Forum: Kommentar zu den „Konzeptionellen Überlegungen für die Ausstellungen der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung”

Von
Adam Krzeminski, Warschau

Meine Damen und Herren, lieber Herr Professor Schulze Wessel, [1]

ich bedanke mich herzlich für die Einladung zu der Präsentation der vorliegenden „Konzeptionellen Überlegungen” zu einer Berliner Dauerausstellung, die die nächsten Generationen an die Flucht der Deutschen aus dem Osten in der letzten Phase des Zweiten Weltkrieges und an ihre Aussiedlung – oder wie man es in Deutschland auszudrücken pflegt – an ihre Vertreibung nach dem Krieg erinnern soll, an ihren traumatischen Verlust der Heimat und ihre Probleme mit der Integration in Ost- und Westdeutschland. All das soll – entsprechend dem Auftrag des Bundestages – im Geiste der europäischen Versöhnung dargestellt werden. Auf den ersten Blick eine Quadratur des Kreises. Und der langjährige Streit um das in Berlin entstehende Zentrum gegen Vertreibungen und das „sichtbare Zeichen“, der nicht nur ein deutsch-polnischer, sondern durchaus auch ein innerdeutscher Streit war, scheint die These von der Unlösbarkeit dieses Vorhabens zu bestätigen.

Ich habe diese Einladung angenommen, weil ich – ähnlich wie die Autoren der „Überlegungen” – überzeugt bin, dass die Erinnerung an diese Tragödie, von der im 20. Jh. Millionen von Menschen in Europa, bei weitem nicht nur die Deutschen, betroffen waren, durchaus mit dem Geist der Versöhnung vereinbar ist, der nach dem Krieg Europa angetrieben hat – zunächst Westeuropa, dann aber auch das unsere, Ostmitteleuropa, das nach 1939 Schauplatz eines beispiellosen Völkermordes und der Verachtung gegen ganze Nationen gewesen war.

Und damit Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben: Ich bin weder Berufshistoriker, noch Museumswissenschaftler, sondern ein Journalist, der von Hause aus Germanist ist und seit Jahrzehnten zwischen Polen und Deutschland pendelt. 2002 habe ich mich zusammen mit Adam Michnik in einem offenen Brief an die beiden Regierungschefs für die Errichtung eines europäischen Museums der Vertreibungen im 20. Jh. in Breslau statt Berlin eingesetzt, weil wir dachten, dass es an der Zeit wäre, dass die Europäer aus den Käfigen ihrer nationalen Egoismen in der Geschichtserzählung ausbrechen. Eine solche Idee war allerdings damals weder in Polen noch in Deutschland mehrheitsfähig. Und die späteren deutsch-polnischen Querelen wegen des „sichtbaren Zeichens“ belegten, dass wir uns vielmehr wieder in diesen Käfigen verbarrikadieren.

Die Flucht vor der herannahenden Front, die wilden Vertreibungen und Aussiedlungen waren im 20. Jh. keineswegs nur eine deutsche Erfahrung. Und wenn man die inneren Deportationen allein in der UdSSR berücksichtigt – dann waren die Deutschen nicht einmal die größte Opfergruppe unter den Vertriebenen. Trotzdem waren der Verlust der ostdeutschen Provinzen nach 1945 an Polen und die Zwangsaussiedlung der Deutschen jahrzehntelang im (west)deutschen Selbstverständnis eine Wunde, die einerseits bewusst auskuriert, andererseits immer wieder vorsätzlich aufgerissen wurde. Es genügt, an die dramatischen Gerangel um die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze in den 1960er Jahren und an die permanente Obstruktion des Bundes der Vertriebenen zu erinnern, in dem in der ersten Phase auch Ex-Nazibeamte in leitende Positionen aufstiegen, die nach 1939 die eroberten westpolnischen Gebiete „umgevolkt“ hatten.

Wie sich in den letzten Tagen herausgestellt hat, ist der Streit um das „sichtbare Zeichen“ gegen Vertreibungen – und bei weitem nicht nur um die personelle Besetzung des Stiftungsrates – noch nicht beigelegt. Doch das ist nicht mein Anliegen. Ich bin der Bitte um eine Rezension der „Konzeptionellen Überlegungen für die Ausstellungen der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung” nachgekommen, weil sie der erste konkrete und sachbezogene Versuch ist, die erwähnte Quadratur des Kreises zustande zu bringen.

Ich beziehe mich hier ausschließlich auf den hier vorliegenden Text der „Überlegungen“, auch wenn ich natürlich die beiden Ausstellungen – die Bonner von 2005 „Flucht, Vertreibung, Integration” und die Berliner „Erzwungenen Wege“ von 2006 – ebenfalls im Hinterkopf habe. Doch ich werde sie nicht aufgreifen.

Die „Überlegungen“ sind wohl der erste pädagogisch und geschichtsphilosophisch durchdachte und kohärente Abriss für eine Dauerausstellung, die zwar – wie die Autoren betonen – die deutsche Erfahrung ins Zentrum der Exposition stellen würde, deren Hauptziel jedoch die Aufklärung und keine betonte Emotionalisierung der Erinnerung des deutschen Leidens wäre, sondern eine Darstellung und Erklärung der historischen Kontexte jenes ungeheuren Transfers von Millionen Menschen, die infolge des von Hitler entfachten und verlorenen Vernichtungskrieges gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen.

Die Verfasser der „Überlegungen” machen sich zu Recht nicht die bequeme These zu eigen, dass die Ursache für die Vertreibungen die Herausbildung des moderne Nationalismus war, der eine Homogenisierung der Staatsnationen anstrebte. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es sehr unterschiedliche Nationalismen und ethnische Konflikte, doch deren Abfederung funktionierte noch mehr oder weniger. Erst der Vernichtungswille des Dritten Reiches, das sich daran machte, ganze Nationen zu eliminieren oder durch die gezielte Ermordung ihrer Führungsschicht zu enthaupten, hat eine beispiellose Dynamik entfaltet. Sie ist nicht vergleichbar mit der von den Alliierten gebilligten und mitbetriebenen Zwangsaussiedlung der Deutschen aus dem Sudetenland und jenen Gebieten, die in Potsdam Polen als Kompensation für die sowjetischen Annexionen in Ostpolen zugewiesen wurden. Jede Ausstellung – betonen die Autoren –, die mechanisch alle möglichen Beispiele von Massendeportationen, Massenaussiedlungen oder Massenflucht vor der herannahenden Front nebeneinander stelle, verwische nur die faktischen Kausalzusammenhänge.

Im Mittelpunkt der Ausstellung können schwerlich allein sentimentale Bilder eines verlorenen Paradieses, der heilen Welt des „deutsche Ostens”, und Dokumente des deutschen Martyriums stehen, sondern – wie die Autoren schreiben – der „Zweite Weltkrieg als der primäre Kontext der Zwangsmigrationen“ , was nicht bedeutet, dass man die „parallelen Gewaltpolitiken“ unter den Teppich kehren sollte, die – zum Beispiel in der UdSSR – noch vor Kriegsbeginn zum Vorschein kamen. Doch es war das Dritte Reich, dass die permanente Gewalt gegen ganze Gruppen ausübte, angefangen bei den Juden und bis hin zur Vernichtungs- und Siedlungspolitik entsprechend dem „Generalplan Ost”. Vor diesem Hintergrund, und nicht autonom, kam es zu solchen ethnischen Konflikten wie dem polnisch-ukrainischen Bürgerkrieg in den Jahren 1943-44 in Wolhynien. „Von den Phänomenen der staatlich oder situativ erzwungenen Flucht bzw. Vertreibung“ – lesen wir weiter – „sind grundsätzlich die Praktiken und Planungen des Genozids zu unterscheiden, die Juden, aber auch Sinti und Roma, Polen und andere Gruppen betrafen. […] Die Ermordung von Millionen von Menschen führte zur unwiederbringlichen Auslöschung sowohl des familiären Gedächtnisses als auch der Erinnerungskultur ganzer sozialer Gruppen. Die durch das NS-Besatzungsregime systematisch betriebene Vernichtung der polnischen Eliten, die aufs Äußerste brutale Verfolgung vermeintlicher Gegner der ‚neuen Ordnung’ sowie die Politik der ‚Umvolkung’ im Besatzungsgebiet kostete auch zwei bis drei Millionen nicht-jüdischer Polen das Leben. […] Bei der Vertreibung deutscher und anderer Bevölkerungsgruppen waren sehr viele Opfer zu beklagen. Doch das soziale Leben der meisten Vertriebenen konnte sich an anderem Ort fortsetzen, Familien- und Gruppentraditionen dort weiterleben. Dieser Unterschied zu einer Politik der Genozids muss gezeigt werden, ohne die Vertreibungen in ihrer Grausamkeit zu bagatellisieren.“ Und das ist das Herzstück der „Überlegungen“.

Die Autoren schlagen vier grundsätzliche „problemorientierte Zugänge” zu den Phänomenen der Flucht, Vertreibung und Integration vor.
- Zunächst die Hervorhebung der drei unterschiedlichen Staatsprinzipien, die nach dem Ersten Weltkrieg zur Geltung kamen: Der Nationalstaat mit mehr oder weniger unterdrückten ethnischen Minderheiten wie Polen oder die Tschechoslowakei, ein als klassenlos apostrophierter Staat wie die UdSSR, der bestimmte Klassen zu Feinden erklärte, und ein biologistisch-rassistischer Staat wie das Dritte Reich.
- Der zweite „Zugang” betrifft die Formen des Zusammenlebens mit den „Fremden“ aus verschiedenen ethnischen, religiösen und sozialen Gruppen – und zwar vor dem Krieg, während des Krieges und nach dem Krieg – in den Gebieten, in denen massive Deportationen vorgenommen wurden.
- Der dritte „Zugang“ eröffnet den Blick auf die Modelle der Integration der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen in ihren neuen Siedlungsgebieten in den Besatzungszonen, oder im Falle der Tschechen und Polen in den „ehemals deutschen Gebieten“ und in dem der Ukrainer und Litauer wiederum in den von den ermordeten Juden und „repatriierten“ Polen verlassenen Städten wie Lemberg (Lwiw) oder Wilna (Vilnius). Es geht also um die Aneignung der materiellen Erbschaft der „abgeschobenen Fremden“. Die Integration beinhaltet sowohl die Pflege der Erinnerung an die verlorene Heimat als auch die Überwindung des Zugewandertenstatus durch die Entwicklung neuer Zugehörigkeiten.
- Aber auch – und das ist der vierte „Zugang“ – einen Wandel der Erinnerung an die Vertreibung. Und die Begegnung mit der alten Heimat und den Menschen, die jetzt dort leben. Bei den polnischen oder tschechischen Ansiedlern dagegen ist es die Öffnung gegenüber dem „Heimwehtourismus” und die Begegnung mit den Vertriebenen, von Reserviertheit und Angst vor deren Rückkehr bis hin zur Zusammenarbeit bei der Restaurierung des „fremden“ kulturellen Erbes im eigenen lokalen Umfeld.

Für eine bessere Darstellung der komplizierten wechselseitigen Konditionierungen empfehlen die Autoren der „Überlegungen“ eine Fokussierung der Ausstellung auf drei repräsentative Schlüsselorte – Breslau, Aussig und Wilna.
Wobei sich die jeweiligen Expositionen nicht auf die Bebilderung von Einzelereignissen konzentrieren sollten, die zum nationalen Mythos erhoben wurden, wie etwa „das Massaker von Aussig” (Ústí nad Labem), der „Todesmarsch“ – nehme ich an – der Breslauer im Februar 1945 oder die Kämpfe der polnischen Heimatarmee bei Wilna mit der litauischen Polizei auf der einen und den sowjetischen Partisanen auf der anderen Seite; vielmehr müsste man sich bemühen, die sehr komplexen Zusammenhänge und Phasen darzustellen: Die Verfolgung und Deportation der Breslauer Juden, die Ankunft der Zwangsarbeiter und der „ausgebombten“ Deutschen, dann die sinnlosen Zerstörungen während der Kämpfe um die „Festung Breslau“. Und nach der Kapitulation die Ankunft der ersten polnischen Siedler und die Reibereien zwischen polnischer, sowjetischer und deutscher Verwaltung.

Auch die Verfasser der „Überlegungen” sind der Meinung, dass die Dauerausstellung Lebensschicksale konkreter Menschen präsentieren sollte. Nur dürfen die Zwangsausgesiedelten nicht auf den Archetypus des einen einzigen Merkmals – der Vertreibung – reduziert werden. Sie müssen ihre Individualität bewahren, ihre soziale Herkunft, ihr Alter und Geschlecht. Die vorgestellten Biographien müssten eine breite Palette von Lebensschicksalen zeigen und mit Briefen, Erinnerungen, Tagebüchern, aber auch Video-Interviews mit den Betroffenen bebildert werden.

Der Rezensent könnte noch hinzufügen – schön und gut, nur wissen wir ja heute, dass Zeugnisse der Erlebnisgeneration mit der Zeit auch Autokreationen sind. Das hat eine junge deutsche Journalistin, Katarina Bader, gerade in ihrem Buch „Jureks Erben“ vorzüglich gezeigt, in dem sie die Wandlung der Erinnerung und Selbstdarstellung eines polnischen Auschwitz-Überlebenden minutiös dokumentiert. Diese Evolution der Erinnerung und die Wandlung der politischen Einstellungen der Vertriebenen müsste die Dauerausstellung ebenfalls dokumentieren. Viele waren ja Vorkämpfer einer Aussöhnung mit den Nachbarn im Osten und der Anerkennung der Kriegsfolgen. Und umgekehrt haben sich nicht wenige bis heute nicht damit versöhnt.

Gemäß dem Auftrag des Bundestages soll die Ausstellung insbesondere die junge Generation ansprechen. Was bedeutet das aber? Soll sie ein Ort sein, durch den Schüler massenweise durchgeschleust werden, damit sie sich emotional mit den Leiden der Urgroßeltern identifizieren und ihre Emotionen an den Großenkeln der Urheber deren Unglücks abreagieren? Nein, antworten die Autoren: Sie sollen durch diese Ausstellung ihre familiäre Erinnerung um einen breiten historischen Kontext und die Zeugnisse anderer erweitern können, und wenn es bei der Gelegenheit gelingt, ihnen zu vergegenwärtigen, welche schrecklichen Erscheinungen dazu geführt haben, dass Deutschland heute ein Einwanderungsland ist – umso besser.

Außerdem darf die Dauerausstellung nicht darauf ausgerichtet sein, dass sie vorwiegend von Deutschen besucht wird. Sie müsse vielmehr so konzipiert werden, dass auch die Nachbarn in ihr die eigenen Probleme, Traumata und Erfolge der Versöhnung wiedererkennen. „Das Leiden der deutschen Vertriebenen stellt den Schwerpunkt, aber nicht den alleinigen Fokus dar. Unterschiedliche historische Deutungen sowie voneinander abweichende und sich wandelnde gesellschaftliche Erinnerungsmuster werden integriert“ – betonen die Autoren. Weil jeder eher eine einseitige Sicht auf die Vergangenheit kennt, so erfüllt die Ausstellung dann ihre Aufgabe, wenn sie ein Ort der Begegnung und des Dialoges und nicht der Perpetuierung der Traumata wird.

Dieser Abriss kann auch für die Nachbarn attraktiv werden. Die „konzeptionellen Überlegungen” hat ein Team deutscher Sachverständiger erarbeitet. Rückendeckung erhielt es aber von den Vorsitzenden der Deutsch-Tschechischen und der Deutsch-Slowakischen Historikerkommission sowie von der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission. Auf dieser Grundlage – glaube ich – könnten auch polnische Experten sich an der Vorbereitung der Ausstellung beteiligen. Die bekannten personellen Konflikte blende ich hier aus. Die muss die deutsche Politik intern ausräumen. Ich bin jedenfalls der Meinung, dass es an der Zeit ist, dass wir uns diese europäische Katastrophe des II. Weltkrieges und seiner Folgen, die so viel Leid über die Betroffenen, die Deutschen, aber weiß Gott nicht nur sie, gebracht hat, tatsächlich im Geist der europäischen Versöhnung gemeinsam vergegenwärtigen können.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

~~~~
Adam Krzeminski ist Journalist und Publizist und setzt sich seit vielen Jahren für den deutsch-polnischen Dialog ein. Er studierte in Warschau und Leipzig Germanistik. Seit 1973 ist er Redakteur bei der polnischen Wochenmagazins „Polityka“. Dem deutschen Publikum ist er u.a. durch das Essay "Polen im 20. Jahrhundert" und als regelmäßiger Gastredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“ bekannt. Er arbeitet(e) in vielen deutsch-polnischen Veröffentlichungen und Institutionen mit, nicht zuletzt beim Magazin "Dialog" und bei der Polnisch-Deutschen Gesellschaft in Warschau. Dafür wurde er vielfach ausgezeichnet, so erhielt er 1993 für seine Verdienste um die deutsch-polnische Verständigung die Goethe-Medaille, 1999 wurde Adam Krzeminski mit dem Großen Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland geehrt.

~~~~
Die Beiträge zum Diskussionsforum „Vertreibungen ausstellen. Aber wie? Debatte über die konzeptionellen Grundzüge der Ausstellungen der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ können Sie auf der Webseite von H-Soz-u-Kult einsehen unter der Adresse: http://www.hsozkult.de/index.asp?pn=texte&id=13501350.

Anmerkung:
[1] Es handelt sich um das Manuskript des Kommentars von Adam Krzeminski, vorgetragen am 09.09.10 im Auditorium des Grimm-Zentrums der Humboldt-Universität im Anschluss an die Präsentation der „Konzeptionellen Überlegungen für die Ausstellungen der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung”.

Zitation
Forum: Kommentar zu den „Konzeptionellen Überlegungen für die Ausstellungen der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung”, in: H-Soz-Kult, 13.09.2010, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-1361>.