vergleichenden Betrachtung unterschiedlicher Organisationen hervor. STEFANIE AVERBECK-LIETZ (Bremen) betonte die Wichtigkeit postkolonialer Perspektiven für eine solche Historiographie.

Abschließend sei darauf aufmerksam gemacht, dass die Fachgruppe Kommunikationsgeschichte der DGPuK gemeinsam mit dem Nachwuchsforum Kommunikationsgeschichte im Zuge der Tagung den Nachwuchsförderpreis Kommunikationsgeschichte verliehen hat. Die diesjährige Trägerin des von der Ludwig-Delp-Stiftung geförderten Preises Julia Gül Erdogan (Stuttgart) gab einen Einblick in ihre prämierte, am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam entstandene Doktorarbeit „Avantgarde der Computernutzung. Hackerkulturen der Bundesrepublik und DDR“.

Konferenzübersicht:

Begrüßung: Kerstin Radde-Antweiler (Bremen) / Astrid Blome (Dortmund) / Christian Schwarzenegger (Salzburg/Augsburg) / Stefanie Averbeck-Lietz (Bremen)

Keynote I

Madeleine Herren-Oesch (Basel): The Effectiveness of the Invisible. Communication and International Organizations during World War II

Remembering the League of Nations

Fei Huang (Beijing): The 1919 Moment Revisited. Two Versions of Self-determination and the Background of the League of Nations

Peter de Bourgraaf (Amsterdam): Postcolonial IO Cultures of Remembrance? Mind the Gap!

Soonim Shin (Vienna): Albert Cohens literarische Satire auf den Völkerbund: „Belle du seigneur“

Postersession

MA-Studierende des ZeMKI (Bremen): Visual Communication of International Organizations

How to Mediate International Organizations

Kaiyi Li (Braunschweig): Teaching the League of Nations. An Attempt of Cultivating International Consensus during the Interwar Period

Miriam Goetz (Düsseldorf): Internationale Organisationen in der Öffentlichkeit und öffentlichen Debatten. Die UN im Spiegel serbischer und kroatischer Karikaturen (1986–2008)

Norm Building and Communication in International Organizations

Sarah Nelson (Nashville): The Anticolonial Struggle to Universalize “Information Freedom” through International Organizations in the 20th Century

Jürgen Wilke (Mainz): The Prevalence of Communication. A Case Study on the Early International Labour Organisation (ILO)

Sigrid Kannengießer (Bremen): From Millennium Development Goals to Sustainable Development Goals. Transforming Development Communication to Sustainability Communication?

Keynote II

Torsten Kahlert (Wolfenbüttel): International Bureaucracy at Work. The League of Nations Secretariat and its International Civil Servants

Communicating Europe

Anne Bruch (Hamburg): "Mission Europe". The Communication Policy of the European Institutions and their Early Audio-visual Public Relations Campaigns (1948-1973)

Ines Soldwisch (Aachen): Das Europäische Parlament als Kommunikationsraum – Konstituierung, Organisation und Wahrnehmung durch die Abgeordneten

Case studies in Internationalism

Pelle van Dijk (Florenz): Internationalism on Display: Case Studies on the League of Nations in the Member States

Arvind Rajagopal (New York): International Organizations and National Communication Systems. India’s Satellite Television Experiment, Unesco and Ford Foundation

Roja Zaitoonie (Bochum): The Policy-making of the United Nations in the Field of Media and Public Communication. A Historical Comparison between the General Assembly and the Security Council

Risk and Development Communication

Lukas Schemper (Berlin): International Organisations and the Communication of Risk. the Example of the Atomic Energy Agency in the 1970s-1980s

Zusammenfassung und Abschlussdiskussion

Erik Koenen / Stefanie Averbeck-Lietz (Bremen)

Zitation
Tagungsbericht: Communication History of International Organizations and NGOs: Questions, Research Perspectives, Topics, 22.04.2021 – 23.04.2021 digital (Bremen), in: H-Soz-Kult, 19.06.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8974>.
Redaktion
Veröffentlicht am
19.06.2021
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