Der Einfluss von Religion und Konfession auf die Identitätskonstruktionen

Ort
Zürich
Veranstalter
Forum Ostmittel- und Südosteuropa (FOSE)
Datum
26.11.2005
Von
Daniel Jetel, Zürich

Das Forum Ostmittel- und Südosteuropa (FOSE) lud auf den 26. November zu seinem 5. Arbeitstreffen nach Zürich ein. Unter der Leitung von Mira Jovanovic und Kaspar Näf, die auch für die Organisation der Tagung verantwortlich zeichneten, wurde anhand einführender Texte und im Rahmen von vier Referaten der Einfluss von Religion und Konfession auf die Identitätskonstruktionen in Südost- und Ostmitteleuropa thematisiert und diskutiert.

Auf der Grundlage von zwei theoretischen Aufsätzen zum Identitätsbegriff und zur Beziehung von Religion und Identität [1] sowie zwei Aufsätzen zu laufenden Diskursen über den Einfluss von Religion auf Identitätskonstruktionen [2] fand in einem ersten Teil der Tagung eine generelle Diskussion des Themas statt. Im Mittelpunkt standen Bedeutung, Verwendung und Problematik des Begriffs der kollektiven Identität, also eines Terminus, welcher gerade in jüngster Zeit einerseits eine neue Konjunktur erlebt, andererseits einer zunehmenden Kritik ausgesetzt ist. Dabei spiegelte sich das Fehlen einer in den Wissenschaften allgemein anerkannten Definition des Begriffs in der Diskussion wider. Während einige Teilnehmer die Ansicht vertraten, der Gebrauch des Begriffs der kollektiven Identität sei grundsätzlich zu vermeiden, wiesen andere darauf hin, dass man in der wissenschaftlichen Arbeit auf abstrakte, vereinfachende Begriffe für die Erklärung komplexer sozialer Realitäten nicht verzichten könne. Kaum Anlass zu Meinungsverschiedenheiten bot hingegen die Frage nach den Risiken und Gefahren des Begriffs der kollektiven Identität. Hier war man sich einig, dass sich der Terminus der kollektiven Identität gerade aufgrund des großen Interpretationsfreiraums bestens dazu eignet, für politische Ziele gebraucht und missbraucht zu werden, wie auch die jüngere Geschichte Ostmittel- und Südosteuropas zeigt.

Den zweiten Teil der Tagung eröffnete Stefan Dietrich (Zürich) mit einem Referat über das religiöse und nationale Selbstbewusstsein bei Kroaten und Serben. In einem historischen Längsschnitt zeigte der Referent auf, wie die Funktion der Religion bzw. Konfession für den Prozess der Identitätskonstruktion im Laufe der Zeiten änderte. Dabei wurde deutlich, dass diese Funktion in erster Linie abhängig war von den jeweiligen politischen Verhältnissen, von Machtkonstellationen und äußerer Bedrohung. So wirkte zur Zeit der Expansion des osmanischen Reiches die christliche Religion identitätsstiftend sowohl bei Serben als auch bei Kroaten, was eine gemeinsame, über die Konfessionsgrenzen hinwegreichende Abwehrfront gegen den nichtchristlichen Gegner ermöglichte. Im 19. Jahrhundert war es dann in erster Linie die serbo-kroatische Sprache, welche als Grundlage der Idee einer südslawischen Nation dienen sollte. Gleichzeitig zur sprachlichen Integration und in Konkurrenz zu dieser verstärkten sich aber seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Tendenzen, welche auf eine Desintegration zwischen Serben und Kroaten unter Herbeiziehung der konfessionellen Unterschiede hinzielten. Die Konfession bzw. die jeweilige Kirche war es dann auch, welche maßgebend war für das jeweilige nationale Selbstbewusstsein im gemeinsamen "südslawischen" Staat des 20. Jahrhunderts.

Das Verhältnis zwischen Nation und Religion im vormodernen Polen untersuchte Peter Collmer (Zürich) anhand der Bedeutung des Katholizismus in der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Der Referent zeigte auf, wie der katholische Glaube im 17. und 18. Jahrhundert sowohl nach innen als auch nach außen eine sich verstärkende integrative Kraft innerhalb der polnischen (Adels)Gesellschaft entfaltete und damit maßgeblich zur Ausbildung einer polnisch-katholischen Identität beigetragen hat: Nach außen bildete der Katholizismus den Kern einer "Verteidigungsideologie", welche gegen die nichtkatholischen äußeren Gegner (orthodoxe Russen, protestantische Schweden und Preußen, islamische Osmanen) mobilisiert werden konnte. Nach Innen diente der Katholizismus als Abgrenzungsmerkmal gegenüber den nichtkatholischen Minderheiten der Adelsrepublik (Unierte, Juden, Orthodoxe) und übte gleichzeitig einen starken geistigen Einfluss auf die Adelsgesellschaft aus, wodurch es verstärkt zu einer wechselseitigen Durchdringung von polnischer Adelsgesellschaft und katholischer Kirche kam. Im Hinblick auf die Frage der Identitätsbildung erfüllte laut Collmer die Religion im 17. und 18. Jahrhundert für die polnische Gesellschaft somit eine ähnliche Funktion, wie es die Nation andernorts im 19. Jahrhundert tat.

Die Rezeption der lateinamerikanischen Befreiungstheologie in der Volksrepublik Polen (PRL) war der Gegenstand des Werkstattberichts von Stefan Wiederkehr (Warschau). Der Referent machte zunächst deutlich, dass eine wertende Stellungnahme über diese marxistisch inspirierte Strömung innerhalb der katholischen Kirche angesichts einer unklaren Freund-Feind-Konstellation sowohl für Anhänger der PRL als auch für die offiziellen Vertreter des Katholizismus ein Problem darstellte. Danach präsentierte er einige vorläufige Ergebnisse seines Forschungsvorhabens: Erst die offizielle Verurteilung der Befreiungstheologie durch den Vatikan in den Jahren 1979, 1984 und 1986 klärte die Rollenverteilung und intensivierte die publizistische Debatte in der PRL. Das Verdikt des Vatikans machte aber, so Wiederkehr, auch den Weg frei für den subversiven Umgang mit dem Thema Befreiungstheologie im Vorfeld des Systemwechsels von 1989. Dissidenten instrumentalisierten in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre das Thema, um am Beispiel eines entlegenen Phänomens eine Wertediskussion über Pluralismus und Partizipation in Polen zu führen.

Im letzten Referat ging Ekaterina Emeliantseva (Basel/Zürich) der Frage nach, inwiefern die Religiosität des Individuums an eine bestimmte soziale Situation gebunden ist und von dieser abhängt. Das Phänomen einer solchen "situative Religiosität" untersuchte die Referentin am Beispiel der Moskauer Chlysty, einer im Russland des ausgehenden 17. Jahrhunderts entstandenen mystischen Bewegung, deren Mitglieder zwar Angehörige der orthodoxen Kirche waren, darüber hinaus aber im privaten Bereich spezifische religiöse Riten praktizierten. Anschaulich zeigte Emeliantseva auf, wodurch sich einerseits die Moskauer Chlysty in ihrem Alltagsleben von den Rechtgläubigen unterschieden und wo es andererseits Parallelen und Gemeinsamkeiten gab. Zwischen Chlysty und Orthodoxen scheint es dabei betreffend religiösen und profanen Lebensgewohnheiten nur wenige Unterschiede gegeben zu haben, diese wurden aber von den Chlysty bewusst als Unterscheidungszeichen gepflegt und dienten als Basis für die Konstruktion eines religiös begründeten Zugehörigkeitsgefühls. Gleichzeitig aber strich die Referentin die Flexibilität dieses Zugehörigkeitsgefühls hervor: Im Sinne einer situativ bestimmten Identität sahen sich die Chlysty eben nicht nur als Chlysty, sondern je nach sozialer Situation (Praktizierung der Religion im häuslichen Bereich oder in einer orthodoxen Kirche) auch als Teil der orthodoxen Gemeinschaft.

Trotz des breiten thematischen und zeitlichen Spektrums zeigten die Referate deutlich die Parallelen zwischen den untersuchten Prozessen der Identitätskonstruktionen auf: Grundsätzlich ermöglichte die gemeinsame Religion bzw. Konfession den jeweiligen Kollektiven einerseits die Integration nach innen, andererseits eine Abgrenzung gegen aussen. Die Referate gingen somit über die Einzelergebnisse hinaus und beleuchteten - wenn auch indirekt - die Problematik von Identitätskonstruktionen als ganzes. Diesbezüglich würde schliesslich eine zusätzliche Fokussierung der Forschungsfragen auf einzelne Individuen zweifellos neue Perspektiven eröffnen.

Anmerkungen:
[1] Straub, Jürgen. Identität. In: Friedrich Jaeger et al. (hg.). Handbuch der Kulturwissenschaften. Stuttgart 2004. S. 277-303. Knoblauch, Hubert. Religion, Identität und Transzendenz. In: Friedrich Jaeger et al. (hg.). Handbuch der Kulturwissenschaften. Stuttgart 2004. S. 349-363.
[2] Schneider, Ute. Von Juden und Türken: Zum gegenwärtigen Diskurs über Religion, kollektive Identität und Modernisierung. Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 52, 5 (2004), 426-440. Alfejev, Hilarion Grigorij. Unterschätzter Dialogpartner: Die Orthodoxie im neuen Europa und ihr Beitrag zur Herausbildung europäischer Identität. Der Christliche Osten 59, 6 (2004), 365-370.

Zitation
Tagungsbericht: Der Einfluss von Religion und Konfession auf die Identitätskonstruktionen, 26.11.2005 Zürich, in: H-Soz-Kult, 19.12.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-983>.