Glücksburg in der Zeit des Nationalsozialismus

Ort
Schloss Glücksburg
Veranstalter
Stiftung Schloss Glücksburg; Abteilung für Regionalgeschichte, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Datum
03.09.2021 - 03.09.2021
Von
Felicia Elisa Engelhard, Abteilung für Regionalgeschichte, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Im Anschluss an eine Schlossführung eröffneten Susanne Ascheron (Glücksburg) und Oliver Auge (Kiel) im Weißen Saal das zweite geschichtliche Symposium dieser Art, das sich den Ereignissen in Schleswig-Holstein und insbesondere in und um Glücksburg während der Zeit des Nationalsozialismus verschrieben hatte. Ascheron kündigte in ihren einleitenden Worten zu den folgenden Vorträgen eine „vergleichsweise kurze Zeitreise von 76 Jahren“ an, während Auge angesichts der wiederholten, durch die Covid-19-Pandemie bedingten Verschiebungen der Veranstaltung dem Auditorium ausdrücklich für das Erscheinen in so großer Zahl dankte, denn „Regionalgeschichte lebt vom Mitmachen und dem Kontakt mit den Menschen im Land“. Darüber hinaus stellte Auge die Sensibilität des Themas heraus, da sich die nationalsozialistische Herrschaft im Norden bekanntlich am längsten gehalten habe.

Den Auftakt boten die Ausführungen von KAREN BRUHN (Kiel) zu Schleswig-Holstein und dem Nationalsozialismus. Sie zeigte zunächst anhand ausgewählter Schlaglichter, in welchem Umfeld in dieser Region bereits eine Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit erfolgte und auch weiterhin erfolgt. Dabei betonte sie, dass eine isolierte Betrachtung der Zeit des Dritten Reiches, wie sie in Formulierungen wie „Schleswig-Holstein unter dem Hakenkreuz“ anklinge, nicht ausreichen würde, da sowohl Vor- und Nachgeschichte als auch die beharrlichen Kontinuitäten zu berücksichtigen seien. Folgerichtig sei beispielsweise nicht länger von der „Machtergreifung“ Hitlers und der Nationalsozialisten zu sprechen, sondern vielmehr von der „Machtübertragung“ oder „Machtübergabe“. Ihren eigenen Rat beherzigend, widmete sich die Referentin im Anschluss der Vor- und Nachgeschichte des Zweiten Weltkrieges, indem sie den Rückhalt und die Akzeptanz der NSDAP in der Bevölkerung Schleswig-Holsteins skizzierte und die sich nach 1945 fortsetzenden Karrieren von hochrangigen NSDAP-Mitgliedern und NS-Funktionären thematisierte, deren Bekanntwerden in der Öffentlichkeit zu Skandalen führte. „Zahlreichen NS-Akteuren war es gelungen, im Nachkriegs-Schleswig-Holstein Karriere zu machen“, konstatierte Bruhn und verwies damit zugleich auf bestehende Kontinuitäten.

BRODER SCHWENSEN (Flensburg) frischte mit seiner anschließenden Präsentation die Erinnerung an die Ereignisse der letzten Kriegsmonate in Flensburg und Mürwik auf. Dabei ging er gezielt auf die Flüchtlingswelle ein, die auf den deutschen „Zusammenbruch im Osten“ folgte und schließlich Schleswig-Holstein erfasste, und sprach über die Situation in Flensburg und im „Sonderbezirk Mürwik“, wohin sich die letzte Reichsregierung unter Karl Dönitz zurückgezogen hatte. Während bereits am 8. Mai die bedingungslose Kapitulation erfolgte und die britischen Truppen vom 5. bis 10. Mai Flensburg schrittweise besetzten, amtierte Dönitz mit seinem Stab in diesem letzten Rest des NS-Staates noch bis zum 23. Mai 1945. Erst durch die an diesem Tag durchgeführte „Operation black-out“ sei das Gebiet besetzt, die Regierung Dönitz abgesetzt und gefangen genommen worden, so Schwensen, wobei das Geschehen um die Räumung der Marinesportschule Mürwik als Medienereignis inszeniert worden sei. Doch während die hochrangigen Nationalsozialisten von den Alliierten nach Luxemburg verbracht und in den Nürnberger Prozessen angeklagt wurden, blieben tausende Flüchtlinge in Flensburg und Umgebung zurück, deren Schicksal in der Nachkriegszeit eine große Herausforderung darstellte.

Den zweiten Vortragsblock eröffnete CLAUDIUS LOOSE (Glücksburg), der ausgehend von den letzten Kriegsmonaten in Europa die Bedeutung des Weltkrieges und seiner Folgen für das Schloss Glücksburg darlegte. So sei das vor dem Kriegsbeginn bereits als Museum genutzte Schloss während des Bestehens der an Glücksburg heranreichenden „Enklave Mürwik“ von Teilen der letzten Reichregierung unter Dönitz genutzt und folglich zusammen mit der Marinesportschule Mürwik am 23. Mai 1945 von den Engländern beschlagnahmt worden. Da die führenden NS-Akteure anschließend im Schloss interniert wurden, begab sich Loose in seinen Ausführungen auf eine Spurensuche nach Erlebnisberichten und Eindrücken aus der Zeit der Internierung und zog dafür in Ermangelung ausführlicherer Berichte auch das Gästebuch des Schlosses heran, in dem sich Einträge aus dieser Zeit finden. Darüber hinaus schilderte er, dass das Schloss gleichzeitig auch adelige Flüchtlinge und Mitglieder des Haues Glücksburg beherbergt habe und in den Gebäuden des Schlosshofes Notunterkünfte für die Schleswig-Holstein und somit auch Glücksburg in großen Mengen erreichenden Vertriebenen eingerichtet worden seien. Mit den Folgen dieser Ereignisse für das Gebäude und die Familiengruft schloss der Archivar des Hauses seinen Vortrag.

Der Frage, welche Wechselwirkungen zwischen dem deutschen Adel und dem nationalsozialistischen System bestanden, widmete sich JAN OCKER (Kiel), indem er näher auf die Vertreter des Hauses Glücksburg im Kriegseinsatz einging. So sei mit dem geheimen „Prinzenerlass“ Adolf Hitlers im Frühjahr 1940 eigentlich sämtlichen Angehörigen ehemals regierender Fürstenhäuser die Teilnahme an Kampfhandlungen im Zweiten Weltkrieg untersagt worden, da ein Festhalten am Adel und an der Monarchie in der Wehrmacht eine Gefahr für den Führerkult darstellte. Dennoch hätten viele Mitglieder des Hauses Glücksburg den Krieg im Offiziersdienst aktiv miterlebt oder seien sogar bei Kampfhandlungen gefallen, wie Ocker am Beispiel sechs ausgewählter Protagonisten der Familie zeigte. Nur drei von ihnen überlebten den Zweiten Weltkrieg, während die übrigen bei Gefechten in Frankreich, Polen und der Ukraine ihr Leben ließen. Durch die unterschiedliche Quellenlage im Zusammenhang mit den sechs Vertretern des Hauses gäben ihre Schicksale im Kontext des Kriegseinsatzes viele Fragen auf, die derzeit noch nicht beantwortet werden könnten, resümierte der Referent, gleichzeitig böte aber eine eingehendere Untersuchung des vorhandenen Materials, das unter anderem Feldpost, ein Kriegstagebuch sowie einen mit kurzen Notizen versehenen Taschenkalender umfasst, noch viel Potential.

Ausgehend vom dänischen König Christian IX., der seine Kinder durch eine geschickte Heiratspolitik mit verschiedenen europäischen Königshäusern verbinden konnte und sich damit den Beinamen „Schwiegervater Europas“ erwarb, beschloss OLIVER AUGE (Kiel) mit seinem Beitrag zur internationalen Verwandtschaft des Haues Glücksburg das Symposium. Zu Beginn wies er darauf hin, dass sich die Mehrheit der weit verzweigten Verwandtschaft während des Zweiten Weltkrieges nicht auf deutscher Seite befunden habe und dies für die innerfamiliären Beziehungen eine besondere Zerreißprobe bedeutete. In einem „Rundumschlag durch Europa“ skizzierte Auge, wie die internationale Verwandtschaft in den Königshäusern Griechenlands, Rumäniens, Jugoslawiens, Dänemarks, Norwegens und Großbritanniens zum deutschen Nationalsozialismus stand und auf die Ereignisse des Krieges reagierte. Im Falle der Prinzessin Helena von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg seien die Konflikte innerhalb des Hauses deutlich zu erkennen, so Auge. Die durch Heirat mit dem dänischen Königshaus verbundene Prinzessin hatte während des Krieges Sympathien für die deutsche Besatzung gezeigt und wurde Ende Mai 1945 von ihrem Schwager und dänischen König, Christian X., zurück in ihr Elternhaus auf Schloss Glücksburg verbannt, was sich nur durch das „Züchtigungsrecht“ des Königs innerhalb der Königsfamilie legitimieren ließ.

Die facettenreichen Vorträge des zweiten Glücksburger Symposiums wurden dem Versprechen, ein spannendes und informatives Geschichtserlebnis im authentischen Rahmen zu bieten, in den Augen des interessierten Publikums mehr als gerecht, wie zahlreiche Fragen und Anregungen im Anschluss an die einzelnen Beiträge bezeugten. Gleichzeitig wurde in den Ausführungen nicht nur bereits Bekanntes aufgegriffen und wiederholt, sondern „im Wesentlichen historisches Neuland beschritten“, wie Oliver Auge abschließend feststellte. Dies sei auch der Familie des Hauses Glücksburg zu verdanken, die durch ihre Aufgeschlossenheit eine derartige Beschäftigung mit diesem sensiblen Teil der regionalen Geschichte überhaupt erst zulasse. Vor dem Hintergrund des erneuten Erfolges dieser Veranstaltung soll die Reihe fortgesetzt werden; das nächste Thema ist „Glücksburg in der Kaiserzeit“.

Konferenzübersicht:

Susanne Ascheron (Glücksburg), Oliver Auge (Kiel): Tagungseröffnung

Karen Bruhn (Kiel): Schleswig-Holstein und der Nationalsozialismus

Broder Schwensen (Flensburg): Flensburg, Mürwik und das Ende des Nationalsozialismus

Claudius Loose (Glücksburg): Das Schloss Glücksburg im Zweiten Weltkrieg

Jan Ocker (Kiel): Vertreter des Hauses Glücksburg im Kriegseinsatz

Oliver Auge (Kiel): Die internationale Verwandtschaft des Hauses Glücksburg im Zweiten Weltkrieg

Zitation
Tagungsbericht: Glücksburg in der Zeit des Nationalsozialismus, 03.09.2021 – 03.09.2021 Schloss Glücksburg, in: H-Soz-Kult, 11.10.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-9080>.
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Veröffentlicht am
11.10.2021
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