Sport zwischen Ost und West

Ort
Zürich
Veranstalter
Forum Ostmittel- und Südosteuropa (FOSE); Deutsches Historisches Institut Warschau; Lehrstuhl für Neuere und Neuste Geschichte Osteuropas und seiner Kulturen (Universität Passau), Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte (Universität Zürich)
Datum
07.10.2005 - 08.10.2005
Von
Kaspar Näf, Basel; Dr. Carmen Scheide, Basel

Am 7. und 8. Oktober 2005 hatte das Forum für Ostmittel- und Südosteuropa (FOSE) zu einer ersten internationalen Nachwuchstagung unter dem Titel „Sport zwischen Ost und West: Interdisziplinäre Tagung zur Sportgeschichte“ an der Universität Zürich eingeladen, an der besonders spannende Kapitel der Sportgeschichte der 20. Jahrhunderts und im Speziellen Fragen des Sportgeschehens während des Kalten Krieges neu angegangen werden sollten. Der Thematik entsprechend stand die politische Instrumentalisierung des Sports und seiner verschiedenen Disziplinen im Zentrum. An der Tagung wurde von einem weit gefassten Sport-Begriff ausgegangen, so dass auch so genannte sportliche Randgebiete zur Diskussion gestellt und der Einfluss des Sportes auf Kulturkonzepte und die Politik diskutiert wurden.[1]

Bereits im April 2004 wurde das Thema in Zürich ein erstes Mal auf dem 2. Arbeitstreffen des FOSE, einem im Frühjahr 2003 ins Leben gerufenen, interdisziplinären Zusammenschluss von Nachwuchsforschenden aus der Schweiz, die sich mit Themen aus den Gebieten Ostmittel- und Südosteuropas befassen, behandelt. Die Tagung wurde von Stefan Wiederkehr (DHI Warschau), Stefan Rohdewald (Universität Passau) und Arié Malz (Universität Zürich) und den von ihnen vertretenen Instituten organisiert, wobei die Universität Zürich gleichzeitig als Gastgeberin fungierte. Stefan Wiederkehr dankte seinerseits zu Beginn der Tagung im Namen des Organisationskomitees, des FOSE und aller Anwesenden der Fédération Internationale de Football Association (FIFA), der Hochschulstiftung der Universität Zürich, der Gerda Henkel Stiftung, der Schweizerischen Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften, dem Schweizerischen Nationalfonds, der Vereinigung akademischer Mittelbau der Universität Zürich und dem Zürcher Universitätsverein, ohne deren großzügige Förderung dieses Treffen nicht hätte zustande kommen können.

Sport und Propaganda

Ein erstes Panel, welches von Nikolaus Katzer (Helmut Schmidt Bundeswehr-Universität Hamburg) moderiert wurde, war der Verbindung von Sport und Propaganda gewidmet. Wie Katzer zu Beginn ausführte, müsse bei der Verbindung der beiden zur Diskussion stehenden Themen in Betracht gezogen werden, dass die Propaganda schon in der Vergangenheit Gegenstand weitreichender Forschung, der Sport in der Wissenschaft hingegen bisher stiefmütterlich behandelt worden war. Insofern seien hier sehr fruchtbare Ergebnisse zu erwarten.
Der aus Bulgarien stammende Volkskundler Petar Petrov (Ludwig-Maximilians-Universität München) eröffnete anschließend mit seinem Vortrag „‚Sultan werden’ – Über die politische Ausnutzung traditioneller Ringkämpfe in Bulgarien“ die erste von vier Sektionen. Petrov skizzierte zuerst die Geschichte der Ringkämpfe in Bulgarien und deren Entwicklung seit den 1940er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Er zeigte dabei, dass die Ringkämpfe sowohl in sozialistischer als auch post-sozialistischer Zeit ein willkommenes Gefäß für Propagandabotschaften boten. Dabei hob Petrov hervor, dass die kommunistische Führung im Sinne der sozialistischen Dialektik zwischen neu und alt den Ringkämpfen ein neues Image geben wollte und deshalb das so genannte Ölringen, bei dem die Kämpfer mit Öl eingeschmiert wurden, in „trockene“ Ringkämpfe umwandelte. Darüber hinaus wurde das Ringen einer zentralistischen Leitung unterstellt und in verschiedener Hinsicht normiert. Dadurch erhielt es Elemente einer modernen Sportart. Propagandistische Botschaften konnten so auf Volksfesten von oben gesteuert und koordiniert unter die Leute gebracht werden. Mit dem Ende der sozialistischen Herrschaft sei diese zentralistische Organisation indessen zerfallen. Neu sei, dass Politiker aller Parteien Ringkämpfer für ihre Interessen engagierten, da sich das Ringen wegen des „Kampfcharakters“ für den Stärkebeweis und damit verbundene propagandistische Zwecke besonders eigne. Petrov vertrat die These, dass die politischen Parteien das Ringen wegen der damit verbundenen emotionalen Erregung als Propagandamittel ausnutzten. Dies gelinge besonders deshalb, weil neben der situativen emotionalen Übersteigerung die Ringkämpfe in den lokalen Kulturen als Tradition wahrgenommen würden und Identität stiftend wirkten.
Petrov verfolgte in einem zweiten Schritt die Tradition des Ringkampfs am Beispiel des Ludogoriegebietes, einer Region im Nordosten Bulgariens, aus der überaus viele Ringkämpfer stammten, bis ins 19. Jahrhundert zurück. In der Diskussion wurde speziell nach der ethnischen Bedeutung der Ringkämpfe gefragt. Dabei betonte Petrov, dass die Ringkämpfe bis zur Gründung der Nationalstaaten auf dem Balkan nie als etwas speziell Türkisches angesehen worden und in allen Ethnien beliebt waren. Ihm seien keine Kämpfe zwischen ethnischen Gruppen bekannt. Es gebe auch nichts speziell Bulgarisches an den Ringkämpfen, doch inwieweit sie in anderen Balkanländern Anklang fänden, blieb letztlich offen.

Ein zweites Referat zum genannten Themenkomplex hielt der Germanist und Slawist Andreas Nievergelt (Universität Zürich) unter dem Titel „Ein sportliches Randgebiet im Dienste der Geschichtsdarstellung und Bildpropaganda: Schachographie in Russland.“ Schachographie, so betonte der Referent, habe innerhalb des in der Sowjetunion weit verbreiteten Schachsportes selbst nur periphere Bedeutung. Es gelte zwischen Partie- und Kunstschach zu unterscheiden, wobei Letzteres sich mit dem Schachproblem befasse und irgendwo zwischen Denksport, Wissenschaft und Kunst anzusiedeln sei. Schachographie sei dasjenige Teilgebiet des Kunstschachs, das die bildliche Darstellung mit Mitteln des Schachspiels zum Gegenstand habe. Wenn früher die Schachfiguren zum Teil besonders gekleidet gewesen seien und in anderen Farben wie etwa Rot gegen Weiß gegeneinander gespielt hätten (dies bei der Nachahmung des russischen Bürgerkrieges im Gefolge des Oktoberumsturzes), so hätten sich in jüngster Zeit die Farben Schwarz und Weiß durchgesetzt. Dabei gehe in der Schachographie Weiß immer als Gewinner aus der Partie. Trotz dieser Reduktion der Darstellungsmittel eigne sich Schach, dessen Figuren klar an Krieg und Armeen erinnerten, ausgezeichnet für propagandistische Darstellungen: Der Sieger stehe durch die Problemforderung fest, man könne sich mit ihm identifizieren und der ästhetische Wert trete in den Hintergrund.
Anhand der Schachographie in der Sowjetunion und dem heutigen Russland, in der diese „Sportart“ in Verbindung mit Propagandabotschaften eine besondere Blüte erlebte und in Russland weiterhin erlebt, zeigte Nievergelt gegliedert nach den Themenkomplexen Geschichte und Armeetaktik, Personen, Raumfahrt, Sport und Arbeit/Industrie/Landwirtschaft zahlreiche schachographische Beispiele. Aus dem Bereich der historischen Gegebenheiten hätte eine schachographische Darstellung der Vertreibung Napoleons aus Russland, komponiert von A. D. Petrov, Weltruhm erlangt. Ähnliches gilt auch für das sowjetische Sportgeschehen, wobei hier vor allem Bildprobleme zum Zuge kamen (Abbildungen von Hockeyschlägern, Bällen etc.).
Nievergelt wies im Verlauf seines Referates darauf hin, dass im Gegensatz zum wenig sportlichen Charakter der Darstellung und Lösung schachographischer Probleme dieser jedoch auf Komponisten-Wettbewerben durchaus gewahrt bliebe.

Zusammenfassend schloss Nikolaus Katzer das Panel mit dem Hinweis, dass sich der Sport wegen der Offenheit des Spielausgangs nur sehr schlecht für propagandistische Zwecke eigne. Propaganda sei auf eine einfache Welt angewiesen, die Welt des Sportes sei indessen differenzierter. Es stelle sich die Frage, wer die Norm setzen würde – der Sport oder die Politiker. Anhand des Schachs sei die Verrätselung der Welt jedoch gut möglich. Er erhoffte sich aus zukünftigen systematischen Auswertungen von Sportlerbiographien weitere Ergebnisse.

Sport und internationale Beziehungen

Den Anfang der nächsten, vom Berner Sporthistoriker und Diplomaten Simon Geissbühler moderierten Einheit zur Verbindung von Sport und internationaler Politik machte Christian Koller (Historisches Seminar, Universität Zürich) mit einem Vortrag über „Fußball und internationale Beziehungen 1918 bis 1950: Großbritannien, Deutschland und die Sowjetunion im Vergleich.“ Koller schilderte nach einigen einleitenden Bemerkungen zur Entstehung und Struktur des internationalen Fußballsystems seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nacheinander die Entwicklung des Dreiecksverhältnisses zwischen den internationalen und nationalen Fußballverbänden sowie der Außenpolitik in den drei Staaten.
Während mit der Gründung der FIFA 1904 versucht worden sei, den Fußball einer weltweiten Regelung zu unterwerfen und zu organisieren, hätte es anfangs mehrere Verbände gegeben, die internationale Fußball-Wettbewerbe veranstaltet hätten. Insbesondere erwähnte Koller den 1920 in Luzern gegründeten „Internationalen Arbeiterverband für Sport und Körperkultur“ und die 1921 in Moskau geschaffene „Rote Sportinternationale.“ Erst nach 1945 hätte sich die in Zürich beheimatete FIFA durchgesetzt.
In Großbritannien sei Fußball bis in die 1930er-Jahre als reine Privatsache angesehen worden. Seit dem Aufkommen des Faschismus in Italien und des Nationalsozialismus in Deutschland sah sich das britische Außenministerium aufgrund der nationalen Bedeutung des Sportes in diesen Ländern dazu gedrängt, ein engeres Verhältnis mit den nationalen Fußballverbänden zu schließen.
In der Weimarer Republik hätte sich das Außenministerium von Anfang an für die Instrumentalisierung des Fußballes interessiert. Im Dritten Reich hätten einige peinliche Niederlagen (auch auf eigenem Terrain) allerdings gezeigt, dass sportlicher Erfolg nicht steuerbar sei, weshalb nach der Schlacht in Stalingrad am 20. Februar 1943 alle internationalen Sportbegegnungen eingestellt worden seien.
Die internationalen Fußballbeziehungen der Sowjetunion hingegen ließen sich, so Koller, analog zur sowjetischen Außenpolitik zwischen 1917 und 1946 in sechs Phasen gliedern: Abkapselung (1917-20), Rapallo (1921-33), Annäherung an den Westen (1933-39), Erneute Hinwendung zu Deutschland (1939-41), große Allianz mit dem Westen (1941-45), Kalter Krieg (ab 1947).
Abschließend formulierte Koller die These, dass die Verbindung von Fußball und Außenpolitik in allen drei Staaten während der untersuchten Periode zugenommen hätte und Großbritannien in den kontinentaleuropäischen Strudel hineingerissen worden sei. Die Dienste des Fußballs für die Außenpolitik seien aber durchaus ambivalent gewesen. Während man durch die Spiele das Bemühen um engere Kontakte signalisiert hätte, so sei die gleichzeitige Absicht nicht zu verkennen, die Stärke der eigenen Nation und des mit ihr verbundenen Systems unter Beweis zu stellen. Beide Aspekte seien aber, wegen der Eigenart des Sportes mit ungewissem Ausgang, mit Risiken behaftet gewesen.
Die sehr lebhafte Diskussion drehte sich vor allem um die von Koller herauskristallisierte, vierte Phase in den sowjetischen Fußballbeziehungen, welche Koller mit Zahlenmaterial über regen Sportleraustausch zwischen Deutschland und der Sowjetunion zu untermauern versuchte. Der in Straßburg lehrende Sporthistoriker André Gounot meinte indessen, diese entbehrten jeglicher Quellenbasis, weshalb die Frage letztlich im Raum stehen blieb.

Barbara Keys (California State University, Sacramento) stellte in ihrem Vortrag „The Soviet Union, Global Culture and the 1956 Melbourne Olympic Games“ die These auf, dass kultureller Austausch eine wichtige Rolle beim schnellen und unerwarteten Kollaps der Sowjetunion gespielt habe. Der kulturelle Austausch, wie sie sagte, habe besonders bei internationalen Sportanlässen stattgefunden. Diese seien sogar, wie man ex post feststellen müsse, das Hauptmedium des Kulturaustausches zwischen Ost und West gewesen und hätten in Wirklichkeit der Unterminierung des Sowjetregimes gedient, obwohl zeitgenössische Kommentatoren und Wissenschaftler in der Teilnahme von Sportlern aus der Sowjetunion an sportlichen Eliteanlässen lediglich Bemühungen des Sowjetregimes sahen, seine Legitimität zu steigern. Keys unterstrich, dass es ihr in ihren Ausführungen nicht darum gehe, anhand von konkreten Kulturkontakten den direkten Einfluss auf den Niedergang der Sowjetunion nachzuweisen – eine solche Beweisführung sei selbstverständlich enorm schwierig. Vielmehr wolle sie durch ein Herantasten aufzeigen, welche möglichen Wege des kulturellen Austausches an Sportanlässen geöffnet worden seien. Schließlich hätte der Austausch auch geholfen, dogmatische Ideologeme zu überwinden.
Keys illustrierte ihre These anhand von Beispielen, zuerst der Affäre um Nina Ponomareva, einer Diskuswerferin, welche im August 1956 an einem britisch-sowjetischen Wettkampf in London teilnahm und dort bei ihrer ersten Einkaufstour an westlichen Konsumgütern derart Gefallen fand, dass sie in einem Laden einige Hüte mitgehen ließ und dabei ertappt wurde. Da der Fall auch in der Presse an die große Glocke gehängt worden sei, hätte man sich wenige Wochen später bei ihrer Ankunft in Melbourne über Ponomareva lustig gemacht. Ponomareva sei kein Einzelfall gewesen.
Geschichten über das Leben von Athleten im Rahmen von Sportveranstaltungen hätten ebenso sowjetische Ansichten über den Westen beeinflusst. Diese seien jedoch zum Teil unerwartet positiv ausgefallen, sonst oft perpetuierte Stereotype von der amerikanischen Gesellschaft seien hier nicht geschürt worden. Gleichzeitig hätten aber nach den Spielen von 1956 publizierte Berichte oft westliche Quellen referiert, in denen die sowjetischen Siege lobend erwähnt worden seien. Schließlich führte Keys noch Beispiele von persönlichen Kontakten an, die im olympischen Dorf in Melbourne geschlossen worden waren und im Falle der tschechischen Diskuswerferin Olga Fikotova und dem amerikanischen Hammerwerfer Hal Connolly gar in einer Ehe enden konnten. Damit zeige sich, dass Kontakte zwischen Ost und West auf sportlicher Ebene zunehmend die Hintertür der sonst verfeindeten Systeme öffneten.

Die Historikerin Uta Andrea Balbier (Hamburger Institut für Sozialforschung) setzte sich in ihrem Referat unter dem Titel „’Von der DDR lernen, heißt siegen lernen!’: Zur diskursiven und strukturellen Übernahme des DDR-Sportsystems durch die Bundesrepublik im Vorfeld der Münchner Spiele 1972“ mit einem innerdeutschen Sportproblem auseinander. In Anknüpfung an ihre Vorrednerin betonte sie zu Beginn ihrer Ausführungen, dass auch im vorliegenden Beispiel der Sport die Politik beeinflusst habe – eine Erkenntnis, die bisher nur wenig erforscht sei. Ausgangspunkt ihrer Schilderungen war die Tatsache, dass die DDR getreu dem Ausspruch Erich Honeckers „Sport ist nicht Selbstzweck“ den sportlichen Wettkampf von Beginn an zum Systemkampf stilisiert hatte, während der Sport in der BRD in Abgrenzung zur nationalsozialistischen Vergangenheit Privatsache bleiben sollte. Durch die Erfolge des sozialistischen Konterparts sei man jedoch in Westdeutschland zunehmend in Zugzwang geraten. Augenscheinlichstes Beispiel dafür sei das gemeinschaftliche Auftreten beider deutscher Staaten unter künstlicher Hymne und Flagge an den olympischen Spielen zwischen 1955 und 1968, mit dem die Bundesrepublik versucht hätte, die volle Anerkennung der DDR auf dem internationalen Sportparkett zu verhindern. Später sei es jedoch im Vorfeld der Münchner Spiele von 1972 wieder zum Bruch gekommen. Gleichzeitig hätte man sich in der BRD endgültig Gedanken über eine Umstrukturierung der Sportausbildung gemacht.
Während in den 1950er-Jahren die ostdeutschen Kinder- und Jugendsportschulen von der westdeutschen Öffentlichkeit (parallel zu nationalsozialistischen Erziehungsanstalten) als Indoktrinations- und Drillschulen angeprangert worden seien, sei es später zu einer objektiveren Auseinandersetzung mit ihnen gekommen. Auch wenn man sich vielerorts darüber entrüstet gezeigt hätte, dass man in der Bundesrepublik kommunistische Methoden nachahmen wolle, so sei nun zunehmend an die Stelle des Klischees der anspruchslosen sozialistischen Sportmaschine die Ansicht getreten, dass gerade die Doppelbelastung durch Training und Unterricht hohe geistige Anforderungen stellen würde. Diese Diskussion hätte sich jedoch 1967 verlagert, und gleichzeitig sei die Idee des so genannten Sportgymnasiums mit Internatscharakter ernsthafter erörtert und realisiert worden. Obwohl in Politik und Gesellschaft diese Sportgymnasien als klares sozialistisches Modell galten, sei versucht worden, diese in die gemeinsame deutsche Sporttradition einzureihen. Abschließend stellte Balbier die These auf, dass der Transfer letztlich allein aufgrund der Systemkonfrontation zu Stande kam und die Politik eine Lösung auf die Herausforderung hätte suchen müssen.
Die Diskussion konzentrierte sich auf die Frage, ob nicht auch Amerika ein Vorbild hätte sein können, was Balbier verneinte, da ein System wie die traditionellen amerikanischen Sportschulen die finanziellen Möglichkeiten der BRD überstiegen hätten. Auch die Frage, ob das Diskursangebot durch den Kalten Krieg nicht schon von Anfang an gegeben gewesen sei, beantwortete Balbier klar verneinend, da damals das Blickfeld auf das Gesamte, die Einheit konzentriert war und man sich erst mit dem Mauerbau langsam mit der Zweiteilung abgefunden hätte.

Die beiden letzten Vorträge des Tages waren dem internationalen Eishockey gewidmet. Der finnische Historiker Markku Jokisipilä (University of Turku) sprach über „Cold War on Ice: International Ice Hockey as an Arena of Ideological Confrontation between East and West“. Einleitend stellte Jokisipilä die These auf, dass Eishockey neben den olympischen Spielen zu einem der wichtigsten Sporttheater im Kalten Krieg geworden sei. Dazu hätte die kriegerische Natur des Spieles mit hohem Gewaltpotential und einer kriegerischen Terminologie (in der auch der Ausdruck „neutrale Zone“ nicht fehle) beigetragen. Da eine passende Auswahl an Ländern (die UdSSR, die ČSSR und die DDR auf der einen, Kanada, die USA und die BRD auf der anderen sowie Schweden, Finnland und die Schweiz in der Mitte) mitgespielt hätte, sei das Spiel perfekt gewesen.
Die Sowjetunion, welche auch im Sport auf den Systemkonflikt gesetzt hätte, sei in keiner anderen Mannschaftssportart (etwa dem Fußball) an das Niveau des Westens herangekommen. Die Eishockey-Spieler seien so quasi zu den Soldaten des Kalten Kriegs geworden, was auf sowjetischer Seite insofern zugetroffen hätte, als die Spieler tatsächlich Soldaten in der Roten Armee gewesen seien (allerdings in erster Linie deswegen, um den von der internationalen Eishockey Föderation geforderten Amateurstatus zu umgehen).
Hauptgegner der Sowjetunion seien nicht die USA, sondern Kanada gewesen, wo das Eishockey-Spiel eine lange Tradition gehabt hätte. Eishockey hätte hier einem alten Männlichkeitsideal entsprochen, und die kanadischen Spieler hätten durch ihre berüchtigt harte Spielart den sowjetischen Soldaten am besten Paroli bieten können. Einzig im Februar 1980 hätten die USA beim so genannten „Wunder auf dem Eis“ die Rolle Kanadas übernommen und die Sowjetunion in einem spektakulären Spiel besiegt. Die Politik hätte aber in Kanada seit den späten 1960er-Jahren zunehmend dieses Spiel instrumentalisiert und damit die Heterogenität – etwa den Sprachenkonflikt – des Landes zu überspielen versucht. Letzteres sei im Vielvölkerstaat Sowjetunion mit fast ausschließlich russischen Spielern kaum der Fall gewesen. Jokisipilä wies in seinem Vortrag weiter darauf hin, dass sich bei den internationalen Begegnungen auch die Mängel der Konsumgüter-Industrie im Ostblock nicht hätten verdecken lassen. So seien etwa die sowjetischen Eishockey-Schläger der Qualität der westlichen deutlich unterlegen und sogar für das Nationalteam Mangelware gewesen.
Der Referent bemerkte weiter, dass die Begegnungen oft noch zusätzlich politisch aufgeladen gewesen seien und deshalb manchmal einer der Kontrahenten nicht an einem Tournier erschienen sei, so etwa die USA 1957 in Moskau wegen der Ereignisse 1956 in Ungarn. 1962 hätten etwa die USA den Spielern der DDR wegen des Mauerbaus im vorangehenden August die Einreisevisa verweigert, wobei darauf auch die Teams der UdSSR und der ČSSR zu Hause geblieben seien. Mit seinen abschließenden Bemerkungen zur tschechoslowakisch-sowjetischen Konkurrenz auf dem Eis und deren politischer Eskalation 1968/69 leitete Jokisipilä zum Vortrag von Jörg Ganzenmüller (Friedrich-Schiller-Universität Jena) über, der in seinen Ausführungen unter dem Titel „Bruderzwist im Kalten Krieg: Tschechoslowakisch-sowjetische Länderspiele im Vorfeld des ‚Prager Frühlings’“ einen innersozialistischen Konflikt beleuchtete.

Ausgehend von den tumultartigen Ereignissen in Prag und der drauffolgenden definitiven Beendigung des „Prager Frühlings“ mit der Absetzung Alexander Dubčeks vom Posten des Ersten Sekretärs der KPČ im Gefolge des zweiten Sieges der Tschechoslowakei über die Sowjetunion am 28. März 1969 bei den Eishockey-Weltmeisterschaften in Stockholm und illustrierend am Beispiel eines ebenfalls Tumulte und diplomatische Verstimmungen auslösenden Eishockey-Spieles zwischen der Tschechoslowakei und der Sowjetunion 1967 in Wien fragte Ganzenmüller nach der Rolle und den Ansichten „der tschechoslowakischen Massen“ während des „Prager Frühlings“. Dieser werde zu oft als Geschichte weniger Akteure im Kreml und dem Hradšín geschrieben. Mangels Quellen werde außer Acht gelassen, ob die Bevölkerung tatsächlich die Überzeugungen der Reformkommunisten geteilt hätte. Die Sporthalle und in der Tschechoslowakei insbesondere das (populäre) Eishockeystadion sei einer der wenigen Orte, an dem sich unter dem kommunistischen Regime Menschenmassen hätten zusammenfinden können. Deshalb werfe die dort auszumachende Stimmung – ohne Anspruch auf Repräsentativität – ein Schlaglicht auf die damalige politische Stimmungslage im Land. Ganzenmüller vertrat, gestützt auf die Schlägereien und das Pfeifkonzert beim erwähnten Spiel vom Frühjahr 1967 als zweites die These, dass der „Prager Frühling“ nicht der viel beschworene große Wendepunkt in der Wahrnehmung der Sowjetunion durch die tschechoslowakische Bevölkerung gewesen sei. Protestpotential hätte schon vorher bestanden – insbesondere seit der sich 1967 manifestierenden Wirtschaftskrise im System Nowotny. Weiter relativierte Ganzenmüller die allgemein anerkannte These, wonach die Prager Ereignisse vom 28. März 1969 der von den Sowjets lange herbei gesehnte (und evtl. von Geheimdiensten provozierte) Vorwand gewesen sei, um Dubček abzusetzen. Die Tumulte auf dem Wenzelsplatz seien im Gegensatz zur gängigen Sichtweise auch nicht die einzigen im Lande gewesen und markierten lediglich bezüglich der Anzahl Beteiligter und deren Gewaltbereitschaft einen neuen Höhepunkt in einer Reihe gleicher Ereignisse seit 1966.
Der Vortrag wurde wiederum von einer überaus lebhaften und teilweise auch emotionalen Diskussion abgerundet. Einerseits wurde in Zweifel gezogen, ob man in einem totalitären System überhaupt von einer öffentlichen Meinung sprechen könne. Andererseits bot die letztlich müßige, weil wahrscheinlich nie restlos aufklärbare These Dubčeks, sowjetische Agenten hätten die Unruhen und die Plünderung des Aeroflot-Büros am 28. März 1969 in Prag initiiert, umfangreichen Gesprächsstoff. Weiter wurde angeführt, dass Eishockey für die Tschechen, die sich als so genanntes maly narod verstünden und sich immer über den Sieg über einen Großen gefreut hätten, immer schon eine emotionale Sache gewesen sei, wobei hier zu bemerken ist, dass dies natürlich auch für andere Kleinnationen gilt. Was für die tschechischen Spieler ein Sieg über die Sowjetunion bedeute, könne man in ihren Memoiren nachlesen. Schließlich wurde nochmals betont, dass sich das Russlandbild der Tschechen nach dem Einmarsch 1968 klar geändert hätte.

Körperkonzepte und Sport

Der dritte Teil der Zürcher Tagung, welcher im Zeichen von tschechoslowakischen und sowjetischen Körperkonzepten stand, wurde von Evelyn Mertin (Deutsche Sporthochschule Köln), geleitet. Filip Bláha (Karls Universität, Prag) widmete seinen Beitrag zu „Körperbeziehung, Sport und die Formierung der Frauenidentität in den böhmischen Ländern bis zum Zweiten Weltkrieg“ der tschechoslowakischen Sokol-Bewegung. In dieser 1862 gegründeten Vereinigung vermischten sich verschiedene Diskurse über Sozialhygiene, nationale Identitäten und bürgerliche Geschlechtervorstellungen. Frauen sollten als Mütter und Erzieherinnen eine nationale Kultur an Kinder vermitteln und im Sinne einer nationalen Hygiene sich um den Körper der Familie kümmern. Neue Erkenntnisse über den durch Bewegung und frische Luft zu pflegenden physischen menschlichen Körper wurden auf die Idee eines tschechischen nationalen Körpers übertragen. Besonders in den Schriften von Miroslav Tyrš (1832-1884), einem Mitbegründer des Sokol, wurden dazu grundlegende Gedanken auf einer Rezeption der Antike basierend formuliert. Tyrš betonte das Ideal eines nationalen Zusammenhaltes und als Schönheitsideal den antiken männlichen Körper. Die Dominanz männlicher Vorbilder als Paradigma fand sich in der visuellen Ausstattung von Sokol-Turnhallen wieder, in denen Männerkörper Kraft, Stärke oder Wahrheit symbolisierten. Die zunächst nachgeordneten Frauenkörper setzten sich erst seit 1900 als symbolisches Kapital durch, seit 1901 durften sie an Sokol-Turnfesten teilnehmen. Die hierarchische Geschlechterordnung auf den Turnfesten und im Sokol entsprach überwiegend damaligen populären Bildern von Frauen- und Männerrollen. Der Wandel besonders von Frauenrollen basierte auf allgemeinen weiblichen Emanzipationsbestrebungen und einer zunehmenden Individualisierung.

Der Historiker Malte Rolf (Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität, Berlin) sprach über „Körper des Kommunismus. Sportparaden in der Sowjetunion der 1930er-Jahre“. Darstellungen von Sportlern und Aufmärschen gehörten seit den 1930er-Jahren zur visuellen Kultur. Sie symbolisierten den „neuen Menschen“ im Zusammenhang mit einem zivilisatorischen Zukunftsentwurf und waren nach Meinung von Rolf Ausdruck einer imperialen Inszenierung des Stalinismus. Sportparaden seien das performative Medium des Moskauer Machtzentrums für die Durchherrschung der Gesellschaft gewesen, die in den Massenveranstaltungen idealtypisch dargestellt werden sollte. Während in den 1920er-Jahren die Menschen in der Sowjetunion durch Paraden und Feste zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen werden sollten, wurde dieser Zusammenhalt unter Stalin inszeniert und als bestehend repräsentiert. Frauen waren dabei wichtige Protagonistinnen, die auf Fortschritt und Wandel verwiesen, aber auch stark in der Tradition einer nationalen Allegorie standen. Auf höchster Ebene war Lazar Kaganovič für die Feste verantwortlich, die von Betriebskollektiven umgesetzt werden mussten. Vorbild waren französische Paradetraditionen aus dem späten 19. Jahrhundert und ein Komintern-Treffen von 1923. In der Diskussion kamen Fragen nach der Wirksamkeit einer zentralen Durchherrschung in peripheren Gebieten und die Akzeptanz von Individuen für imperiale innersowjetische Machtansprüche auf. Gemäß Rolf habe eine weitgehende „Sowjetisierung“ des Alltags stattgefunden.

Die Historikerin Eva Maurer stellte den sowjetischen Alpinismus in ihrem Beitrag „Pik Kommunizma: Über die Etablierung des Alpinismus in der Sowjetunion zwischen 1925 und 1955“ vor. In den 1930er-Jahren wurde der sowjetische Alpinismus vor allem als Breitensport entwickelt und durch die OPTĖ (Obščestvo proletarskogo turizma i ėkskursiij) organisiert, die von 1928 bis 1936 zur Hebung der Kultur von Werktätigen bestand. Dann erfolgte ein Wechsel von einem vornehmlich individuellen Alpinismus hin zu einem militärischen, kollektiven, der im Diskurs der Landesverteidigung stand. Erst zu Beginn der 1950er-Jahre erfolgte eine erneute Wende, indem der Körper und Kleingruppen militärische Normen von Disziplin und Gehorsam durch Freundschaft ablösten. Da der sowjetische Alpinismus kein Spitzen- oder Massensport war, obwohl er weltweit erstmals in der Sowjetunion zu einem Wettkampfsport deklariert worden war, ist er ein interessantes Beispiel für die Handlungsräume der Selbstverwaltung und Netzwerkbildung in einem zentralistischen, totalitären Staat. So wurden Alpinisten auch immer wieder mit dem Vorwurf des Individualismus konfrontiert, die einer militärisch gedachten Gesellschaftsdisziplin widersprachen. Der Körper von Alpinisten drückte vor allem einen potentiellen Raum für eine starke Individualisierung aus, wobei auch hier Leistungen von ausgezeichneten Bergsteigerinnen immer im Schatten von männlichen Taten standen, denen vor allem der Ruhm galt.

Ethnizität und Sport

Das letzte Panel, das verschiedene Verstrickungen von Ethnizität und Sport beleuchtete, wurde vom Kölner Osteuropa-Historiker Alexis Hofmeister moderiert. Die enge und nahe liegende Verknüpfung von Sport und Ethnizität stellte Bogdan Popa (Polytechnische Universität Bukarest) mit einem Beitrag zu „Our Team? Ethnic Prejudices and Football in Interwar Romania“ vor. Er stellte die Frage nach der Rolle von Sport in der Repräsenation der Nation in der Zwischenkriegszeit Rumäniens. Zunächst ging Popa auf das nationale Konzept Rumäniens nach dem Untergang des „Alten Königreiches“ ein, zu dem nun neue Gebiete, vormals Teile von Österreich-Ungarn, gehörten. Es gab stets eine Spannung zwischen dem Zentrum Bukarest, Transsylvanien und dem Banat, bedingt durch unterschiedliche ökonomische Entwicklungen und multiethnische Zusammensetzungen. Besonders in den Industrieregionen war Fussball populär, der eine exponierte Stellung in der rumänischen Sportwelt besaß.
Die ethnische Frage stellte sich evident bei den Olypmischen Spielen in Paris von 1924, als in der rumänischen Fussballmannschaft überwiegend Ungarn spielten. Daraufhin wurde über eine Rumänisierung des Teams diskutiert, die 1935 zu dem sogenannten Numerus Valachicus – also einer ethnischen Quotierung – führte, nach der mindestens acht von elf Spielern Rumänen sein mussten. Entgegen dem Bemühen, den Prozess der rumänischen Nationsbildung auf sportlicher Ebene voran zu treiben, gab es in den verschiedenen lokalen Vereinen oftmals eine friedliche Koexistenz unterschiedlicher Ethnien. Die Rolle von Nationalmannschaften in multiethnischen Gebieten oder Staaten bedarf noch weiterer Ausführungen und Vergleiche.

Vladan Jovanović (Universität Belgrad) referierte über „Sport as Means of Yugoslav National Policy in Macedonia (1918-1941)“. Mazedonien war in der Zwischenkriegszeit ein Gebiet mit einer gemischten nationalen und konfessionellen Bevölkerung. Die Körpererziehung wurde laut Jovanović zu einem „Schlachtfeld“ für konkurrierende Ideologien und nationale Vorstellungen, wobei eine Militarisierung des Sports der Versuch war, die Beschlüsse der Pariser Friedensverträge und Genfer Verträge in Bezug auf eine Entwaffnung zu unterlaufen. Besonders sichtbar wird dies an der bereits 1908 nach dem tschechischen Vorbild gegründeten Sokol-Bewegung. Nach 1918 diente diese schnell wachsende Organisation als Plattform zur Herausbildung eines nationalen Bewusstseins, wobei die Trainer jeweils in engen Verbindungen zum jugoslawischen Militär standen.
Ab 1934 wurde jedoch verstärkt eine verpflichtende Körpererziehung für Schüler vorgeschrieben, die ab 1935 Gesetzesstatus erhielt, sich aber nur zögerlich durchsetzte. Der Referent schilderte die nur verhaltene Entwicklung individueller Sportarten und einem Import von Fußball durch die Engländer seit 1909, der sogar zur Entwicklung einer mazedonischen Fußballmannschaft führte, die an der jugoslawischen Meisterschaft teilnahm.

Schließlich referierte der Theologe Andreas Prokopf (Universität Würzburg) zum Thema „Hooligans in Polen: Fremd im eigenen Land“. Er widmete seinen Vortrag dem Phänomen des Antisemitismus in der polnischen Fankultur. Dabei bezeichnete er nach einer Beschreibung einer vornehmlich nationalistischen und antisemitischen Fan-Kultur diese als eine Unterschichten-Kultur und grenzte sie dadurch klar von der „normalen“ Kultur ab. Im Vergleich etwa zur deutschen Bundesliga bestehe nur eine geringe Akzeptanz von Fußball-Fans, die aber entgegen einer weit verbreiteten Annahme keine Randerscheinung seien. Prokopf schilderte zahlreiche Beispiel aus dem heutigen Polen und entwickelte daraus ein Projekt, diesen Verhaltensweisen mit soziologischen Ansätzen weiter nachzugehen. Polnische Fankultur wird in Polen als eine „Schmuddelecke“ betrachtet, von der sich „normale“ Bürger absetzen. Dennoch besitze laut Prokopf Fußball eine wichtige Kommunikationsfunktion, da hier Dinge benannt werden könnten, die noch nicht zum offiziellen Diskurs gehörten, aber dennoch viele Menschen beschäftigen würden. In der Diskussion erfolgten einige Vergleiche zu anderen europäischen Fußballvereinen, gerade in Bezug auf die Zuschreibung einer jüdischen Identität (wie etwa Ajax Amsterdam oder Austria Wien). Nikolaus Katzer sprach von ritualisierter Gewalt in Fußballfankreisen, die eine vergleichende Perspektive eröffnen würde. Deutlich wurde, dass Fußball ein diskursives Feld für nicht verarbeitete Geschichte und unbewusste Erinnerungen ist, es aber immer auch um Tabubrüche, Provokation und Aushandlung von Grenzen und Normen geht.

In der Schlussdiskussion wurden die in den Panels aufgeworfenen Fragen verknüpft. Zum einen hatten die ganz verschieden gelagerten Vorträge der Tagung anschaulich gezeigt, dass sowohl der Breiten- als auch der Leistungssport in seinen auch noch so unterschiedlichen Disziplinen sich kaum dem Einfluss von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft entziehen kann, wobei die Rolle der Wirtschaft in Osteuropa erst nach der Systemwende 1989/91 an Bedeutung gewonnen hat (wie etwa aus dem Beitrag zu Ringkämpfen in Bulgarien hervorging). Die über zwei Systemwechsel fortwährende Instrumentalisierung der Ringkämpfe für die Politik zeigte jedoch auch, dass Sport nicht nur in Diktaturen zu Propagandazwecken vereinnahmt werden kann. Aufschlussreich war zudem, dass sportliche Massenveranstaltungen in geschlossenen Gesellschaften Foren und Freiräume für eine beschränkte Meinungsäußerung und Öffentlichkeit schaffen, in freiheitlichen Staaten – wie Prokopfs Beispiel der Fußball-Fankultur in Polen illustrierte – jedoch zu rassistischen Tendenzen führen können. In beiden Fällen werden Graubereiche angepeilt, die entweder verboten oder zumindest geächtet werden. Sport ermöglicht so einen Spiegel der Gesellschaft. Insgesamt wurde festgestellt, dass Sport in einer starken Wechselwirkung mit der Gesamtgesellschaft steht und die Beeinflussungsrichtung nicht unidirektional verläuft. Sport bündelt einerseits verschiedene Handlungsfelder, er besitzt aber andererseits auch eine Autonomie, einen Eigensinn und ist eine eigene, nicht steuerbare Welt.
Eine zweite Diskussionslinie drehte sich um die Ästhetik des Sports. Wenn auch Kunsthistoriker die Leistungen der Schachographie kaum als ästhetisch bezeichnen würden, so ist hier wie in vielen anderen Sportdisziplinen die Ikonographie von Bedeutung. Das äußere Erscheinungsbild steht dort wie bei den verschiedenen Körperkonzepten des Sportes im Vordergrund.
Abschließend kann festgehalten werden, dass im Sport die Konsumenten und Adressaten eine ebenso wichtige Rolle spielen wie die Akteure. Sie können zusammen mit den Konzepten der Nation, der Ethnizität und des Geschlechts zu den Konstanten bei der Erforschung des Sports und der Sportgeschichte gezählt werden. Die Überlappungen der Themen der einzelnen Panels haben aber gleichzeitig gezeigt, dass diese Analysekriterien durchaus ambivalent sind und sich überschneiden.

Eine Publikation der Tagungsbeiträge zusammen mit weiteren einschlägigen Aufsätzen ist in Vorbereitung.

Anmerkungen:
[1] Tagungsprogramm bei H-Soz-u-Kult unter http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=4289

Kontakt

Organisation und Kontakt:
lic. phil. Arié Malz, Universität Zürich, armalz@access.unizh.ch;
Dr. des. Stefan Rohdewald, Universität Passau, stefan.rohdewald@uni-passau.de;
Dr. des. Stefan Wiederkehr, Deutsches Historisches Institut Warschau, wiederkehr@dhi.waw.pl

Zitation
Tagungsbericht: Sport zwischen Ost und West, 07.10.2005 – 08.10.2005 Zürich, in: H-Soz-Kult, 22.12.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-975>.
Redaktion
Veröffentlicht am
22.12.2005
Beiträger