Historikertag 2008: Mediävistik

Von
Juliane Schiel, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin; Universitätsforschungsschwerpunkt „Asien und Europa“, Universität Zürich

Besprochene Sektionen

"Ungleichheiten oder Gleichheiten? Transkulturelle Vergleiche zwischen Ost und West"
"Versehrt durch Arbeit, Krieg und Strafe. Ursachen und Folgen körperlicher Beeinträchtigung im Mittelalter"
"Ungleichheit der Gleichen. Religiöse Egalität und soziale Distinktion in sakralen Räumen des Spätmittelalters"
"Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter"
"Bleibt im Vatikanischen Geheimarchiv vieles zu geheim? Historische Grundlagenforschung im Mittelalter und in der Neuzeit“
"Zentrum und Peripherie? Das universale Papsttum und die europäischen Regionen im Hochmittelalter"

Grundsätzliche Beobachtungen
Welch Erleichterung – das Debakel von Konstanz hat sich nicht wiederholt: Das Mittelalter hat gegenüber der Alten Geschichte die Nase wieder vorn. Sechs mediävistische (im Vergleich zu drei althistorischen) Sektionen wurden auf dem diesjährigen 47. Deutschen Historikertag in Dresden angeboten, an sechs weiteren – darunter auch hochschulpolitischen – waren Mediävisten beteiligt. Vier Dissertationsprojekte zu Themen des Mittelalters waren in Posterform ausgestellt, eines davon wurde sogar Preisträger. Alle Sektionen waren gut besucht, in einigen mussten die Zuhörerinnen und Zuhörer (nicht zuletzt wegen des winzigen Seminarraums) auf Fensterbänken, Heizkörpern und dem Boden Platz nehmen. Grund zur Entwarnung ist dies allerdings nicht. Nach wie vor ist das Fach Mittelalterliche Geschichte auf dem Historikertag stark unterrepräsentiert, weiterhin wird die Veranstaltung von den etablierten Fachvertreter/innen wenig als fachinterne Austauschmöglichkeit und öffentliches Informationsforum genutzt. Ob die Tatsache, dass Podium und Publikum in Dresden deutlich von der Nachwuchsgeneration geprägt waren, auf eine Trendwende hoffen lässt oder die mangelnde Bedeutung der Veranstaltung für die Mediävistik nachgerade unterstreicht, kann dabei nur als Frage formuliert werden.

Dennoch lassen sich auf der Grundlage des in Dresden Gebotenen einige grundsätzliche Beobachtungen und Reflexionen zur Lage des Faches anstellen. Erstens: Fast alle mediävistischen Sektionen waren von einem kulturalistischen Vokabular geprägt. Ganz gleich, ob es sich um sozial-gesellschaftliche oder regionalspezifische, um ideen- oder religionsgeschichtliche Themen handelte, die Begrifflichkeiten und Konzepte der diversen turns der letzten Jahre beherrschten Titel und Vorträge der Rednerinnen und Redner. „Kultur und Religion“, „Kommunikation und Raum“, „Gewalt und Sexualität“, „Minderheit und Diskriminierung“, „Gesundheit und Umwelt“ waren die Leitkategorien (wenn auch zuweilen mehr als label gebraucht), mit denen operiert wurde, „Hierarchie und Heterotopie“, „Transfer und Vergleich“, „Ethnozentrismus und Verflechtung“ die Denkfiguren und Ansätze, die diskutiert wurden. Die Sektion des Deutschen Historischen Instituts in Rom, welches die „sich abzeichnenden Ungleichheiten“ zwischen den kulturalistischen Trends an den Universitäten und der zunehmend marginalisierten Grundlagenforschung an den Akademien und spezialisierten Forschungsinstituten eigens zum Thema machte, bildete zu dieser Beobachtung den passenden Kontrapunkt.

Zweitens: Deutlich war außerdem die zunehmende Interdisziplinarisierung des Faches. Keine der mediävistischen Sektionen wurde von Historikern allein bestritten, die meisten erhoben den fächerübergreifenden Zugriff auf ihr Thema explizit zum Programm. Eine nicht geringe Zahl der Rednerinnen und Redner war zudem dem neuen Typus des „disziplinären Grenzgängers“[1] zuzurechnen, der, in zwei oder drei Fächern ausgebildet bzw. mehrere Quellensprachen beherrschend, Ansätze und Methoden verschiedener Disziplinen in einer Person zusammenzuführen vermag. Bis zu welchem Grad dieser Trend als eine Folge des Aufstiegs der Kulturwissenschaften anzusehen bzw. dem amerikanischen Vorbild der Medieval Studies zu verdanken ist oder durch zunehmende Sparmaßnahmen und Kürzungen in den Geisteswissenschaften schlicht erzwungen wurde, lässt sich dabei nicht abschließend klären. Fest steht jedoch: Die mediävistischen Sektionen des Dresdner Historikertages haben durch die dargebotene Fächervielfalt gewonnen.

Drittens: Auffällig war schließlich, dass viele Sektionen nicht von Einzelpersonen, sondern von Arbeitsgruppen, Netzwerken und Forschungsprogrammen bestritten wurden. Kaum eine Sektionsleitung hatte ihre Rednerinnen und Redner eigens für den Historikertag zusammengestellt. Die meisten der jeweils auf dem Podium versammelten Personen waren sich aus laufenden Projekten oder eigenverantwortlich organisierten Arbeitsverbünden bereits gut bekannt und berichteten gemeinsam von gewonnenen Einsichten, vorläufigen Ergebnissen und künftigen Vorhaben. Für das Publikum hatte dies den Vorteil einer verhältnismäßig großen Kohärenz. Die Vorträge waren inhaltlich und methodisch teilweise eng aufeinander bezogen, die übergeordnete Themenstellung verdichtete sich im Verlauf der Sektion häufig zu einem inspirierenden Bündel an weiterführenden Fragen und Thesen. Was diese Beobachtung über den Historikertag hinaus für das Fach bedeuten könnte, hat Bernd Schneidmüller (Heidelberg) in seinem Schlussplädoyer zur Sektion „Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter“ auf den Punkt gebracht. Dort fragte er, wie lange man es sich noch leisten können wird, den geisteswissenschaftlichen Nachwuchs im Geiste von Konkurrenz und Wettbewerb zu Individualisten zu erziehen. Offensichtlich – so jedenfalls legt der Dresdner Historikertag nahe – haben sich nicht nur die Forschungsfelder, sondern auch die wissenschaftlichen Organisationsweisen pluralisiert. Die Forderung nach kollaborativen Formen geisteswissenschaftlichen Forschens scheint erste Früchte zu tragen.

Die mediävistischen Sektionen im Einzelnen
Doch nun zu den Sektionen im Einzelnen.[2] Gleich am Mittwochvormittag (1. Oktober) präsentierte sich eine Gruppe von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern, die dem „Göttinger Arbeitskreis für transkulturelle Geschichte der Vormoderne“ bzw. dem daraus hervorgegangenen wissenschaftlichen Netzwerk „Vormoderne monarchische Herrschaftsformen im transkulturellen Vergleich“ angehören.[3] Die meisten ihrer Mitglieder sind in mindestens zwei Disziplinen bzw. Großkultursprachen zuhause und boten in Dresden unter der Leitung von Jenny Rahel Oesterle und Wolfram Drews sechs Vorträge zum Thema „Ungleichheiten oder Gleichheiten? Transkulturelle Vergleiche zwischen Ost und West“ an. Eröffnet wurde die Reihe von WOLFRAM DREWS (Bonn/Berlin), der ausgehend von einem Vergleich zwischen karolingischen und abbasidischen Strategien der Herrscherlegitimation einige methodische Eingangsbemerkungen zum Theorem der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ formulierte. Angefangen von Marc Bloch und Elke Uhl, über Reinhart Koselleck und Paul Nolte bis hin zur neueren Globalgeschichte zeichnete Drews die Potentiale dieses Theorems nach und plädierte dafür, „Ungleichzeitigkeit“ im transkulturellen Vergleich als Differenzbegriff zu verstehen. Auch ALMUT HÖFERT (Basel) stellte einen christlich-muslimischen Vergleich an, indem sie Sakralmonarchien im europäischen und arabischen Hochmittelalter gegenüberstellte. Anders als Drews arbeitete sie dabei nicht in erster Linie die Ungleichheiten und Unterschiede heraus, sondern betonte unter Rückgriff auf das Konzept der „shared“ bzw. der „entangled history“ die Gleichheiten. Beide Herrscherverständnisse hätten ihre Wurzeln in der Spätantike. Die Vogelperspektive des transkulturellen Vergleichs ermögliche gerade auch die Sichtbarmachung von Gemeinsamem bzw. Ähnlichem. Herausragend war der daran anschließende Vortrag von JENNY RAHEL OESTERLE (Bochum), die in vorbildlicher Weise vorführte, wie der Historiker seine Vergleichsgegenstände zu wählen hat, um den blinden Flecken der eigenen ethnozentrischen Sicht auf die Welt zu entgehen. Ausgehend von der Annahme, dass Schutzgewähr ein transkulturelles Phänomen ist, das sich in allen Gesellschaften findet und als Seismograf für den jeweiligen Umgang mit Krisen betrachtet werden kann, verglich Oesterle Formen und Funktionen des Asyls im christlichen und islamischen Kulturraum des Mittelalters miteinander. Dabei wurde das christliche Verständnis des Kirchenasyls, demzufolge Räume selbst schützende Funktion haben können, mit der Vorstellung vom Personenschutz im Islam kontrastiert, die die Unantastbarkeit der Ehre des Beschützers in den Mittelpunkt rückt. Mit DOROTHEA WELTECKE (Konstanz) wechselten die Koordinaten des Vergleichs von einer Gegenüberstellung Islam/Christentum zu einer innerchristlichen Perspektive. In sechs pointierten Thesen hielt Weltecke ein eindrucksvolles Plädoyer für eine neue Meistererzählung der Geschichte des Christentums. Die Geschichtswissenschaft müsse endlich lernen, das westliche Christentum als Teilmenge zu begreifen, die bis ins 13. Jahrhundert hinein von den „Kirchen des Ostens“ in den Schatten gestellt wurde. Dabei zeigte sie auf, wie eine Überarbeitung der großen Narrative zur Geschichte des Christentums und eine neue Periodisierung geeignet wären, die traditionelle Orient-Okzident-Dichotomie auf den Kopf zu stellen. DIRK JÄKEL (Hagen) unterstrich die Dringlichkeit dieser Forderung durch einen seinerseits durchgeführten Vergleich zwischen der syrisch-orthodoxen und der armenischen Kirche zur Zeit der lateinischen Kreuzfahrerreiche. Ergebnis war eine Binnendifferenzierung innerhalb des „orientalischen“ Christentums, die die armenische Kirche – hier insbesondere in ihren Endzeitvorstellungen – der lateinischen Kirche strukturell näher erscheinen ließ als der syrisch-orthodoxen. EVA-MARIA STOLBERG (Duisburg-Essen) verlagerte zum Schluss nochmals den regionalen Fokus und diskutierte die Auswirkungen der Mongolenherrschaft auf die russische Orthodoxie, wobei die praktische Durchführung und der methodische Nutzen des transkulturellen Vergleichs hier sicherlich zu implizit geblieben sind.

Am Mittwochnachmittag (1. Oktober) hatte Cordula Nolte unter dem Titel „Versehrt durch Arbeit, Krieg und Strafe. Ursachen und Folgen körperlicher Beeinträchtigung im Mittelalter“ zu einer Sektion des Bremer Forschungsschwerpunkts der „disability history“ geladen – eine Thematik, die in Dresden gleich mehrfach vertreten war.[4] Beeindruckend war hier die inhaltliche Breite. Die Themen reichten von Schädigungen, die durch Arbeit oder Umwelt hervorgerufen wurden, über Kriegsinvalidität oder Behinderung als Folge gerichtlicher Strafe bis hin zum gesellschaftlichen Umgang mit sexuellen Dysfunktionen. Zwei Bremer Kollegen wechselten sich mit zwei auswärtigen Experten ab. Nach dem Eingangsreferat von CORDULA NOLTE (Bremen) zu Stand und Perspektiven der „disability history“ wurde das Themenspektrum durch einen archäologischen Vortrag eröffnet. UTA HALLE (Bremen) gewährte Einblick in archäologische Erkenntnisse zu Bleivergiftungen, die durch Arbeit mit Schwermetallen oder das Leben in einer bleibelasteten Umwelt hervorgerufen wurden. OLIVER AUGE (Greifswald/Göttingen) widmete sich dem Thema der Kriegsinvalidität und konnte zeigen, wie sich durch Kampfhandlungen hervorgerufene Versehrtheit von Adeligen zwischen Ausgrenzung und Anerkennung bewegte. Wer aufgrund körperlicher Verletzungen nicht mehr kampffähig war, verlor seine sozialständische Handlungsfähigkeit, was vielfach zur Folge hatte, dass Behinderungen so weit als möglich verheimlicht wurden. Umgekehrt sicherte sich jedoch derjenige, der trotz körperlicher Beeinträchtigungen die Norm erfüllte bzw. übertraf, die besondere Hochachtung seiner Standesgenossen. Anschließend referierte JAN-ULRICH BÜTTNER (Bremen) in seinem ausgesprochen materialreichen Vortrag zur mittelalterlichen Praxis der Blendung als Strafmaßnahme und dem gesellschaftlichen Umgang mit Blinden. Büttner konnte dabei im Übergang vom Hoch- zum Spätmittelalter eine zunehmende Marginalisierung dieser Randgruppe feststellen. Blinden wurde in den spätmittelalterlichen Städten immer häufiger mit Misstrauen begegnet, ihr Betteln kriminalisiert. Zum Schluss der Sektion ergänzte KLAUS VAN EICKELS (Bamberg) das thematische Spektrum um den Aspekt sexueller Beeinträchtigungen, speziell: männlicher Zeugungsunfähigkeit. Ähnlich wie die Befähigung zum Kampf galt auch die Zeugungsfähigkeit als wesentlicher Bestandteil männlicher Ehre – die Entmannung umgekehrt, strafrechtlich gesehen, als schwere Körperverletzung. Während in den Unter- und Mittelschichten die so genannte „Ehe auf Probe“ praktiziert werden konnte, die die Verlobungszeit als Testphase für die Zeugungsfähigkeit nutzte, stand dem Adel diese Möglichkeit nicht offen. Adelige Männer konnten sich stattdessen durch vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehr Klarheit über ihre Zeugungsfähigkeit verschaffen. Überzeugend führte van Eickels am Beispiel von Richard von Löwenherz und Balduin von Jerusalem vor, wie die Annahme, dass Herrscher um ihre Zeugungsunfähigkeit wussten, unser Verständnis für Herrscherverhalten erweitern kann.

Am Donnerstagvormittag war unter der Leitung von Andreas Ranft und Matthias Meinhardt eine Sektion zum Thema „Die Ungleichheit der Gleichen. Religiöse Egalität und soziale Distinktion in sakralen Räumen des Mittelalters“ zu hören, die in geradezu musterhafter Weise den Nutzen der Interdisziplinarität vorführte. Ein Theologe und Kirchenhistoriker, ein Mittelalter-Historiker, eine Kunsthistorikerin und ein Musikwissenschaftler beleuchteten das Begriffspaar „sakraler Raum“ und „soziale Ungleichheit“ aus unterschiedlicher Fächerperspektive. Nachdem ANDREAS RANFT (Halle-Wittenberg) zunächst in das Spannungsfeld der Sektion eingeführt hatte, das sich zwischen der theologisch begründeten Gleichheit der Seelen und der bewussten Zurschaustellung sozialer Distinktion im Kirchenraum bewegen sollte, entwarf THOMAS LENTES (Münster) anhand liturgischer Texte und Kommentare eine ideengeschichtlich basierte Anthropologie des sakralen Raumes. Dabei diskutierte er in einem ersten Schritt das Verhältnis von Raum und sozialer Ungleichheit, wobei er die Untergliederung des sakralen Raums in die drei Stände nicht als reines Darstellungsverhältnis, sondern als selbst Distinktion schaffendes Phänomen verstanden wissen wollte. In einem zweiten Schritt untersuchte er das Verhältnis von Raum und Sakralität und zeichnete dabei die verschiedenen Positionen und Entwicklungen zu der von den Theologen des Mittelalters häufig diskutierten Streitfrage nach, ob ein Raum an sich schon heilig sein kann oder der Leiber der Heiligen bedarf. Drittens schließlich plädierte Lentes für eine Revision des herkömmlichen Dualismus von „profan“ und „sakral“, da sakrale Räume eben gerade alle Grenzen von Diesseits und Jenseits, von Jetztzeit und Heilszeit, von lokal und universal sprengten. Im Anschluss daran sprach ARND REITEMEIER (Kiel) über die Pfarrkirche als einem Ort sozialer Distinktion. Reitemeier stützte sich dafür exemplarisch auf eine Schrift des Joachim von Pflummern, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts in anti-reformatorischer Absicht die Gott gewollte Ordnung der Gemeinde St. Martin in der Stadt Biberach beschrieben hatte, und unterzog diesen Text mithilfe der Analysekategorien Stand, Besitz, Familie, Geschlecht und Kleidung einer „dichten Lektüre“. Die Gemeinde erschien hier als soziale Gruppe, die sich durch das Praktizieren von Frömmigkeitsformen nach außen konstituierte und nach innen stabilisierte. Im zweiten Teil der Sektion präsentierte die Kunsthistorikerin ANTJE HELING-GREWOLLS (Lübeck) verschiedene Formen adeliger Selbstdarstellung am Beispiel der Ausgestaltung von Seitenkapellen und Nebenaltären in norddeutschen Kirchen, wobei die Kernaussage hinter dem Materialreichtum des Vortrags bedauerlicherweise nicht recht sichtbar wurde. Den Abschluss dieses Fächerpanoramas bildete der musikwissenschaftliche Vortrag von WOLFGANG HIRSCHMANN (Halle), der sein Publikum nicht nur durch schöne Klangbeispiele beeindruckte. Eigens für Memorialfeiern in Auftrag gegebene Musik war ein teures Gut und eignete sich deshalb ausgesprochen gut, dem Oberthema der Sektion einen weiteren Blickpunkt hinzuzufügen. Dabei enttarnte Hirschmann am Beispiel der Sterbemotette des Guillaume Dufay die weit verbreitete These von der Herausbildung der Musik als individualisiertes Kunstwerk an der Wende zum 16. Jahrhundert als moderne Rückprojektion und unterzog das Verhältnis von Funktionalität und Autonomie in der Musik des Spätmittelalters einer ebenso umsichtigen wie kritischen Revision. In seinen Schlussbemerkungen zeigte MATTHIAS MEINHARDT (Halle) noch einmal das Begriffsfeld auf, in welchem sich die Vorträge bewegt hatten. Sein Plädoyer, die Konzepte von Raum, Sakralität, Repräsentation, Kommunikation und Öffentlichkeit allesamt als heuristische Kategorien zur Erfassung sozialer Ungleichheiten zu begreifen, hat allerdings eine nachträgliche Reduktion vorgenommen, die durch die erfrischende Vielfalt der fachspezifischen und methodischen Zugänge gerade nicht gegeben war.

Am Freitagnachmittag schließlich, dem letzten Sektionsblock des Dresdner Historikertages, präsentierte sich das DFG-Netzwerk „Zentrum und Peripherie? Das universale Papsttum und die europäischen Regionen im Hochmittelalter“ unter der Leitung von JOCHEN JOHRENDT (München) und HARALD MÜLLER (Mainz/Aachen).[5] Wenn überhaupt, dann war hier wohl am ehesten die „klassische Mediävistik“ anzutreffen. Im Mittelpunkt der Sektion stand die Frage nach dem Beziehungsverhältnis von Kurie und Ortskirchen in der entscheidenden Formierungsphase der lateinischen Kirche zwischen 1050 und 1200. Anliegen war es, das weit verbreitete Einheitsbild der mittelalterlichen Kirche und den speziell für das Hochmittelalter unterstellten Homogenisierungsprozess kritisch zu hinterfragen. Dem Ansatz des Netzwerks folgend sollten dabei die Perspektiven von Zentrum und Peripherie, von Rom und Region kontrastiert werden, um sowohl die vielschichtigen Interaktionen und Wechselwirkungen zwischen beiden Polen, als auch die regionalen Unterschiede in der Gestaltung des Verhältnisses zur Kurie besser in den Blick zu rücken. Den Anfang machte THOMAS WETZSTEIN (Heidelberg) mit einem kommunikationsgeschichtlichen Vortrag zu den Möglichkeiten und Grenzen der hochmittelalterlichen Päpste bei der Durchsetzung ihres Suprematieanspruchs, indem er die Formen päpstlicher Raumdurchdringung im Kontext der jeweiligen regionalspezifischen Haltung gegenüber Rom verortete. Auch LOTTE KÉRY (Bonn) nahm die Perspektive des Zentrums ein und untersuchte die hochmittelalterliche Exemtionspraxis. Dabei konnte sie überzeugend zeigen, dass die Päpste in der „Exemtionsbewegung des 12. Jahrhunderts“ eher der passive, reagierende Teil waren und die Initiative für die Herauslösung monastischer Einrichtungen aus dem Diözesanverband der Ortskirche in den meisten Fällen bei den Klöstern selbst lag. Der transregionale Vergleich zwischen Beispielen aus Fleury (Diözese Orléans), Gandersheim (Diözese Hildesheim) und Corbie (Diözese Amiens) ermöglichte hier zudem interessante Binnendifferenzierungen. Diesen beiden „Zentrums-Referaten“ wurden im zweiten Teil der Sektion zwei „Peripherie-Vorträge“ gegenübergestellt. NICOLOANGELO D’ACUNTO (Brescia) nahm dabei die lombardische Perspektive ein und konnte durch den Blick „von unten“ die praktischen Schwierigkeiten Roms bei der Durchsetzung des päpstlichen Primats aufzeigen. RAINER MURAUER (Rom/Wien) schließlich führte anhand einer lokalhistorischen Studie zum Salzburger Eigenbistum Gurk vor, wie sich die Streitigkeiten zwischen dem Salzburger Erzbischof und dem Bistum Gurk um das Besetzungsrecht im spannungsvollen Wechselspiel zwischen Zentrum und Peripherie besser begreifen lassen.

Schlussbemerkungen
Alles in allem war der Dresdner Historikertag eine gelungene und lohnende Veranstaltung für die Fachvertreterinnen und Fachvertreter der Mediävistik, und man kann nur bedauern, dass er insbesondere unter den etablierten Köpfen des Faches nicht mehr Resonanz gefunden hat. In einer Zeit, in der das Tagungsangebot im In- und Ausland stetig zunimmt und jeder gezwungen ist, Prioritäten zu setzen, ist der Historikertag den Mediävisten vielleicht zu Unrecht etwas zu sehr aus dem Blick geraten. Doch gibt es wahrscheinlich keine historische Veranstaltung in Deutschland, die in Politik, Öffentlichkeit und Medien so stark wahrgenommen wird wie der Historikertag. Er ist wie kein anderer der Ort zur eigenen Standortbestimmung, zur kritischen Bestandsaufnahme, zum Aufzeigen von Desideraten und zur Selbstkritik. Sektionen zu neuesten Entwicklungen der Forschung haben hier ebenso ihren Platz wie Reflexionen zur Situation des Faches in Schule und Universität. Und wer den Abendvortrag des Vorsitzenden des Legislativrats der Tschechischen Republik, Cyril Svoboda, in der Dresdner Kreuzkirche gehört hat, wird sicherlich unterstreichen, wie wichtig es ist, dass Historiker, und hier insbesondere Mediävisten, ihre gesellschaftliche Verantwortung als kritisches Korrektiv bei der Formung kollektiver Erinnerungen und Identitäten wahrnehmen.

Anmerkungen:
[1] Jürgen Mittelstraß, Transdisziplinarität – wissenschaftliche Zukunft und institutionelle Wirklichkeit (Konstanzer Universitätsreden, Bd. 214), Konstanz 2003. Zu dieser Tendenz vgl. jetzt auch Valentin Groebner, Das Mittelalter hört nicht auf. Über historisches Erzählen, München 2008, v. a. Kap. 10.
[2] Ich beschränke mich im Folgenden auf die vier der sechs mediävistischen Sektionen, an denen ich selbst teilgenommen habe. Da ich an der Sektion „Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter“ (DFG-Schwerpunktprogramm 1173) als Moderatorin beteiligt war, enthalte ich mich hierzu. Ein separater Bericht zu dieser Sektion wird von Julia Dücker und Marcel Müllerburg verfasst und ebenfalls über HSK veröffentlicht. Bei der Sektion von Michael Matheus und Hubert Wolf (DHI Rom) konnte ich entsprechend wegen terminlicher Überschneidungen nicht anwesend sein. Die Inhalte des Sektionsexposees, das mir freundlicherweise zugänglich gemacht wurde, sind jedoch in die allgemeinen Beobachtungen eingeflossen.
[3] Weiterführende Informationen zum Göttinger Arbeitskreis und zum Netzwerk unter: <http://www.monarchietranskult.uni-bonn.de> (20.10.2008).
[4] An der Universität Bremen ist im Sommer 2005 ein Forschungsprojekt mit dem Titel „Behinderte und chronisch Kranke im Frühmittelalter – zwischen Sozialfürsorge und Ausgrenzung“ angelaufen. Im September 2007 veranstaltete das Projekt eine internationale Tagung zum Thema: „Homo debilis. Behinderte – Kranke – Versehrte in der Gesellschaft des Mittelalters“. In Dresden selbst war neben dem preisgekrönten Poster des Bremer Doktoranden Klaus-Peter Horn vor allem die neuzeitliche Sektion von Anne Waldschmidt, Elsbeth Bösl und Anne Klein zum Thema „Dis/ability in History – Behinderung in der Geschichte: Soziale Ungleichheit revisited“ zu besuchen; aber auch in anderen Sektionen spielte das Thema der Behinderung eine Rolle. Vielleicht ein Indiz dafür, dass dieses wichtige Thema sich langsam breiter etabliert – auch wenn das Motto „Ungleichheiten“ des Dresdner Historikertages hierfür sicherlich besonders geeignet war.
[5] Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auf den kürzlich in den Neuen Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen erschienenen Sammelband des Netzwerks mit dem Titel „Römisches Zentrum und kirchliche Peripherie“. Weitere Informationen zum Netzwerk finden sich unter <http://www.zentrumundperipherie.de> (20.10.2008).

Zitation
Historikertag 2008: Mediävistik, in: H-Soz-Kult, 25.10.2008, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-1030>.