"Na saksy!" Deutsche und polnische Erinnerungen an Migrationen im 19. und 20. Jahrhundert

Ort
Leipzig, Polnisches Institut
Veranstalter
Dr. Ewa Tomicka-Krumrey (Leipzig); Dr. Robert Traba (Olsztyn/Allenstein und Warschau); Societas Jablonoviana Leipzig e.V. in Zusammenarbeit mit der Kulturgemeinschaft „Borussia“ Olsztyn/Allenstein und dem Sorbischen Institut Bautzen
Datum
25.11.2005 - 26.11.2005
Von
Andreas R. Hofmann, Historisches Seminar, Universität Leipzig

Ewa Tomicka-Krumrey (Leipzig) legte zur Eröffnung der Tagung dar, dass sich der Blick der Fachleute und des interessierten Publikums nicht nur auf die im deutsch-ostmitteleuropäischen Verhältnis vor allem diskutierten Zwangsmigrationen richten solle. Vielmehr sei es die Absicht der Tagung, auf unterschiedliche, in der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte nicht minder wichtige Formen von Bevölkerungsbewegungen aufmerksam zu machen. Dennoch spielten bei der Jahrestagung der Jablonowskischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig (http://www.uni-leipzig.de/jablonoviana) auch die Vertreibungen im Umfeld des Zweiten Weltkriegs eine zentrale Rolle, und zwar in Bezug auf das historische Erinnern ebenso wie auf aktuelle Geschichtspolitiken.

Wie Hans Henning Hahn (Oldenburg) in seinem Einleitungsreferat festhielt, hat es in den politischen Diskursen um gegenwärtige Migrationen etwa seit der Mitte der 1980er Jahre die bezeichnende Veränderung gegeben, dass wirtschaftliche Notlagen selbst dann, wenn sie politische Ursachen haben, nicht länger als Asylgrund anerkannt werden. Insofern die sozialwissenschaftlichen Fächer diesen Paradigmenwechsel der Politik teilweise unkritisch-affirmativ nachvollzogen haben, musste es bei der Tagung auch darum gehen, das Bewusstsein für die unterschiedlichen Motivationen von Migranten von einer häufig nur vermeintlichen „Freiwilligkeit“ bis hin zur direkten Gewaltanwendung bei Vertreibungsvorgängen zu sensibilisieren. Besonders deutlich wird dieser beinahe fließende Übergang von freier Entscheidung hin zu ausgesprochenen Zwangssituationen bei der Untersuchung von individuellen Migrationen. Diese wurden von Witold Molik (Poznań/Posen) anhand der Situation der polnischen Intelligenz im preußischen Teilungsgebiet der Kaiserzeit sowie von Feliks Tych (Warschau) am Beispiel der polnischen sozialistischen und kommunistischen Exilanten im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts und der Weimarer Republik thematisiert. Letztere emigrierten nicht immer aufgrund einer unmittelbaren Bedrohung für Leib und Leben, wählten aber das westliche Exil aufgrund der dort größeren politischen und publizistischen Handlungsspielräume. Auch die „vergessene Emigration“ (Molik) von Teilen der polnischen Intelligenz aus dem Posener Gebiet betraf nur eine verhältnismäßig kleine Personengruppe. Diese exemplifiziert jedoch sehr gut die gemischte Motivationslage aus Erweiterung von Erwerbs- und Karrierechancen, so im Falle zahlreicher Freiberufler und bildender Künstler, wie behördlicher Zwangsanwendung, die bei der Versetzung von polnischen Gerichtsbeamten und Lehrern zum Tragen kam.

Mit einer anderen, heute zumindest in Deutschland kaum mehr im historischen Gedächtnis verankerten Migration, befasste sich Wolfgang Keßler (Herne), nämlich der Einwanderung von deutschen Erwerbsmigranten in die preußischen Teilungsgebiete Polens seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert sowie in die russischen und habsburgischen Teilungsgebiete im Laufe des 19. Jahrhunderts. Diese West-Ostmigration hatte um die Jahrhundertmitte ihren Höhepunkt überschritten und wurde von einer Ost-Westwanderung abgelöst, deren Ziele die neuentstehenden Industriegebiete in Mittel- und Westdeutschland waren. Hierauf spielte der Tagungstitel „Na saksy“ an, der die – in der Landwirtschaft meist saisonalen – Erwerbsmigrationen in sächsisches (oder allgemein deutsches) Gebiet meint, die auch in dem deutschen Ausdruck „Sachsengänger“ einen Niederschlag gefunden haben.

Parallel zu diesen Bewegungen kam es zu einer schließlich massenhaften Emigration nach Übersee, die Krzysztof Makowski (Poznań/Posen) mittels seiner quantifizierenden Fallstudie zur Posener Provinz vorstellte. Dabei war der Hinweis besonders interessant, dass die Überseeemigration zwar in national (polnisch, deutsch und jüdisch) getrennten Historiographien nur für die jeweilige Bezugsgruppe untersucht worden ist, sich diese Segregation aber in den tatsächlichen Migrations- und Ansiedlungsprozessen nicht wiederfinden lässt.

Zwangsmigrationen im engeren Sinne waren die drei Vorträge des zweiten Konferenztages gewidmet. Ryszard Kaczmarek (Katowice/Kattowitz) fasste die hinter den sogenannten „rugi pruskie“, d.h. der Ausweisung polnischer und jüdischer Staatsangehöriger des Russischen Reiches und der Habsburgermonarchie in den Jahren 1885-1887 aus Preußen, stehenden außen- und innenpolitischen Absichten zusammen. Das trotz Binnenwanderung und Emigration zu verzeichnende Wachstum des polnischen Bevölkerungsanteils der preußischen Ostprovinzen wurde als nationalpolitische Gefahr eingestuft, die Reichskanzler Bismarck für die Konsolidierung seiner agrarisch-konservativen Regierungskoalition instrumentalisierte. Eine Generation später fanden erneut deutsch-polnische Migrationen statt, die Juliane Haubold-Stolle (Berlin) anhand der Aussiedlung in beide Richtungen aus Oberschlesien in der Zeit nach den schlesischen Aufständen und der Volksabstimmung von 1921 darstellte. Die armseligen Lebensumstände von Teilen der Optantenbevölkerung aus dem polnisch gewordenen Ostoberschlesien wurden sowohl von den Weimarer Regierungen als auch vom NS-Regime propagandistisch in der Absicht der Grenzrevision eingesetzt. Dagegen zielte die Interessenlage der Warschauer Regierung eher auf die Demonstration einer gelungenen, aber großteils fiktiven Integration der Aussiedler. Claudia Kraft (Erfurt) gab einen kursorischen Überblick über die Zwangsmigrationen nach dem Zweiten Weltkrieg, die sie in den thematischen Zusammenhang der Vertreibungen und genozidalen Vorgänge während des Kriegs selbst einordnete. Ihr Referat schloss mit dem eher skeptisch stimmenden Resümee, dass der „Komplex der Vertreibungen“ sich seit 1989 zwar sowohl in Polen als auch in Deutschland eines verstärkten Interesses erfreue, sich jedoch zwei grundsätzlich verschiedene Erinnerungskulturen ohne größere Berührungspunkte entwickelt hätten. Denn während in Polen in den vormals deutschen Gebieten eine nachgewachsene Generation ein authentisches Interesse an der Geschichte ihrer Heimat als Bestandteil ihrer eigenen Identität entwickelt habe, werde das Thema in Deutschland nach wie vor von den Funktionären der Vertriebenenverbände im Sinne einer Fortschreibung längst überholter Geschichtsdiskurse dominiert. Gleichzeitig mangele es diesseits der Oder an einer Rezeption der Ergebnisse der polnischen Forschung ebenso wie an der Wahrnehmung der Arbeit der Fachhistoriographie durch eine breitere Öffentlichkeit.
Die Erinnerung an ältere wie jüngere Migrationen wurde in der Mehrheit der Referate als historiographisches Thema nur am Rande berührt, stand dafür aber umso mehr im Blickpunkt der Diskussionen, denen der Nachmittag des zweiten Konferenztages gewidmet war. Kaum überraschend lässt sich feststellen, dass die gewaltsam herbeigeführten Migrationen der Mitte des 20. Jahrhunderts die Erinnerung an ältere Migrationen praktisch aus dem „funktionalen Gedächtnis“ der heute lebenden Generationen verdrängt haben. So wird z.B. die Einwanderung von Deutschen in das Lodzer Industriegebiet nur „von ihrem Ende her“ (Wolfgang Keßler), nämlich von den Vertreibungen nach 1945, in Erinnerung gerufen. In der Gruppenidentität der Deutschen aus Zentralpolen spielt sie so gut wie keine Rolle mehr und tritt vorwiegend nur noch im Zusammenhang eines familiengeschichtlichen Interesses in Erscheinung. Andererseits kann jedoch nachgewiesen werden, dass die Erinnerung an Migrationen, darunter Zwangsmigrationen der Vergangenheit, ihre eigene Geschichte hat, zu erkennen etwa daran, dass eine Vertreibung von ihren Akteuren gelegentlich mit einer vorangegangenen Vertreibung gerechtfertigt wird, die sich gegen sie (bzw. ihre Eltern- und Großelterngeneration) gerichtet hatte. Bodo von Borries (Hamburg) unterstrich, wie „hochgradig intentional“ die „kulturelle Überlieferung“ (in Abwandlung des Erinnerungsbegriffs von Jan Assmann) ist, in welchem Grade gesellschaftspolitische Interessen Einfluss auf die Auswahl dessen nehmen, was gegenwärtigen und zukünftigen Generationen als historisch wichtig und erinnernswert präsentiert werden soll. Daran knüpft sich einmal mehr die auch von den Tagungsteilnehmern empirisch nicht befriedigend zu beantwortende Frage, welche Bestandteile des historischen Wissens in welcher Form außerhalb einer engeren fachwissenschaftlichen Öffentlichkeit überliefert werden. Hier musste es bei einem Appell an die sozial- und kulturwissenschaftliche Rezeptionsforschung bleiben. Von den Historikern häufig übersehen wird dabei die Belletristik als eine besondere Form des Speichergedächtnisses, für die der Posener Germanist Hubert Orłowski in seinem Referat und seinen Diskussionsbeiträgen eine Lanze brach; die Analyse besonders solcher literarischer Werke, die nicht der „Höhenkammliteratur“ angehören, kann einen Beitrag leisten, die Frage nach Art und Umfang der historischen Erinnerung zu beantworten.

Trotz engagierter und von allen Teilnehmern als fruchtbar wahrgenommener Diskussionen hatten die versammelten Fachhistoriker letztlich kein Patentrezept dafür, wie sie mit der offenkundigen Tatsache des Bedeutungsverlustes ihres Metiers im gesamtgesellschaftlichen Diskurs umgehen und gegenüber den Zumutungen von massenmedialen Vermarktungsabsichten und gesellschaftspolitischen Deutungsinteressen wieder stärker in die Offensive gelangen könnten. Es bestand Konsens, dass gerade auf dem Gebiet der (Zwangs) Migrationen das Feld weder den populären Simplifizierern noch den populistischen Scharfmachern überlassen werden darf. Umso gespannter darf man auf die angekündigte Veröffentlichung der Tagungsbeiträge in überarbeiteter und erweiterter Form sein.

Den Höhepunkt im Begleitprogramm der Tagung bildete die Verleihung des Jabłonowski-Preises, die von der Societas Jablonoviana alle zwei Jahre an eine um den deutsch-polnischen Wissenschafts- und Kulturaustausch verdiente Persönlichkeit verliehen wird. Diesmaliger Preisträger ist der Autor, Essayist und Publizist Basil Kerski, der seit 1998 das deutsch-polnische Magazin „Dialog“ leitet. In seiner Laudatio würdigte der Journalist und „Dialog“-Gründer Adam Krzemiński den Preisträger als einen hervorragenden Kenner der europäischen Migrantenszene; die Diskussionen der Tagung bereicherte Kerski nicht zuletzt mit seiner autobiographischen Erfahrung vor einem polnisch-irakisch-deutschen Migrationshintergrund.

Zitation
Tagungsbericht: "Na saksy!" Deutsche und polnische Erinnerungen an Migrationen im 19. und 20. Jahrhundert, 25.11.2005 – 26.11.2005 Leipzig, Polnisches Institut, in: H-Soz-Kult, 16.12.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-974>.
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Veröffentlicht am
16.12.2005
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