Grün in der Stadt – vom Hortus conclusus zum Urban gardening

Ort
Meran
Veranstalter
Österreichischer Arbeitskreis für Stadtgeschichtsforschung, Commune di Merano / Stadt Meran
Datum
15.09.2021 - 17.09.2021
Von
Jacqueline Schindler, Universität Wien

Die Konzeption der interdisziplinären Tagung entwickelten Andrea Pühringer und Holger Th. Gräf, beide langjährige Mitglieder des Österreichischen Arbeitskreises für Stadtgeschichte. Der Einladung folgten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, um sich im Ambiente des barocken Palais Mamming dem Grün der Stadt und Fragen hinsichtlich der Nutzung und Entwicklung von Grünflächen zwischen mittelalterlichem Hortus conclusus und modernem Urban gardening interdisziplinär zu nähern.

In ihrem Eröffnungsvortrag lieferte ANDREA PÜHRINGER (Grünberg) zunächst eine Bestandsaufnahme über die Entwicklung der urbanen Gartenkultur vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert, deren markanteste Wende sie in der Entfestigung der Städte und der daran anknüpfenden kurzzeitig starken Begrünung im 19. Jahrhundert verortete. Für städte- und gartenbauliche Untersuchungen strich sie die Bedeutung der historischen Städteatlanten als wichtiges Instrument der Forschung hervor.

CHRISTIAN HLAVAC (Wien) zeichnete zu Beginn der ersten Sektion die Nutzung öffentlicher städtischer Grünflächen vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit nach. Eine vielfältige Nutzung dieser kommunalen Freiflächen in wirtschaftlichen, sozialen und kommunikativen Kontexten erlaube aufgrund der fehlenden inhaltlichen Klammern keine eindeutige Klassifizierung und lasse das öffentliche Grün vielmehr als heterogene Fläche im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadtbild erscheinen. Besonders wurde auf die urban legend der Öffnung des Wiener Praters für die breite Öffentlichkeit 1766 verwiesen, da diese bereits vor 1766 erfolgte.

Ausgehend von den Visionen Vincent Callebauts für die Stadt Paris im Jahr 2050 ging JONAS REIF (Erfurt) der Entwicklung der Dach- und Fassadenbegrünung seit dem 20. Jahrhundert nach. Leuchtturmprojekten wie dem Bosco Verticale in Mailand sprach er große Bedeutung zu, da sie wegweisend für den Umgang mit Grün in der Stadt der Zukunft seien. Als problematisch wurden artenarme Bauprojekte wie der Düsseldorfer Kö-Bogen 2 herausgestrichen, da eine artenreiche Durchmischung heimischer und exotischer Pflanzen bei der Begrünung von Städten das größte Potenzial zeige.

Stadtarchitektin MAGDALENE SCHMIDT (Meran) erörterte die städtebauliche Entwicklung Merans und die im Stadtbauplan festgelegte Fünfteilung der Stadt (Wildbach Passer, Promenade, Kurstadt, Lauben, Küchelberg) sowie die planmäßige Anlage der Alleen, Promenaden und Parks. An diese Darstellung knüpfte nahtlos der anschließende, von Anni Schwarz (Meran) gemeinsam mit Magdalene Schmidt gestaltete Spaziergang über den Tappeinerweg und die Gilfer Klamm durch das „grüne“ Meran an, der die davor angesprochenen Zonen und Promenadenwege erleb- und nachvollziehbar machte.

Zu Beginn der zweiten Sektion ging SYLVIA BUTENSCHÖN (Berlin) via Videoschaltung der Frage nach, ob Stadtparks als geschenktes oder erkämpftes Grün der Stadt zu sehen seien. Als potenziell hemmende Kräfte für die Entstehung städtischer Parks eruierte sie für das lange 19. Jahrhundert primär finanzielle Mittel: Als Geschenke wirtschaftlich potenter Bürgerinnen und Bürger seien sie eine soziale Geste zugunsten des Allgemeinwohls mit repräsentativem Charakter gewesen.

ANDREAS WEIGL (Wien) beleuchtete die Entwicklung des Wiener Stadtgartenamts und spannte dabei den Bogen von der Anlage der Volksparks zur allgemeinen Belustigung um etwa 1766 bis zu den sozialpolitischen Wohnbauanlagen der Zwischenkriegszeit. Den Institutionalisierungsprozess machte er vor allem in den Zäsuren des Amts sowie im Gewinn der Bedeutung des Gartenwesens in Wien aus.

Die sich daraus entspinnende Diskussion hinsichtlich der Nutzungskonflikte städtischer Grünflächen bot eine passende Überleitung zum Beitrag von STEFANIE HENNECKE (Kassel). Sie befasste sich mit der Gestaltung von Volksparks im 20. Jahrhundert in Deutschland und in weiterer Folge mit der These, dass kommunal finanzierte Parks vom Motiv der Erziehung ihrer Nutzerinnen und Nutzer getragen wurden, sowie mit der Frage, inwiefern sich dies in der Gestaltung der Parkanlagen niederschlug. In seinem Kommentar erachtete Peter Eigner den dabei vollzogenen Sprung von den 1930er- zu den 1970er-Jahren vor dem Hintergrund der Wiener „Gstetten“ und der Sozialbauten der 1950er-Jahre als zu groß; er warf Fragen nach Parallelen in Deutschland auf.

In der dritten Sektion bot MARIANNE KLEMUN (Wien) ausgehend von ihren Überlegungen zu botanischen Gärten und Stadtbotanik eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten zu vorangegangenen und nachfolgenden Beiträgen. Sie skizzierte botanische Gärten als urbane Phänomene, die als charakteristisches Merkmal für Metropolen unverzichtbar waren und in die Musealisierung der Natur mündeten. Neben Lehr- und Forschungsfunktionen wurde ihnen ebenfalls ein gewisser Zeitcharakter – mit politischen Artefakten – zugesprochen. In den Schaugärten wurden die Früchte des Kolonialismus für die zeitgenössischen Besucher:innen "direkt erlebbar" gemacht.

Der Entwicklung des Glashauses begegnete PETER EIGNER (Wien) in seiner „Expedition“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln und strich dabei die Bedeutung der Ananas als Indikator für botanische Fertigkeiten und die architektonischen Herausforderungen im Zusammenhang mit der Konstruktion der Treibhäuser heraus. Als ein nicht geglückter Versuch einer vertikalen Form von Urban gardening wurden die Ruttner’schen Turmglashäuser vorgestellt, deren Konstruktion nicht nur aus wirtschaftlichen Überlegungen, sondern auch aus einer visionären Haltung resultierte.

CHRISTIAN KOLLER (Zürich) zeichnete die Genese des Rasensports und der Grünflächengestaltung in Zürich unter besonderer Berücksichtigung der Zürcher Fußballclubs nach. Er verortete im aufkommenden Rasensport ab dem 19. Jahrhundert einen wesentlichen Faktor für die Entwicklung der kommunalen Grünflächen, dem ein komplexes Zusammenspiel diverser Akteure zugrunde lag. Die Anlage der sportlich genutzten Grünflächen wurde bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts als räumlich fixiert vorgestellt, danach waren diese Grünräume lediglich Neu- und Umgestaltungen unterworfen.

Im letzten Beitrag der Sektion stellte PAOLO VISKANIC (Meran) den Grünplan für Meran vor, der unter der Prämisse „Stadtgrün ist weder Luxus noch Verhandlungsmasse“ als strategischer Plan für die Weiterentwicklung des Stadtgrüns im öffentlichen und privaten Bereich dient. Damit stimmte er thematisch auf die anschließende Exkursion in die Gärten von Schloss Trauttmansdorff ein, die einen Einblick in einen modernen botanischen Garten ermöglichte.

Den öffentlichen Abendvortrag im Nikolaussaal hielt ANDREAS TACKE (Trier). In seiner Darstellung der Künstlergärten als Sonderform der privaten städtischen Hausgärten ging er der von Annika Sevi postulierten Definition des Künstlergartens nach, indem er Künstlerinnen und Künstler von Tizian bis Jennifer Bartlett und ihr Werk vor dem Hintergrund ihrer Gärten kontextualisierte. Dem Entwurf Sevis, der den Künstlergarten als unbedingtes Objekt der Kunst ansieht, konnte Tacke nur bedingt zustimmen, da spätestens in der abstrakten Kunst der Garten als Objekt häufig nicht mehr als solcher zu erkennen sei. Im Künstlergarten sei der Garten der Künstlerin oder des Künstlers zu sehen, der neben unterschiedlichen Funktionen vor allem durch die Inszenierung einer öffentlichen Privatheit aus dem Gros der Privatgärten heraussteche.

In der vierten Sektion ging GISELA METTELE (Jena) gemäß Ebenezer Howards Modell der Gartenstadt als Utopie nach und erschloss ihre reale Umsetzung in französischen, deutschen und österreichischen Städten vor wirtschaftlichen und sozialen Hintergründen. Wenngleich heute häufig das Etikett der „grünen Stadt“ im Sinne eines Greenwashings grüner Wohnsiedlungen zu Marketingzwecken zu finden sei, erkannte sie das Fortleben der Ideen Howards vor allem in der Tradition der Mitgestaltung bis in die heutige Zeit.

VOLKER EIDLOTH (Stuttgart) legte den Fokus auf den Typus der Kurstadt, deren eigentlichen Wert er in den Grünanlagen sah. Über einen doppelperspektivischen Ansatz wurden europäische Kurstädte einerseits als „grüne Städte“ mit einer systematischen Durchgrünung hinsichtlich der Stadtplanung präsentiert, andererseits als in die Landschaft eingebettete „Städte im Grünen“ veranschaulicht, deren Grünanlagen fließend vom urbanen Bereich in den landschaftlichen übergehen und Stadt und Umgebung auf diese Weise zu einer Einheit verbinden.

Die letzten Vorträge rückten den Austragungsort der Tagung wieder in den Vordergrund. Ausgehend von der zeitgenössisch kontrovers beurteilten „physikalisch-diätischen Therapie“ Max Joseph Oertels skizzierte PETER PAYER (Wien) die Entstehung des Wegenetzes in und um Meran. Durch das Aufkommen der von Oertel entwickelten „Terrainkur“, in deren Fokus die sanfte körperliche Ertüchtigung durch das Begehen dieser unterschiedlich gearteten Wege lag, gelang Meran der Sprung zur Weltkurstadt. Thematisch daran anknüpfend präsentierte Magdalene Schmidt abschließend das jüngste Projekt Merans – „Meran beWegt“ –, das ausgewählte Fußwege die Stadt durch die Stadt in Beziehung zum umgebenden Raum setzt und die vorhandenen Grünflächen vielfältig nutzt.

Die internationale und interdisziplinäre Zusammensetzung der Tagung ermöglichte es, Fragen nach der Nutzung von Grünflächen in der Vergangenheit mit Perspektiven für zukünftige Gestaltungsmöglichkeiten urbaner Gebiete mit Grün zu verbinden. Besonders die Fragen nach der Öffentlichkeit städtischer Grünräume und deren potentielle und tatsächliche Nutzungsmöglichkeiten vom Mittelalter bis in die heutige Zeit zogen sich als roter Faden durch die regen Diskussionsrunden und rückten den Zusammenhang vom Grün der Stadt und der Stadt als Kulturraum in einen multiperspektivischen Kontext.

Konferenzübersicht:

Holger Th. Gräf (Marburg), Andrea Pühringer (Grünberg): Einführung

Sektion 1: Vom Mittelalter in die Zukunft

Christian Hlavac (Wien): Das öffentliche Grün in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen mitteleuropäischen Stadt

Jonas Reif (Erfurt): „Grün“ in der Stadt der Zukunft – oder wie „grün“ wird die Stadt der Zukunft?

Magdalene Schmidt (Meran): Die Entstehung der Meraner Parkanlagen und Promenaden

Anni Schwarz (Meran): Exkursion durch das „grüne“ Meran

Sektion 2: Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Sylvia Butenschön (Berlin): Geschenkt oder erkämpft? Die Entstehung von Stadtparks als gesellschaftlicher Prozess

Andreas Weigl (Wien): Die Begrünung der Stadt als öffentliche Aufgabe. Zur (Vor-)Geschichte des Wiener Stadtgartenamtes

Stefanie Hennecke (Kassel): Volksparke im 20. Jahrhundert – wie das Nutzungsprogramm in Gestaltung übersetzt wurde

Sektion 3: „Grün“ im urbanen Leben: verfeinerte Lebensform, Kommerz und Lifestyle

Marianne Klemun (Wien): Botanische Gärten und Stadtbotanik

Peter Eigner (Wien): Das Glashaus: eine Expedition

Christian Koller (Zürich): Rasensport und Grünflächengestaltung seit dem späten 19. Jahrhundert. Das Beispiel der Stadt Zürich

Paolo Viskanic (Meran): Der Grünplan Meran

Abendveranstaltung

Andreas Tacke (Trier): Künstlergärten – eine Sonderform privater Hausgärten in der Stadt

Sektion 4: Vom „Grün in der Stadt“ zur „Stadt im Grünen“

Gisela Mettele (Jena): Die Gartenstadt – Utopie und Realität

Volkmar Eidloth (Stuttgart): „Grüne Städte“ – Städte im Grünen?

Peter Payer (Wien): Vom Gehen im Grünen. Entstehung und Verbreitung von „Terrainkuren“

Magdalene Schmidt (Meran): „Meran beWegt“ – ein aktuelles Projekt zur Terrainkur

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Grün in der Stadt – vom Hortus conclusus zum Urban gardening, 15.09.2021 – 17.09.2021 Meran, in: H-Soz-Kult, 15.10.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-9084>.