Historikertag 2012: Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts

Von
Ute Engelen, Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e.V.

Besprochene Sektionen:

"Ersatzstoffwirtschaft als innovative Lösung für Ressourcenkonflikte im Ersten und Zweiten Weltkrieg?"
|tagungsberichte:4541|"Zwischen Knappheit und Überfluss: Abfall als Problem und Ressource in der Geschichte"|
|tagungsberichte:4415|"'What‘s the matter?' Die Provokation der Stoffgeschichte"|

Eine beeindruckende Resonanz erweckte das diesjährige Thema „Ressourcen-Konflikte“ des Historikertags in Mainz in der Wirtschaftsgeschichte. Damit konnte das Fach an die bedeutende Anzahl von Beiträgen auf dem Berliner Historikertag anknüpfen.[1] Dieser Erfolg ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass der Begriff „Ressource“ klassischerweise im wirtschaftlichen Sinne verwendet wird. Eng gefasst fallen hierunter die Produktionsfaktoren wie Arbeit bzw. jeglicher Input des Produktionsprozesses[2], aber auch immaterielle Güter gelten als Ressourcen. Wie auch JEAN-CLAUDE SCHMITT in seinem Festvortrag zur Preisverleihung ausführte, sind Ressourcen Mittel, um bestimmte Ziele zu erreichen, und durch Knappheit charakterisiert. In der Tat: Wären Ressourcen frei verfügbar, so verlören sie diese Funktion, denn in diesem Fall könnte sie jeder Akteur einsetzen. Über diese inhärente Konnotation hinaus weckt der im Motto des Historikertags enthaltene Begriff „Konflikte“ die Assoziation sozialen Handelns. Lokale wie internationale Auseinandersetzungen folgen fast zwangsläufig aus der Begrenztheit von Ressourcen. Ursprünglich sollte sich der Querschnittsbericht daher auf die Wirtschafts- und Sozialgeschichte beziehen. Obwohl das Tagungsmotto für eine Verbindung dieser Schwesterdisziplinen offen war und die ausgewählten Sektionsthemen diese erwarten ließen, erwies sich das Vorhaben aufgrund der deutlich stärker wirtschaftshistorisch geprägten Vorträge als nicht umsetzbar. Ein Grund hierfür war, dass sich die Sektionen zur Ersatzstoffwirtschaft, zur Stoffgeschichte und zur Abfallgeschichte nicht nur innerhalb dieser traditionell eng verbundenen Teildisziplinen bewegten, sondern auch andere Gebiete wie die Technik-, die Kultur-, die Umwelt- und die Geschlechtergeschichte miteinbezogen. Verbindendes Moment der hier vorgestellten Sektionen war ein Verständnis von Ressourcen als materielle Güter, von Kartoffelschalen bis hin zu Gold. So stand der Faktor Arbeit, der unter anderem in mehreren Vorträgen zum nationalsozialistischen Deutschland und zur Sowjetunion thematisiert wurde[3], nicht im Zentrum der Sektionen.

Im Vorfeld des Historikertags hatten die H-Soz-u-Kult-Redakteure Claudia Prinz und Torsten Kahlert mit Historikern verschiedener Bereiche eine virtuelle Debatte zum Thema Ressourcen geführt. Hier bestand im Wesentlichen Konsens darüber, dass das Motto des Historikertages dazu dienen könne, die Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft miteinander zu verbinden. Der Wirtschaftsgeschichte wurde bei der Untersuchung von Ressourcen eine wichtige Rolle beigemessen. Als vielversprechender Ansatz zur stärkeren innerfachlichen Anschlussfähigkeit wurde mehrfach, wie auch später in den Sektionen, die Analyse von commoditychains bzw. von Warenketten genannt, wie sie Andrew C. Godley und Bridget Williams zum Markt für Geflügel durchgeführt haben.[4] Unter einer Wertschöpfungs- oder Warenkette ist der gesamte Herstellungs- und Vertriebsprozess eines Produkts zu verstehen, das heißt sowohl die Inputs von den Rohstoffen bis hin zur Arbeitskraft als auch die verschiedenen Schritte von Produktion, Distribution und Konsum sollen Berücksichtigung finden.[5] Mithilfe dieses Ansatzes lassen sich nach Ansicht mehrerer Teilnehmer der Debatte mikro- und makrohistorische Entwicklungen verbinden, transnationale Verbindungen aufdecken und in einer zusammenhängenden Narration darstellen. Durch eine starke Kontextualisierung könne man über eine bloße Stoffgeschichte hinausgehen und das Potential des Ressourcenbegriffs nutzen.[6]

JOCHEN STREB und STEFANIE VAN DE KERKHOF (beide Mannheim) leiteten die Sektion „Ersatzstoffwirtschaft als innovative Lösung für Ressourcenkonflikte im Ersten und Zweiten Weltkrieg?“. Der zentrale Begriff „Ersatzstoffe“ wurde von den Referenten unterschiedlich interpretiert. Während ANNE SUDROW (Potsdam) und van de Kerkhof ihn sozialhistorisch verstanden, konzentrierten sich RALF BANKEN (Frankfurt am Main), GÜNTHER LUXBACHER (Berlin) und HELMUT MAIER (Bochum) auf wirtschafts- und technikhistorische Fragestellungen. Einerseits regte diese Heterogenität der Themen zum Vergleich an, andererseits führt sie aber auch leicht dazu, dass eine Vergleichbarkeit nicht mehr gegeben ist.

Van de Kerkhof systematisierte in ihrem Vortrag mögliche Strategien, um dem während der Weltkriege vorherrschenden Mangel an bestimmten Ressourcen und den daraus folgenden Konflikten zu begegnen:
1. Sparen von Rohstoffen bzw. Umlenken des Konsums,
2. Recycling zur Rückgewinnung zumeist minderwertiger Stoffe,
3. Schmuggel,
4. Ausbeutung besetzter Gebiete,
5. Substitution.
Dieses Analyseschema hätte eine Übertragung auf andere Sachverhalte des Panels verdient, um die Durchsetzung einiger Strategien in bestimmten Zusammenhängen nachzuweisen. So wurden Van de Kerkhof zufolge Substitute im Metallbereich erst später als bei Ernährung und Kleidung erschlossen. Auch Banken nahm eine Gewichtung der Strategien gegen die Knappheit vor und kam zu dem Schluss, dass Ersatzstoffe im Bereich der Bunt- und Edelmetalle kaum erfolgreich gewesen seien. Stabilisiert habe das Regime die Versorgung mit diesen Rohstoffen vielmehr durch die Sammlung und Requirierung von Metallen, durch den Raub in besetzten Gebieten und die Subventionierung des deutschen Silberabbaus.

Maier bezeichnete den Zeitraum von 1933 bis 1940 als ein „Goldenes Zeitalter“ der Werkstoff-Forschung, da in diesem Zeitraum zahlreiche Forschungsstätten errichtet und erweitert sowie Lehrstühle umgewidmet wurden. Ziel sei es gewesen, devisenbelastete Rohstoffe abzulösen, unter anderem durch Kunststoffe. Luxbacher führte den Erfolgsmythos deutscher Ersatzstoffe in den 1930er-Jahren auf die Entwicklung aussichtsreicher neuer chemischer Werksstoffe zurück. Im Unterschied zu diesen basierten Ersatzstoffe auf inländischen Rohstoffen, würden in Mangelzeiten verwendet und überdauerten diese zumeist nicht. Stärker auf die sozialhistorische Bedeutung von Ersatzstoffen ging Sudrow ein, die auf die Wurzeln des Erfolgs von Kunststoffen in der NS-Zeit verwies. Diese seien durch die Vierjahrespläne in alle Bereiche der Produktion vorgedrungen und hätten Deutschlands starke Verwendung von Kunststoff in den Jahren des Nachkriegsbooms grundgelegt. Bislang hätten einige Forscher die Verbreitung des Kunststoffs in Deutschland erst für die 1950er-Jahre konstatiert.

Der diachrone Vergleich des Ersten und Zweiten Weltkriegs und die Untersuchung von Verbindungslinien zwischen diesen erwiesen sich als fruchtbar. Verschiedene Referenten betonten die Einrichtung neuer, von Wirtschaft und staatlichen Stellen gebildeten Institutionen zur Verwaltung des Mangels und zur Forschungskoordination. Auch stimmten sie darin überein, dass viele Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg zu einem Umdenken in der Wissenschaft in Bezug auf Ersatzstoffe führten. War es zu einer Forschung an vielen Ersatzstoffen erst unmittelbar im Ersten Weltkrieg gekommen, so folgten in den 1920er- und 1930er-Jahren weitere Forschungsprojekte. Zwar waren viele der untersuchten Ersatzstoffe in Friedenszeiten nicht konkurrenzfähig, doch wurden auch Erfahrungen mit Kunststoffen gesammelt. Erst Krisensituationen hätten in so starkem Maße zur Förderung von Ersatzstoffforschung und -wirtschaft geführt, da in Zeiten der angemessenen Versorgung mit Ressourcen eine dementsprechende Vorsorge zu teuer und zu riskant erscheine. PATRICK WÄGER (St. Gallen) ging in seinem Kommentar auf künftig zu erwartende Versorgungsengpässe bei Edelmetallen und seltenen Erden ein. In der Diskussion stand die Frage nach dem Erfolg von Werkstoffen im Vordergrund. Dieser lasse sich, so Maier, nur für jeden einzelnen Stoff ermitteln. In Anbetracht einer generell niedrigen Erfolgsquote bei Innovationen betrachteten die Referenten die geringe Kontinuität von Ersatzstoffen nach Ende eines Krieges und den Versorgungsblockaden nicht als verwunderlich.

SIMONE DERIX (München) hatte in ihrem Kommentar ein stärkeres Eingehen auf die Akteure in der Ersatzstoffwirtschaft sowie eine transnationale Öffnung gefordert. Mit Letzterem entsprach sie der vielfach in der Geschichtswissenschaft formulierten Erwartung, Interdisziplinarität mit Internationalität zu verbinden. Wenngleich erstrebenswert, stellt dies hohe Anforderungen an den Wissenschaftler und beschränkt seine Auswahl an Forschungsthemen. Häufig ist der Geschichtswissenschaft mit empirisch gesättigten Studien, die entweder fachliche oder räumliche Grenzen überschreiten wie die hier vorgestellten, ebenso gedient. Interessant wären allerdings weitere Beiträge zu den von Van de Kerkhof angesprochenen Ersatzstoffen im Alltag gewesen.

Die von ROMAN KÖSTER (München) und HEIKE WEBER (Berlin) organisierte Sektion „Zwischen Knappheit und Überfluss: Abfall als Problem und Ressource in der Geschichte“ beschäftigte sich mit der erneuten Wiederverwertung von Abfällen im 20. Jahrhundert, die sich mit der industriellen Fertigung und Plastifizierung vieler Produkte verloren habe. Auch bei der Verbreitung von Recycling-Maßnahmen spielten die Weltkriege und überdies die 1970er-Jahre eine Schlüsselrolle. Die ersten beiden Vorträge konzentrierten sich auf die Weltkriege, der dritte und vierte auf die Nachkriegszeit.

Weber betonte die Rolle von Frauenvereinen für die Wiederverwertung des Hausmülls zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Die Kommunen hätten diese Initiativen aufgegriffen, jedoch nach Ende des Krieges aufgrund hoher Kosten wieder eingestellt. Der Erste Weltkrieg könne als „Lehrmeister“ gelten, im Zweiten Weltkrieg habe dann eine vom Staat ausgehende „Totalerfassung“ der Müllverwertung stattgefunden. Daran anschließend führte CHAD DENTON (Seoul) die französischen Bemühungen bei der Altmaterialsammlung ab Beginn des Zweiten Weltkriegs auf eine Nachahmung des deutschen Nachbarn zurück. Ab der teilweisen Besetzung Frankreichs im Jahr 1940 habe das Deutsche Reich direkt Einfluss auf diese genommen.

Köster zufolge verloren sich frühere Wiederverwertungspraktiken im Boom nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Verbreitung der Selbstbedienung im Einzelhandel und der daraus folgenden Verpackung der Produkte. Die Entstehung neuer kommunaler Recyclingmaßnahmen sah er ab Ende der 1960er-, ihre Institutionalisierung in den 1970er- und 1980er-Jahren. Als mit steigenden Preisen die Knappheit von Ressourcen spürbarer wurde, seien Recycling-Maßnahmen attraktiv geworden. Andererseits sei die Wiederverwertung von Gütern auch in hohem Maße von nicht rein ökonomischen Gesichtspunkten wie den ökologischen geprägt. Die „Wegwerfgesellschaft“ sei zunehmend in Frage gestellt worden. Aufgrund starker Preisschwankungen sei der Wiederverwertungsmarkt für Unternehmen unattraktiv gewesen, bis Städte ihnen feste Preise für die gesammelten Rohstoffe garantierten. In der Diskussion betonte Weber mit Verweis auf Samantha MacBride, dass Recycling manchmal unökologischer als andere Wege zur Müllentsorgung sei.[7] Auch die Abfallwirtschaft der DDR war CHRISTIAN MÖLLER (Bielefeld) zufolge an der Schnittstelle von Ökonomie und Ökologie angesiedelt. Während die zunächst nur zum Teil staatlich organisierte Wiederverwertung von Altstoffen als vorbildlich betrachtet werden könne, treffe dies auf die häufige Entsorgung des Hausmülls in wilden Müllkippen nicht zu. Ab Ende der 1960er-Jahre wurden mit der Neuorientierung der Abfallpolitik wenige Verbrennungsanlagen, aber zusätzliche geordnete Deponien eingerichtet, die jedoch nicht ausreichten. Damit zusammenhängend wies VERENA WINIWARTER (Klagenfurt) in ihrem Kommentar darauf hin, dass sich die Problematik nach 1945 von der Knappheit der Ressourcen auf Schwierigkeiten bei der Entsorgung des Mülls verschoben habe.

Im Gegensatz zum ersten Panel wurden nicht mehrere Strategien gegen die Verknappung von Ressourcen thematisiert, sondern in allen Vorträgen stand der Umgang mit Abfall im Vordergrund. Einige Referenten fokussierten stärker die Altstoffsammlungen, andere die Entsorgung des Hausmülls. Durch die inhaltliche Nähe der Themen gewann die Sektion an Aussagekraft. Eine Koppelung mit den Forschungen über Ersatzstoffe erscheint jedoch wünschenswert. So thematisierten beide Panels die Weltkriege als Ursachen und Beschleuniger für einen veränderten Umgang mit Ressourcen und verwiesen auf Verbindungslinien zwischen Entwicklungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Die Bedeutung der Weltkriege für bestimmte wirtschaftliche Entwicklungsprozesse kann also nicht geleugnet werden. Diese Einsicht geht selbstverständlich nicht mit einer moralischen Aufwertung von Krieg einher. Beide Sektionen konzentrierten sich, anders als viele Vorträge auf dem vorhergehenden Historikertag, überwiegend auf den „deutschen Fall“. Diese Konzentration auf ein relativ einheitliches Gebiet ermöglichte eine stärkere Tiefe der Analysen. Generell wird man der Wirtschaftsgeschichte keine mangelnde Bereitschaft zu internationalen Vergleichen vorwerfen können.

Die von FRANK UEKÖTTER (München) geleitete Sektion „'What‘s the matter?' Die Provokation der Stoffgeschichte“[8] wählte einen anderen Zugang zur Wirtschaftsgeschichte, nämlich den über bestimmte „Stoffe“. Der Begriff wurde allerdings nicht eindeutig definiert. So fällt die Schokolade aus einer Definition von Rohstoffen heraus, da sie ein Produkt aus mehreren von diesen ist. Dies führte in dieser Sektion zu einer geringeren Vergleichbarkeit der Vorträge untereinander.

ANGELIKA EPPLE (Bielefeld) betonte die Wandlungsfähigkeit des Stoffes Schokolade, den die Azteken ungesüßt zu sich genommen hatten. Erst mit der Zugabe von Zucker habe sich das Getränk in Europa verbreitet. Im 19. Jahrhundert habe eine Industrialisierung und Standardisierung der Schokolade durch Lebensmittelchemiker bei den Schokoladenherstellern stattgefunden. Die Referentin verstand ihr Thema als Beitrag zur Geschichte einer globalcommoditychain, mit deren Hilfe seit inzwischen rund 20 Jahren empirisch gesättigte Mikro- und Makrogeschichte verbunden würden. INES PRODÖHL (Washington) zufolge liegt der Vorteil einer Stoffgeschichte in ihrem Potential zur Verbindung insbesondere der Wirtschafts- und Kulturgeschichte. Obwohl die USA seit Ende des Zweiten Weltkriegs der weltweit größte Sojaproduzent seien, sei Soja bis in die 1950er-Jahre jenseits von Asien außer als Öl nicht als Nahrungsmittel verwendet worden und habe als Ersatzstoff gegolten. Die Bürger hätten sich nicht mit dem Stoff Soja identifiziert.

Der von PAUL ERKER (München) analysierte Gefahrenstoff Asbest erforderte aufgrund seiner anderen Stoffqualität eine abweichende Herangehensweise. Kein anderer Baustoff habe „im wahrsten Sinne des Wortes so viel Staub aufgewirbelt“ wie Asbest. Zwar habe es Brände verhindert, doch seit das Ausmaß der Krebsgefahr bekannt sei, hätten viele Industrieländer ab den 1980er-Jahren betroffene Gebäude saniert. Aufgrund der langen Latenzzeit der Asbestexposition häuften sich derzeit diesbezügliche Todesfälle. Schwellen- und Entwicklungsländer hingegen erlebten einen Höhepunkt der Asbestnutzung. Anders als Asbest steht Gold, so BERND-STEFAN GREWE (Freiburg im Breisgau), seit langem in gutem Ruf, sodass es sogar die Stabilität von Währungen garantieren konnte. Wie Epple zielte der Referent auf eine Warenkettenanalyse ab und untersuchte die Förderung, den Vertrieb und Konsum von Gold diachron wie international vergleichend.

Eine Provokation der Stoffgeschichte sah Uekötter darin, dass der Ansatz als Gegenbewegung zur Kulturgeschichte, aber auch komplementär zu dieser aufgefasst werden könne. Dies weist auf die auch in den anderen Sektionen bestimmende Interdisziplinarität hin. Erker zufolge stellt die Stoffgeschichte weder eine Provokation noch einen neuen Ansatz dar, sondern kombiniere Unternehmens-, Wirtschafts-, Umwelt- und Wissenschaftsgeschichte. Grewe betonte, mithilfe des stoffgeschichtlichen Ansatzes ließen sich lokale Entwicklungen bündeln und mit Makrostrukturen in Verbindung setzen.

Das Panel hat gezeigt, dass ein stoffgeschichtlicher Ansatz zur Verknüpfung wirtschafts-, sozial- und kulturhistorischen Fragestellungen geeignet ist. Darüber hinaus regt er länderübergreifende Untersuchungen an. Anders als die zuvor dargestellten Sektionen reichten einige Vorträge zur Stoffgeschichte über das 20. Jahrhundert hinaus. Diese longue durée-Perspektive wie die Verbindung verschiedener Teildisziplinen birgt Chancen zum diachronen Vergleich und zur multiperspektivischen Untersuchung eines Themas. Um die für die Narration ausgewählten Aspekte nicht willkürlich erscheinen zu lassen, bedarf eine solche Studie aber einer überzeugenden Darlegung der Konzeption.

Das der Wirtschaftsgeschichte nahestehende Thema „Ressourcen-Konflikte“ des Historikertags hat in dieser Teildisziplin breite Resonanz gefunden. Die zuvor angeführten Kritikpunkte sollen keinesfalls den sehr positiven Gesamteindruck der vorgestellten Panels trüben. Alle Vorträge waren stark interdisziplinär konzipiert. Viele Referenten zeigten exemplarisch, wie mikrohistorische Studien nutzbringend an die Makroebene angebunden werden können. Als vielversprechender Ansatz zur stärkeren innerfachlichen Anschlussfähigkeit wurde mehrfach die Analyse von commoditychains genannt. Allerdings ist diese sicherlich nur ein und durchaus eingeschränkter Weg zur stärkeren Verknüpfung von historischen Forschungsgebieten. Bei künftigen Arbeiten über Ressourcen sollten diese noch stärker in ihre sozialgeschichtliche und konfliktuelle Dimension eingebettet werden. Das heißt, es könnte weniger um wirtschaftliche Aspekte und Wertzuschreibungen an Ressourcen als vielmehr um deren konkrete Auswirkungen auf das Alltagsleben gehen, wie sie bei Van de Kerkhof und Sudrow anklangen. Dann würden Wirtschafts- und Sozialgeschichte wieder stärker zueinander finden.

Anmerkungen:
[1] Mathias Mutz: Historikertag 2010: Wirtschaftsgeschichte, in: H-Soz-u-Kult, 11.11.2010, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1408&type=diskussionenonen> (23.11.2012).
[2] Laut dem Gabler Wirtschaftslexikon bezeichnet der Begriff sowohl die Produktionsfaktoren wie Arbeit, Rohstoffe als auch Inputfaktoren des Produktionsprozesses. O. A., Art. „Ressource“, in: Gabler Wirtschaftslexikon, 16. Aufl. Wiesbaden 2005, Sp. 2549.
[3] Vgl. die Sektion Arbeitskraft als Ressource in totalitären Regimen im 20. Jahrhundert am Beispiel der Sowjetunion und des nationalsozialistischen Deutschland.
[4] Vgl. z. B. Andrew C. Godley / Bridget Williams, Democratizing luxury and the contentious „invention of the technological chicken“ in Britain, in: Business History Review 83 (2009), S. 267-290.
[5] Terence K. Hopkins / Immanuel Wallerstein, Patterns of Development of the Modern World-System, in: Review 1 (1977), Nr. 2, S. 111-145, hier S. 128.
[6] Vgl. HSK Redaktion: H-Soz-u-Kult Debatte zu "Ressourcen" in den Geschichtswissenschaften, in: H-Soz-u-Kult, 20.09.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/index.asp?pn=texte&id=18891889> (23.11.2012).
[7] Samantha MacBride, Recycling Reconsidered: The Present Failure and Future Promise of Environmental Action in the United States, Cambridge 2012.
[8] Nach Definition der Reihe „Stoffgeschichten“ des Wissenschaftszentrums Umwelt der Universität Augsburg beim oekom Verlag handelt es sich hierbei um Stoffe, die „für unsere gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Entwicklung“ elementar sind. <http://www.wzu.uni-augsburg.de/publikationen/stoffgeschichten.html> (23.11.2012).

Zitation
Historikertag 2012: Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: H-Soz-Kult, 07.12.2012, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-1955>.
Redaktion
Veröffentlicht am
07.12.2012
Beiträger
Klassifikation
Weitere Informationen
Sprache Beitrag