Fragment und Ereignis – Zu Bedingungen der Möglichkeit historischer Anthropologie

Von
Lioba Keller-Drescher, Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft, Universität Tübingen

Ausgehend von einer modischen Anregung möchte ich mich im Folgenden mit gedanklichen Voraussetzungen und Zielvorstellungen und der Situiertheit von historischem Wissen im Sinne einer Archäologie der Gegenwart beschäftigen. Daran werden sich Überlegungen zum epistemischen Konzept historisch-kultureller Anthropologie anschließen unter besonderer Berücksichtigung der Aspekte von Material und Materialität der Forschung, und ein Vorschlag zur Aktualisierung der Forschungsperspektiven.

„L'archeologia – non la futurologia“
Unter dem Titel „Past Regained“ beschäftigt sich der italienische Publizist Cesare Cunaccia jüngst in der italienischen Ausgabe der Zeitschrift „Vogue“ mit dem Thema der unterschiedlichsten Rückbezüglichkeiten der (Kleider-)Mode. Ein aktuelles Thema, ein Dauerthema für alle, die sich mit Mode und Modegeschichte befassen. Immer wieder neu – und das zu Recht – stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis aktuelle Entwürfe zu früheren stehen, welche Stile und Zeiten wiederkehren und in welcher Weise. Dass in der Mode gerade auch die Wiederaufnahme höchst unterschiedlich stattfindet, zeigt sich jede neue Saison, und vor allem, dass dabei immer etwas Neues entsteht, sonst würden wir es auch nicht kaufen wollen. Von einer Zeitschrift wie der Vogue kann man keine streng wissenschaftlichen Analysen erwarten, erhält aber oft doch richtungsweisende Einschätzungen und zeitgenössisch relevante Verknüpfungen, und so nimmt es nicht wunder, dass am Ende des Beitrags auf den italienischen Philosophen Giorgio Agamben verwiesen wird. Natürlich ist der Gebrauch des großen Namens eines weithin bekannten Philosophen ein rhetorisches Mittel zur Verstärkung und Erhöhung der Aussagen in diesem Text. Aber es ist doch so interessant formuliert, dass es mein Interesse geweckt hat. Also genau das, was der Autor bezweckt hat. Eigentlich interessiere ich mich mehr für Mode als für modische Philosophen, merkwürdig genug, wenn beides zusammenkommt.

Agamben wird von Cunaccia mit dem Satz zitiert, „[...] die Archäologie, nicht die Futurologie ist der Zugang zum Verständnis der Gegenwart.“[1] Das klingt zunächst wie das kleine Einmaleins der Geschichtstheorie. Im Sinne von, dass wir Geschichte betreiben zur Kenntnis der Gegenwart, bzw. zur Kenntnis des Ursprungs der Gegenwart. Das wäre für einen heutigen Geschichtsphilosophen dann doch zu einfach, wenn er auch sicher nicht bestreiten würde, dass das ein wichtiger Bestandteil unseres Verhältnisses zur Geschichte ist. Was also meint Agamben hier? Bei genauer Recherche kann man feststellen, das Zitat ist bei Cunaccia etwas aus dem Zusammenhang gerissen und stammt eigentlich aus einem Kommentar Agambens zum Verständnis der gegenwärtigen Krise der Wirtschaftssysteme und damit der europäischen Politik.[2] Agambens Auseinandersetzung mit den Gründen der Krise enthält die hier zitierte Wendung, zielt aber zunächst auf ein anderes Problem, nämlich darauf, dass es wenig Sinn macht, das Wirtschaftssystem moralisch zu beurteilen und auf eine künftige bessere Form hin zu diskutieren (darauf zielt die Futurologie), sondern man muss erst verstehen, warum es in der Vergangenheit wie konstruiert wurde und über welche Stationen und warum es an dem Punkt angekommen ist, den wir jetzt vorfinden. Eben deshalb sei die Archäologie der Weg zum Verstehen der Gegenwart.

Dieser Schlüsselbegriff verweist gleichzeitig – und nur so kann man ihn in seiner ganzen Tragweite verstehen – auf Agambens philosophische Auseinandersetzung mit Foucault, Benjamin und anderen Geschichtstheorien und -theoretiker. Agambens dabei angewandte Technik, sich mit den Theorien der anderen auseinanderzusetzen und dabei ein eigenes weiterdenkendes Verständnis, eine neue Theorie zu entwickeln, ist klassisch, wenn auch heute seltener geübt (und vielleicht deshalb bei manchen Kritikern auf Ablehnung stoßend). Er legt dabei Gedankengänge seiner Diskurspartner frei und führt sie mit seinen weiter, so wie das auch Mieke Bal in „Kulturanalyse“ praktiziert.[3] Beispielhaft hat er das im Band „Signatura rerum“ durchgeführt und hier finden wir auch die Diskussion über den Begriff der Archäologie, der im obigen Zitat etwas unterbestimmt bleibt und sich erst mit Kenntnis anderer Texte Agambens erhellt bzw. mit Kenntnis seiner Gedankenoperationen in seiner Bedeutung zeigt.[4] Die Faszination für den Begriff (nicht das Fach) Archäologie kennt man prominent aus dem Werk Foucaults und, worauf Agamben hinweist, eigentlich schon von Kant, der eine philosophische Archäologie im Sinne einer Metaphilosophie entwarf.[5] Agamben bearbeitet den Begriff mit der Frage, ob es einen „Ursprung“ aller Verhältnisse gibt und ob uns die Beschäftigung mit Geschichte dorthin bringen kann. Die Wortbestandteile legen ja auch nahe, dass hier Anfang und Deutung zusammenkommen sollen. Agamben beantwortet die Frage nach der „Archä“ aber anders. Archäologie ist hier ein Zurück an den Punkt, wo das entsteht, was jetzt wichtig ist und was wir dadurch verstehen werden. Dabei ist das Vergangene gleichzeitig das, „was gewesen ist“ und das, was „gewesen sein wird.“[6] Geschichte findet nicht nur in der Vergangenheit statt, sondern wird in der Rekonstruktion, die von der Gegenwart angeleitet wird, erst konstruiert. „Wir können diese Praxis – der es, ganz gleich, um welche historische Forschung es sich dabei im einzelnen handelt, nicht um einen Ursprung, sondern um die Entstehung eines Phänomens geht und die sich darum stets von neuem mit den Quellen und der Überlieferung auseinandersetzen muß – provisorisch 'Archäologie' nennen.“[7] Also keine Suche nach einem Ur-Zustand, sondern nach einer/den Wegmarken – und das auch immer wieder neu. Gleichzeitig ist es eine Suche nach den verdeckten Quellen, also den durch die Tradition, den Diskurs, die Macht verdeckten Zusammenhängen. „Sich mit der Überlieferung auseinandersetzen kann sie [Anm.: die Archäologie] nur, indem sie die Paradigmen, Techniken und Praktiken dekonstruiert, durch welche die Überlieferung die Formen der Wiedergabe regelt, den Quellenzugang konditioniert und in letzter Analyse das Statut des erkennenden Subjekts selbst bestimmt. Die Entstehung ist also hier mit einem Wort zugleich objektiv und subjektiv oder vielmehr liegt in einer Schwellenzone der Unentscheidbarkeit zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven.“[8]

Damit sind wir bei der Epistemologie angelangt. Der Frage nach dem Was und Wie des Erkennens bzw. Wissens der historischen Forschung. Das meint ja auch der Untertitel „Zur Methode“ des Bandes „Signatura rerum“, nämlich die Reflexion über die Bedingungen der Möglichkeit der Forschung, der Erkenntnis, des Wissens über Geschichte. Man kann sich fragen, ob das komplizierte Denken Agambens, das Cunaccia ja schon ein „concetto complesso“ nennt, wirklich hilfreich ist oder natürlich auch, ob ich es richtig verstanden habe. Ich habe es als Anregung genommen – ich werde auch im Folgenden gelegentlich darauf zurückkommen – und als klassische Methode, um das eigene Denken zu schärfen. Im Grunde bin ich wieder da angekommen, wo ich in meinen Überlegungen schon vorher einmal war: bei der Reflexion über eine (spezifische?) Epistemologie historischer Ethnografie, die ich an diesem Punkt in die zur historischen Anthropologie überführen will bzw. beide in eine historische Epistemologie einordnen will, die nach der Geschichtlichkeit der Erkenntnis und nach den Bedingungen der Erkenntnis des Geschichtlichen fragt.[9] Gemeinsam mit Gesa Ingendahl habe ich vor einiger Zeit auf der Grundlage unsere eigenen Forschungserfahrungen über die Epistemologie archivgestützter historischer Ethnografie nachgedacht und mich dabei mit Kernproblemen der historischen Kulturanalyse befasst.[10] Mit der Überschrift „Fragment und Ereignis“ möchte ich daraus einiges übernehmen und weiterführen.

„Etwas hat überlebt“ – Fragment und Ereignis
Geschichtsphilosophie neuerer Art ist immer auch Erkenntnistheorie, das unterscheidet sie von der älteren, sie fragt nicht nur nach dem Ziel und der Struktur der Geschichte, sondern nach den Bedingungen der Möglichkeit historischer Erkenntnis und lotet deren Grenzen aus. Dazu gehört, sich über die Seinsform der Vergangenheit, die Möglichkeit der Zugänge zu ihr, die epistemologischen Voraussetzungen und den „Raum“, in dem Wissen darüber zustande kommt, Gedanken zu machen. Systematisch gedacht und an oben anknüpfend müsste daher über die Beziehungen von Objekt, Subjekt und über das, was oben „Schwellenzone“ genannt wird, nachgedacht werden. Das Wissen-Schaffen muss also vom Objekt und vom Subjekt her gedacht werden, oder anders formuliert, vom Vorfindlichen und vom forschenden Subjekt her.

Dass wir die Vergangenheit nicht gänzlich zu „Geschichte“ machen können, wissen wir. Die Vergangenheit überliefert sich uns fragmentarisch, und das in mehrfacher Hinsicht. Etwas hat überlebt, nicht alles, aber was und warum? In Michael Crichtons Wissenschaftsromanen von Überleben und Wiederbeleben der Naturgeschichte der Urzeitlebewesen, dessen deutscher Untertitel hier zitiert wird, wird durchgespielt, was passiert, wenn man aus der Vergangenheit Gegenwart macht, ohne deren Bedingungen zu bedenken.[11] Dennoch muss die Vergangenheit keine gänzlich „verlorene Welt“ sein. Auch wenn der Impuls zur Erforschung aus den Fragen der Gegenwart kommt, so kann man annehmen, dass es auch einen Impuls durch die Reste gibt. Wenn also etwas überlebt hat – warum hat es überlebt? Wie ist das Verhältnis von Zufall und Überlebenschancen?

Seit Foucault (vielleicht auch seit Darwin) wissen wir, dass die Regeln der Sagbarkeit die Überlieferung präfigurieren. Das Forschungssetting als solches, die Fragen, die wir an das historische Material stellen und das, was wir zu ihrer Beantwortung zum Beispiel an Archivalien auswählen oder vorgelegt bekommen, führen zu einer weiteren Auslese. Diese Bedingungen des möglichen Wissens muss man konstatieren, um die Quellen adäquat ausschöpfen zu können und auch an die im Sinne Agambens „verborgenen“ zu gelangen. Dafür müssen zugleich Strategien entworfen werden, um die Fragmente aufgrund ihrer „Spurhaftigkeit“ (Ricœur) als (Bruch-)Teile eines Ganzen zu nehmen.[12] Das Ideal der vollständigen Rekonstruktion – wie es wirklich war – haben wir als nicht erreichbar erkannt, aber haben wir es wirklich abgelegt? Es sollte Teil einer reflektierten Wissenschaft sein, sich gelegentlich darüber Rechenschaft abzulegen, welche Zielvorstellungen unsere historischen Forschungen anleiten. Insbesondere auch in einer disziplinübergreifenden historischen Anthropologie, die gleichwohl von disziplinär ausgebildeten Wissenschaftler/innen betrieben wird.

Zur Epistemologie historischer Forschung gehört jedoch nicht nur die Bestimmung des Status der Vergangenheit als Fragment, sondern auch die Beleuchtung des Wissen-Schaffens unter den Bedingungen des Fragmentarischen, der spurhaften Überlieferung und unter den Bedingungen der Gegenwart, aus der heraus wir unsere Fragen formulieren. Mit der Überschrift über dieses Kapitel ist schon angedeutet, wie in Anlehnung an aktuelle Wissenschaftstheorie die Wissensproduktion aufgefasst werden kann: als „Ereignis“. Das entspricht meiner Auffassung nach dem, was oben mit „Schwellenraum“ angedeutet wurde. Das soll dasjenige Geschehen spezifizieren, in dem aus Wissenschaftler/innen, Forschungsinteressen und Vorfindlichem neues Wissen entsteht, erzeugt wird. Es ist vor allem das Verdienst von Bruno Latour, diese Vorgänge aus der Black Box der Erkenntnistheorie herausgeholt und in ein Beschreibungsmodell gebracht zu haben.[13] Wissenschaftliche Erkenntnis kann demnach als ein prozesshaftes Geschehen verstanden werden, das unterschiedliche miteinander verkettete Elemente hat. Den nicht menschlichen Beteiligten wird dabei eine ebenso aktivische Rolle zugewiesen wie den menschlichen Akteuren, also Subjekte und Objekte in einen Austausch gebracht. Die Objekte regen Forschung an, sie bieten Informationen und sie sind Wissensaggregate, die sich nach Latour (in Anlehnung an Whitehead) in einem Zustand der Proposition befinden, also Vorschlag, Angebot und Möglichkeit sind, die durch den Forschungsprozess, mithilfe der Wissenschaftler/innen angeregt werden. Erst im Zusammenspiel der Beteiligten, unter fortwährender Zusammenarbeit, ereignet sich der Erkenntnisgewinn. „Ereignis“ ist dann das durch alle Beteiligten angeregte Geschehen, das mehr ist als das, was vorher da war. Im Sich-Ereignen wird ein Überschuss erzeugt, ein Wissen kommt zustande, das so vorher nicht da war. Das entspricht dem, was an anderer Stelle als „Geschichte, die gewesen sein wird“ beschrieben wird. Man muss Latour nicht in allem folgen, kann aber einigen Gewinn für eine ethnografisch geschulte historische Kulturanalyse aus seinen Darstellungen ziehen. Das hieße dann, das Material als Gegenüber der Forschung zu begreifen, das es nicht einfach zu lesen gilt, sondern das zur Geltung gebracht werden muss und dessen Widerständigkeit und Unzugänglichkeit ebenso Teil der Analyse sein sollte.[14] Nicht um dessen Sichtweise als Abbild der Wirklichkeit zu nehmen, sondern um es dicht zu beschreiben, in seinen Bedingungen zu verstehen und zu interpretieren.

„Untersuchungen am Menschen oder an vom Menschen entnommenem Material“
Wer je einen DFG-Antrag geschrieben hat, kennt die von Geisteswissenschaftlern gewöhnlich nicht auszufüllende Rubrik „Untersuchungen am Menschen oder an vom Menschen entnommenem Material“. Damit wird die Beachtung und Einhaltung ethischer und rechtlich kodifizierter Standards bei der Forschung eingefordert bzw. deren Einhaltung zu einer planmäßigen Darstellung gebracht. Einerseits ist man froh, dass das jetzt nicht auch noch bearbeitet werden muss, andererseits fühlt man sich auch zurückgesetzt. Wir arbeiten doch auch mit Menschen und mit menschlichem Material! Nicht im wörtlichen Sinne – die historische Anthropologie ist im besten Falle als eine naturwissenschaftlich informierte zu bezeichnen, weil sie, wie Christoph Wulf darlegt, eine historisch-kulturelle Anthropologie ist.[15] Das menschliche Material ist also eher nicht unmittelbar leibhaftig körperlich, sondern mittelbar. Das historische Material, das wir bearbeiten, ist aber in der Regel von Menschen erzeugtes, zurückgelassenes, deponiertes, gesammeltes und wir untersuchen damit Menschen, ihre Kultur, ihr Verhältnis zur Welt, ihre Absichten, ihre Handlungen, ihre somatischen Verhältnisse, ihre Gefühle, ihre Strategien und vieles mehr. Wir entnehmen also nicht im DFG-wörtlichen Sinn das menschliche Material, untersuchen nicht an Menschen, sondern von Menschen hinterlassenes Material.

Damit rückt in das Nachdenken nochmals auch die Frage nach der Seinsform der Vergangenheit. Soweit man nicht nur in der sogenannten Zeitgeschichte forscht, kann man davon ausgehen, dass es keine Zeitzeugen gibt, dann hat man es streng genommen nur noch mit Toten und Totem zu tun. Das Vorfindliche der Vergangenheit, an dem wir Geschichte gewinnen können, ist mit dem Status von Dingen vergleichbar. Also ist sie kein Was, sondern ein Dass, also etwas Gegebenes, das durch Forschung nicht gänzlich ergründet werden kann, das aber gleichzeitig in vielfacher Form auf unsere Vorstellung von Geschichte und auf ihre Erforschung Einfluss nehmen kann.

Es schließen sich daher die Fragen an: Wie viel Lebendigkeit dürfen wir dem Material zugestehen? Was lässt sich zur Materialität der Vergangenheit bzw. zu den materialen Effekten in der historischen Forschung sagen? Folgt man dem Modell der Forschung als „Ereignis“, in dem Objekt und Subjekt des Erkenntnisprozesses in einen Austausch gelangen, den man als Schwellenraum, Denkraum oder auch Transaktionsraum bezeichnen kann, in dem neues Wissen erzeugt wird, so muss wie oben ausgeführt allen Beteiligten an der Forschung hohe Aufmerksamkeit zuteilwerden und nach ihrem jeweiligen Anteil am Wissen-Schaffen gefragt werden. Der Ereignischarakter wird besonders deutlich, wenn Überraschungen, Nichterwartetes und vor allem die Spuren historischer Menschen und deren Wirklichkeiten im Forschungsmaterial deutlich werden und wie in gegenwartsnaher Forschung aktiven Einfluss auf den Forschungsprozess nehmen.[16]

Auf das Anregungspotenzial und die Verlaufsform der Forschungs- und Wissensdinge hat Hans-Jörg Rheinberger in seinem Konzept der epistemischen Dinge, den Dingen an denen und mit denen Wissen gewonnen werden kann, hingewiesen. Dadurch, dass epistemische Dinge eine Verlaufsform haben, ist ihnen eine Geschichtlichkeit inhärent. Eine Geschichtlichkeit, die sich auf den Verlauf der Forschung bezieht, der hier als performativ, als Ereignis zwischen Ding und Forscher/in im oben genannten Sinn gekennzeichnet werden kann. Auf den Bereich der Forschung mit historischen Gegenständen angewendet, ergibt sich daraus eine doppelte Geschichtlichkeit. Die historischen Dinge, in meinem Fall zum Beispiel historische Kleidung, Mustersammlungen, Archivalien, Bilder, verändern sich im Laufe der Forschung einerseits, sie sind am Ende anders als sie am Anfang waren, sie haben Forschung angeregt, mit ihnen konnte Wissen generiert werden, das vorher nicht vorhanden war. Sie sind aber auch der Veränderung unterworfen, die sich daraus ergibt, dass sich nach ihrer eigentlichen Zeit, ihrer ursprünglichen historischen Situiertheit, Entwicklungen stattfanden, die sie im Nachhinein verändern. Dies ist eine paradoxe Geschichtlichkeit, die sich der herkömmlichen Ansicht über einen linearen Verlauf von Geschichte widersetzt. Mieke Bal nennt das prepousterous (widersinnige Geschichte) [17], Rheinberger mit Bezug auf Georg Kubler, T.S. Eliot und Derrida nennen es rekurrierende Epistemologie oder Historialität.[18] Die Geschichte verändert sich also nicht nur, indem sie sich linear nach vorne auf der Zeitachse entwickelt, sondern auch das, was vorher war, verändert sich durch das Nachfolgende. Was sind die Konsequenzen? Die Bedeutsamkeit eines Dings (und erweitert gedacht als Sachverhalt) erläutert sich nicht allein durch die Erforschung einer ursprünglichen Intention, aus der heraus es entstanden ist – diese Klärung kann nur ein erster Schritt sein, um es zu verstehen.[19] Die Rekontextualisierung, der Versuch der Wiedereinbettung in das historische Umfeld, kann zu einer weiteren Klärung beitragen. Die Fragen der anhaltenden Bedeutsamkeit zu untersuchen, ist der abschließende und nicht zu vernachlässigende Schritt: Warum hat etwas noch Relevanz, warum geht von ihm ein Evidenzversprechen aus, warum ist es in einem Untersuchungsfeld von Bedeutung? Diese Relevanz und anhaltende oder wieder einsetzende kulturelle Bedeutung eines Dings oder von Dingensembles (und im übertragenen Sinn von Sachverhalten) muss folglich immer mit beachtet werden. Historische Dinge in der Forschung sind daher immer epistemische Dinge. Denn am Ende ist nichts mehr so, wie es am Ausgangspunkt des Forschungsprozesses war.

Besondere Aufmerksamkeit muss der je spezifischen Materialität der Dinge gewidmet werden, zumal auf die Frage hin, wie sich deren Wirkung und Bewertung verändert. Das „menschliche Material“ hat ja eine höchst unterschiedlich wirksame Materialität. In Material und Form sind die Botschaften der Vergangenheit als Form der Zeit (Georg Kubler) repräsentiert. In ihnen bringen sich die Machtverhältnisse, in denen die Dinge einmal situiert waren, vielleicht am deutlichsten zum Ausdruck. Sie lenken die Aufmerksamkeit immer noch wirkungsvoll. Denn die machtvolleren Dinge bestimmen durch ihre größere Chance zum Erhalt, ihre gewichtige Position im Diskurs und ihre hohe Anmutungsqualität das Wissen über die Vergangenheit mit und verlängern so deren Machtverhältnisse. Das reicht so weit, dass sie auch das Ansehen der Wissenschaften und Wissenschaftler mitbestimmen, die sich mit ihnen befassen. Daraus ergibt sich auch die Aufforderung, die Strategien und Praktiken der Überlieferungs- und Deutungsakteure in die Reflexion mit einzubeziehen. Das menschliche Material wird schließlich meist zielgerichtet hinterlassen, mit der Absicht, die Memoria zu lenken. Hier wäre auch eine Fragestellung anzubringen, die schon bei Agamben implizit ist, nämlich die nach den Veränderungen in den historischen Bezüglichkeiten: wie sich die Bearbeitungen der Vergangenheit verändern, wie sich die jeweiligen Geschichtsauffassungen verändern und an welche Wegmarke die Archäologie der Gegenwart gelangen muss. Hier treffen wir uns wieder mit der Modeforschung, die es ja auch nicht bei der Feststellung belässt, welche Muster, Schnitte und Farben einen historischen Bezug haben, sondern nach den Wissensressourcen, den Verlaufsformen und Zwischenstationen, den Begründungen und nicht zuletzt nach den Kreativen fragt.

Schlussplädoyer
Ausgehend von der Frage, wodurch historische Forschung angeregt und worauf sie zielen kann, wurden Fragen nach der Epistemologie historischer Anthropologie gestellt im Sinne der Klärung von Bedingungen und Grenzen ihrer Möglichkeit – mehr Fragen als Antworten. Ich habe das Augenmerk auf die Verfasstheit von Geschichte und die Akteure der Verfassung gelegt, weniger auf die, die in der Geschichte wirken als auf die, die aus Vergangenheit Geschichte machen und auf die, die daraus eine Metageschichte ableiten, zum Beispiel Sie und ich. Auch das kann und sollte ein Erkenntnisgewinn für eine Wissenschaftsrichtung sein, deren Erkenntnisziele in ihrer hybriden Konstellation nicht klar zu konturieren sind. Christoph Wulf hat in seiner grundlegenden Konzeption historisch-kultureller Anthropologie argumentiert, dass sie keine Fachrichtung, sondern ein disziplinenübergreifendes Arbeitsgebiet ist.[20] Daher muss keinem bestimmten Methodenkanon gefolgt werden und die Forschungsgebiete können sich weiterentwickeln. Gerade diese Offenheit hält das un-disziplinäre „Fach“ aktuell. Basierend auf dem mikroanalytischen Konzept, das immer schon die Erforschung von Praxis als der Handlungsseite des Alltags beinhaltet, sollte der Alltagsbegriff ausgeweitet auch auf die Erforschung der wissenschaftlichen oder wissenschaftsförmigen Praktiken angewendet werden. Ich möchte daher dafür plädieren, verstärkt auch eine historische Wissenschaftsforschung als Wissensanthropologie zu begreifen, insofern als sie nicht nur Ideen und Systeme behandelt, sondern die Handlungen und Verhandlungen der Akteure. Einer so verstandenen historischen Wissensanthropologie geht es weniger um die Wissensinhalte, sondern mehr um „Weisen der Wissenserzeugung“ (frei nach Nelson Goodmann) und die damit und durch die Beteiligten am Forschungsprozess erzeugten historischen „Welten“.[21] Dabei sollen primäre und sekundäre Wissenspraktiken als Wissenshandlungen untersucht und Verlaufsformen, Verbindungen, Ressourcen, Strategien, die Aushandlungen von Bedeutungen und Anerkennung durch und zwischen Akteuren in den Blick genommen werden. Einem hybriden, aber letztlich offenen Konzept, wie es die historische Anthropologie ist, würde so ein bisschen modischer Wind durchaus gut tun, wie es jeder Wissenschaft gut tut, sich in einem steten Erneuerungsprozess zu befinden und die jeweiligen Anregungen aus der Gegenwart zu sichten und in die (historische) Forschung umzusetzen.

Anmerkungen:
[1] Zitat Original: „[...] che forse oggi è l'archeologia, non la futurologia, la sola via di accesso al presente.“ Giorgio Agamben zitiert nach Cesare Cunaccia: Past Regained, in: Vogue Italia, Supplemento al numero 739 (3/2012), S. 131.
[2] Vgl. Giorgio Agamben, Se la feroce religione del denaro divora il futuro. <http://ricerca.repubblica.it/repubblica/archivio/repubblica/2012/02/16/se-la-feroce-religione-del-denaro-divora.html> (04.06.2012).
[3] Mieke Bal, Kulturanalyse, Frankfurt am Main 2002.
[4] Giorgio Agamben, Signatura rerum. Zur Methode, Frankfurt am Main 2009.
[5] Vgl. ebd., S. 101f.
[6] Ebd., S. 132.
[7] Ebd., S.111.
[8] Ebd., S. 111f.
[9] Vgl. Lioba Keller-Drescher, Die Fragen der Gegenwart und das Material der Vergangenheit – Zur (Re-)Konstruktion von Wissensordnungen, in: Andreas Hartmann / Silke Meyer / Ruth-E. Mohrmann (Hrsg.), Historizität. Vom Umgang mit Geschichte, Münster 2007, S. 57-68.
[10] Gesa Ingendahl / Lioba Keller-Drescher, Historische Ethnografie. Das Beispiel Archiv, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 106 (2010), S. 243-265.
[11] Michael Crichton, Vergessene Welt (Etwas hat überlebt), München 1996.
[12] Paul Ricœur, Archiv, Dokument, Spur, in: Knut Ebeling / Stephan Günzel (Hrsg.), Archivologie. Theorien des Archivs in Wissenschaft, Medien und Künsten, Berlin 2009, S. 123-137.
[13] Bruno Latour, Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft, Frankfurt am Main 2000.
[14] Vgl. weiterführend Gudrun M. König, Das Veto der Dinge: Zur Analyse materieller Kultur, in: Karin Priem / Gudrun M. König / Rita Casale (Hrsg.), Die Materialität der Erziehung. Zur Kultur- und Sozialgeschichte pädagogischer Objekte. Zeitschrift für Pädagogik, Beiheft, Juni 2012.
[15] Vgl. Christoph Wulf, Anthropologie. Geschichte, Kultur, Philosophie. Aktualisierte Neuausgabe, Köln 2009, S. 143ff.
[16] Ich habe mich der Forschung an und mit Dingen und ihren epistemischen Bedingungen schon einmal ausführlich befasst und stütze mich zum Teil auf Lioba Keller-Drescher, Das Versprechen der Dinge. Aspekte einer kulturwissenschaftlichen Epistemologie, in: Regula Rapp (Hrsg.), Verhandlungen mit (Musik-)Geschichte. Basler Jahrbuch für Historische Musikpraxis 32 (2008), Winterthur 2010, S. 235-247.
[17] Vgl. Bal, Kulturanalyse, S.224-262.
[18] Vgl. Hans-Jörg Rheinberger, Experimentalsysteme und epistemische Dinge. Eine Geschichte der Proteinsynthese im Reagenzglas, Frankfurt am Main 2006, S. 222-229.
[19] Vgl. Bal, Kulturanalyse, S. 18f. und Kap. 10, S. 295-334.
[20] Vgl. Wulf, Anthropologie, S. 353.
[21] Nelson Goodman, Weisen der Welterzeugung, Frankfurt am Main 2001.

Zitation
Fragment und Ereignis – Zu Bedingungen der Möglichkeit historischer Anthropologie, in: H-Soz-Kult, 26.06.2012, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-1812>.