H-Soz-u-Kult Debatte zu "Ressourcen" in den Geschichtswissenschaften: Welche Narrative?

Von
H-Soz-u-Kult Redaktion

Die Beiträge der ersten Runde finden Sie unter:
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2. Runde: Welche Narrative?

Konzise hat Frank Uekötter einen Impuls der jüngeren Ressourcendebatten zusammengefasst mit dem kurzen Satz: „Nichts ist sicher“. Während er auf die Paradoxien von Ressourcengeschichten verweist, beschreibt Monika Dommann Ressourcenökonomien als „besonders komplexe Konstellationen“. Hinsichtlich der von uns Historiker/innen erschaffenen Narrative der Vergangenheit wirft dies die Frage auf, wodurch sich Narrative auszeichnen, die das Thema der Ressourcen in den Mittelpunkt rücken? Liegt die Attraktivität von Ressourcen an der Mehrdeutigkeit des Begriffs, der sich mit der populären Metaphorik von „Rohstoffreichtum“ oder „Ressourcenfluch“, in Fortschritts- ebenso wie in Krisenerzählungen einbetten lässt? Ist die Popularität des Begriffs der Entdeckung der 1970er-Jahre durch unsere Zunft geschuldet, wie Laura Rischbieter vermutet? Sind Ressourcengeschichten also zuerst einmal Teil des "shock of the global", der die Diskurse der 1970er-Jahre mit der Gegenwart verbindet? Welche Rolle kommt in den Narrativen dann den global vernetzten Märkten und Wertschöpfungsketten zu? Welche Prioritäten sollten wir Historiker/innen auf der Suche nach Synthesen setzen und welche Komplexitätsreduktionen der komplexen Konstellationen einerseits suchen und andererseits vermeiden, und schließlich: Worüber sollten wir uns in den Ressourcengeschichten am meisten „wundern“?

Frank Uekötter: Als die Geschichtswissenschaft Anfang der siebziger Jahre im Umbruch war, gaben Imanuel Geiss und Rainer Tamchina zwei forsch betitelte Bücher heraus: „Ansichten einer künftigen Geschichtswissenschaft.“[1] So war das einmal, wenn die Kompassnadeln des Faches in Bewegung kamen: Aufbruchsstimmung, große Entwürfe, Mut zum Risiko. Gemessen daran liest sich die erste Runde der Wortmeldungen schon ein wenig verzagt. Und wer will es den Diskutanten auch verdenken! Nach den Turn-Übungen der vergangenen Jahrzehnte wirken solche Unternehmungen in der Tat ziemlich schal. Keiner der Diskutanten scheint Neigungen zu verspüren, mal wieder einen Kulturkampf vom Zaun zu brechen. Gut so.

Von daher ist es erfreulich, dass nun in der zweiten Runde nach Narrativen gefragt wird. Eine freischwebende Methodendebatte wäre wirklich das letzte, was die Ressourcengeschichte braucht, zumal man das bittere Ende ja schon ahnt: Mehr als ein historiographischer Trend hat sich schon im Spagat zwischen enthusiastischen Entwürfen und dürftiger Einlösung aufgerieben. Letztlich lebt jedes Forschungsfeld der Geschichtswissenschaft von soliden, empirisch fundierten Studien, und es ist zweifellos ein Vorzug des hiesigen Themas, dass es hier für einschlägig interessierte Forscher noch jede Menge Futter gibt. Mit dem Beispiel des Guttapercha hat Monika Dommann aufgezeigt, welch faszinierende Perspektiven sich eröffnen, wenn man der Spur eines einzelnen Stoffes nachspürt. Und doch sei hier – schon um den Ruch einer „mutual admiration society“ zu vermeiden – jener Punkt ins Zentrum gerückt, der mich in ihrer Skizze stutzen ließ. Gibt es eine „magische Anziehungskraft“ des Sujets?

Mir scheint diese Magie nämlich das Produkt eines ziemlich spezifischen Kontextes zu sein, nämlich des Kontextes der westlichen Konsumgesellschaften. Es hat ja schon etwas Magisches, dass wir im Supermarkt argentinisches Rindfleisch, italienische Kiwis und neuseeländische Äpfel kaufen können, ohne dass wir uns darüber irgendwelche Gedanken machen müssten. Nur ist diese komfortable Situation welthistorisch gesehen absolut außergewöhnlich – ein Privileg des Wohlstandsbürgers, der sich um die Warenkette nicht mehr zu kümmern braucht. Dem brasilianischen Zucker sieht man halt nicht an, wie viel Blut, Schweiß und Tränen seine Herstellung erforderte.

Was mir dabei wichtig ist: Diese Unsichtbarkeit der Produktionskontexte scheint nicht nur ein Ergebnis der Distanz und der verschlungenen Handelswege zu sein. Sie ist auch ein Diskursprodukt, das vielleicht noch gar nicht so alt ist. Lange sprach man von schwedischem Eisenerz, amerikanischer Baumwolle, spanischen Orangen – bis irgendwann das Zeitalter der anonymen Ressource begann. Einiges spricht dafür, dass diese kollektive Amnesie ein Produkt der Nachkriegszeit ist. Dass sich die Anglo-Iranian Oil Company 1954 in British Petroleum umbenannte – zu einer Zeit, als noch niemand etwas vom Nordseeöl ahnte –, könnte diese Zäsur besonders sinnfällig markieren.

Hier scheint mir die zentrale Herausforderung zu liegen, der wir uns bei der Frage nach Narrativen zu stellen haben. Mit Ressourcen verbinden sich ganz unterschiedliche Geschichten mit unterschiedlichen Akteuren in unterschiedlichen Teilen der Welt. Man nehme Gummi: Die Welt der Kautschukzapfer unterscheidet sich fundamental von der des Rohstoffhändlers und des Industriechemikers, zu schweigen von den Konsumwelten, die hier schon deshalb nicht näher erläutert seien, weil das beim Latex leicht schlüpfrig wird. Zugleich sind jedoch alle diese Welten durch das materielle Substrat untrennbar miteinander verknüpft, und das führt zu kuriosen Konstellationen. Chico Mendes konnte nur deshalb in den 1980er-Jahren zu einer globalen Ikone werden, weil die autoritäre brasilianische Regierung in den Jahrzehnten zuvor die einheimische Kautschukproduktion durch Importsteuern protegiert hatte.

Man muss sich die Paradoxien dieser Geschichte auf der Zunge zergehen lassen. Da schafft eine Militärregierung einen künstlichen Markt. Dadurch geraten die Zwischenhändler in den Amazonasstädten unter Druck, so dass eine Gewerkschaftsbewegung der Kautschukzapfer entstehen kann. Diese wird sodann zu einer wichtigen Kraft der Demokratiebewegung, die die brasilianische Militärdiktatur in den achtziger Jahren beendet. Unterdessen feiern Umweltschützer aus aller Welt einen Mann, der sich eigentlich als Gewerkschaftsführer am wohlsten fühlte. Im Gedanken an Chico Mendes kaufen ökologisch bewegte Konsumenten Naturkautschuk, ohne zu ahnen, dass er zumeist von südostasiatischen Plantagen stammt. Kann man Ressourcengeschichte schreiben, ohne dabei Sinngebung des Sinnlosen zu betreiben?

Ressourcengeschichten sind, to say the least, zerrissene Geschichten. Sie spielen an ganz unterschiedlichen Orten, die über den gesamten Globus verteilt sein können, sie verbinden Staat, Kapital und Arbeit auf eine nicht unbedingt logische Art und Weise, und sie sind Spielball erratischer Effekte. Als Henry Wickhams berühmter Schmuggel Plantagen mit hevea brasiliensis außerhalb des Amazonasbeckens ermöglichte, änderten sich die Rohstoffströme grundlegend; als wissenschaftliche Forschung die großtechnische Produktion von synthetischem Gummi ermöglichten, folgte die nächste Erschütterung. Rohstoffketten sind inhärent fragil, zusammengehalten lediglich von einer Substanz, das jedoch in einer Weise, die man schicksalhaft nennen könnte, wenn es nicht so pathetisch wäre. Das wäre nämlich für mich das erste Gebot jeder historischen Erzählung: keine billige Moral!

Man sieht an diesem Beispiel, dass wir in unseren Narrativen einen Platz für einen neuen Akteur benötigen, nämlich die Ressource selbst. Es ist der Stoff, und häufig nur der Stoff, der die dispersen Geschichten zusammenhält – eine auf den ersten Blick triviale Einsicht, deren Konsequenzen jedoch alles andere als trivial sind. Ressourcen sind historische Akteure ohne Gedächtnis und Sinn, die aber zugleich durchaus eigensinnig auftreten, und darin steckt eine methodische Herausforderung. Vielleicht brauchen wir ja doch einen new materialism und einen schwungvollen programmatischen Aufruf. Matter matters. Aua!

Christiane Reinecke: 1999, in einem New York der Zukunft, soll ein Polizist ein Verbrechen aufklären. Vor allem aber kämpft er mit den katastrophalen Zuständen in der Stadt, in der zum Zeitpunkt der Handlung 35 Millionen Menschen wohnen; mit dem Mangel an Wasser und Lebensmitteln, den beengten Wohnverhältnissen, gewalttätigen Protesten, der unregelmäßigen Versorgung mit Strom und Heizmaterialien. Dieses New York ist Teil einer Welt, in der Überbevölkerung und Urbanisierung flächendeckend für Armut und Konflikte sorgen. Make Room, Make Room!: Das Vorwort zur Paperback-Ausgabe des 1966 in den USA veröffentlichten Science-Fiction Romans schrieb nicht von ungefähr der Biologe Paul R. Ehrlich, der selbst 1968 mit „Die Bevölkerungsbombe“ einen globalen Beststeller verfasste, der weit über die USA hinaus Debatten um eine wachsende Weltbevölkerung, drohende Hungersnöte und einen sterbenden Planeten anstieß. Rohstoffknappheit war Ende der 1960er-Jahre ein Thema, das das Zeug zum Verkaufsschlager hatte: Es berührte existenzielle Ängste, half, gängige Konsumgewohnheiten zu hinterfragen und verfügte darüber hinaus über dramatische Qualitäten, weil Knappheit als globales Problem der Zukunft dargestellt wurde. Die Warnung vor knappen Ressourcen war Teil eines globalen Krisenszenarios, das wiederum eng verknüpft war mit der Aufforderung zu politischem Handeln. Es fügte sich ein in wachsende Zweifel am gängigen Fortschrittsoptimismus der Boomjahre.

Potentiell sind es die gleichen dramatischen Qualitäten, die Ressourcen heutzutage in den Blickpunkt rücken. In jedem Fall scheinen es am ehesten Ressourcen-Dramen zu sein, die Historikerinnen und Historiker derzeit interessieren. Dass Ressourcenerzählungen in der historischen Forschung eher Krisen- als Erfolgserzählungen sind, legt schon der Titel des Historikertags nahe. Ressourcen, zumal wenn mit Ressourcen Rohstoffe gemeint sind, interessieren, wenn sie Schwierigkeiten machen. Problematisch ist das nicht an sich, schließlich sind es gerade Konfliktsituationen, in denen sich Zeitgenossen bewusst mit dem befassen, was einmal normal und selbstverständlich war, und es dadurch für die historische Analyse zugänglich machen. Dennoch stellt sich die Frage, ob nicht die Art und Weise, wie in der historischen Forschung derzeit über Ressourcen-Konflikte nachgedacht wird, viel damit zu tun hat, wie in den 1970er- und 1980er-Jahren Urbanisierung, Umweltrisiken und eine „wachsende Schere zwischen Arm und Reich“ in Wissenschaft und politischer Öffentlichkeit als globale Probleme definiert und beschrieben wurden. Dass Ressourcen an erster Stelle mit Rohstoffknappheit assoziiert und in globalen Zusammenhängen gedacht werden, wie unsere erste Antwortrunde zeigt – inwiefern steht das in der Tradition früherer Krisenszenarien? Die von Laura Rischbieter aufgeworfene Frage, ob Historiker nicht schlicht eine Debatte der 1960er- bis 1980er-Jahre „entdeckt“ hätten, ist durchaus berechtigt. Dass die (zeit)historische Forschung sich stark für das „Ende der Zuversicht“ und den „Schock des Globalen“ interessiert, ist kaum zu übersehen. Und kaum zu übersehen ist auch, dass die aktuelle historische Ressourcen-Diskussion Narrative, Begriffe und Problemstellungen aufgreift, die zwar nicht notwendigerweise ihren Ursprung in den 1970er-Jahren haben, die aber in dieser Zeit eine weite Verbreitung erfuhren. Dass wir über Ressourcen vor allem im Modus der Knappheit, in globalen Bezügen, und, wie Frank Uekötter bemerkt, „mit einem Vokabular von Moral und Pathologie“ sprechen, und dass wir überhaupt von „Ressourcen“ sprechen, also einen in verschiedene Sprachen übertragbaren Begriff benutzen, ist potentiell selbst eine Folge des globalen Schocks der 1970er-Jahre, der mit einer Reformulierung gesellschaftlicher Probleme einherging, die bis heute nachwirkt.

Auf welches Wissen und welche Begriffe Historikerinnen und Historiker bei ihrer Forschung zurückgreifen, ist eine grundlegende Frage, die sich in unterschiedlichen Forschungskontexten immer wieder stellt. Doch besteht besonders in der Zeitgeschichte die Gefahr, dass die erforschten Narrative und die eigenen Forschungsnarrative sich überlagern. Natürlich, Historikerinnen und Historiker gewinnen ihre Vorannahmen stets in Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Gegenwart und gegenwärtigen Diskursen. Ist es dann wichtig, dass Experten, die eine Debatte der 1970er-Jahre oder 1980er-Jahre geprägt haben, heute noch immer als Experten in der Presse auftauchen und damit den Modus aktueller Auseinandersetzungen bestimmen? Paul R. Ehrlich etwa ist weiterhin ein beliebter Interviewpartner, auch bei deutschen Zeitungen. Bleibt die Frage, ob wir uns in unseren Begriffen und Narrativen klar genug von dem abgrenzen, was wir untersuchen. Wie sehr eine Ressourcenerzählung, die sich um Mangel und Knappheit dreht und als Drama oder Moralgeschichte organisiert ist, auf die Forderungen früherer sozialer Bewegungen oder die Einschätzungen früher einflussreicher Experten zurückgeht, wäre eben zu überprüfen. „Welche Narrative“, das verstehe ich hier weniger als die Frage danach, welche Narrative unsere eigene historische Forschung bestimmen sollten, und mehr als Frage danach, welche Narrative sie unter Umständen (ob bewusst oder unbewusst) bestimmen.

Ralf Banken: Christiane Reineckes Hinweis auf die aktuellen Bezüge des Themas Ressourcen macht deutlich, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit nicht nur immer wieder von aktuellen Entwicklungen mitbestimmt wird, sondern auch zahlreiche aktuelle Annahmen unterschwellig mitschwingen. Nicht nur die in den letzten Jahren stärker gewordene Warnung vor dem Ende der Ölreserven, sondern zudem die durch die Rohstoffhausse des letzten Jahrzehnts veranlassten Meldungen über knappe Bodenschätze, machen dies deutlich, zum Beispiel die zahlreichen Zeitungsartikel über die Knappheit der für die Elektronikindustrie wichtigen seltenen Erden.

Allerdings ist dieses Narrativ alles andere als neu und sogar erheblich älter als der Diskurs über die Grenzen des Wachstums seit Anfang der 1970er-Jahre. Bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts – und auch für frühere Perioden lassen sich ohne Probleme zahlreiche Beispiele finden – bestimmte die Vorstellung, dass sich Nationalstaaten in Zeiten knapper Ressourcen eine direkte Verfügungsgewalt über Bodenschätze sichern müssten, stark die Politik.

Ein gutes Beispiel hierfür sind die Diskussionen über Bodenschätze vor dem Ersten Weltkrieg, als die Rivalität zwischen Frankreich und Deutschland auch auf das Feld der Erzversorgung für die deutsche Eisenindustrie übergriff. In deutschen Fachzeitschriften erschienen vermehrt Artikel über die Erzfrage. Zumeist ausgehend von Schätzungen über das zukünftige Wachstum der Eisenindustrie – derartige Prognosen sind stets ein wichtiges Element für die Entstehung von „Knappheiten“ –, wurde eine Knappheit vorausgesagt, was dann zahlreiche unternehmerische Maßnahmen auslöste. Die vorsorglichen Käufe großer Erzfelder auch außerhalb der eigenen regionalen Grenzen zogen aber nicht unmittelbar die Aufnahme des Erzabbaus nach sich und riefen so erst die zuvor heraufbeschworene Knappheit in Form steigender Preise hervor.

Es kam jedoch, wie so oft, alles anders, als es die Prognosen den Unternehmern, Managern und Politikern vor 1914 nahe legten. Selbst im Ersten Weltkrieg war die Versorgung der deutschen Eisenindustrie durch den Import schwedischer Erze gesichert, sieht man einmal von einigen Stahlveredlern wie Chrom, Wolfram oder Molybdän ab, deren Importe aufgrund der alliierten Blockade unmöglich wurden. Genau diese Wirtschaftsblockade bestimmte dann aber nach dem Versailler Vertrag die weitere deutsche Diskussion. Diese bildete zudem nach der Machtübernahme 1933 einen wichtigen Baustein in der Argumentation der Befürworter einer generellen Autarkie, die sich dann nach 1937 mit dem Abbau und der Verwendung der sauren Salzgittererze auch in der Erzpolitik durchsetzten. Bezeichnenderweise aber bildete die Erzversorgung aufgrund der schwedischen Importe im Zweiten Weltkrieg abermals kein größeres Problem für die deutsche Eisenindustrie, wohingegen der Aufbau der Reichswerke bei Salzgitter mehr Eisen verschlang als die Werke bis 1945 lieferten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es dann bis zur Ölkrise in den 1970er-Jahren für lange Zeit keine größeren Diskussionen über Erz- oder andere Rohstoffknappheiten. Dies macht deutlich, dass auch diese Diskurse ihre Konjunkturen haben. Der Begriff der Konjunktur ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen, denn ausschlaggebend hierfür war für die Zeit nach 1945 vor allem die Entwicklung der Terms of Trade, die sich – mit Ausnahme des Öls – bei einer generell zunehmenden Freiheit des Welthandels bis in die 1990er-Jahre meist zu Ungunsten der rohstoffliefernden Länder entwickelten. Rohstoffe waren in dieser Zeit dabei nicht nur immer verfügbar, sondern im Vergleich zu Industriegütern und Dienstleistungen auch niedrig im Preis. Erst aufgrund der steigenden Preise durch die große Rohstoffnachfrage sich entwickelnder Länder wie China nach 1990 kamen in den Medien wieder Meldungen über knappe Ressourcen auf.

Auch diese neu entfachte Diskussion dürfte langfristig wieder eine Wirkmächtigkeit bekommen, die geradezu zwangsläufig zu Reaktionen in der Politik führt. Übersehen wird jedoch auch heute zumeist, dass zahlreiche Prognosen die kommende Verbrauchsentwicklung einfach nur linear in die Zukunft fortschreiben. Prognosen beziehen sich eben lediglich auf die gegenwärtige Zukunft und nicht auf die zukünftige Gegenwart, auch weil die Substitution von Rohstoffen durch neue Verfahren und Produktinnovationen oder die durch hohe Preise ausgelösten Einsparungen mittels eines rationelleren Einsatzes der Ressourcen nicht vorhergesehen wird.

Wenn auch grundsätzlich die Begrenztheit von Bodenschätzen und ein verantwortungsvoller Umgang mit ihnen hier nicht verneint werden soll, so zeigt meiner Meinung nach die Geschichte der Ressourcen, dass die vermeintlichen Knappheiten nicht unbedingt ein größeres ökonomisches und gesellschaftliches Problem darstellen mussten. Wichtiger war meist, dass die Knappheitsdiskurse eine Wirkmächtigkeit besaßen, die unabhängig von ernsthaften Versorgungsschwierigkeiten auf die Entscheidungen der Unternehmen und Politiker Einfluss gewann. Die Beschäftigung mit Ressourcenproblemen in der Vergangenheit, den dazugehörigen Diskursen und ihren Implikationen in der „realen“ Welt erlaubt es jedenfalls, aktuelle Meldungen – wie diejenige, dass „China nach riesigen Ölfeldern greift“ (FAZ vom 24.7.2012) – besser einzuordnen und sich dadurch weniger schnell von „Katastrophenszenarien“ anstecken zu lassen.

Monika Dommann: Gleich am Anfang dieser Debatte wurde mit Begriffsklärung begonnen. Laura Rischbieter schlug im Konversationslexikon von 1968 nach und stieß auf „Hilfsquellen/Geldmittel“. Ralf Banken brachte die ökonomische Definition ins Spiel, die Ressourcen unter den Produktionsmitteln (Arbeit, Kapital und Boden) subsummiert. Und Christiane Reinecke plädierte dafür den Quellenbegriff „Ressource“ scharf von einem analytischen Begriff (im Sinne der Sozialgeschichte) zu unterscheiden.

Hier steckt einer der Gretchenfragen unserer Debatte: Soll die Klärung des Begriffs zur einer regelrechten Reinigung führen? Soll er so weit geschliffen, poliert und gewaschen werden, dass er analytisch scharf genug wird, um auch für die methodisch strengen Sozialwissenschaften und die Ökonomie verwendbar zu sein? Oder wäre mit der Extraktion seiner schmutzigen Bestandteile auch ein Preis zu zahlen, nämlich jener eines Verlusts des Zugriffs auf Vermischungen? Und einer Preisgabe einer analytischen Methode, die das Politische (beziehungsweise das Wissenschaftliche, das Künstlerische oder das Wirtschaftliche) nicht mehr fein säuberlich trennt, sondern als Zusammenspiel versteht?

Die Begriffsgeschichte hat vorgeführt, wie viel heuristisches Potential in der Geschichte von Begriffen steckt. Dabei wird beileibe nicht nur Sprachgeschichte betrieben, weil das Abtragen der Bedeutungsschichten von Begriffen die Historiker unweigerlich auch zu sozialen Kollektiven, Akteuren, Institutionen und den Medien führt, die diese Begriffe verwenden, verändern und transportieren. Deshalb sollten wir vorerst beim Begriff und seiner Geschichte bleiben.

Die sprachgeschichtlichen Wurzeln von Ressource sind in der deutschen Sprache (gemäß Kluge) im 18. Jahrhundert aufzufinden, wo sie (bereits schon) den Bestand an Natur- und Geldmitteln bezeichneten. Ursprünglich war der Begriff aus dem Französischen resoudre entliehen, der wiederum aus dem Lateinischen surgere (sich erheben) und regere (leiten, regieren) abstammte. Das Regieren und die Berge der Rohstoffe, die im 18. Jahrhundert im merkantilistisch geführten Bergbau zu Tage gefördert wurden, sind begriffsgeschichtlich also verwandt. Die Materialien und die Politik begrifflich verquickt. Und was zusammengehört, sollte nicht getrennt werden, weder in der Wahl der Methode, noch in der Theorie, noch beim Erzählen.

Man müsste den Terminus „Ressourcen“ in einer wissenshistorisch erweiterten Neulancierung der Historischen Grundbegriffe (ein Unterfangen, das ich mir in letzter Zeit immer eindringlicher wünsche!) unbedingt aufnehmen. Anders als zu Zeiten von Koselleck & Co stehen einem solchen Vorhaben inzwischen die neuen Instrumente der Digital Humanities zur Verfügung.

Frank Uekötter sagte es klipp und klar: Gut, dass nach Narrativen gefragt werde, doch bitte keine freischwebende Methodendiskussion. Ich würde es anders formulieren: Die Frage der Narration, der Methode und der Theorie sind, wie oben bereits angedeutet, schlicht nicht zu trennen. Es ist neben der Writing Culture Debatte in der Ethnographie und dem New Historism einer der großen Verdienste der von Christiane Reinecke erwähnten Akteur-Netzwerk Theorie, die Narration als erkenntnistheoretisches Objekt in die Wissenschaftsgeschichte gebracht zu haben.

Christiane Reineckes Beobachtung, dass über Ressourcen (zumindest zeithistorisch betrachtet) im Modus des Dramas geredet werde, brachte mir eine Schlüsselstelle eines kinematografischen Dramas mit historischem Bezug aus den 1970er-Jahren in Erinnerung, die für Ressourcen-Historiker/innen von Interesse sein könnte. In „All the President’s Men“ fragt der Reporter Bob Woodward Deep Throat (den unbekannten Informanten aus dem FBI) bei einem nächtlichen Treffen in der Parkgarage, wie er bei seinen Nachforschungen vorgehen solle: „The story is dry. All we've got are pieces. We can't seem to figure out what the puzzle is supposed to look like“. Der inzwischen als Associate Director des FBI Mark Felt enttarnte Deep Throat antwortet bloß mit drei Worten: „Follow the money.“ Und auf die Nachfrage Bob Woodwards, was er damit meine, abermals: „Just follow the money“. Diese Aufforderung ist inzwischen im Film zum Ermittlungsprinzip avanciert, beispielsweise in der amerikanischen Fernsehserie „The Wire“, wo Detective Lester Freamon die unabsehbaren Schwierigkeiten dieses Vorhabens auf den Punkt bringt: „You follow drugs, you get drug addicts and drug dealers. But you start to follow the money, and you don't know where the fuck it's gonna take you.“ Dann sind bald nicht mehr nur Süchtige und Dealer, sondern auch Politiker, Polizisten und Medienleute im Spiel.

„Follow the Money“ wurde kürzlich auch vom britischen Militär-, Wissenschafts- und Wirtschaftshistoriker David Edgerton als geschichtswissenschaftliche Methode propagiert.[2] Dass Natur- und Geldmittel Teil der Geschichte sind, heißt eben nicht, dass ihnen die Historiografie bislang adäquat begegnet ist. Ralf Banken ist selbstverständlich Recht zu geben, wenn er betont, dass sich die Wirtschaftsgeschichte mit solchen Fragen schon lange eingehend beschäftigt und dabei viele Fakten zu Tage gefördert hat, welche die Allgemeinhistoriker nicht neu erfinden müssen. Doch vielleicht läge der Clou einer neuen historischen Ermittlungsmethode gerade darin, dass Politik- und Wissenschaftshistoriker/innen den Ressourcen folgen, ohne zu wissen, wohin sie das führen wird? Vielleicht würde diese Methode sie in eine neue Wirtschaftsgeschichte führen, in der neben den fein säuberlich extrahierten analytischen Instrumenten der Ökonomie auch die Vermischungen der Ressourcenhistoriker/innen Einzug gehalten haben?

Laura Rischbieter: Konflikte, Krisen und Kriege sind bei Historikern besonders beliebte Forschungsgegenstände. Denn in historischen Krisensituationen melden sich die Zeitgenossen nicht nur vermehrt, sondern oft auch vehement und lautstark zu Wort. Entsprechend gut ist die Quellenlage für empirisch fundierte Studien. Diese Beobachtung trifft auch (eventuell sogar besonders) auf das Thema Ressourcen im 20. Jahrhundert zu. Doch eignen sich die zeitgenössischen Krisendiagnosen deshalb besonders gut als Ausgangspunkte für die geschichtswissenschaftliche Interpretation?

Eine bejahende oder verneinende Antwort hängt davon ab, unter welcher Fragestellung und Zuhilfenahme welcher Methoden welche Art von „Ressourcen“ (seien es nun Rohstoffe, Produkte, Dienstleistungen, Kapital, Boden oder Arbeitskraft) in das Zentrum der geschichtswissenschaftlichen Analyse gestellt werden. Liegt das Erkenntnisinteresse in der Analyse zeitgenössischer Krisendiskurse seit den 1970er-Jahren, wie beispielsweise des Konzepts „Ressourcen-Fluch“, dann lautet die Antwort vermutlich ja. In diesem Fall mag die „Entdeckung“ eines globalen Rohstoffmangels als Entstehungskontext und Katalysator für zeitgenössische Modellbildungen ein sinnvolles historiografisches Narrativ sein. Ressourcengeschichte ist hier Krisengeschichte in zweierlei Hinsicht: Einerseits formt die Krisenwahrnehmung das Denken der Zeitgenossen, strukturiert aber andererseits die geschichtswissenschaftliche Interpretation von Historikerinnen und Historikern. Das Krisennarrativ erklärt, warum Wissenschaftler zu einem bestimmten Zeitpunkt ein bestimmtes Modell entwickelten und wie dieses Modell als wirtschaftspolitischer Lenkungsimperativ zu Prominenz gelangen konnte.

Während jedoch der Moment der Krise meist flüchtig ist, sind die sozialen, ökonomischen und politischen Bedingungen, unter den Ressourcen produziert, verarbeitet, vermarktet, verkauft und konsumiert werden, von langer Dauer. Ein gutes Beispiel ist die Geschichte des Rohölabbaus im 20. Jahrhundert. Lenkt man das Frageinteresse bei diesem Thema auf Untersuchungen zur Ölförderung, zum Handel und zur Verarbeitung bis hin zum vielgestaltigen Konsumprodukt für private Haushalte, so sind zeitgenössische Krisendiagnosen oftmals nur ein kleiner Teilaspekt möglicher Geschichten über vielfältige Wertschöpfungsketten. Und ebenso gut lassen sich dann Erfolgsgeschichten des Öls erzählen, statt Krisendiagnosen zu wiederholen. Die geschichtswissenschaftliche Synthese solcher globalen Wertschöpfungsketten hat dann weitaus mehr zu bieten, als es ein zeitlich und perspektivisch eng begrenztes Krisennarrativ könnte.

Der analytische Blick auf die lange Dauer scheint demnach gerade beim Forschungsgegenstand Ressourcen das Krisen- und Knappheitsnarrativ in Frage zu stellen. So kann man dem „Nichts ist sicher“ (Uekötter) etwas entgegensetzen und „besonders komplexe Konstellationen“ (Dommann) entwirren. Das Nachdenken und Forschen über die langfristige Entwicklung von (globalen) Märkten und ihre Prozesslogiken schützt möglicherweise Historikerinnen und Historiker davor, zeitgenössischen Krisendiskursen leichtfertig zu erliegen und sie zum Metanarrativ zu erheben. Erst durch die Hinterfragung von Krisendiagnosen wird das globalgeschichtliche Potential von Ressourcengeschichten sichtbar. Die dadurch gewonnene geografische Entgrenzung und die narrative Einbindung vielfältiger Akteure machen Ressourcen so zu einem attraktiven Forschungsgegenstand. Es scheinen mir die mittel- und langfristigen Veränderungen in der Zeit zu sein, an denen sich Narrative einer Ressourcengeschichte als Krisengeschichte messen lassen müssen.

Birte Förster: Wie bereits erwähnt, halte ich Ressourcen für einen interessanten Untersuchungsgegenstand, mit dessen Hilfe wir neue Perspektiven auf durchaus alte Fragen werfen können. Für ein Metanarrativ – so man dieses (wieder) will – halte ich sie ungeeignet. Wenn ich also den Ressourcen (und damit Monika Dommanns Anregung) folge, könnten diese eine Brille sein, um verschiedene historische Phänomene neu oder anders zu betrachten. Denn Ressourcen – und damit meine ich nicht nur diese selbst, sondern immer auch den Zugriff auf Ressourcen, ihre Zirkulation und Prozesse der Wertzuschreibung – sind hochkomplexe Gegenstände. Ihre Komplexität erlaubt es möglicherweise, eher bestehende Synthesen zu ergänzen, als neue zu schaffen.

Ressourcen sind eben nicht nur „zerrissene Geschichten“, wie Frank Uekötter meint, sie sind vielmehr auch verflochten. Gerade wenn man sich anschaut, wie der Zugang zu Ressourcen geschaffen wird, wie sie transportiert werden können, welche Wissensproduktion sie umgibt, wird ein Netz transnationaler Beziehungen sichtbar. Mithilfe dieses globalen Beziehungsgeflechts ließen sich nicht nur „Mikrogeschichten der Globalisierung“ (Angelika Epple) schreiben, sondern auch Kolonisierungs- wie Dekolonisierungsprozesse neu diskutieren. Von dort aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Geschichte von Macht und Herrschaft. Denn Ressourcen haben ja nicht nur mit den von Christiane Reinecke angesprochenen Ungleichheiten zu tun, sondern auch mit weitreichenden Entscheidungsprozessen, an denen unterschiedliche, auch neue Akteursgruppen beteiligt sind oder eben auch davon ausgeschlossen bleiben. Die so geschaffenen Pfadabhängigkeiten und Folgen für künftige Generationen sind häufig nicht absehbar. Ebenso wenig sind sie regional oder national beschränkt. Zudem wird nicht nur die globale Verflechtung, sondern auch die enge Verschränkung von privatwirtschaftlichen und öffentlichen Interessen sichtbar: Häufig waren es Kolonialregierungen, die privatwirtschaftlichen Ressourcenabbau durch den Bau von Verkehrsnetzen und die Bereitstellung von Energie ermöglichten, während der Ressourcenabbau in der Hand privatwirtschaftlicher Akteure war.

Setzt man die Ressourcenbrille auf, um Macht als Beziehungsgeflecht neu zu beschreiben, sind die Narrative der Ressourcen selbst sowie der sie umgebenden technischen Systeme zentral. Sie machen die Legitimierungsstrategien für den Zugriff auf Ressourcen und die dafür notwendigen gesellschaftlichen Investitionen sichtbar, und sie ziehen reale Effekte nach sich. Die Vorstellung etwa, dass Ressourcenreichtum und Infrastrukturbau der Königsweg zu Modernisierung und Wohlstand seien, zeigt die Wirkmacht dieser Narrative. In diesen scheinbar objektiven Notwendigkeitsdiskursen könnten materielle Ressourcen doch so etwas wie agency haben, wenn auch nicht im engen Latour‘schen Sinne. Die Legitimationsnarrative (zum Beispiel der Experten, und gerade auch in Krisen) haben massive Auswirkungen. So betrachtet öffnen Ressourcen den Blick auf die Verflechtungs- und Globalgeschichte sowie auf Macht, Herrschaft und Ungleichheiten.

Anmerkungen:
[1] Imanuel Geiss, Rainer Tamchina (Hrsg.), Ansichten einer künftigen Geschichtswissenschaft. 1. Kritik, Theorie, Methode; München 1974; Dies., Ansichten einer künftigen Geschichtswissenschaft. 2. Revolution, ein historischer Längsschnitt, München 1974.
[2] Vgl. David Edgerton, Time, Money, History, in: Isis, 103 (2012), 2, S. 316-327.

Zitation
H-Soz-u-Kult Debatte zu "Ressourcen" in den Geschichtswissenschaften: Welche Narrative?, in: H-Soz-Kult, 21.09.2012, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-1885>.
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Veröffentlicht am
21.09.2012
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