Forum "Hochschule und Studienreform": M.A.-Programm Geschichtswissenschaft an der Universität Erfurt

Von
Gregor Weber

Zum Beginn des M.A.-Programms Geschichtswissenschaft an der Universität Erfurt zum Wintersemester 2002/03

Von Gregor Weber, Erfurt – Email: <gregor.weber@uni-erfurt.de>

Mit dem Beginn des Wintersemesters 1999/2000 begann an der 1994 wieder gegründeten Universität Erfurt der Studienbetrieb an der Philosophischen Fakultät. Möglich ist derzeit ein Studium in den Fächern Geschichtswissenschaft, Kommunikationswissenschaft, Literaturwissenschaft, Philosophie, Sprachwissenschaft und Religionswissenschaft. Entsprechend den Empfehlungen des Wissenschaftsrates erhielt die Universität den Gründungsauftrag, Innovationen in der universitären Lehre und bei der Studienorganisation zu erproben, hat man in Erfurt einen grundständigen, konsekutiv angelegten Studiengang mit dem Abschluss Baccalaureus (B.A.) konzipiert. Dieser umfasst eine Regelstudiendauer von drei Jahren und ist durch fünf Charakteristika gekennzeichnet:

* eine Belegung von nur zwei (statt der üblicher Weise zwei bis drei) Studienfächern;
* ein in das Studium integriertes, verpflichtendes und z.T. berufsfeldorientierendes Studium Fundamentale mit transdisziplinär angelegten Lehrveranstaltungen;
* ein kumulatives Prüfungssystem (Leistungspunktesystem), das die Zulassung zum nächsten Semester nur bei Ableistung aller Verpflichtungen aus dem vorangegangenen Semester erlaubt;
* eine Studienorganisation mit verbindlichen Beratungen durch Mentoren;
* Internationalität, vor allem mit intensiver Förderung des Sprachenstudiums, zumal grundlegende Englischkenntnisse vorausgesetzt werden.

Eine Neukonzipierung erfuhr dabei auch die Ausgestaltung des Faches Geschichtswissenschaft, das sich durch eine welthistorische Perspektive auszeichnet. Diese orientiert sich an der Einsicht, dass die Welt heute als historisch entstandener globaler Zusammenhang und zugleich als Ensemble vielfältig differenzierter Regionen und Kulturen zu begreifen ist. Themen aus der Geschichte Europas (von der Antike bis zur Zeitgeschichte), Nord- und Lateinamerikas sowie Ost- und Westasiens werden regelmäßig in Lehrveranstaltungen behandelt. In dem breiten theoretischen und methodischen Spektrum setzt die historische Anthropologie einen besonderen Akzent. Realisiert wird die Konzeption insofern bereits vom Beginn des Studiums an, als das sich über zwei Semester erstreckende 'Integrierte Proseminar' ein Rahmenthema entweder diachron oder synchron (und dann durch den Vergleich verschiedener Weltregionen) behandelt.

Neben der Hauptstudienrichtung, z.B. Geschichtswissenschaft, sind als Nebenstudienrichtung nicht nur die o.g. Fächer aus der Philosophischen Fakultät wählbar, sondern auch die integrierten rechts-, wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Studienrichtungen innerhalb der Staatswissenschaftlichen Fakultät (seit WS 2000/01) sowie der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät (seit SS 2001).

Mit dem Abschluss des laufenden Sommersemesters beendet der erste Jahrgang sein Studium mit dem B.A.-Abschluss. Die Erfurter Geschichtswissenschaft bietet deshalb im M.A.-Programm die Fortführung der im B.A.-Studium erworbenen Grundlagen im Sinne einer vertieften epochenübergreifenden und kulturvergleichenden Beschäftigung mit den an der Universität Erfurt vertretenen Weltregionen an. Zugleich gibt das M.A.-Programm die Möglichkeit, Themen und Konzepte der Historischen Anthropologie kennen zu lernen und als einen eigenen Schwerpunkt zu wählen. Dadurch sollen weltgeschichtliche Perspektiven eröffnet und gleichzeitig die jeweiligen besonderen national- und regionalgeschichtlichen Entwicklungen erkundet werden. Ziel des Studiums ist genauerhin die Vertiefung der fachwissenschaftlichen Kenntnisse und methodischen Fähigkeiten sowie der interkulturellen Kompetenz durch den Vergleich verschiedener Weltregionen, Muster sozialer Organisation, politischer Herrschaft und kultureller Praxis. Zu diesen Fähigkeiten und Kompetenzen gehören insbesondere das Wissen über die historisch gewachsenen Beziehungen und Interdependenzen zwischen diesen, die Einsicht in die Multidimensionalität historischer Prozesse, die Beherrschung historisch-kritischer Methoden und das Verständnis von Geschichtswissenschaft als Kultur- und Sozialwissenschaft durch die Auseinandersetzung insbesondere mit kulturwissenschaftlichen und sozialhistorischen Theorien und Methoden unter Berücksichtigung einer anwendungsbezogenen Sprachkompetenz.

Angesprochen sind nicht nur die Erfurter B.A.-Absolventen in den geschichtswissenschaftlichen oder in den verwandten kulturwissenschaftlichen Studiengängen, die ihr Studium mit einer Note besser als 2,5 abgeschlossen haben, sondern auch Studierende anderer Universitäten und Studiengänge, die ein Zwischenprüfungszeugnis in einem dem M.A.-Programm verwandten Studiengang und darüber hinaus Prüfungsleistungen im Umfang von mindestens 60 Leistungspunkte gemäß der Rahmenprüfungsordnung der Universität Erfurt nachweisen können.

Der M.A.-Studiengang umfasst insgesamt drei Semester, wobei zwei Semester auf die Studienphase entfallen und ein Semester für die Magisterarbeit vorgesehen ist. Ausdrücklich erwünscht ist, dass Studierende, die ihr Interesse auf eine Weltregion konzentrieren, im Laufe des M.A.-Studiums (oder auch zwischen B.A.-Abschluss und M.A.-Studienbeginn) einen Auslandsaufenthalt absolvieren. Die Sprachkenntnisse sollen, ähnlich wie bereits im B.A.-Studiengang, vergleichsweise hoch angesetzt werden, da hierdurch für die Studierenden im Kontext eines späteren Berufseinstiegs große Chancen entstehen.

Die Studienphase umfasst 10 Module. Ein Modul entspricht zwei Semesterwochenstunden, und man erhält dafür 6 Leistungspunkte. Belegt werden können Hauptseminare (mindestens 2 pro Schwerpunkt), Übungen und Kolloquien, außerdem sog. Selbststudienmodule (max. 2 pro Schwerpunkt, insgesamt nicht mehr als 3): Diese sind für die eigene, mit einem Dozenten abgesprochene Lektüre in größerem Umfang gedacht und können z.B. dazu dienen, die Thematik der Magisterarbeit auszuleuchten. Letztere muss einem der gewählten geschichtswissenschaftlichen Schwerpunkte entstammen und soll in der Regel eine auf Quellen beruhende Forschungsarbeit sein. Zum Schutz des Kandidaten soll die Abfassungszeit strikt fünf Monate betragen und einen Umfang von ca. 70 Seiten (= 35.000 Wörter) aufweisen.

Die 10 Module der Studienphase, sinnvoller Weise 5 pro Semester, gliedern sich wie folgt:

Pflichtbereich: eine methodisch-theorieorientierte und
eine vergleichend angelegte Lehrveranstaltung:
2 Module
Ein geschichtswissenschaftlicher Schwerpunkt:
4 Module
Ein weiterer geschichtswissenschaftlicher Schwerpunkt
oder ein Schwerpunkt aus einer anderen Studienrichtung
oder frei wählbare Module:
4 Module
Gesamt:
10 Module

Insbesondere die Veranstaltungen aus dem Pflichtbereich - methodisch-theorieorientierte und eine vergleichend angelegte Lehrveranstaltung - sollen dazu dienen, im Sinne des formulierten Zieles des M.A.-Programms zu einer Vertiefung gegenüber dem B.A.-Studiengang bzw. einem sonstigen Studium von sechs Semestern anzuleiten.

Empfohlen wird die Belegung von einem oder zwei geschichtswissenschaftlichen Schwerpunkten, da nur Schwerpunkte auch auf dem Zeugnis ausgewiesen werden können. Je nach Berufsziel macht es aber auch Sinn, sich 4 Module aus dem gesamten M.A.-Angebot zusammenzustellen und hierbei keinen weiteren Schwerpunkt zu setzen.

Nach längeren Diskussionen - auch um die Realisierbarkeit des Programms in kapazitärer Hinsicht - hat sich die Erfurter Geschichtswissenschaft dazu entschlossen, alle bisherigen Schwerpunkte aus dem B.A-Bereich fortzuführen, um die angeführte Vertiefung sachgemäß zu ermöglichen. Dies betrifft also die Europäische Geschichte (einschließlich der neuen Stiftungsprofessur für Ostmitteleuropäische Geschichte), Lateinamerikanische, Nordamerikanische, Ostasiatische und Westasiatische Geschichte. Hinzu kommt als eigens ausgewiesener Schwerpunkt im M.A.-Bereich die Historische Anthropologie. Es steht im Zusammenhang mit der Gründungssituation der Universität Erfurt, dass man sich in der Frage der Trennung von B.A.- und M.A.-Studiengängen derzeit darauf geeinigt hat, die Vorlesung nicht als M.A.-Veranstaltungstyp in das Programm aufzunehmen - eine Entscheidung, die nicht die mehrheitliche Meinung der Erfurter Historiker wiedergibt, die aber in inneruniversitären Diskussionen nicht durchsetzbar war. Insgesamt war und ist die Frage, welche und wie viele Veranstaltungen angesichts des speziellen Profils des Faches in Erfurt sinnvoller Weise für B.A.- und M.A.-Studierende gleichermaßen angeboten werden können, ohne den eigenständigen Charakter des M.A.-Programms Geschichtswissenschaft zu beeinträchtigen, Gegenstand noch nicht abgeschlossener Debatten.

Als M.A.-Programme aus anderen Studienrichtungen, die sinnvoll mit Geschichtswissenschaft zu kombinieren sind, werden ebenfalls ab dem kommenden Wintersemester angeboten: Literaturwissenschaft, Religionswissenschaft und Sprachwissenschaft. In Vorbereitung befinden sich die M.A.-Programme Philosophie, Erziehungswissenschaft und Staatswissenschaft. Zu den Spezifika der Erfurter M.A.-Programme gehört außerdem die Konzeption interdisziplinär ausgerichteter Studiengänge, die unter maßgeblicher Beteiligung einiger Historiker entworfen wurden und noch werden. Zum Wintersemester 2002/03 startet das interdisziplinär ausgerichtete M.A.-Programm 'Atlantic Studies'. Zum Studienjahr 2003/04 soll ein M.A.-Programm 'Mediterranean Studies' angeboten werden. Nähere Informationen hierzu werden ab Herbst 2003 auf der Internetseite der Philosophischen Fakultät der Universität Erfurt abrufbar sein.

Das Studium im M.A.-Programm Geschichtswissenschaft kann zum Winter- und zum Sommersemester aufgenommen werden. Die Anmeldung erfolgt bei der Abteilung 'Studium und Lehre' der Universität Erfurt. Anmeldeschluss für das Wintersemester 2002/03 ist der 13. September 2002.

Zitation
Forum "Hochschule und Studienreform": M.A.-Programm Geschichtswissenschaft an der Universität Erfurt, in: H-Soz-Kult, 07.09.2002, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-207>.
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Veröffentlicht am
07.09.2002
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