Qualitätsmessung: Stellungnahme von Mitarbeitern des IfZ zum Vorhaben eines "Forschungsratings" der Geschichtswissenschaften

Von
Bernhard Gotto, Institut für Zeitgeschichte, München

Eine Steuerungsgruppe des Wissenschaftsrats verfolgt nach Modellversuchen in der Soziologie und der Chemie Pläne für ein sogenanntes Forschungsrating der Geschichtswissenschaften. Die Leitung und die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte haben sich mit diesem Vorhaben auseinandergesetzt, können aber nicht erkennen, dass sich daraus irgendein über bereits bestehende Evaluierungsformen hinausgehender Nutzen ergeben könnte. Vielmehr erscheinen die skizzierten Verfahren, die bei dem Rating zur Anwendung kommen sollen, höchst problematisch und ungeeignet, ein adäquates Bild von Lage und Leistungen der deutschen Geschichtswissenschaften zu zeichnen.

Im Einzelnen stellen wir hierzu Folgendes fest:

- Das Rating-Verfahren soll Vergleichbarkeit und Transparenz herstellen sowie die „internationale Sichtbarkeit“ der Disziplinen erhöhen; tatsächlich jedoch ebnet es spezifische Stärken und Schwächen ein, verzerrt das Profil der Forschungseinrichtungen und erzeugt Fehlperzeptionen. Die Eindimensionalität von Ziffernnoten geht an der Vielfalt und Differenziertheit der Forschungslandschaft vorbei.

- Für das Rating sind zweifelhafte Erhebungsverfahren vorgesehen. Die „Bibliometrie“ ist wegen ihrer Verkürzung vollständig ungeeignet, wissenschaftliche Qualität zu messen. Die Lektüre schmaler Buchauszüge kann keine Grundlage für die Bewertung der Originalität und Innovationskraft von Forschungsleistungen sein.

- Es gibt grundsätzliche Einwände gegen das Verfahren hinsichtlich der Erhebung, Aggregierung und Bewertung der dem Rating zugrundeliegenden Daten. Der Bewertungsbericht des Wissenschaftsrats zum Pilotversuch im Fach Soziologie lässt auf allen diesen Ebenen erhebliche Mängel erkennen.

- Als Einrichtung der Leibniz-Gemeinschaft wird unser Institut regelmäßig evaluiert. Die Ergebnisse sind transparent, stellen Vergleichbarkeit her und geben konkrete Empfehlungen, deren Umsetzung fortlaufend überprüft wird. Überdies berücksichtigt diese Evaluierung im Gegensatz zum Rating die Vielfalt der Formen und Aktivitäten wissenschaftlichen Austausches.

- Die Ergebnisse würden weit hinter die bisherigen Evaluierungen zurückfallen und rechtfertigen daher den exorbitante Kosten- und Verwaltungsaufwand nicht.

Aus diesen Gründen lehnen wir die vorgesehene Einführung eines Ratings der Geschichtswissenschaften ab.

Unterzeichner/innen der Stellungnahme:

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Horst Möller
Prof. Dr. Udo Wengst
Prof. Dr. Hermann Wentker
Dr. Ilse Dorothee Pautsch
Dr. Heike Amos
Dr. Anne Barnert
PD Dr. Detlev Brunner
Dr. Michael Buddrus
Dr. Amit Das Gupta
Albert Feiber M.A.
Dr. Jan Foitzig
Dr. Axel Drecoll
Dr. Andreas Eichmüller
Dr. Bernhard Gotto
Dr. Christian Hartmann
Dr. Bastian Hein
Dr. Veronika Heyde
Dr. Dierk Hoffmann
PD Dr. Johannes Hürter
Prof. Dr. Manfred Kittel
Dr. Michael Kubina
Dr. des. Stephan Lehnstaedt
Dr. Mechthild Lindemann
Dr. Andrea Löw
Dr. Michael Mayer
Dr. Matthias Peter
Dr. des. Eva Oberloskamp
Dr. Michael Ploetz
PD Dr. Dieter Pohl
Dr. Edith Raim
PD Dr. Thomas Raithel
Dr. Elke Scherstjanoi
PD Dr. Thomas Schlemmer
Dr. Daniel Schlögl
Dr. Gudrun Schröter
Prof. Dr. Michael Schwartz
Dr. Petra Weber
Dr. Hans Woller
Dr. Jürgen Zarusky

Zitation
Qualitätsmessung: Stellungnahme von Mitarbeitern des IfZ zum Vorhaben eines "Forschungsratings" der Geschichtswissenschaften, in: H-Soz-Kult, 16.06.2009, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-1122>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.06.2009
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