Editorial: Historische Anthropologie: Standortbestimmungen im Feld historischer und europäisch ethnologischer Forschungs- und Wissenspraktiken

Von
Beate Binder, Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin; Michaela Fenske, Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie, Georg-August-Universität Göttingen

Orientiert an einem breiten Kulturbegriff und ausgerichtet auf die Rekonstruktion und Analyse von Lebenswelten und Alltagspraktiken hat sich die Historische Anthropologie in den letzten drei Jahrzehnten im Schnittfeld von Europäischer Ethnologie / Volkskunde und Geschichtswissenschaften etabliert.[1] Die Diskussionen, die in den 1980er-Jahren insbesondere in Auseinandersetzung mit der Sozial- und Strukturgeschichte zum Teil heftige Wellen geschlagen haben, sind gegenwärtig eher internen Auseinandersetzungen um Epistemologien und Methodologien gewichen. Diese Auseinandersetzungen haben zur Ausdifferenzierung des Felds Historische Anthropologie beigetragen. Zugleich haben sich die internationalen Bedingungen des Wissen-Schaffens in den historisch arbeitenden Kulturwissenschaften seit den späten 1980er-Jahren deutlich verändert. Dies betrifft zum einen die tiefgreifenden Umstrukturierungen der Ausbildungsbedingungen, die manchen Orts zu einer stärkeren interdisziplinären Zusammenführung von Fächern in Bachelor- und Masterstudiengängen geführt haben.[2] Zum anderen haben sich auch die Perspektiven, Fragestellungen und Herangehensweisen in den Wissenschaften selbst gewandelt. In diesem Zusammenhang ist etwa die zunehmende Öffnung der Sozial- und Kulturanthropologien gegenüber historischer Forschung zu nennen, wie sie sich an die Kritik der Konstitution der Anderen als zeitlose Entitäten anschloss. Waren es in den 1980er-Jahren eher AkteurInnen aus den Geschichtswissenschaften, die ethnologische Methoden der Befremdung für ihre Disziplin entdeckten, so beziehen mittlerweile in der gegenwartsorientierten Ethnologie situierte Forschende zunehmend Methoden der historischen Rekonstruktion ein und haben die klassische „Ethnohistorie“ in eine umfassende „Historischen Anthropologie“ gewandelt.[3] Darüber hinaus beeinflussen auch die Paradigmen der neuen Wissensforschung, die Interventionen der Postcolonial Studies, der Area Studies sowie geschlechterkritische und queere Theoriebildungen die Methoden- und Theoriediskussionen in den Wissenschaftsfeldern, in denen die Rekonstruktion historischer Wissensräume und Lebenswelten den Fokus bildet.

Angeregt durch die amerikanische Folkloristin Tracy Wilson, die unaufgefordert einen Essay an die Redaktion von H-Soz-u-Kult geschickt hatte, haben wir uns entschlossen, ein Diskussionsforum zum state of the art der Historischen Anthropologie als transdisziplinärem Arbeitsfeld zu initiieren. Dieses Online-Forum bei H-Soz-u-Kult soll einen Ort bieten, die skizzierten Fragestellungen systematischer zu reflektieren und damit die Diskussion in und um Historische Anthropologie weiterzuführen.[4] Uns scheint es lohnenswert, auf diese Weise das Profil der Historischen Anthropologie angesichts gegenwärtiger Verschiebungen im Kontext des Wissen-Schaffens weiterzuentwickeln und für europäisch vergleichende Betrachtungen zu öffnen.

Zu diesem Zweck haben wir im Herbst 2011 zu kurzen, am Format des wissenschaftlichen Essays orientierten Beiträgen eingeladen. Anknüpfend an jeweils eigene Forschungen konnten dabei im Einzelnen sehr verschiedene Fragestellungen am Anfang der Überlegungen stehen. So interessierte uns zum Beispiel, welche theoretischen Konzepte gegenwärtig für die Historische Anthropologie wichtige Anregungen und Impulse bieten. Ist in diesem Zusammenhang der mittlerweile etablierte Begriff der „Dichten Beschreibung“ weiter diskutiert und profiliert worden? Wie haben sich lokale, disziplinäre und/oder nationale Rahmungen und Verbindungen auf Forschungsagenden und Selbstverständnis der Historischen Anthropologie ausgewirkt? Was hat sich diesbezüglich in den letzten zwanzig Jahren geändert? Wo werden Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede sichtbar? Welche theoretischen Konzepte haben in den letzten Jahren Einfluss genommen auf historisch-anthropologisches Arbeiten? Welche Impulse wurden aufgegriffen und produktiv gemacht? Wo stehen noch Auseinandersetzungen aus? In Hinblick auf die Methodendiskussionen interessierte uns auch, wie Fragen der Situiertheit des Wissens über eine Quellenkritik im engeren Sinn hinaus zur Reflexivität historischen Arbeitens beitragen (könnten), kurz: wie die Debatten um Repräsentation und Positionalität, die in der Wissensforschung, den Ethnologien wie der Geschlechterforschung in den letzten Jahren geführt wurden, für historisches Arbeiten produktiv gemacht wurden bzw. werden können.

Sieben KollegInnen aus Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Schweden, der Schweiz und den Vereinigten Staaten von Amerika sind bislang unserer Einladung gefolgt. Ausgehend von ihren jeweiligen Arbeitsfeldern diskutieren sie die Potentiale der „Historischen Anthropologie“, avisieren dabei aber sehr verschiedene Aspekte:

Tracy Wilson, zurzeit Leipzig, und Jens Wietschorke, Wien, beschäftigen sich in ihren Beiträgen mit allgemeinen Aspekten historisch-anthropologischen Forschens. Geht es Wilson dabei vor allem um Differenzen in der Herangehensweise bei ethnologisch bzw. in den Folklore Studies ausgebildeten ForscherInnen auf der einen und historisch ausgebildeten auf der anderen Seite, so betont Wietschorke eher Gemeinsamkeiten des historischen Arbeitens. Wietschorke interessiert sich besonders dafür, wie Geschichte und Gegenwart in historischem Arbeiten aufeinander bezogen werden und wie dies von HistorikerInnen und Europäischen EthnologInnen in unterschiedliche epistemologische Programme eingebunden wird.

Malten Bachem und Ruben Hackler, Zürich, sowie Margareth Lanzinger, Hannover, erproben eine historisch-anthropologische Perspektive dagegen für bislang in dieser Teildisziplin weniger beachtete Problemfelder: Das Verfahren, verstanden als eine versuchte Formung menschlicher Praxis und Haltung, bzw. die Steuerpolitik stehen im Mittelpunkt ihrer Beiträge. Scheinbar nebenher diskutiert Lanzinger dabei die zentrale Frage nach der Verbindung verschiedener Ebenen und Welten – des Lokalen und Globalen bzw. von Mikro und Makro – und stellt unter Rückgriff auf Bruno Latours Arbeiten neue Überlegungen zur Position des Lokalen zur Diskussion.

Aspekte der Weitung des Methodischen bzw. Perspektivischen in Richtung auf eine Historische Ethnographie stehen schließlich im Mittelpunkt der Beiträge von Lioba Keller-Drescher, Tübingen, und Rebecka Lennartson, Stockholm. Während sich Lioba Keller-Drescher mit der Situiertheit von Wissen sowie Fragen von Material und Materialität am Beispiel der Mode auseinandersetzt, betrachtet Rebecka Lennartson die Arbeit im Archiv unter ethnographischer Perspektive.

Abschließend betrachtet Herman Roodenburg, Amsterdam nochmals die allgemeine Entwicklung der Historischen Anthropologie in den letzten zwanzig Jahren. Roodenburg sieht hier eine neue Entwicklung gegeben, da die Ethnologie der Körper, Sinne und Emotionen die Historische Anthropologie verändert habe.

Wir laden die LeserInnen dieses Forums dazu ein, die hier publizierten Beiträge kritisch zu diskutieren sowie das Forum um eigene Beiträge zu ergänzen.

Beate Binder und Michaela Fenske

Anmerkungen:
[1] Für redaktionelle Unterstützung danken wir Marieke Tödter, Göttingen, sowie für Übersetzungsarbeiten Kelly Mulvaney, Berlin.
[2] Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auf das Kernfach „Historische Anthropologie/Europäische Ethnologie“ im Studiengang „Historisch arbeitende Kulturwissenschaften“, das zum Sommersemester 2012 an der Universität Saarbrücken neu eingerichtet worden ist. Das Fach wird vertreten durch die Europäische Ethnologin / Volkskundlerin Barbara Krug-Richter.
[3] Vgl. z.B. Andre Gingrich / Werner Zips, Ethnohistorie und Historische Anthropologie, in: Aloys Winterling (Hrsg.), Historische Anthropologie. Stuttgart 2006, S. 245-264 (erste Auflage 2003).
[4] Zu Diskussionen um Stand und Entwicklung der Historischen Anthropologie vgl. das demnächst erscheinende Heft zum 20jährigen Bestehen der gleichnamigen Zeitschrift: Rebekka Habermas / Jakob Tanner / Beate Wagner-Hasel, 20 Jahre Zeitschrift „Historische Anthropologie“. Historische Anthropologie 2 (2012).

Zitation
Editorial: Historische Anthropologie: Standortbestimmungen im Feld historischer und europäisch ethnologischer Forschungs- und Wissenspraktiken, in: H-Soz-Kult, 14.06.2012, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-1797>.