Qualitätsmessung: T. Offergeld: Verantwortung für die Geschichtswissenschaft

Von
Thilo Offergeld, Präsidialbüro, Universität des Saarlandes

Nachdem in verschiedenen früheren Beiträgen dieses Forums Analysen und Stellungnahmen eher allgemeiner Art vorgebracht wurden, mag es angebracht sein, einen wesentlichen Anlass für die derzeit im H-Soz-u-Kult-Forum und darüber hinaus geführte Diskussion zur Qualitätsmessung in der Geschichtswissenschaft in den Vordergrund zu rücken, nämlich die in Kürze anstehende Entschließung des Historikerverbands zur Beteiligung am Forschungsrating des Wissenschaftsrats.[1] Es ist eine allgemeine Weisheit, dass Reformen und Neuerungen - und das Forschungsrating wäre für die Geschichtswissenschaft eine solche - die Zumutung und Anstrengung der Veränderung mit sich bringen; sie lösen daher in der Regel, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und auf unterschiedlichem Niveau, Kritik und Abwehr aus. An Einsprüchen gegen den Bologna-Prozess, gegen Evaluationen, Rankings, die Drittmittelfinanzierung von Forschung und dergleichen mehr, herrscht denn auch kein Mangel. Von solchen Attacken und Klagereden, wie sie mit wachsender Lust an der Übersteigerung[2] die Feuilletonspalten und inzwischen auch Bücher füllen, ist jedoch die jetzt geforderte Positionierung des Historikerverbands strikt zu unterscheiden. Ihr Ziel kann es nicht sein, einem unter Fachkollegen verbreiteten, mehr oder minder diffusen Unmut Ausdruck zu verleihen, sondern hier ist die Verantwortung der Fachgesellschaft in einer wichtigen, für Ansehen und Bedeutung der eigenen Disziplin voraussichtlich folgenträchtigen Entscheidung gefragt. Im Kern geht es bei dieser Entscheidung um zweierlei: zum einen um das Verhältnis der Geschichtswissenschaft zur nicht-wissenschaftlichen Öffentlichkeit bzw. zum Gesamtbereich der übrigen Wissenschaft, zum anderen um Kommunikation, Orientierung, Selbstvergewisserung innerhalb der Disziplin selbst.

Der Wissenschaftsforscher Uwe Schimank hat kürzlich in einer luziden Skizze darauf hingewiesen, dass die Wissenschaft, ebenso wie alle anderen gesellschaftlichen Teilsysteme auch, von den Akteuren anderer Teilsysteme (Politik, Wirtschaft, Medien etc.) zwar Leistungen erwartet und benötigt, sich von eigener Leistungserbringung für die anderen Gesellschaftsteile prinzipiell jedoch möglichst freihalten möchte.[3] Aus der je eigenen Teilsystem-Optik heraus ist dies zweifellos plausibel, und mit der daraus erwachsenden Grund-Disposition dürfte der genannte Unmut unter zahlreichen Wissenschaftlern auch wesentlich zusammenhängen. Im Unterschied dazu allerdings stehen Instanzen und Organisationen, die die Wissenschaft bzw. einzelne Teilbereiche repräsentieren und führen, in der Verantwortung, über die Beschränkungen der jeweiligen Binnenperspektive und Einzelinteressen hinaus zu sehen und unter Berücksichtigung von Folgewirkungen und Wechselbeziehungen zu agieren. Dies gilt für den Historikerverband ebenso wie beispielsweise für Universitätsleitungen oder die Führungsgremien der großen Wissenschaftsorganisationen.

Im vorliegenden Fall ist daraus zu folgern, dass die Historikerzunft das Bedürfnis der Öffentlichkeit – oder genauer gesagt: der Nicht-Geschichtswissenschaft – nach Informationen über die Geschichtswissenschaft als grundsätzlich legitim ansehen und geeignete Modi der Informationsvermittlung bereitstellen muss. Zu diesen Modi aber gehört zweifelsohne eine vergleichende Übersicht über Profile und Leistungen der verschiedenen geschichtswissenschaftlichen Fach-Einheiten, wie sie mit dem Forschungsrating des Wissenschaftsrates geplant ist und gesamtdisziplinär bislang nicht existiert.[4] Dass ein solches Verfahren Schwierigkeiten und Probleme aufwirft, dass es Nachteile und Tücken hat, ist dabei nicht ernsthaft zu bestreiten. Zur Pflicht der repräsentierenden Fachgesellschaft aber gehört es, durch aktive Mitgestaltung und sorgfältige Anpassung des Verfahrens auf die Spezifik des eigenen Faches diese Defizite zu minimieren. Im Fall des Forschungsratings ist eine solche Adaptation offensichtlich alles andere als unmöglich, vielmehr haben die in diesem Forum veröffentlichten Beiträge von Ulrich Herbert und Lutz Raphael, aber auch der eher skeptische von Werner Plumpe, schon die entscheidenden Anforderungen definiert, die das Verfahren erfüllen müsste, um den besonderen Bedingungen der Forschungspraxis im Fach Geschichte gerecht zu werden. Sie müssen hier nicht wiederholt werden. Ebenso muss nicht nochmals erörtert werden, dass es in diesem Verfahren nicht um rein quantitative oder gar bibliometrische Methoden gehen kann, worauf sich in manchen Forums-Beiträgen immer noch die Kritik richtet, sondern dass notwendigerweise der qualitativen, beurteilenden Leistungsermittlung eine entscheidende Bedeutung zukommt – dies ist längst Stand der Diskussion.

Einen fachgerecht entwickelten und ausreichend differenzierten Überblick über die Forschungsleistungen der wissenschaftlichen Einrichtungen im Fach zu erhalten, daran äußern nicht nur Regierungen und Parlamente als Haupt-Finanzierungs-Entscheider der geschichtswissenschaftlichen Forschung (übrigens über sämtliche Parteigrenzen hinweg) ein berechtigtes Interesse, sondern darüber hinaus auch zahlreiche andere Gruppen: so etwa die Studierenden, die sich nach Grundstudium oder Bachelor-Abschluss fragen, an welcher Hochschule sie ihre Studien geeigneterweise fortsetzen können, der Wissenschaftler der Nachbardisziplin, der sich über Qualität und Schwerpunktverteilung der Geschichtswissenschaft orientieren möchte, die Universitätsleitungen, die den Leistungsstand des Faches an ihrer Hochschule bundesweit einordnen müssen, selbstverständlich die interessierte Öffentlichkeit, aber auch der Fachhistoriker aus dem Ausland, der sich über die bundesrepublikanische Forschungslandschaft informieren will.

Überhaupt ist es bei Lichte besehen eben nicht nur die Außendarstellung der Geschichtswissenschaft, die hier gefragt ist: Mit einem wissenschaftsadäquaten Verfahren der strukturierten Leistungserfassung wäre vielmehr auch für das Fach ein wesentlicher Gewinn an Wissen über sich selbst verbunden. Hier ist Ulrich Herbert nachdrücklich zuzustimmen, wenn er festhält, dass Qualitätsdefinitionen und Kanonbildung notwendige Prozesse für wissenschaftliche Disziplinen sind – im Sinne einer Verständigung über Standards dürfte das Forschungsrating zweifellos dazu beitragen –, und dass sie, gerade in so großen und weit diversifizierten Fächern wie der Geschichtswissenschaft, die Voraussetzungen für belastbare Kommunikation innerhalb des Faches und darüber hinaus darstellen.[5]

Fazit: Die Kritikpunkte, die Werner Plumpe aufgeführt hat[6], insbesondere im Hinblick auf die Vertretbarkeit des Aufwands, sind ernst zu nehmen und mit Nachdruck in die Gestaltung des Verfahrens einzubringen. Insgesamt aber sollte das Fach den enormen Qualitätssprung, den das Wissenschaftsrats-Rating gegenüber den derzeit üblichen Rankings und Leistungsmessungen[7] bringt, begrüßen und seine Realisierung kritisch-konstruktiv unterstützen. Mindestens die Beteiligung an einem Versuch ist zwingend erforderlich. Mit der Fundamental-Verweigerung dagegen würde die Geschichtswissenschaft sich selbst und ihrem Ansehen in Wissenschaft und Öffentlichkeit beträchtlichen Schaden zufügen.

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Thilo Offergeld ist Mittelalterhistoriker mit Schwerpunkten in der Verfassungs- und Wissenschaftsgeschichte. Nach Tätigkeiten als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Bonn und Düsseldorf ist er derzeit in der Wissenschaftsadministration tätig, seit 2009 als Leiter des Präsidialbüros, der zentralen Stabs- und Planungsstelle, der Universität des Saarlandes.

Anmerkungen:
[1] Der Historikerverband hat bekanntlich auch seine Mitglieder (soweit er sie erreichen kann), zu Stellungnahmen als Diskussionsgrundlage für die Entscheidungsfindung aufgefordert.
[2] Vgl. etwa den im Anschluss an Peter Weichhart von Hanna Schissler allen Ernstes und ausdrücklich als „vortrefflich“ qualifizierten Begriff des „Exzellenzstalinismus“, der „allseits vorherrschend[e]“ sei; Qualitätsmessung: H. Schissler: Rezensionsartikel "What the Hell is Quality?", in: H-Soz-u-Kult, 12.05.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1099&type=diskussionenonen> (22.06.2009).
[3] Uwe Schimank: Humboldt: Falscher Mann am falschen Ort, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.04.2009.
[4] Etwas anders ist die Lage u.a. bei den Instituten der Leibniz-Gemeinschaft wie dem Münchner Institut für Zeitgeschichte, wo in der Tat die regelmäßige externe Evaluation einen vergleichsweise hoch entwickelten Ansatz der Leistungsmessung darstellt; vgl. den Forums-Beitrag von Bernhard Gotto: Qualitätsmessung: Stellungnahme von Mitarbeitern des IfZ zum Vorhaben eines „Forschungsratings“ der Geschichtswissenschaften, in: H-Soz-u-Kult, 16.06.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1122&type=diskussionenonen> (22.06.2009). Eine innerfachliche Vergleichbarkeit ist hier allerdings nicht intendiert und auch potentiell nur sehr eingeschränkt gegeben.
[5] Ulrich Herbert / Jürgen Kaube: Die Mühen der Ebene: Über Standards, Leistung und Hochschulreform, in: Elisabeth Lack / Christoph Markschies (Hrsg.), What the Hell is Quality? Qualitätsstandards in den Geisteswissenschaften, Frankfurt am Main 2008, S. 37-51, hier bes. S.51; gekürzt auch in: H-Soz-u-Kult, 14.05.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1100&type=diskussionenonen> (22.06.2009).
[6] Qualitätsmessung: W. Plumpe: Stellungnahme zum Rating des Wissenschaftsrates aus Sicht des Historikerverbandes, in: H-Soz-u-Kult, 18.05.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1101&type=diskussionenonen> (22.06.2009).
[7] Hier ist darauf hinzuweisen, dass die Geschichtswissenschaft an den Leistungserhebungen des CHE-Forschungs-Rankings in großer Breite mitwirkt, und zwar ohne dass sich erhebliche Probleme oder Verzerrungen ergeben hätten. Dagegen die Mitwirkung am zweifellos niveauvolleren und fachadäquateren Verfahren des Wissenschaftsrats abzulehnen, hätte eine gewisse Absurdität. Darüber hinaus erfolgen derzeit nicht wenige Entscheidungen und Beurteilungen auf noch deutlich mangelhafterer Datenbasis; vgl. etwa Wim Blockmans: Zählen die Geistes- und Sozialwissenschaften mit?, in: Hildegard Matthies / Dagmar Simon (Hrsg.): Wissenschaft unter Beobachtung. Effekte und Defekte von Evaluationen, Wiesbaden 2007 (Leviathan Sonderheft 24), S. 213-221, bes. S. 216f.

Zitation
Qualitätsmessung: T. Offergeld: Verantwortung für die Geschichtswissenschaft, in: H-Soz-Kult, 29.06.2009, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-1128>.
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Veröffentlicht am
29.06.2009
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