Internationale Konferenz zur Geschichte und Erinnerung der nationalsozialistischen Konzentrationslager

Ort
digital
Veranstalter
Stiftung Brandenburgischer Gedenkstätten
Datum
18.05.2021 - 21.05.2021
Von
Lara Raabe / Malte Beeker, Humboldt Universität zu Berlin

In ihrer Begrüßung formulierten AXEL DRECOLL (Oranienburg) und MICHAEL WILDT (Berlin) mehrere Kernanliegen der digitalen Konferenz im Mai 2021. Hierzu gehörte eine Bilanz der Geschichtsschreibung und Erinnerungsarbeit bezüglich der nationalsozialistischen Konzentrationslager, aber auch der Einbezug neuer Perspektiven der Wissenschaft aus In- und Ausland, insbesondere vor dem Hintergrund der globalen Dimension von Nationalsozialismus und Holocaust. Als weiteres Ziel der Konferenz nannten sie die Verflechtung von Wissenschaft und Erinnerungsarbeit, zumal diese, so hoben sie hervor, gegenwärtig noch unüblich sei. Eine besondere Rolle spiele dabei auch der Umgang mit Geschichte im virtuellen Raum und seine erinnerungspolitische Dimension.

In der Keynote-Lecture zeichnete SYBILLE STEINBACHER (Frankfurt am Main) die Entwicklung der KZ-Gedenkstätten nach und beklagte eine mit der Etablierung der Erinnerungskultur als Staaträson entstandene Sinnentleerung durch Emotionalisierung, Personalisierung und Opferzentrierung. Sie nannte dabei auch zukünftige Problemfelder. Angesichts des Abschieds von den Zeitgenossinnen und Zeitgenossen würden neue Wege einer medialen, digitalen Erinnerung gesucht. Hierbei hätten die KZ-Gedenkstätten Chancen und Grenzen der digitalen Vermittlung auszuloten. Schließlich sprach sich Steinbacher dafür aus, dass sich die Gedenkstätten als in die Gesellschaft hineinwirkende Akteure verstehen sollten, um Revisionismus und Nationalismus zu verhindern.

CORNELIA SIEBECK (Hamburg) machte im Panel I „Zugänge und Diskurse“ überzeugend deutlich, dass die Verräumlichung der NS-Verbrechen durch die sogenannte Gedenkstättenbewegung den bundesrepublikanischen Gedächtnisdiskurs wesentlich hin zu einer Festigung der Auseinandersetzung und Erinnerung verändert habe. Die Gesellschaftsverbrechen seien zu einer allgegenwärtigen, konkreten Tatsache geworden, zunächst auf lokaler Ebene, aber es sei auch eine Vernetzung auf Bundesebene entstanden. Siebeck postulierte, die Gedenkstättenbewegung habe bewirkt, dass die bundesrepublikanische Alltagswelt zu einem postnationalsozialistischen Lernraum geworden sei. Insgesamt zeichneten sich die Ausführungen von Siebeck durch eine starke Zentrierung der Bundesrepublik aus, wünschenswert wäre auch ein Blick auf die DDR gewesen.

HABBO KNOCH (Köln) wies in seinem Beitrag darauf hin, dass die Frage nach der Darstellbarkeit der nationalsozialistischen Verbrechen zugunsten eines Primats der Sichtbarmachung etwa durch Fotos oder durch (virtuelle) Simulationen in den Hintergrund gerückt sei. Anhand einer WDR-Produktion legte er dar, dass erstens ein Gegenwartsbezug symptomatisch für mediale Auseinandersetzungen mit den NS-Verbrechen sei. Zweitens sei gegenwärtig die Analyse der Defizite der Rezipierenden die Grundlage der Pädagogisierung der Holocausterinnerung. Knoch plädierte jedoch dafür, die Grundlage vielmehr in dem historischen Gegenstand selbst zu sehen und kritisierte so gleichermaßen die Verwendung von erinnerungskulturell geronnenen Geschichtsbildern. Drittens sei das posthistorische Gedächtnis geprägt von einer neuen Form von Erinnerung, die durch Flüchtigkeit, Gleichzeitigkeit und Instabilität historischer Informationen definiert sei.

Im Panel II „Lager in der Gesellschaft“ ging es um die Einbettung der Lager in der NS-Gesellschaft. FRÉDÉRIC BONNNESOEUR (Berlin) stellte erhellend die aktive Rolle der Stadtverwaltungen bei der Einrichtung und Etablierung der Konzentrationslager heraus. So habe die Stadtverwaltung Oranienburg früh Kredite für die Errichtung des dortigen Konzentrationslagers Sachsenhausen vergeben und darauf hingewirkt, dass lokale Unternehmen bei Aufträgen des Lagers bevorzugt gewählt würden. Insbesondere am Beispiel des Konzentrationslagers Buchenwald zeigte Bonnesoeur überzeugend auch die Bedeutung der Initiative des städtischen Verwaltungspersonals auf, wo der lokale Standesbeamte etwa bei der Neufassung der Formblätter für Feuerbestattungen im städtischen Krematorium Weimars maßgeblich für die Übersetzung der SS-Ideologie in die städtische Verwaltungspraxis gesorgt habe.

KERSTIN SCHWENKE (München) präsentierte ihre Forschungen zu Besichtigungen von Konzentrationslagern durch „Volksgenossen“, die vor allem in der Zeit von 1933 bis 1936 alltäglich gewesen seien. Es habe sich um unterschiedliche Besuchergruppen gehandelt wie Vertreter der SS, Angehörige des Lagerpersonals, Journalistinnen und Journalisten, Medizinerinnen und Mediziner sowie Künstlerinnen und Künstler oder gar Angehörige der Häftlinge. Die Inszenierung der Lager habe die SS den jeweiligen Besuchergruppen angepasst. Über die Besichtigung von Konzentrationslagern sei dabei der Dualismus von „Volksgemeinschaft“ und „Gemeinschaftsfremden“ demonstriert worden. Im Widerspruch zu Schwenkes Befund der Inszenierung der Lager durch die SS als gewöhnliche Haftstätten steht ihr Argument, dass die Bevölkerung über die Besuche zu Komplizen der Verbrechen geworden sei.

MARTIN CLEMENS WINTER (Leipzig) widmete sich dem Kriegsende mit dem Thema der Räumungstransporte und Todesmärsche bei der Auflösung der Konzentrationslager und bezeichnete diese als die letzten nationalsozialistischen Gesellschaftsverbrechen. Der Gewaltraum „Lager“ habe nun seine Grenzen verloren, und die Bevölkerung sei nicht nur zu Mitwissern, sondern auch Akteurinnen und Akteuren des letzten Massenverbrechens geworden. Insbesondere die breite Beteiligung der Bevölkerung wie auch die dezentral auftretenden und flächendeckenden Handlungsmuster würden diese Verbrechen, so argumentierte Winter nachvollziehbar, zu einem wichtigen Feld der politisch-historischen Bildungsarbeit machen, würden sich schließlich die Entstehung und Praxis kollektiver Gewalt im sozialen Nahbereich zeigen.

Im Workshop I zum Thema “Digitalisierung und Erinnerung“ wurden drei unterschiedliche Projekte vorgestellt. AGATHI BEZANI (Thessaloniki) präsentierte eine digitale Stadtkarte Thessalonikis, auf der an verschiedenen Stellen Marker platziert sind, die zu mehrsprachigen schriftstellerischen Passagen über die Verfolgung der Juden an diesen Orten führen. ANJA BALLIS (München) und MARKUS GLOE (München) erklärten ihr Projekt der virtuellen, audiovisuellen Befragung von Zeitzeugen, deren Antworten auf rund 1.000 zuvor ausgewählte Fragen aufgenommen worden seien und nun als Antwortsample für jene Fragen zur Verfügung stünden, die den Zeitzeugen im virtuellen Raum individuell gestellt werden könnten. KERSTIN HOFMANN (Bad Arolsen) führte in das digitale Projekt „Every Name Counts“ ein, in dem Freiwillige Angaben aus Dokumenten der Verfolgung in eine Datenbank über die Opfer einspeisen. Anschließend wurden Möglichkeiten und Grenzen dieser digitalen Erinnerungsformen diskutiert. Dabei erschien die Verschiebung von Fiktion und Realität sowie die Illusion der Authentizität bei einer suggerierten, virtuellen Interaktion mit Zeitzeugen als besonders problematisch.

Im Workshop II „Visualität“ wurden unterschiedliche Rezeptionen von Bildmaterial in verschiedenen zeitlichen Kontexten diskutiert. Die Beiträge zeigten, dass visuelle Quellen eine tiefergehende Analyse bedürfen, die sich immer auch mit ihrer Rezeptionsgeschichte und Vielschichtigkeit auseinandersetzt. LEONIE WERLE (Berlin) stellte ihre Untersuchung der US-amerikanischen Wanderausstellung „Lest We Forget“ vor, die bereits 1945 von Joseph Pulitzer initiiert wurde und 25 lebensgroße Aufnahmen aus befreiten Konzentrationslagern zeigte. Die Visualisierung der Verbrechen sei im Sinne eines Bildungs- und Wahrheitsanspruches sowie zur nachträglichen Legitimierung des Kriegseintritts genutzt worden. LUKAS MEISSEL (Haifa) legte dar, dass SS-Fotografien als visuelle Beweise für die vermeintliche Richtigkeit der Ermordung der sowjetischen Kriegsgefangenen gedient hätten, da diese zu Repräsentanten des „jüdisch-bolschewistischen“ Feindes gemacht worden seien. JÜRGEN MATTHÄUS (Washington) thematisierte in seinem Beitrag private Fotoalben von Deutschen im „Osteinsatz“. Anhand einiger Beispiele argumentierte er, dass im Zentrum dieser privaten Alben immer das eigene Kriegsopfer gestanden habe. CHRISTIANE HESS (Fürstenberg / Havel) und MAJA OSSIG (Berlin) stellten ihr Forschungsprojekt „Material – Beziehung – Geschlecht. Artefakte aus den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen“ vor. Die Ergebnisse des Projekts sollen in einer Datenbank festgehalten werden, in der die Objektbiografien auf ihre Mehrdimensionalität, etwa die Lebensgeschichte der Häftlinge oder Gewalt- und Zwangsbeziehungen, verweisen.

Im Panel III „Sexualisierte Gewalt“ ging es wiederum um Sexualität in den Lagern. So trug CHRISTIN ZÜHLKE (Berlin) Ergebnisse ihrer Forschungen zur Thematisierung von sexualisierter Gewalt in den Zeugnissen des Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau vor. Sie stellte heraus, dass derartige Schilderungen zwar kurz seien, aber auf regelmäßige sexualisierte Gewalt verschiedener Formen der SS-Angehörigen gegenüber den jüdischen Frauen unmittelbar vor ihrer Ermordung hinweisen würden. Während die Reaktion der missbrauchten Frauen in den Berichten vor allem als schamhaft beschrieben worden seien, habe die Beobachtung der Gewalt den jüdischen Männern des Sonderkommandos, so argumentierte Zühlke, ihre Machtlosigkeit vor Augen geführt und diese Gewalt ihre Männlichkeit angegriffen.

ASTRID LEY (Oranienburg) machte währenddessen auf Sexualität als konstituierendes Element des Machtgefüges innerhalb der Häftlingsgesellschaft aufmerksam. So sei im Männerkonzentrationslager das große Machtgefälle innerhalb der Häftlingsgemeinschaft dazu genutzt worden, insbesondere jüngere Häftlinge zu sexuellen Handlungen zu nötigen, die gegen Begünstigungen getauscht worden seien. Hierüber seien Machtverhältnisse demonstriert und reproduziert worden. Deutlich wurde anhand der Beiträge von Zühlke und Ley die Bedeutung der Kategorie Geschlecht und der Sexualität für das Verständnis von Struktur und Ablauf der Massenverbrechen.

Im Panel IV Thema „Gewalträume und Gewalttransfer“ wurden verschiedene Forschungsansätze zur Kategorie des (Gewalt-)Raumes diskutiert. Hierbei zeigten sich Chancen und Grenzen des „spatial turn“ für die Analyse von NS-Verbrechen. JOHANNES BREIT (Berlin) widmete sich in seinem Beitrag dem besetzten Serbien, das von Beginn der Besetzung an als Gewaltraum behandelt worden sei. Breit führte diese Annahme auf einen bestimmten deutschen Diskurs um den Balkan zurück, der durch populäre Kultur geprägt gewesen sei und in dem die dortige Bevölkerung als primitiv, verräterisch und nur durch Gewalt beherrschbar wahrgenommen worden sei.

DANIELA OZACKY-STERN (Ramat Gan / Akko) verdeutlichte, dass Orte nationalsozialistischer Verbrechen in Litauen nicht nur Orte des Todes, der Vernichtung und Massengewalt, sondern auch Orte von Widerstand, Rettung und Erinnerung gewesen sein. Dies legte sie anhand der Massenerschießungen in Ponary und in der Festungsanlage Neuntes Fort sowie den Orten der Zwangsarbeit dar. Innerhalb dieser Gewalträume sei es immer wieder zu Handlungen der Opfer, der Zivilbevölkerungen und auch der Täter selbst gekommen. Heute seien diese Räume nicht nur Orte der Geschichte, sondern vor allem Erinnerungsorte Überlebender und deren Angehöriger.

In ihrem anschließenden Beitrag bezeichnete JANINE FUBEL (Berlin) den Jahreswechsel 1944/45 als eine Phase des Transfers von Gewaltpraktiken und Gefangenen im Konzentrationslagerkomplex Sachsenhausen. Sie plädierte dafür, die Verbrechen in der Endphase des Krieges als eine Fortsetzung der Verfolgung zu sehen. So habe die Evakuierung des Lagers Sachsenhausen dazu geführt, dass der „Holocaust by Bullets“ aus den besetzten Ostgebieten nach Brandenburg transferiert worden sei. Diese NS-Verbrechen seien aber nicht nur als Gesellschaftsverbrechen zu sehen, wie Martin Clemens Winter dies in seinem Beitrag gefordert hatte, sondern explizit in den Kontext deutscher Rückzüge und somit auch in eine Militärgeschichte einzuordnen.

HELÉNA HUHÁK (Budapest) erläuterte anhand von Tagebucheinträgen und Briefen zweier ungarischer Häftlinge im KZ Bergen-Belsen unterschiedliche räumliche Erfahrungen. So habe der das Lager umgebende Wald geflohenen Partisaninnen und Partisanen Schutz geboten, gleichzeitig aber auch als „cover up“ für das Krematorium fungiert. Auch die räumliche Erfahrung der Separation von Tochter und Vater im Lager thematisierte Huhak. Insgesamt machte sie stark, Lagererfahrungen auch als individuelle räumliche Erfahrungen zu betrachten und auch die Lagerumgebung in ihrer physischen Beschaffenheit in den Blick zu nehmen.

Im Workshop III „Raum und Erinnerung“ wurde die Frage nach der Bedeutung von Ortsbezügen und räumlichen Kategorien für Erinnerung und Gedenken diskutiert. ANNA MARIA DROUMPOUKI (Berlin) stellte ihre Arbeit zum KZ Chaidari (Athen) vor. Das ehemalige Konzentrationslager werde gegenwärtig vom griechischen Militär genutzt und lediglich der frühere Block 15 unterstehe dem Kulturministerium. An die fehlende Bereitschaft, den Ort als eine Gedenkstätte öffentlich zugänglich zu machen, knüpfe das digitale Projekt „Block 15 – A virtual Journey“ an. Droumpukis Beitrag ist ein aktuelles Beispiel der Verräumlichung von NS-Verbrechen und Anklage der ausbleibenden Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes, die Cornelia Siebeck dargelegt hat. ALEKSANDRA SZCZEPAN (Krakau) widmete sich geografischen Karten als Zeugnisse von NS-Verfolgung. Karten seien sowohl in der Durchführung der NS-Verbrechen als auch in ihrer juristischen sowie individuellen Verarbeitung genutzt worden etwa als Tool für Trauer und Erinnerung oder zur Rekonstruktion des Geschehens. TIMO SAALMANN (Flossenbürg) zeichnete im Anschluss die Entwicklung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg an der deutsch-tschechischen Grenze zu einer transnationalen, dezentralisierten Erinnerungslandschaft nach. Mit einem veränderten Forschungsinteresse der Geschichtswissenschaft seien auch die Außenlager sowie Stationen der Todesmärsche in den erinnerungspolitischen Fokus gerückt worden. Als Kontaktzone habe die Erinnerungslandschaft auch durch Begegnungen multinationaler Überlebender und ihrer Angehörigen an transnationalem Charakter gewonnen. Inwiefern das transnationale Lagersystem Flossenbürg im Geflecht der nationalsozialistischen Konzentrationslager damit ein Spezifikum darstellt, blieb jedoch offen. STEPHAN SCHWAN (Tübingen) präsentierte die Ergebnisse einer Studie zum Tracking von Besucherinnen und Besuchern in der Gedenkstätte Sachsenhausen. Dabei sei überraschenderweise deutlich geworden, dass unterschiedliche Verhaltensweisen nicht auf den demografischen Hintergrund zurückzuführen seien.

Außerordentlich anregend war schließlich auch der letzte, im Zeichen der Debatte um die Erinnerungskultur stehende Konferenztag. In der kontroversen Podiumsdiskussion „Erinnerungskultur im Wandel“ identifizierte MARTIN SABROW (Potsdam) ein Ende der um 1985 begonnenen Ära der Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Besonders debattiert wurde dabei die Rolle der Beanspruchung von Singularität für die NS-Verbrechen, deren Bezweifeln mit Blick auf die Kolonialverbrechen Sabrow als ein Merkmal des Verlustes des „Geltungswertes“ des „totalitären Schreckens“ betrachtete. SUSAN NEIMAN (Potsdam) bemängelte nicht nur, dass eine gesamtdeutsche Erinnerungskultur fehle und der Antifaschismus der DDR-Gesellschaft als verordneter Antifaschismus abgetan werde. Auch plädierte sie für mehr Offenheit hinsichtlich der Fragen nach einer Singularität der NS-Verbrechen. Sie verordnete die Singularitätsthese historisch als eine Antwort auf die versuchte Schuldabwehr im Historikerstreit und wies darauf hin, dass heutige Fragen nach einem Vergleich der NS-Verbrechen aus anderen Perspektiven gestellt würden.

In der Podiumsdiskussion „Zeitgeschichte und Politik“ hoben ANDREAS WIRSCHING (München), ELKE GRYGLEWSKI (Celle) und BRIGITTE FABER-SCHMIDT (Potsdam) die gegenseitige Beeinflussung von Gedenkstätten und Forschung hervor. Gryglewski betonte die transnationalen Verflechtungen aller NS-Verbrechen und ihrer Orte. Angesichts des Erinnerns in einer Migrationsgesellschaft forderte sie eine Öffnung zu globalen Perspektiven auch in den Gedenkstätten. Wirsching warnte demgegenüber vor einer Überlastung der Gedenkstätten und einer Universalisierung der Erinnerung. Faber-Schmidt wies darauf hin, dass die Themen der Bildungsarbeit die jeweiligen Eigenheiten der Orte der Verbrechen glaubwürdig wiedergeben müssten.

Nicht zuletzt anhand der Podiumsdiskussionen zeigte sich, dass die Konferenz als ein Bindeglied zwischen vergangener Forschung sowie tradierter Erinnerung und neuen Forschungsperspektiven sowie Erinnerungsformen zu betrachten ist. Maßgebend für die zukünftige Arbeit ist die Erweiterung des Blickes auf bislang wenig beachtete soziale und diskursive Praktiken im Kontext der Konzentrationslager, die auch angesichts einer Hinwendung zu weiteren Räumen und raumübergreifenden Handlungskontexten sichtbar werden. Dadurch kann es auch gelingen, der auf der Abschlusskonferenz vernehmbaren Forderung nachzukommen, dass Wissenschaft und Geschichtsvermittlung diverser werden müssten, um an die unterschiedlichen Lebensrealitäten in der Gesellschaft anzuknüpfen. Hierzu zählt auch der während der Diskussion geäußerte Wunsch, den Blick auf die außereuropäische Geschichte zu weiten und global verteilte Forschungen und Gedenkstätten im Kontext anderer genozidaler Verbrechen in zukünftige Konferenzen einzubeziehen.

Konferenzübersicht:

Axel Drecoll (Oranienburg) / Thomas Krüger (Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn) / Michael Wildt (Berlin): Begrüßung

Key Lecture
Sybille Steinbacher (Frankfurt am Main): Warum Weinen allein nicht bildet. Von den Ansprüchen an die KZ-Gedenkstätten

Panel I: Zugänge und Diskurse
Chair: Axel Drecoll (Oranienburg)

Cornelia Siebeck (Hamburg): Objektivierung einer unbewältigten Vergangenheit. Räumlich-diskursive Praktiken der bundesrepublikanischen Gedenkstättenbewegung

Habbo Knoch (Köln): Jenseits des Bilderverbots. Die Holocaust-Erinnerung nach dem Ende der Unsichtbarkeit

Panel II: Lager in der Gesellschaft
Chair: Frank Bajohr (München) / Detlef Garbe (Hamburg)

Frédéric Bonnesoeur (Berlin): Verwalten oder gestalten? Die Rolle der Stadtverwaltungen bei Einrichtung und Etablierung der Konzentrationslager Sachsenhausen und Buchenwald 1936-1939

Kerstin Schwenke (München): „Zweck: Studium des Lagers“ – Besichtigungen von Konzentrationslagern durch „Volksgenossen“

Martin Clemens Winter (Leipzig): Entgrenzte Gewalt zwischen Räumung und Befreiung. Die Todesmärsche und die deutsche Gesellschaft der Kriegsendphase

Workshop I: Digitalisierung der Erinnerung
Chair: Thomas Lutz (Berlin)

Agathi Bazani (Thessaloniki) / Xenia Eleftheriou (Thessaloniki) / Marios-Kyparissis Moros (Thessaloniki) / Stylianos Eleftheriadis (Thessaloniki): Thessalonikis gravierende Erinnerung. Gedenken an die griechischen Juden – Opfer des Holocaust [Projektvorstellung: Digitale Stadtkarte]

Anja Ballis (München) / Markus Gloe (München): Neue Kommunikationsformen, neue Räume? – Digitale Zeugnisse zwischen Schulhof, Gedenkstätte und Museum

Kerstin Hofmann (Bad Arolsen): #EveryNameCounts – Crowdsourcing als Chance für die Erinnerungsarbeit?

Workshop II: Visualität
Chair: Maren Jung-Diestelmeier (Oranienburg) / Ulrich Prehn (Berlin)

Leonie Werle (Berlin): Traveling Exhibition „Lest We Forget“

Lukas Meissel (Haifa): Capturing ‚Judeo-Bolshevism‘. SS Photographs of Soviet POWs in Concentration Camps

Jürgen Matthäus (Washington): Bilder einer Kriegs-Vorstellung. Anmerkungen zu privaten Fotoalben von Deutschen im „Osteinsatz“

Christiane Heß (Fürstenberg / Havel) / Maja Ossig (Berlin): Das Material sichtbar machen: Interdisziplinäre Perspektiven auf KZ-Artefakte

Panel III: Sexualisierte Gewalt
Chair: Stefanie Schüler-Springorum (Berlin) / Elizabeth Harvey (Nottingham)

Christin Zühlke (Berlin): The Perspective of the Sonderkommando in Auschwitz-Birkenau on Women as Victims of Violence

Astrid Ley (Oranienburg): Sexualität im Männer-KZ zwischen Gewalterfahrung und Tauschverhältnis

Panel IV: Gewalträume und Gewalttransfer
Chair: Dieter Pohl (Klagenfurt) / Jens-Christian Wagner (Weimar)

Johannes Breit (Berlin): The Nazi Occupation of Serbia – a Discoursive Space of Violence

Daniela Ozacky-Stern (Ramat Gan / Akko): Lithuanian Nazi Camps as Spaces of Violence, Rescue and Memory

Janine Fubel (Berlin): Ein hybrides Lager: Der Konzentrationslagerkomplex Sachsenhausen um den Jahreswechsel 1944/45

Heléna Huhák (Budapest): The Hungarian deportees‘ spatial experiences in Bergen-Belsen

Workshop III: Raum und Erinnerung
Chair: Insa Eschebach (Berlin)

Anna Maria Droumpouki (Berlin): Denkmäler des Vergessens und Spuren des Zweiten Weltkriegs in Griechenland: Das KZ Chaidari

Aleksandra Szczepan (Krakau): Mapping the Memory. Survivors‘ cartographies of the concentration camps

Timo Saalmann (Flossenbürg): Flossenbürg. Erinnern an ein transnationales Lagersystem

Stephan Schwan (Tübingen): Die Gedenkstätte Sachsenhausen als Erfahrungsraum für Besucher: Ergebnisse einer empirischen Studie zum Besuchertracking

Podiumsdiskussion: Erinnerungskultur im Wandel

Moderation: Andrea Genest (Fürstenberg / Havel) / Nikolaus Wachsmann (London)

Susan Neiman (Potsdam) / Martin Sabrow (Potsdam)

Podiumsdiskussion: Zeitgeschichte und Politik

Moderation: Oliver von Wrochem (Hamburg)

Andreas Wirsching (München) / Elke Gryglewski (Celle) / Brigitte Faber-Schmidt (Potsdam)

Offene Abschlussdiskussion
Chair: Axel Drecoll (Oranienburg) / Michael Wildt (Berlin)

Zitation
Tagungsbericht: Internationale Konferenz zur Geschichte und Erinnerung der nationalsozialistischen Konzentrationslager, 18.05.2021 – 21.05.2021 digital, in: H-Soz-Kult, 10.08.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-9017>.
Redaktion
Veröffentlicht am
10.08.2021
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