19. Tagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung

Ort
Schwerte
Veranstalter
Schwerter Arbeitskreis Katholizismusforschung
Datum
11.11.2005 - 13.11.2005
Von
Joachim Schmiedl, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar

Zur 19. Jahrestagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung versammelten sich vom 11. bis 13. November 2005 ca. 40 Historikerinnen und Historiker aus Deutschland, Österreich, Großbritannien, den Niederlanden und Frankreich. In bewährter Kooperation mit der Katholischen Akademie Schwerte (Dr. Johannes Horstmann und Dr. des. Markus Leniger) stand die Tagung unter der Leitung von Dr. Gisela Fleckenstein (Brühl) und Prof. Dr. Joachim Schmiedl (Vallendar).

Im Eröffnungsvortrag stellte Dr. Michael Hirschfeld (Vechta) das Projekt seiner Habilitationsarbeit vor. Die Bischofsernennungen zwischen dem Ende des Kulturkampfs und dem Ersten Weltkrieg vollzogen sich in einem konkordatär genau festgelegten Zusammenspiel zwischen Kirche und Staat. Dabei spielten beiderseitige Lenkungsmechanismen ebenso eine Rolle wie gelungene bzw. gescheiterte Karrierewege und soziale Merkmale. Am Beispiel der Bischofswahl in Münster 1889 zeigte Hirschfeld die Chancen seines methodischen Zugriffs auf.

Die Samstagsvorträge ordneten sich in das Thema der diesjährigen Generaldebatte ein: "Die Wahrnehmung von Andersartigkeit und Fremdheit durch Katholiken als Thema der Katholizismusforschung".
Zwei Studien behandelten das deutsch-polnische Verhältnis. Dr. Stephan Scholz (Oldenburg) untersuchte für die Jahre zwischen 1830 und 1849 die Wahrnehmung Polens in katholischen deutschen Zeitschriften. Er arbeitete heraus, dass die deutschen Katholiken in den als fremd empfundenen Polen die eigene Katholizität entdeckten. Gleichzeitig entsprachen die polnischen nicht dem Selbstbild der deutschen Katholiken, weil sie sich an der Revolution beteiligten. So kam es zu zwei Reaktionsmustern: Ignorieren, Ableugnen, Abgrenzen und Abspalten auf der einen, Umdeuten und Integrieren auf der anderen Seite. Im deutschen Katholizismus überwog im Verhältnis zum polnischen jedoch die Ambivalenz von konfessioneller Identifizierung und antirevolutionärer Abgrenzung.
Arne Thomsen (Paderborn) stellte am Beispiel der zentrumspolnischen Bewegung in Oberschlesien die Spannungen zwischen der polnisch- und deutschsprachigen Bevölkerung dar. Getragen von der Zeitschrift "Katolik" versuchte die polnische Gruppe in den beiden letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eigene Kandidaten für den Reichstag durchzusetzen. Inhaltlich setzten sich die Zentrumspolen für den Gebrauch der polnischen Sprache, für polnischen Religionsunterricht und für soziale Belange ihrer Sprachgruppe ein. Das Zentrum selbst beharrte in seiner Position als Honoratiorenpartei.

Mit der katholischen Haltung gegenüber rassisch konnotierten Minderheiten beschäftigten sich die beiden folgenden Vorträge. Dr. Theo Salemink (Utrecht) griff seine und Marcel Poorthuis' Forschungen zur Bewegung "Amici Israel" auf und analysierte die Gründe für deren rasche Aufhebung 1928, nur zwei Jahre nach der Gründung. Äußerer Anlass war der Streit um das Gebet "Pro perfidis Judaeis" in der Karfreitagsliturgie. Salemink fügte weitere Gründe hinzu: eine veränderte theologische Sicht des Judentums bei den "Amici", eine chiliastische Sympathie für den Zionismus, aber auch die ambivalente Beurteilung der Gründerin der Bewegung, Sophie Francisca van Leer und ihre enge Anlehnung an einen Ordensgeistlichen.
Die "konstruierte Andersartigkeit" der Sinti und Roma prangerte Prof. Dr. Wilhelm Solms (Marburg) an. Obwohl über 90 % der deutschen Zigeuner während der NS-Zeit katholischen Glaubens waren, setzten sich nur zwei Bischöfe für sie ein. Dagegen halfen Kirchenvertreter aktiv mit bei der Aussonderung von Zigeunern zur Deportation, auch von Kindern aus katholischen Heimen. Nach Solms machte sich darin ein jahrhundertealter ethnischer, sozialer, kirchlich-theologisch unterfütterter und volksreligiös motivierter Antiziganismus bemerkbar. Die Kirchen fühlten sich nicht zuständig für die als fremd und geheimen Kulten anhängenden charakterisierten Sinti und Roma. Erst in den letzten Jahren sei es auch in der Seelsorge, die lange Zeit unter dem Titel "Katholische Zigeuner- und Nomadenseelsorge" lief, obwohl fast alle Betreuten bereits seit Jahrzehnten sesshaft waren, zu einem Umdenken in Richtung Integration in die bestehenden Pfarrgemeinden gekommen.

Den Wahrnehmungshorizont im Zeitalter des Kolonialismus thematisierten zwei weitere Vorträge. Michael Weidert (Trier) stellte sein Dissertationsvorhaben über die katholische Mission in Deutsch-Ostafrika vor. In Missionszeitschriften wurde der Missionar in seiner Männlichkeit als Asket, Kulturbringer und Repräsentant der deutschen Nation vorgestellt. Das Leitbild "hegemonialer Männlichkeit" wirkte sich sowohl auf die untergeordnete Beziehung der Ordensbrüder zu den Priestern als auch auf das den indigenen Frauen zwar überlegene, den männlichen Missionaren jedoch untergeordnete Verhältnis der Missionsschwester zu den Ordenspriestern aus. Die Konstruktion des Anderen bezog sich zum einen auf die öffentlichen Repräsentanten des Heidentums, wie Häuptlinge und Medizinmänner, zum anderen auf die ernstzunehmende Konkurrenz durch den Islam.
"Schwarz-Weiß-Bilder" in den Missionszeitschriften der Pallottiner untersuchte Dr. Antonia Leugers (Dresden/München). Die Fotos erscheinen parallel konstruiert zu denen aus den deutschen Niederlassungen. Das Bildprogramm wird zum Teil den kolonialen Stereotypen der Jahrhundertwende entnommen. Zum Teil bemühen sich die Fotografen allerdings auch um die Darstellung von Missionierungserfolgen. Die Schwarzen werden gezeigt als Menschen, die auf der gleichen Wertigkeits- und Zivilisationsstufe wie die weißen Missionare stehen. Ihre Beteiligung am Apostolat der Missionare und an den sozialen Errungenschaften lässt sie aus ihrer "Heidenwelt" aus- und in die "Christenwelt" eintreten.

In seinem Kommentar verwies Dr. Uffa Jensen (Sussex) auf die poststrukturalistisch beeinflussten Debatten über Identität. Er hob hervor, wie wichtig die Einbettung von Identitäten in soziale und kulturelle Prozesse sei und wie in der Wahrnehmung des Anderen immer das eigene Selbst verändert werde. Dabei müsse über Muster der Wahrnehmung und die Rolle von Religion als Anbieterin solcher Muster nachgedacht werden. In den präsentierten Vorträgen sah er die Situation eines Double-Bind wirksam. Auf der einen Seite würden Katholiken versuchen, den nationalen, nicht selten protestantisch geprägten Mustern zu entsprechen, wobei die Erfahrung hinzukomme, selber Objekt von negativen Zuschreibungen zu sein. Andererseits spielten Eigenanteile katholischer Religiosität eine zentrale Rolle; bis heute stelle Religion ein wichtiges Reservoir für Wahrnehmungsmuster des Anderen bereit.

Die französische Historikerin Dr. Marie-Emmanuelle Reytier (Lyon) präsentierte am Abend Zwischenergebnisse aus dem vom Hildegardis-Verein eingerichteten Helene-Weber-Kolleg. Die Stipendiatinnen bearbeiten dabei verschiedene Aspekte aus dem Leben der Zentrums- und CDU-Politikerin. Annette Büttner untersucht Helene Weber als Förderin der katholischen Frauenbewegung (langjährige zweite Vorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbundes), Stefanie Pfennig ihre Tätigkeit als Pädagogin und Bildungspolitikerin (seit 1919 Ministerialrätin in Preußen). Katrin Schubert geht der Nachwirkung der Tätigkeit Webers in der illustrierten Presse nach, während Marie-Emmanuelle Reytier das Engagement Webers auf europäischer Ebene, besonders bei den internationalen Tagungen der christlichen Parteien, in den Blick nimmt.

Die Vorträge des Sonntagvormittag streiften Entwicklungen in der Katholizismus-Geschichte des 20. Jahrhunderts. Dr. Stefan Gerber (Jena) arbeitet über den "Verfassungsstreit" im Katholizismus der Weimarer Republik. Bei dieser Auseinandersetzung ging es um die Frage der Volkssouveränität und deren Vereinbarkeit mit dem auf neuscholastischer Philosophie basierenden katholischen Staatsdenken. Damit verbunden war als zweiter Strang die Frage nach der Staatsform - Republik oder Demokratie, die sich vor allem auf einer mittleren Ebene im Zeitschriftendiskurs manifestierte. Gerber plädierte dafür, bei der Beurteilung der katholischen Haltung zur Weimarer Demokratie vor allem das konkrete politische Handeln der Akteure in der Anfangs- und Endzeit Weimars, ihre weltanschaulichen Prägungen und ihre politischen und publizistischen Strategien in den Blick zu nehmen.
In die zweite Hälfte der 1960er Jahre führte der Vortrag von Pascal Eitler (Bielefeld). Im Rahmen einer semantik- und feldanalytischen Kommunikationsgeschichte untersucht er die öffentlichen Debatten um Kirche und Religion. Die Politische Theologie lässt sich als eines der zentralen Deutungsmuster zur Überwindung der Gegensätzlichkeit von Welt und Kirche auffassen. Die Weltzuwendung des Christentums äußert sich in einer neuen Praxisorientierung von Kirche, wie sie in der Zuwendung zu den Armen in der Befreiungstheologie und den dabei verwendeten marxistischen Interpretamenten ein transnationales Phänomen der 1960er und 1970er Jahre war. Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil, den Weltkirchentagen, dem Essener Katholikentag und anderen Großveranstaltungen wurde in den 1960er Jahren viel über Religion geredet, so dass die Säkularisierungsthese einer neuen Bewertung unterzogen werden muss.

Die nächste Jahrestagung des SAK vom 10.-12. November 2006 in der Katholischen Akademie in Schwerte wird sich im Rahmen der Generaldebatte mit dem Thema "Päpste und Papsttum als Gegenstand medialen Interesses" als Testfall für die Anwendung neuerer historischer Methoden beschäftigen. Dazu sind Beiträge ebenso willkommen wie für die Präsentation laufender Projekte zur Katholizismusforschung.

Kontakt

Dr. Gisela Fleckenstein
Auguste-Victoria-Str. 27
50321 Brühl
Tel.: 0172-8541469
E-Mail: gfl@wtal.de

Prof. Dr. Joachim Schmiedl
Philosophisch-Theologische Hochschule
Postfach 1406
56174 Vallendar
Tel.: 0261-6402261
Fax: 0261-6402300
E-Mail: jschmiedl@pthv.de

Zitation
Tagungsbericht: 19. Tagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung, 11.11.2005 – 13.11.2005 Schwerte, in: H-Soz-Kult, 02.12.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-956>.
Redaktion
Veröffentlicht am
02.12.2005