Forum Hist. Anthropologie: S. Kienitz: Von Akten, Akteuren und Archiven. Eine kleine Polemik

Von
Sabine Kienitz, Universität Hamburg

Noch 1971 konnte Karl-Sigismund Kramer darauf verweisen, dass in der Volkskunde gemessen an der Zahl der Veröffentlichungen „die Arbeit an und mit der Historie […] ein beträchtliches Gewicht, wenn nicht sogar Übergewicht“ aufweise.[1][2] Man könnte von daher sogar meinen, so seine ironische Vermutung, dass der „Durchschnittsvolkskundler“ sich aus Enttäuschung von der Gegenwart und ihren Problemen abgewendet und der vermeintlich „heilen“ Welt der Vergangenheit verschrieben habe. Diese Zeiten sind vorbei: Viele Fachvertreterinnen sprechen von sich ganz dezidiert als „Ethnologinnen“ und beschäftigen sich mit einer gewissen Ausschließlichkeit nur noch mit der Gegenwart. Kramer hätte hier wohl – ebenso ironisch – von den „Problembewußten“ gesprochen. Man könnte sogar die These aufstellen, dass sich das historische Arbeiten im Fach (weiterhin) in einer Krise befindet. Einen Hinweis darauf liefern unter anderem die BA-Studiengänge im Fach: Angesichts einer Verdichtung eines in sich abgeschlossenen, berufsbildenden Bachelorstudiums, das in sechs Semestern außer der Fachgeschichte noch Methoden, Kulturtheorien und natürlich vor allem Inhalte vermitteln soll, wird deutlich erkennbar, dass eine fundierte historische Ausbildung an Stellenwert verloren hat. Die Modulhandbücher räumen zwar der Vermittlung „qualitativer Methoden“ in den ersten zwei Semestern Raum ein, hierunter wird in den meisten Instituten jedoch eine einsemestrige Einführung in die Feldforschung verstanden. Dabei stehen Interviewführung und -auswertung sowie praktische Übungen in Teilnehmender Beobachtung im Mittelpunkt. Die Arbeit im Archiv und die Erhebung sowie der konkrete Umgang mit archivalischen „Quellen“ bekommen nur noch in wenigen Instituten im Curriculum den entsprechenden Raum. Insofern entscheidet wohl der Studienort darüber, ob man als Studentin der Volkskunde / Kulturanthropologie über den Gang ins Archiv und den Kontakt mit historischem Aktenmaterial die Chance bekommt, vom „Archivfieber“ (Jacques Derrida) erfasst zu werden.

Sichtbar wird diese Krise auch in den Zahlen der Abschlussarbeiten im Fach, die Jens Wietschorke (Wien) für seinen Vortrag auf dem Tübinger dgv-Kongress 2011 für die Jahre 2007 bis 2009 zusammengestellt hat. Zwar verwies er dabei auf die statistischen Unwägbarkeiten, die aufgrund der unsicheren Ausgangsdaten groß seien, allerdings wurde hier doch die Tendenz deutlich, dass Studierende nur zu knapp einem Fünftel ihr Magisterstudium mit einer historischen Arbeit abgeschlossen haben, während bei den Dissertationen die Zahl immerhin auf knapp 30 Prozent anstieg.[3] Angesichts des hohen Zeitaufwandes von archivbasierten Forschungsarbeiten wird sich dieses Verhältnis mit der Ablösung der Magister- durch Bachelor- und Masterstudiengänge sicher noch einmal verschlechtern.

Nicht nur das Studienangebot verweist darauf, dass historisches Arbeiten in einem Fach an Bedeutung verliert, das sich im Zuge einer Ethnologisierung immer stärker der Gegenwartsperspektive verschrieben hat. Auch wenn es auf den ersten Blick paradox klingt, möchte ich doch die vielfältigen Bemühungen, mit denen aktuell eine Verständigung über die Aufgabenstellungen, Möglichkeiten und den Sinn historischen Arbeitens im Fach in Gang gesetzt wird, als ein weiteres Symptom dieser Krise interpretieren. Gerade die massiven Vermittlungsversuche der Vertretern und Vertreterinnen einer historischen Ethnographie, die den direkten Bezug zwischen gegenwartsbezogener und historischer Forschung herzustellen bzw. die Unterschiede zwischen den beiden Herangehensweisen zu verwischen suchen, scheinen mir Ausdruck der Krise zu sein, indem hier kritische Positionen und Chancen der historischen Befremdung und Differenzerfahrung[4] zugunsten einer vordergründigen und projektiven Form des „Verstehens“ aufgegeben werden.

Ausgangspunkt: Faszination der Quellen
Im Folgenden geht es um zwei zentrale Aspekte des historischen Arbeitens und verbunden damit um jene „spezifischen Operationen“[5] der Ermittlung und Erhebung von Daten, die – so Roger Chartier – einer Synthetisierung in Form von historischem „Wissen“ vorausgehen müssen. Zum einen geht es um das Archiv als den konkreten Ausgangspunkt, von wo aus die Suchbewegungen in historische Lebenswelten starten, wo diese Spurensuche nach der bzw. den Geschichte(n) real fassbar, wo sie auch für die Forscherin körperlich erlebbar wird. Eine Suche, die Sitzfleisch, Konzentration und Frustrationstoleranz erfordert, für die zwar grundsätzlich Erkenntnisziele formuliert, diese dann aber den Realitäten der Aktenlage immer wieder neu angepasst werden müssen. Zum anderen möchte ich auf Aspekte des Materials eingehen, auf die Spezifik der Quellen, in denen historische Momente von Mündlichkeit (hand-)schriftlich festgehalten und überliefert wurden und die wenn nicht die Basis, so doch das Kernmaterial darstellen, aus dem die Geschichte(n) zu machen sind und auf dem diese historischen (Re-)Konstruktionsprozesse aufbauen. Von diesen historischen Quellen, vor allem von Gerichtsakten geht eine große Faszination aus. Dietmar Schenk spricht hier von der „haptische(n) Qualität“[6] von Geschichte, die mit dem Zugriff auf die Akten auch scheinbar ein direktes Zugreifen auf eine weit zurückliegende Zeit erlaube, und dem „intrinsischen Wert“[7] der Originale, der mit einer digitalen Aufbewahrung meist verloren gehen würde. Das liegt zum einen wohl an der Tatsache, dass es sich bei Gerichtsakten um eine spezifische Variante von Relikten handelt: Während historisches Verwaltungshandeln in seiner Gleichförmigkeit wenigstens zum Teil ähnliche Vorgänge produziert hat, die trotz ihres Status als „Unikate“[8] doch miteinander verglichen werden können, handelt es sich bei Gerichtsakten eben um Vertextungen höchst individueller sozialer Handlungen und Geschichten, die trotz historischer Verrechtlichungsprozesse in der Form an anderer Stelle nicht zu finden sind. Zum anderen aber und mindestens ebenso wichtig scheint mir das Faktum zu sein, dass dieses Aktenmaterial fragmentarisch und zugleich unkalkulierbar in seiner Zusammensetzung ist: Spannung entsteht so auch aus der Tatsache, dass „das Vorhandene notorisch zufällig“[9] und dabei nicht absehbar ist, welche Blätter, welche Akten in einem Büschel wie zusammengestellt wurden, und wie diese Blätter und ihre Inhalte, wie die Schreibenden und die in diesen Akten Beschriebenen aufeinander Bezug nehmen. Kurzum: Es handelt sich eben um Quellen, die man als Forscherin nicht selbst produziert hat, und deren Überlieferung nicht in irgendeiner Form beeinflusst oder im Nachhinein ergänzt werden kann.

Von der „archivalischen Quellenforschung“ zur „historischen Ethnographie“
Im Grundsatz geht es also um Methodenfragen dieser „archivalischen Quellenforschung“, von Hans Moser und Karl-Sigismund Kramer einst als grundlegende Basis einer ernstzunehmenden „historischen Volkskunde“ benannt, die heute gerne auch mit dem neuen Etikett einer „historischen Ethnographie“ versehen wird. Ziel dieser Umbenennung scheint es zu sein, auch von historischer Seite mit der spezifischen Qualität und den Herausforderungen ethnographischer Feldforschung gleichzuziehen und dabei Archivarbeit und gegenwartsbezogene Feldforschung methodisch auf eine Ebene zu stellen. Zwei Perspektiven überschneiden sich hier bzw. gehen hier zusammen: Die Einbettung von Archivarbeit in die aktuellen Überlegungen einer Wissensanthropologie. Dazu gehört eine Theorie des Archivs, die die „Bedingungen des Wissbaren“ bzw. des „Wissen-Schaffens“[10] in diesem institutionellen wie methodischen Kontext durchdenkt. Dazu gehört dann auch die Umdeutung der Arbeit mit schriftlichem Quellenmaterial aus den Archiven als eine wenn nicht neue, so doch eben zusätzliche und ergänzende Variante dialogisch-reflexiver Forschungsmethoden, in denen dem Zusammentreffen von Forscherin und Feld besondere Wissenseffekte zugeschrieben werden. Dabei wird zum einen der epistemologische Wert der sinnlich-emotionalen Erfahrungen im Feld „Archiv“ hervorgehoben.[11] In dieser Argumentation gelten Archivalien im Sinne von Bruno Latours Ansatz einer symmetrischen Anthropologie als „Akteure“ und konkretes „Gegenüber“, die nicht nur über ihre Inhalte, sondern auch über ihre „materiale Wirkkraft“[12] in den Forschungsprozess eingreifen und entsprechend zu berücksichtigen seien. Zum anderen werden die gängigen Strategien einer Quellenkritik in diesem Konzept ergänzt durch die Betonung der Gefühle der Forscherin, um Assoziationen und Projektionen, die den Zugang zu historischen Lebenswelten im Sinne eines näheren und intensiveren Verstehens ermöglichen sollen. Ich überzeichne hier sicher etwas. Trotzdem muss man fragen, was denn hier eigentlich passiert ist, wie sich der Umgang mit dem Archiv bzw. genauer gesagt: wie sich der Diskurs über das Archiv und die dort zu erwartenden Funde und Erfahrungen und wie sich die epistemologischen Positionen und Perspektiven in unserem Fach verändert haben? Wie kam es zu diesem Prozess der Emotionalisierung, zu den Verschiebungen in der Wahrnehmung und auch im Umgang mit den Quellen, aber auch zu diesen Verschiebungen in der Deutung von Nähe und Distanz, Vertrautheit und Fremdheit?

Von der Entsagung zur Emotionalisierung
Ein kurzer Blick zurück in die Geschichte des Faches ist notwendig, wenn er auch an dieser Stelle keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann: „Archivalische Quellenforschung“[13] war eben das Stichwort, mit dem Karl-Sigismund Kramer 1971 in seiner Replik auf einen Bausinger-Text im „Abschied vom Volksleben“ noch sehr nüchtern seine Arbeitsweise umschrieb, ausgehend von seinem Selbstverständnis und der Überzeugung, dass eine Materialbeschaffung auf breiter Ebene anzustreben sei, um historische Lebenswelten sichtbar zu machen. Historisch-archivalisches Arbeiten müsse dabei eine „auf ein Ganzes“ zielende Materialsammlung zum Ziel haben. Der Begriff wie auch die Beschreibung der Herangehensweise an historische Alltags- und Lebenswelten erscheinen in dieser Darstellung als völlig unkapriziös, dahinter verbarg sich das Selbstverständnis einer mühselig-zähen wissenschaftlichen Kärrnerarbeit.[14] Seiner Erfahrung nach handelte es sich hier eben um eine Arbeitsweise „bar äußerlichen Glanzes“, die eben von den Forschenden neben gründlichem, systematischem Arbeiten vor allem „Entsagung“ verlangte. Kramer setzte zwar den „ordnenden Geist des Forschers“[15] voraus, rückte diesen jedoch nicht prominent in den Vordergrund der Aufmerksamkeit.

Auch im Rahmen der historischen Schule der französischen „Annales“ ist dieser Anspruch einer systematischen Quellenerhebung gängige Praxis gewesen: Hier ging es in der Perspektive einer „longue durée“ um eine breit angelegte Recherche oder um die konsequente und systematische, meist computergestützte quantitative Erhebung einzelner archivalischer Quellengattungen wie zum Beispiel Leichenpredigten, Testamente, Heiratsurkunden und Musterungsakten über längere Zeiträume. Ziel dieser „histoire des mentalités collectives“ auf der Basis seriell angelegter Analysen war es, historische Mentalitäten bzw. deren Veränderungen auszumachen. Auch in der Volkskunde wurden Forschungsvorhaben dieser Art angestoßen. So arbeitete das Münsteraner Projekt zur „Diffusion städtisch-bürgerlicher Kultur vom 17. bis zum 20. Jahrhundert“ ebenfalls auf der Basis von Inventaren.

Nur eine Annales-Generation später ist mit der Phase der „Nouvelle Histoire“ eine zentrale Verschiebung erkennbar – der Kieler Historiker Otto Ulbricht spricht davon, dass nun „aus Marionetten Menschen“ geworden seien[16] – eine Verschiebung, deren Auswirkungen sich wohl bis heute in der Praxis historischen Arbeitens niederschlagen: Nun war die Wiederentdeckung des historischen Subjekts, des einzelnen Individuums das erklärte Ziel, und gerade diese Wiederentdeckung der Akteure hatte eben auch starke Auswirkungen auf die Praxis der Archivnutzung und der Quellenerhebung. Mit der Aufwertung des „Außergewöhnlichen Normalen“ und der Hervorhebung von dessen spezifischer Aussagekraft war die Basis eines mikrogeschichtlichen Ansatzes geschaffen, in dessen Gefolge sich die heuristischen Setzungen veränderten: Es wurde ein Wandel vollzogen von der Erforschung der strukturellen Kontexte und Handlungsbedingungen hin zur Frage nach den subjektiven Umgangsweisen, zu den kulturellen Praktiken und den Bedeutungen, die die einzelnen Menschen mit ihren Handlungen verbanden.

Im Zuge dieser Verschiebung von Interessen veränderten sich nun auch die Ansprüche an die Erarbeitung eines Quellenkorpus, der nun in seiner Normalität über sich hinausweisen und in irgendeiner Form spektakulär sein sollte, der in seiner Außergewöhnlichkeit aber auch aussagekräftig genug sein musste, um Rückschlüsse auf den Alltag zu gewährleisten. Carlo Ginzburgs Geschichte des friaulischen Müllers Domenico Scandella, genannt Menocchio, 1976 in Turin publiziert und 1979 erstmals auf deutsch erschienen[17], wurde zu einem Meilenstein des kulturwissenschaftlichen Ansatzes in der historischen Forschung und war für viele eine folgenschwere Entdeckung mit gewichtigen Konsequenzen für die eigene Archivarbeit: Folge davon war die Idee, im Rahmen derartiger Fallstudien nun im Sinne von „Sondierungen“ und „Tiefenbohrungen“ Erkenntnisse über historische Lebenswelten zu erlangen und die Systematik dabei weitgehend hintan zu stellen. Die „besondere Situation“ galt als der ideale Ausgangspunkt für die Beantwortung der Frage, „wie die Individuen durch ihre Bündnisse und Rivalitäten und über die Abhängigkeiten, die sie wechselseitig binden, sowie die Konflikte, die sie spalten, die gesellschaftliche Welt hervorbringen.“[18] Hinzu kam der als „neu“ wahrgenommene Modus des Erzählens im historischen Präsens, wie ihn Historikerinnen wie Arlette Farge[19] und Natalie Zemon Davis[20] in ihren Arbeiten bevorzugten, sowie mit Clifford Geertz ein semiotischer Kulturbegriff, der ebenfalls den Subjekten als den Sinnproduzenten mehr Raum und Bedeutung beimaß. Damit begann die Erfolgsgeschichte eines Ansatzes, der die „schriftlosen und scheinbar ‚geschichtslosen’ Menschen“[21] als historische Subjekte sichtbar werden ließ und eine Vielzahl von höchst individuellen Geschichten und Biographien zutage brachte.

Die Faszination des Spektakulären bestimmte sowohl die Wahl des Forschungsgegenstandes als auch die Art der Darstellung. Sieht man sich die Publikationen aus jenen Jahren an, die um das Thema einer historischen „Volkskultur“ kreisten, dann wird deutlich, dass und wie hier eine tiefgreifende Emotionalisierung des Archivs einsetzte, eine affektive Beziehung zu den Akten und zu den „vergrabenen und wieder gefundenen Worten“[22], die Zugang gewähren sollten zu den „unbekannten Menschen der Vergangenheit“[23]. Der Wunsch und zugleich auch die Illusion, durch diese Form von Empathie und scheinbarer Nähe „ein klein wenig in die Köpfe dieser Menschen hinein(zu)sehen“[24], scheint bis heute aktuell zu sein, und das trotz einer breit rezipierten Writing-Culture-Debatte, die auf die Unangemessenheit solcher Deutungs- und Konstruktionsprozesse sowie auf die Widersprüchlichkeit scheinbar logischer und in sich geschlossener Konzepte von Kultur hingewiesen hat. Möglicherweise greift meine Analyse an dieser Stelle zu kurz, mir drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass die Idee einer „historischen Ethnographie“ genau an diesem Punkt anknüpft. Darauf komme ich gleich noch einmal zurück.

Exkurs: Zu einer Ethnographie des Archivs
Zuerst aber ist mir ein anderer Gedanke wichtig: Die Bemühungen um eine Rehabilitation des forschenden Subjekts und die Bedeutung der Gefühle auch im Sinne der Einbeziehung eines „Selbst“ im Rahmen autoethnographischer Reflexions- und Schreibprozesse werden ja gerade stark diskutiert.[25] Insofern würde ich denken, dass eine systematisch angelegte Ethnographie des Archivs und damit die Erforschung der Bedingungen wissenschaftlichen Arbeitens bzw. seines Wandels im Zuge der Modernisierung der Archive mit Betonung der Perspektive der Archivnutzerinnen noch aussteht. Die klassische Frage danach, was denn hier eigentlich passiert, also die Frage nach der Inszenierung dieses Arkanums „Archiv“[26], nach den Ordnungsstrukturen, Abläufen und sozialen Interaktionen und den dazugehörigen Gefühlen der Ohnmacht und Abhängigkeit erscheint lohnend auch angesichts der Tatsache, dass in den aktuellen „Einführungen in die moderne Archivarbeit“[27] häufig das Thema des Scheiterns überwiegt: Das potentielle Scheitern an der Materialmenge, an der Undurchschaubarkeit von Strukturen, aber auch an der Resilienz von Archivmitarbeiterinnen.[28] Die hier gewählten Zuschreibungen von der „unbekannten Größe Archiv“, deren „Beständedschungel“ meist „unheimlich und undurchschbaur“ sei und „zunächst erobert“ werden müsse, legen nahe, dass die Begegnung mit historischen Zeugnissen aufgrund der damit verbundenen (bakteriellen) Gefahren doch mindestens expeditionsartig geplant werden müsse. Auch ist diese Form der Auratisierung des Archivs als „monstro simile“[29] dazu geeignet, die Forscherin als Heldin oder doch mindestens als Detektivin erscheinen zu lassen. Dabei können die Orte, an denen man mit diesem Material konfrontiert ist, inzwischen unterschiedlicher kaum sein. Arlette Farges Beschreibung, dass sie mit sommers wie winters vor Kälte steifen Fingern Akten von Hand transkribiert habe, bestätigt Opferbereitschaft ebenso wie Leidenschaft für die Arbeit im Archiv, gehört inzwischen aber sicher der Vergangenheit an.[30] Immer häufiger jedenfalls handelt es sich hier um technisch hochgerüstete und klimatisierte Räume mit Strom für den Laptop, die sowohl Transparenz als auch vor allem Distanz schaffen und in denen alles geregelt und eigentlich nichts dem Zufall überlassen wird.

Historische Prozesse der In-Wert-Setzung
Probleme sehe ich allerdings, wenn man das Archivmaterial als „Gegenüber im Forschungsprozess“[31] begreifen will und damit in Anlehnung an symmetrische Beziehungsformen in der Feldforschung quasi eine sowohl emotionale als auch soziale und dialogische Beziehung zu den Akten aufgebaut wird. Die Wirkmacht des Materials kann sicher nicht bezweifelt werden, wenn zum Beispiel von den „Machtgebärden“ von Archivalien wie zum Beispiel Handwerksordnungen oder den internen Machtdemonstrationen von Handakten die Rede ist.[32] Zu fragen bleibt allerdings, inwieweit diese Deutungen weniger als reflexiv und stattdessen als retrospektiv und ahistorisch einzuordnen sind und inwieweit sie einen stark projektiven und zuschreibenden Charakter haben. Könnte es sein, dass diese romantische Überhöhung erst das Ergebnis eines historischen Prozesses der In-Wert-Setzung, das Ergebnis einer spezifischen kulturellen Praxis und damit eben Teil einer Zirkulationsleistung zwischen der Wahrnehmung und der Bewertung historischer Quellen wie auch der jeweiligen Fragestellungen ist. Die Frage mag banal sein, aber: was wissen wir über den alltäglichen Umgang der Zeitgenossen mit diesem Material? Die „Faszination des Raren“[33], von der Arlette Farge spricht, oder auch die „Faszination des Spektakulären“[34], die Alf Lüdtke betont, ist eben nicht in der Akte selbst, sondern im technischen Akt der Überlieferung und in der historischen Bewertung dieses Materials begründet und sagt von daher nichts über die zeitgenössische Bedeutung dieser Papierhaufen aus, die nach der Aushebung in den Regalen heute im Archiv auf die Benutzung warten.

Die Forscherin als Heldin? Subjektwerdung im Archiv
Was also passiert hier noch, wenn Akten zu „Akteuren“ und – in Anlehnung an das dialogisch-reflexive Setting der Feldforschung – zum „Gegenüber im Forschungsprozess“ erklärt werden? Diese Zuschreibung verändert nicht die Inhalte, könnte aber, so meine Vermutung, der Aufwertung der Position der Forscherin im Forschungsprozess dienen. Denn dann geht es nicht mehr um „Entsagung“, wie sie Kramer noch im Umgang mit den Archivalien voraussetzte, sondern um die Inszenierung einer Subjektwerdung der Forscherin in der Auseinandersetzung mit diesen „Akteuren“, die emotional besetzt und angeeignet und mit einem Eigenleben ausgestattet werden. Die Authentizität der eigenen Gefühle in der körperlich spürbaren Konfrontation mit diesem Material ist dann die Basis und wohl auch die Voraussetzung dafür, um als Forscherin Bedeutung zu generieren und sich in das Setting des Forschungsprozesses einzuschreiben, um die Autorität und das symbolische Kapital zu erlangen, ähnlich den Strategien, mit denen Feldforscherinnen ihre Anwesenheit im Feld authentifizier(t)en.[35] Auf diesem Gefühl baut dann auch die privilegierte Beziehung zum Material und der besondere Anspruch auf Verstehen und Erkenntnis auf, der ebenso im Narrativ des Archivfundes nach dem von Rolf Lindner zitierten Prinzip der „serendipity“ zelebriert wird.[36] Ich gebe zu: Auch ich erzähle gerne von dem Grusel, der mich bei der Konfrontation mit der Mordwaffe oder den Zaubersprüchen in den Akten erfasst hat. Dies sagt aber mehr über meine Projektionen auf den Gegenstand als über die Bedeutung des Gegenstandes im historischen Kontext aus.

Empathie als Ersatz für Fremdverstehen?
Noch grundsätzlicher aber stellt sich die Frage: Was genau haben meine in der Gegenwart angesiedelten Affekte und Emotionen bei der Begegnung mit Papier und Schrift aus der Vergangenheit mit der Erhebung und der Interpretation von historischen Inhalten zu tun? Verstehe ich die Darstellungen in den Akten nun besser, weil ich eine bestimmte Form von Nähe zu diesem Material spüre? Empathie erscheint mir auch zur Erschließung historischer Lebenswelten zwingend notwendig. Aber ich sehe auch die Gefahr eines Zuviels an Gefühl, das „das ‚Fremde’ auf dem Wege der verstehenden Aneignung“[37] vereinnahmt und beherrschbar zu machen versucht. Hier droht der Verlust der analytischen Distanz, die weniger durch eine subjektiv begründete Nähe als durch reflektierte Ver- bzw. Befremdung produktiv gemacht werden kann. Die Aussagekraft meiner persönlichen Emotion in der Konfrontation mit den Quellen und die Affizierung durch die räumliche Konstellation Archiv hat in dem Falle eben wenig mit den Inhalten der Archivalien zu tun. Denn: Das Archiv selbst ist nur der Ort, wo die Forscherin den Quellen begegnet, es ist aber nicht der Ort, wo diese Quellen produziert wurden, wo sie entstanden sind. Das Archiv ist nur der Ort der Sammlung, der systematischen Aufbewahrung, der Verwahrung, der Überlieferung, und auch wenn ich die Vorstellung problematisch finde, dass eine Quelle eine eigene „Biographie“ habe, muss man sich doch die massiven Wanderungsbewegungen und auch die organisatorischen Umbettungen vor Augen halten, die dieses Material im Lauf der Zeit mitgemacht hat, das heißt dass sich ähnlich wie bei (historischem) Bildmaterial die Bedeutung dieser Quelle je nach Kontext stark verändern kann. Das Archiv ist zwar mit besonderer kultureller Bedeutung ausgestattet und hat die Funktion eines offiziell legitimierten Speichermediums, wo diese schriftlichen Zeugnisse des arbeitsteiligen Verwaltungshandelns nach einem spezifischen archivischen Prinzip zusammengeführt und gelagert werden. Mit den Quellen selbst und den Umständen ihrer Entstehung wie auch mit ihren Inhalten hat dieser Ort aber eigentlich nichts zu tun. Die Nähe-Gefühle, die Form von Empathie, „das Bewegende in der Konfrontation mit dem Antiquarischen“[38], die Emotionen, die hier bei der Begegnung mit dem Material entstehen mögen, entstammen also nicht der Welt des Historischen, sondern sind bereits Teil der Deutung und der In-Wert-Setzung durch die aktuelle Gegenwartsgesellschaft und eine wissenschaftliche Community, die dem Umgang mit diesem Material heute eine spezifische Bedeutung zuschreibt und damit zugleich die eigene (professionelle) Bedeutung generiert.[39]

Und damit sind wir beim Problem des Archivs: Das Archiv homogenisiert, es glättet und lässt dabei die Unterschiede der Entstehungskontexte von Quellen verschwinden. Das Archiv als Ort und als technisch organisiertes System zwingt Quellen in einen gemeinsamen Kontext, den sie „zu Lebzeiten“, also im Moment ihrer Entstehung in dieser Form nie hatten. Die Ordnung, in der die Archivbenutzerin die Akten vorfindet, ist letztlich das Ergebnis der Arbeit der Archivare, die Altregistraturen übernehmen, die die Bedeutung des Materials vor dem Hintergrund des jeweiligen Zeitkontextes bewerten, die Akten kassieren und auf diese Weise bedeutende Eingriffe in die „Materialität der Vergangenheit“ vornehmen und damit den Überlieferungsprozess in Gang setzen.[40] Diese Differenz zwischen historischem Entstehungskontext und Überlieferungsbildung ist aber wichtig, denn Materialien müssen rekontextualisiert, Entstehungszusammenhänge müssen rekonstruiert werden, um die Bedeutung des Überlieferten nachvollziehen und einordnen zu können: Wer wie mit wem korrespondiert hat, wer vor wem mit welchem Selbstverständnis aufgetreten ist, erklärt sich ja nicht durch mein Gefühl und meine Nähe zum Material, sondern nur durch systematische Zuordnung, durch Kontextualisierung und vor allem durch entsprechendes Vorwissen.[41] Das Diktum vom „Erkenntnisgewinn durch Archivarbeit“[42] muss eben insofern relativiert werden, als es meist auf einem Wissen basiert, das außerhalb des Archivs und jenseits der Quellenfragmente recherchiert werden muss. Insofern ist auch Dietmar Schenk zuzustimmen, demzufolge das Archiv eben nicht als ein „Wissensspeicher“ fungiert: Wissen, so sein Einwand, sei nicht in den Akten selbst hinterlegt, sondern entstehe erst durch das spezifische Erkenntnisinteresse der Forscherin und die jeweiligen analytisch begründeten Zusammenhänge, in die das Material gezielt und zugleich selektiv eingeordnet werde.[43]

Gemeinsamkeiten statt Konkurrenz um Deutungshoheit?
Intensive Debatten über den Stellenwert historisch-archivalischer Arbeit im Fach sind kein neues Phänomen.[44] Die älteren Fachkolleginnen wissen das sehr viel besser und kennen auch die Auswirkungen einer solchen Fachdiskussion noch aus näherer Anschauung. Wenn man die Texte aus den 1970er-Jahren über den damals eingeläuteten „Abschied vom Volksleben“[45] und die Auseinandersetzungen über den Stellenwert der „exakt-historische(n) Methode“[46] liest, klingt das nach einem unschönen Kleinkrieg um Bewertungen und auch um Strategien der Distinktion innerhalb des Faches. Insofern hat die aktuelle Reflektion über das Archiv als epistemischen Ort und die mögliche Neubewertung und Bedeutung von archivalischem Quellenmaterial fast schon etwas Versöhnlich-Entspanntes: Das Nachdenken über gemeinsame erkenntnisleitende Perspektiven und eine konkrete Verbindung zwischen gegenwartsbezogenen und historisch ausgerichteten Formen der Ethnographie wirkt immerhin konstruktiv im Gegensatz zu den antagonistisch angelegten Streitigkeiten um die Frage von Geschichte oder Gegenwart. Wenn ich auch bisher nicht erkennen kann, dass diese Gesprächsangebote und dieser Kampf um Anerkennung auf Seiten der ‚problembewussten Ethnologen’ im Fach Wirkung zeigen.

Vor dem Hintergrund einer stark gegenwartsbezogenen Ausrichtung des Faches und angesichts der geringen Zahl von dezidiert historischen Abschlussarbeiten im Fach sehe ich allerdings weiterhin die dringende Aufgabe, die Bedingungen und Perspektiven einer archivbasierten historischen Kulturanalyse zu betonen und das heißt vor allem die Spezifika dieser Lernprozesse über kulturelle Differenz. So gilt es meines Erachtens, gerade die Unterschiede und damit die Schwierigkeiten und Herausforderungen im Versuch des Fremdverstehens der Vergangenheit herauszuarbeiten. Ob der Ansatz einer „historischen Ethnographie“ dabei hilfreich ist, oder ob es sich hier nicht um ein weiteres Krisensymptom einer schwächelnden historischen Ausbildung im Fach handelt, vermag ich nicht einzuschätzen. Ob es allerdings sinnvoll ist, die erkennbare Kluft zwischen diesen beiden empirischen Standbeinen und Startpunkten kulturwissenschaftlichen Forschens und vor allem die Konkurrenz um die Deutungshoheit zu überbrücken, indem man gezielt versucht, „Gemeinsamkeiten“ zu konstruieren, wird die weitere Diskussion im Fach zeigen. Gemeinsam ist beiden Ansätzen sicher die Aufgabe, die notwendige Balance zwischen Nähe und Distanz zu halten.

Anmerkungen:
[1] Der Text basiert auf dem Vortrag „Geschichte(n) machen. Nähe und Distanz als methodisches Problem“ anlässlich des Akademischen Festkolloquiums, das unter dem Titel „Historizität und die Zirkulation von Wissen über historische Lebenswelten“ zu Ehren von Silke Göttsch im Juni 2012 im Seminar für Europäische Ethnologie / Volkskunde an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel stattfand.
[2] Vgl. Karl-S. Kramer, Zur Problematik historischer Volkskunde. Einige Bemerkungen zu Hermann Bausingers gleichnamigem Aufsatz im „Abschied vom Volksleben“, in: Zeitschrift für Volkskunde 67 (1971), S. 51-62, S. 51.
[3] Ich danke Jens Wietschorke (Wien), dass er mir auf meine Nachfrage hin sein Zahlenmaterial freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.
[4] Es erscheint fast ein bisschen absurd, dass gerade der Archivar das Archiv als „fremdes Gebiet“ benennt und auf der Konfrontation mit der Fremdheit der archivbasierten Fakten und Zeugnisse beharrt, während die historisch arbeitenden Kulturwissenschaftlerinnen die intuitive und vor allem verstehende Nähe zu den historischen Akteuren betonen, wobei die Rolle der „Akteure“ hier sowohl die Akten selbst als auch die historischen Subjekte übernehmen können. Vgl. dazu Dietmar Schenk, Kleine Theorie des Archivs, Stuttgart 2008, S. 29 sowie S. 42ff. Zur Nähe vgl. Michaela Fenske, Mikro, Makro, Agency – Historische Ethnografie als kulturanthropologische Praxis, in: Zeitschrift für Volkskunde 102 (2006), S. 151-177, S. 168.
[5] Vgl. dazu Roger Chartier, Zeit der Zweifel. Zum Verständnis gegenwärtiger Geschichtsschreibung, in: Christoph Conrad / Martina Kessel (Hrsg.), Geschichte schreiben in der Postmoderne. Beiträge zur aktuellen Diskussion, Stuttgart 1994, S. 83-97, S. 92.
[6] Vgl. Schenk, Kleine Theorie, S. 66.
[7] Ebd., S. 82.
[8] Vgl. dazu Martin Burkhardt, Arbeiten im Archiv. Praktischer Leitfaden für Historiker und andere Nutzer, Paderborn 2006, S. 12.
[9] Vgl. Schenk, Kleine Theorie, S. 51.
[10] Vgl. dazu Gesa Ingendahl / Lioba Keller-Drescher, Historische Ethnographie. Das Beispiel Archiv, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 106 (2010), S. 241-263, S. 250.
[11] Vgl. dazu Fenske, Mikro, Makro, Agency.
[12] Vgl. dazu Ingendahl / Keller-Drescher, Historische Ethnographie, S. 249.
[13] Vgl. dazu Kramer, Zur Problematik, S. 60.
[14]Vgl. dazu auch die Darstellung bei Silke Göttsch, „Alle für einen Mann …“. Leibeigene und Widerständigkeit in Schleswig-Holstein im 18. Jahrhundert, Neumünster 1991, S. 23-26.
[15] Vgl. Kramer, Zur Problematik, S. 61.
[16] Vgl. dazu Otto Ulbricht, Aus Marionetten werden Menschen. Die Rückkehr der unbekannten historischen Individuen in die Geschichte der Frühen Neuzeit, in: Erhard Chvojka / Richard van Dülmen / Vera Jung (Hrsg.), Neue Blicke. Historische Anthropologie in der Praxis, Köln 1997, S. 13-32.
[17] Carlo Ginzburg, Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600, Frankfurt am Main 1979.
[18] Vgl. Chartier, Zeit der Zweifel, S. 85.
[19] Vgl. Arlette Farge, Das brüchige Leben. Verführung und Aufruhr im Paris des 18. Jahrhunderts, Berlin 1989.
[20] Natalie Zemon Davis, Der Kopf in der Schlinge. Gnadengesuche und ihre Erzähler, Berlin 1987; Dies., Die wahrhaftige Geschichte der Wiederkehr des Martin Guerre, München 1984.
[21] Ulbricht, Marionetten, S. 15.
[22] Vgl. Farge, Das brüchige Leben, S. 7.
[23] Vgl. Ulbricht, Marionetten, S. 29.
[24] Vgl. ebd.
[25] Vgl. dazu Brigitte Bönisch-Brednich, Autoethnografie. Neue Ansätze zur Subjektivität in kulturanthropologischer Forschung, in: Zeitschrift für Volkskunde 108 (2012), S. 47-63; oder auch Billy Ehn, Doing-it-yourself. Autoethnography of Manual Work, in: Ethnologia Europaea 41 (2011), Heft 1, S. 53-63.
[26] Vgl. dazu Burkhardt, Arbeiten im Archiv, S. 10.
[27] So z.B. der Band von Sabine Brenner-Wilczeku.a., Einführung in die moderne Archivarbeit, Darmstadt 2006.
[28] Vgl. dazu Burkhardt, Arbeiten im Archiv, S. 17.
[29] Vgl. dazu Brenner-Wilczek, Einführung, S. 26.
[30] Vgl. dazu Arlette Farge, Der Geschmack des Archivs, Göttingen 2011, S. 7.
[31] Vgl. dazu Ingendahl / Keller-Drescher, Historische Ethnographie, S. 241.
[32] Ebd., S. 256.
[33] Vgl. dazu Farge, Das brüchige Leben, S. 11.
[34] Vgl. Alf Lüdtke, Protest – oder: die Faszination des Spektakulären. Zur Analyse alltäglicher Widersetzlichkeiten, in: Heinrich Volkmann / Jürgen Bergmann (Hrsg.), Sozialer Protest. Studien zu traditioneller Resistenz und kollektiver Gewalt in Deutschland vom Vormärz bis zur Reichsgründung, Opladen 1984, S. 325-341.
[35] Vgl. dazu James Clifford, Über ethnographische Autorität., in: Martin Fuchs / Eberhard Berg (Hrsg.), Kultur, soziale Praxis, Text. Die Krise der ethnographischen Repräsentation, Frankfurt am Main 1993, S. 109-157.
[36] Vgl. dazu die Darstellung des Prinzips der Serendipität bei Rolf Lindner, Die Entdeckung der Stadtkultur. Soziologie aus der Erfahrung der Reportage, Frankfurt am Main 1990, S. 223f. sowie Ders., Vom Wesen der Kulturanalyse, in: Zeitschrift für Volkskunde 99 (2003), S. 177-188.
[37] Vgl. dazu die Überlegungen zur Problematik des Fremdverstehens bei Karl R. Wernhart / Werner Zips, Einführung in die theoretischen und methodologischen Grundlagen der Ethnohistorie, in: Dies. (Hrsg.), Ethnohistorie. Rekonstruktion und Kulturkritik. Eine Einführung, Wien 2001, S. 13-40, hier S. 29.
[38] Schenk, Kleine Theorie, S. 65.
[39] Vgl. dazu die Überlegungen zur Historizität von Bewertungskriterien und der damit verbundenen Überlieferungsbildung durch die „Historiker-Archivare“ bei Schenk, Kleine Theorie, S. 75-88.
[40] Vgl. dazu Burkhardt, Arbeiten im Archiv, S. 16.
[41] Auch die Einführungen in die Archivarbeit betonen dieses Vorwissen, das die Archivbenutzerin sich systematisch im Vorfeld durch Sekundärliteratur aneignen müsse.
[42] Vgl. Brenner-Wilczek, Einführung, S. 9.
[43] Vgl. dazu Schenk, Kleine Theorie, S. 53. Insofern halte ich auch die These von den „Wissenseffekten“, die allein durch die „komplexe Anordnung aus Material und Bearbeitern“ im Zusammenspiel erzeugt werden, für eine Chimäre. Vgl. dazu Ingendahl / Keller-Drescher, Historische Ethnographie, S. 253.
[44] Vgl. dazu u.a. die Darstellung bei Friedemann Schmoll, Unentschiedene Disziplinarität. Geschichte und Gegenwart – Überlegungen zur Logik eines wissenschaftstheoretischen Dauerthemas in der Volkskunde, in: Andreas Hartmann / Silke Meyer / Ruth-E. Mohrmann (Hrsg.), Historizität. Vom Umgang mit Geschichte, Münster 2007, S. 183-197.
[45] Abschied vom Volksleben, Tübingen 1970.
[46] Vgl. auch Karl-S. Kramer, Historische Methode und Gegenwartsforschung in der Volkskunde, in: Populus Revisus. Beiträge zur Erforschung der Gegenwart, Tübingen 1966, S. 7-14.

Zitation
Forum Hist. Anthropologie: S. Kienitz: Von Akten, Akteuren und Archiven. Eine kleine Polemik, in: H-Soz-Kult, 11.09.2012, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-1867>.