Grenzen und Differenzen. Zur Macht sozialer und kultureller Grenzziehungen

Ort
Dresden
Veranstalter
Deutsche Gesellschaft für Volkskunde
Datum
25.09.2005 - 28.09.2005
Von
Nicole Hirschler / Vladimír Horák, Universität Ostrava, Tschechische Republik

Vom 25. bis 28. September fand in Dresden der 35. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde (dgv) zum Thema "Grenzen & Differenzen. Zur Macht sozialer und kultureller Grenzziehung" statt. Die Konferenz, an der mehr als 500 wissenschaftliche und studentische Akteure überwiegend aus der Bundesrepublik, aber auch aus anderen europäischen Staaten teilnahmen, hatte sich die Aufgabe gestellt, das Phänomen der Grenze und die damit verbundenen Differenzen unter verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten. Die organisatorische Leitung lag in den Händen des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde Dresden e.V., das ein fulminantes und sowohl an wissenschaftlichen Beiträgen als auch an kultureller Unterhaltung reichhaltiges Programm auf die Beine stellte. Die einzelnen Sektionen fanden in den Räumen der TU-Dresden statt, die Eröffnungsveranstaltung sowie der Abendvortrag wurde im Deutschen Hygienemuseum im Stadtzentrum abgehalten. Das barocke Palais im Großen Garten, das sich mitten in den Renovierungsarbeiten befindet und von daher einen morbiden und mystischen Charme in seinen Innenräumen verbreitet, bot eine prächtige Kulisse für den Abendempfang der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde.

Grenzziehungen und Grenzerfahrungen haben verschiedene handelnde Subjekte und Objekte, werden durch unterschiedliche Momente determiniert und ausgelöst, finden im konkreten Raum statt, obliegen der subjektiven Empfindung des Individuums oder der Zuschreibung durch gesellschaftliche Gruppen. Die Folgen solcher reellen oder imaginären Grenzziehungen ist das Bewusstwerden des Anders sein, die Wahrnehmung von Differenzen auf unterschiedlichen Ebenen, was schließlich zu einer weiteren Vertiefung der Grenzen führen kann oder - im umgekehrten Falle - zu einer Überwindung derselben. In vier Panels, zehn Sektionen und Plenumsvorträgen versuchte sich der 35. Kongress der dgv dieser Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen methodologischen Zugängen anzunähern. Aufgrund der Vielzahl der dargebotenen Vorträge ist es im Rahmen dieses Beitrags leider nicht möglich, auf jeden einzeln einzugehen, sondern es soll versucht werden zum einen ein Gesamtüberblick über das Spektrum zu geben und zum anderen anhand einiger ausgewählter Sektionen verschiedene Thematiken und Zugänge vorzustellen.

Neben den neuen (Grenz-) Räumen, die durch die Fortschritte in der Wissenschaft und Technik geschaffen werden, wie z.B. die Informations- und Kommunikationstechnik (Panel 4: "Online/Offline-Persistenz - Auflösung-Rekombination. Alte und neue Grenzen und Differenzen in der Nutzung neuer Informations- und Kommunikationstechnik"), die Biomedizin (Panel 3: "An den Grenzen der Biomedizin - kulturwissenschafliche Erkundungen") oder der Umgang mit dem menschlichen Körper (Sektion 10: "Verhandlungen von Körper und Mensch"), wurden auch Grenzen betrachtet, die (nicht nur) durch geographische Gegebenheiten bestimmt werden (Plenumsvortrag von Henk Driessen (Nijmegen) zur "Bedeutung von Hafenstädten zwischen See- und Landgrenze", Sektion 6: "Grenzen und Raum"). Begrenzungen, die sich im Rahmen des Erwachsenwerdens entwickeln (Sektion 1: "Grenzziehungen im Sozialisationsprozess"), aber auch Grenzerfahrungen, die sich in der alltäglichen Erfahrungswelt sowohl in der Gegenwart als auch in der historischen Perspektive widerspiegeln (Plenumsvortrag von Barbara Krug-Richter (Münster) über die "Möglichkeiten von Grenzziehungen innerhalb der Familie in der Frühen Neuzeit", Sektion 9: "Alltagsweltliche Grenzziehungen"), wurden ebenso thematisiert, wie die Überwindung von Grenzen durch Transnationalität (Sektion 4: "Transnationale Netzwerke") oder die "Konstruktion von Anderssein durch Fremd- und Selbstbilder" (Sektion 5). Den bei weitem größten Raum im Rahmen der Tagung nahmen jedoch die europäischen Grenzräume in Ost und West (Sektion 3: "Grenzüberschreitende Region Oberrhein") ein, die aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen methodologischen Zugängen betrachtet wurden. Hierbei wurde den Grenzen im Osten Europas, der Trennungslinie zwischen den alten und neuen EU-Mitgliedsstaaten, die noch im 19. Jahrhundert als ein mittelosteuropäischer Kulturraum wahrgenommen wurden, der spätestens durch den Zweiten Weltkrieg unwiederbringlich zerstört wurde, größte Aufmerksamkeit geschenkt. Das Misstrauen und die Erfahrungen dies- und jenseits der Grenzen, deren Überwindung in der Vergangenheit durch den sogenannten Eisernen Vorhang nicht nur unmöglich gemacht, sondern sogar noch - politisch instrumentalisiert - verstärkt wurde, verschwinden nicht einfach durch den Beitritt der Staaten zur EU. Dem Zusammenhang zwischen der Ziehung von räumlichen Grenzen und dem Denken und Erzählen über Grenzen, das die Weltbilder und Identitäten nicht nur der Betroffenen bestimmt, ging Katharina Fischer (Frauenau) in ihrem Beitrag "3x Grenze" in der Sektion 2: "Leben in Grenzregionen" nach. Durch Beobachtung, Gespräche und Interviews im tschechisch-bayerisch-sächsischen Dreiländereck beleuchtete sie die unterschiedlichen Erfahrungswelten der Bewohner und zeigte, wie eng diese ineinander verzahnt sind. Ebenfalls mit der Rolle von Erinnerungskonstruktion - allerdings an der nicht minder problematischen slowenisch-österreichischen Grenze, die durch den EU-Beitritt Sloweniens ihren Status als EU-Außengrenze verlor, beschäftigte sich der Vortrag von Elisabeth Schober (Graz) in der gleichen Sektion. Schober zeigte in ihrer Feldforschung, dass die Konstruktion der Grenze in den Köpfen der Grenzbewohner durch das Ausblenden von Lebenswelten jenseits der Grenze geschieht, wobei dies durch die Erzählungen von Greultaten der jeweils anderen Seite während der Weltkriege legitimiert wird. Ergänzt wurde diese Sektion durch den Beitrag von Katerina Kratzmann (Wien) mit dem Titel "Grenzraum "Illegalität": Undokumentierte MigrantInnen in Österreich". Die Thematik der Ethnisierung von Grenzen stand im Mittelpunkt der 7. Sektion. Hier zeigten die Vortragenden anhand unterschiedlicher Beispiele und Zugänge, wie in Ostmitteleuropa nationale Identität und ethnische Zugehörigkeit zu konstruieren und/oder zu bewahren versucht wurde. Petr Lozoviuk vom ISGV/ Dresden untersuchte im Rahmen einer Feldforschung die Revitalisierung des Denkens in ethnischen Kategorien bei Gruppen aus Tschechien, Polen und der Slowakei. Hierbei ging er insbesondere der Frage nach, mit welchen symbolischen und instrumentellen Handlungen versucht wurde, eine neue Kollektiv-Identität innerhalb dieser Gruppen und eine ethnische Abgrenzung gegenüber anderen durchzusetzen. Anhand von geographischer, historischer und ethnographischer Literatur untersucht Róbert Keményfi (Debrecen) in seinem Beitrag, wie der "ungarische nationale Raum" mythologisiert und seine Einheit seitens der Wissenschaft begründet wurde. Über regionale Identität in Europa und den Versuch der Banater Schwaben in der historischen Region Banat diese Identität zu erhalten und zu tradieren referierte Christian Glass (Ulm) in seinem Beitrag. Es ist an dieser Stelle leider nicht mehr möglich, die weiteren zahlreichen Sektionen und Vorträge im Plenum eingehend vorzustellen. Hingewiesen sei jedoch auf die abendliche Vorführung von den ethnografischen Filmen "Zum Nachbarn übers Große Meer. Geschichten vom Eis" von Edmund Ballhaus (Göttingen) und "Primiz in Hagstedt" von Christine Aka, Christine Müh und Joachim Wossidlo (alle Münster), die trotz der späten Stunde noch großen Anklang fanden und ethnologische Forschung visuell lebendig werden ließen. Erwähnt werden soll auch der Abendvortrag des Vorsitzenden des ISGV/Dresden, Johannes Moser, mit dem Titel "Distinktion und Repräsentation. Dresden - die "schöne" Stadt", in dem die Schönheit der Stadt Dresden, ihre Mythisierung und die Pflege dieses Mythos bis in die heutige Zeit untersucht wurde.

Interessierte können die ausführlichen Beiträge der einzelnen Autoren im Protokollband des 35. Kongresses der dgv mit dem Titel Grenzen & Differenzen. Zur Macht sozialer und kultureller Grenzziehungen, herausgegeben von Thomas Hengartner und Johannes Moser, Leipziger Universitätsverlag, nachlesen.

Literatur: Hengartner, Thomas, Moser, Johannes (Hg.). Grenzen & Differenzen. Zur Macht sozialer und kultureller Grenzziehungen. Leipzig 2005, ca. 550 Seiten, Broschur, ISBN 3-86583-088-9, ca. 36,00 €

Informationen im Internet: http://www.isgv.de/dgv/index.htm

Zitation
Tagungsbericht: Grenzen und Differenzen. Zur Macht sozialer und kultureller Grenzziehungen, 25.09.2005 – 28.09.2005 Dresden, in: H-Soz-Kult, 07.12.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-952>.
Redaktion
Veröffentlicht am
07.12.2005