Historikertag 2014: Zeitgeschichte

Von
Benjamin Möckel, Neuere und Neueste Geschichte, Universität zu Köln

Besprochene Sektionen:

http://www.hsozkult.de/hfn/conferencereport/id/tagungsberichte-5631"> Gewinner und Verlierer „nach dem Boom“ in Westeuropa
http://www.hsozkult.de/hfn/conferencereport/id/tagungsberichte-5669"> „The Winner takes it all“. Popgeschichtliche Narrative des 20. Jahrhunderts zwischen Ausbeutung und Emanzipation
„Sicherheit & Geheimnis in der Demokratie“. Geheimdienste in der Bundesrepublik seit 1945 im transatlantischen Kontext
Kinder des Krieges als Mittler zwischen Verlierern und Gewinnern in europäischen Nachkriegsgesellschaften

Zeitgeschichtliche Fragestellungen bildeten auch auf dem Göttinger Historikertag einen wichtigen Themenschwerpunkt. Ein Gesamtüberblick über das zeitgeschichtliche Programm kann hier nicht erfolgen; die dargestellten Sektionen geben jedoch einen Einblick in die vielfältigen Ansätze und Themenschwerpunkte, die in den drei Konferenztagen diskutiert wurden.

Ein Grund für die starke Präsenz der Zeitgeschichte war womöglich auch das diesjährige Rahmenthema der „Gewinner und Verlierer“, das gerade für die Zeitgeschichte als „Vorgeschichte der Gegenwart“ eine große intuitive Anschlussfähigkeit besaß. Besonders dann, wenn in öffentlichen Diskursen die jüngste Geschichte als Erklärung gegenwärtiger politischer Entwicklungen in Anspruch genommen wird, liegt es oftmals nahe, aktuelle politische Kontroversen in dichotomische Erzählungen von Gewinn und Verlust einzuordnen. Dass solche Gegenüberstellungen jedoch auch eine Falle darstellen können, die den Blick auf die Komplexität und Kontingenz historischer Entwicklungen verstellen kann, ist evident – und so ließ sich aus mehreren Beiträgen der Sektionen auch eine Grundskepsis gegenüber dem normativen Überschuss des Rahmenthemas heraushören.

Zu Beginn seien zwei Sektionen vorgestellt, die das Rahmenthema des Historikertags explizit aufgegriffen und auf sehr charakteristische Weise unterschiedlich interpretierten.

Die von MORTEN REITMAYER (Trier) geleitete Sektion zu „Gewinnern und Verlierern „nach dem Boom“ in Westeuropa“ nahm sich eines Themas an, das in der Wahrnehmung besonders deutlich durch polarisierende Zuschreibungen geprägt ist. Das gilt für Narrative des wirtschaftlichen Abstiegs wie Massenarbeitslosigkeit, Deindustrialisierung oder die „Grenzen des Wachstums“, aber auch – was in der Sektion nur peripher aufgegriffen wurde – für Gegennarrative von „evil winners“ wie Finanzspekulateuren oder Wirtschaftsberatern.

Im Kontext dieser gesellschaftlichen Polarisierung überrascht es nicht, dass alle Referierenden eher skeptisch blieben, ob das genannte Begriffspaar überhaupt eine sinnvolle Kategorisierung dieser Epoche bildet. Ein Leitmotiv aller Beiträge war jedenfalls die Forderung, dass das Ziel kommender empirischer Forschungen gerade darin bestehen müsse, solche normativ überformten Dichotomien zu durchbrechen und durch komplexere Beschreibungen der historischen Entwicklung zu ersetzen. Insbesondere LUTZ RAPHAEL (Trier), dessen Vortrag eine substanzielle Erweiterung und Revision des von ihm und Anselm Döring-Manteuffel herausgegebenen, titelgebenden Bandes der Sektion darstellte[1], verwies auf die Komplexität der ökonomischen und gesellschaftlichen Prozesse, die sich einerseits im europäischen Kontext sehr unterschiedlich manifestiert hätten (wobei Großbritannien oft die Blaupause für die Interpretation einer gesamteuropäischen Deindustrialisierung dargestellt habe, die sich zum Beispiel in Frankreich und der Bundesrepublik völlig unterschiedlich vollzogen habe). Darüber hinaus seien jedoch auch statistisch vermeintlich klar zu fassende Entwicklungen wie die entstehende Massenarbeitslosigkeit als komplexe Phänomene aufzufassen, die auf ihre konkrete soziale Bedeutung hin zu befragen seien. Implizit ließen sich Raphaels Ausführungen hier als ein – nur zu unterstützendes – Plädoyer für eine gesellschafts- und kulturgeschichtliche Einbettung der ökonomischen Interpretamente der „Nach-Boom“-Epoche auffassen.

Auch die Vorträge von Christian Marx, Dietmar Süß und Stefanie Middendorf lassen sich in das Leitmotiv einer Verflüssigung der Gegenüberstellung von Gewinnern und Verlierern einordnen. So beschäftigte sich CHRISTIAN MARX (Trier) mit mehreren Chemieunternehmen, die – wie er argumentierte – eher als Gewinner innerhalb des Prozesses der Deindustrialisierung angesehen werden könnten. Sein Fokus lag auf den Prozessen und Strategien der Multinationalisierung dieser Konzerne, wobei vor allem zu erkennen war, dass diese Prozesse der globalen Expansion keineswegs eine uneingeschränkte Erfolgsstrategie darstellten, sondern durch wiederkehrende Probleme und enttäuschte Erwartungen geprägt waren.

DIETMAR SÜß (Augsburg) berichtete aus einem Teilbereich seines Forschungsprojekts zur Sozial- und Kulturgeschichte der Arbeit. Er konzentrierte sich auf das Phänomen der „Flexibilisierung“ von Arbeit und Arbeitszeit und zeigte, wie dieser Begriff im Laufe der 1970er-Jahre eine semantische Ausweitung und einen normativen Bedeutungswandel erfuhr. Während der Begriff zunächst das Versprechen einer neuen Selbstbestimmung und Souveränität über die eigene Arbeitszeit enthielt, entwickelte er sich relativ schnell zu einer Forderung nach universeller Flexibilität jedes Arbeitnehmers und einer Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, der frühere soziale und biographische Sicherheiten untergrub und daher spätestens in der Ära Kohl zu einem der Feindbilder linker Gesellschaftskritik avancierte.

STEFANIE MIDDENDORFs (Halle-Wittenberg) Vortrag war der einzige, der explizit auf die kulturelle Dimension des vermuteten Strukturbruchs „nach dem Boom“ fokussierte. Ihr Thema war die französische Kulturpolitik der 1970er- und 1980er-Jahre. Kennzeichnend für die untersuchten Debatten sei die Vorstellung brüchig werdender Klassenunterschiede gewesen, sowie – hiermit zusammenhängend – die Wahrnehmung eines Legitimationsverlusts homogen-zentralistischer Kulturdefinitionen. Während von der einen Seite mit dem Schlagwort einer „Demokratisierung“ der Kultur geworben wurde, sahen Kritiker in diesem Konzept gerade die überholte Vorstellung eines fest definierten elitären Kulturkonzeptes, das durch die Betonung individueller Kreativität und die Akzeptanz heterogener Kulturvorstellungen überwunden werden müsse.

HARTMUT KAELBLE (Berlin) stellte in seinem Kommentar heraus, dass der rote Faden aller Vorträge – trotz aller Differenzierungen – in der Beschreibung eines Verlustprozesses gelegen habe und stellte zurecht fest, dass die „Gewinner“ dieses Prozesses in den Vorträgen – und womöglich in den gesamten Forschungen zu der Zeitepoche – nur am Rande eine Rolle spielten. Ebenso gelte dies für jene große Gruppe von Menschen, für die sich durch die dargestellten Strukturveränderungen individuell nur wenig geändert habe. Womöglich, so seine Überlegung, stellte die Zeit „nach dem Boom“ eher eine „Rückkehr zur Normalität“ dar.

Insgesamt kann die Sektion als Ausdruck eines Zwischenstadiums der Forschung zur Zeit der 1970er- und 1980er-Jahre angesehen werden, die in den vergangenen Jahren von einer programmatischen Themensetzung zur konkreten empirischen Forschung übergegangen ist. Alle etablierten Narrative – und selbst die Bedeutung und Verortung der zeitlichen Zäsuren – scheinen dabei einen Prozess der Differenzierung und Verflüssigung zu durchlaufen. Auffällig erscheint die eher geringe Einbindung von Fragen nach den kulturellen Wandlungsprozessen dieser Epoche. Es lässt sich vermuten, dass die konkurrierenden Zäsuren von 1968 und 1973 auch eine gewisse Arbeitsteilung der Forschungsinteressen nahelegen, die für die historische Analyse aber wenig hilfreich erscheint. Hier wird es für kommende Forschungen ein wichtiges Ziel sein, die Wechselwirkungen zwischen ökonomischen Strukturveränderungen und kulturellen Dynamiken stärker zu verschränken und nicht als zwei voneinander zu trennende Ebenen zu betrachten – vor allem der Vortrag von Dietmar Süß wies auf der Sektion schon sehr erfolgreich in diese Richtung.

Einen anderen Weg, mit der Themenvorgabe der Gewinner und Verlierer umzugehen, ließ sich in der Sektion „‘The Winner takes it all‘. Popgeschichtliche Narrative des 20. Jahrhunderts zwischen Ausbeutung und Emanzipation“ verfolgen. Als Ouvertüre der Sektion erklang der titelgebende Song von ABBA aus dem Jahr 1980 und deutete schon unmissverständlich darauf hin, dass es im Folgenden vor allem darum gehen würde, die popkulturelle Mythisierung von Erfolg (und Scheitern) für eine historische Analyse fruchtbar zu machen. In diesem Sinne stellte DETLEV SIEGFRIED (Kopenhagen) in seiner sehr erhellenden Einführung fest, dass Erzählungen von Gewinnern und Verlierern direkt ins Zentrum des popkulturellen Imaginationsraums führten – sei es in klassischen Aufstiegsnarrativen vom LKW-Fahrer zum King of Rock’n’Roll oder in medial begleiteten Prozessen von Absturz, Scheitern oder des popkulturell immer prekären Alterns. Siegfrieds Plädoyer richtete sich vor allem darauf, die Popgeschichte als ein zentrales Feld der Gesellschaftsgeschichte (oder – im Sinne des als Kommentator anwesenden Thomas Mergel – einer „Kulturgeschichte der Politik“) zu begreifen, und nicht als Nischenthema eines ins Forschungsleben transzendierten Privatinteresses. Dies war ein zu unterstützender, aber hoch gesteckter Anspruch und es war insofern nicht verwunderlich, dass er in den einzelnen Beiträgen nur partiell eingelöst werden konnte. Alle Referierende einte jedoch das Bestreben, die popkulturelle Imaginationsdynamik für die Analyse gesellschaftlicher Wandlungsprozesse nutzbar zu machen.

So zeigte ASTRID KUSSER (Rio de Janeiro) in ihrem Beitrag zu Tanzwettbewerben um die Jahrhundertwende und 1980 (wobei die zweite Zeitebene im Vortrag eher eine den ersten Teil erhellende Coda blieb), wie sich in Tänzen – und insbesondere in deren unterschiedlicher Rezeption – gesellschaftliche und soziale Veränderungen widerspiegelten. Dies galt beispielsweise für die Dauertanzwettbewerbe der 1920er- und 1930er-Jahre, die als Symbolisierung der Erfahrungen der Wirtschaftskrise wahrgenommen wurden, aber auch für die als „Schwarz“ wahrgenommenen Tänze von Cakewalk bis zum Tango, die zeitgenössisch auch durch frühe Filmaufnahmen große Popularität erlangten. Dass in der Rezeption dieser Tänze Exotismus und Rassismus eine zentrale Bedeutung besaßen, ist evident. Kussers Vortrag war aber vor allem interessant, weil sie diese Ebene nicht als einziges Interpretament in den Mittelpunkt rückte, sondern die Multiperspektivität der Bezugnahmen aufzeigte: so beispielsweise in der ambivalenten Übernahme von Tanzelementen in den Standardtanz und die eigenständigen Handlungs- und Möglichkeitsräume Schwarzer Tänzer und Künstler.

KLAUS NATHAUS (Edinburgh) wählte in seinem Vortrag eine von den anderen Beiträgen abweichende Perspektive, die in erster Linie auf die Produktionsseite der Popmusik fokussierte und in der durchaus provokant gemeinten These gipfelte, die Geschichte der Popmusik ließe sich in weiten Teilen ohne Bezugnahme auf etwaige Hörer- oder Konsumentenbedürfnisse schreiben. Sein Vortrag über die Bedingungen für den „Siegeszug“ der anglo-amerikanischen Popmusik im 20. Jahrhundert verwies dabei einerseits auf den „Dilettantismus“ amerikanischen Künstler, denen es einfacher gefallen sei, sich von klassischen musikalischen Traditionslinien zu lösen, und zum anderen auf die sich etablierenden Praktiken von Marktforschung und einer Spezialisierung unterschiedlicher Marktsegmente. So wichtig eine genaue Betrachtung der ökonomischen Erfolgsmechanismen von Popkultur ist, um bestimmte Erklärungsmuster wie die des „genialen Künstlers“ zu hinterfragen, so ist doch zu überlegen, ob der betonte Dilettantismus von Künstlern wie Irving Berlin, der stolz von sich behauptete, keine Noten lesen zu können, viel eher als eine spezifische Inszenierungsstrategie aufgefasst werden müsste, die sich als „Gestus des Dilettantismus“ bis in die Popmusik der neuesten Zeit weiterverfolgen ließe.

BODO MROZEKs (Berlin/Potsdam) Beitrag zu popmusikalischen Star- und Fanclubs bot den wohl besten Ansatzpunkt, um die vermeintliche Gegenüberstellung von Produzenten und Konsumenten zu überwinden. „Fans“ traten in den 1950er-Jahren als ein neues popkulturelles Phänomen auf, das aus kulturkritischer Perspektive als Beispiel einer manipulierten und abhängigen Konsumentengruppe beschrieben wurde. Im Gegensatz hierzu zeigte Mrozek, dass die Protagonisten innerhalb dieser Fanclubs durchaus eigene Initiativen entwickelten, die nicht von Seiten der Produzenten initiiert werden konnten (aber natürlich genutzt und zum Teil instrumentalisiert wurden). Ein Beispiel hierfür war die Gründerin des ersten Elvis-Presley-Fanclubs, die sich innerhalb kurzer Zeit als Vorsitzende einer transnationalen Vereinigung von 200.000 Menschen wiederfand.

ALEXA GEISTHÖVEL (Berlin) fokussierte abschließend am deutlichsten die biographische Bedeutung popkultureller Narrative und Lebensstile. Unter dem Schlagwort „Verschwende deine Jugend“ untersuchte sie Memoiren der jüngeren Vergangenheit, die sich mit jugendlichen Erfahrungen der 1980er- und 1990er-Jahre auseinandersetzten. Als zentrales Phänomen erkannte sie in diesen Texten einen Bedeutungswandel in Bezug auf deviantes und nicht-zukunftsgerichtetes Verhalten in der Zeit der Adoleszenz, in der eine „verschwendete Jugend“ als Teil eines kreativen Lebensstils ein neues biographisches Kapitel gewann und als positives Gegenmodell zu einem angepasst-temperierten Lebenswandel inszeniert wurde. Selbstverständlich lag in dieser Pflicht zum Nichtangepasstsein auch eine schwer zu überwindende Paradoxie, die Geisthövel als „Zwang, zwanglos zu leben“ und eine „Einübung in Spontaneität“ charakterisierte.

In seinem Kommentar betonte THOMAS MERGEL (Berlin) nochmals die politische Dimension der Popmusik und brachte die Diskussion damit auf die Ausgangsfrage der Verbindung von Popgeschichte und Gesellschaftsgeschichte zurück. Politische Bedeutungsebenen ließen sich dabei sowohl in expliziten Aussagen von Musikern oder in Songtexten finden, vor allem aber in den politischen Botschaften popkultureller Lebensstile oder – wie im Fall der DDR – in der externen Politisierung individueller Lebenspraktiken. Wer die Sektion mit der Erwartung besucht hatte, eine Antwort auf die Frage zu erhalten, was unter ‚Pop‘ definitorisch zu verstehen sei (ein Quellenbegriff, ein Begriff, der nur auf einen Musikstil anzuwenden sei, oder ein Äquivalenzbegriff zu „populärer Kultur“), der wurde – vermutlich notwendigerweise – enttäuscht (zumindest wenn man davon absieht, dass ABBA hierauf zu Beginn der Sektion schon eine unmissverständliche Antwort gegeben hatte). Eine feste Begriffsdefinition erscheint jedoch als ein weniger vordringliches Problem als die in der Sektion artikulierte Forderung, die Geschichte von Pop/Popkultur als integralen Bestandteil einer Gesellschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts zu begreifen und in Zukunft mit weiteren empirischen Forschungen zu füllen.

Am Mittwochnachmittag präsentierte die von Constantin Goschler (Bochum) und Michael Wala (Bochum) organisierte Sektion „Sicherheit & Geheimnis in der Demokratie. Geheimdienste in der Bundesrepublik seit 1945 im transatlantischen Kontext“ aktuelle Forschungsergebnisse zu einem Themenfeld, das zuletzt enorme publizistische Aufmerksamkeit erhalten hat, ohne dass es hierbei bislang zu einer intensiven zeitgeschichtlichen Reflexion gekommen wäre. Den Ausgangspunkt der Sektion bildete das von Goschler und Wala bearbeitete Forschungsvorhaben zur „Organisationsgeschichte des Bundesamtes für Verfassungsschutz“ (BfV), das für die Sektion zugleich in den Kontext transatlantischer Verbindungen – und das hieß sowohl für das BfV als auch für den Bundesnachrichtendienst (BND) vor allem: den Kontext transatlantischer Kontrolle und Abhängigkeit – eingebettet wurde.

CONSTANTIN GOSCHLER unterstrich in seiner Einleitung, wie aufschlussreich eine historische Einordnung von Geheimdiensten und Geheimdienstwissen für das Selbstverständnis demokratischer Gesellschaften sei. Für den deutschsprachigen Raum konstatierte er dabei eine bislang überraschend geringe Beschäftigung mit der Thematik. Während im angelsächsischen Raum schon seit langer Zeit ein breites Forschungsspektrum entstanden sei, konzentriere sich das Erkenntnisinteresse in Deutschland noch immer primär auf die Beispiele der beiden deutschen Diktaturen und deren Geheimdienste. Zurecht argumentierte Goschler jedoch, dass gerade die Rolle von Geheimdiensten in Demokratien eine für die Zeitgeschichte äußerst aufschlussreiche Herausforderung darstellten: Auf der einen Seite könne man hier (zumindest idealtypisch) die Gegenüberstellung zweier Kulturen beobachten, die in der Demokratie in einer Idealisierung von Transparenz und in Geheimdiensten in einer Kultur von Quellenschutz und Geheimnis seinen Ausdruck fände. Zugleich operierten Geheimdienste in Demokratien jedoch in einem kaum auflösbaren Paradox, indem sie zwar als Institutionen den Vorstellungen demokratischer Praxis widersprächen, dies aber gerade damit rechtfertigten, dass sie nur so ihre Aufgabe eines Schutzes der Demokratie erfüllen könnten. Gerade für das laufende Forschungsprojekt zum Verfassungsschutz darf man gespannt sein, welchen Niederschlag diese Spannung zwischen Transparenz und Geheimnis in der konkreten Arbeit der Historiker mit den zeitgeschichtlichen Quellen des Verfassungsschutzes finden wird.

In seinem inhaltlichen Beitrag zur „Epistemologie des Verfassungsfeindes“ bezog sich Goschler auf die bisherigen Erkenntnisse zum BfV und verfolgte das Ziel, anhand dieses Beispiels nach den Feind- und Gefahrenkonstruktionen in geheimdienstlichen Institutionen zu fragen. Dies erschien als ein vielversprechender Ansatz, weil er das Problem vermied, mit den – naturgemäß problematischen und zum Teil selbst fiktiven – Quellen eines Geheimdienstes dessen eigene Geschichte schreiben zu wollen. Stattdessen standen bei Goschler die geheimdienstliche Eigenlogik und dessen Wissensproduktion im Mittelpunkt.

MICHAEL WALA beschäftigte sich in seinem Vortrag mit der frühen Phase des BfV und zeigte, in wie grundlegender Weise die Initiative zu dessen Gründung und die Konzeption der Institution durch die Einflussnahme der Alliierten bestimmt war. Auch in der folgenden Zeit sei die Arbeit eng durch die Alliierten überwacht und durch eigene geheime Mitarbeiter mitverfolgt worden – ein Vorgehen, das sowohl aus allgemeiner geheimdienstlicher Praxis als auch aus dem historischen Kontext der frühen Nachkriegszeit sowohl naheliegend als auch verständlich erscheint. In Bezug auf nationalsozialistische Traditionsbestände innerhalb des BfV stellte Wala fest, dass es für alle festen Mitarbeiter eine Überprüfung ihrer NS-Vergangenheit gegeben habe, zugleich aber eine Parallelstruktur „freier Mitarbeiter“ etabliert worden sei, mit denen diese Überprüfung anscheinend recht erfolgreich umgangen werden konnte.

KLAUS-DIETMAR HENKE (Dresden) schloss in seinem zeitlichen Schwerpunkt an diesen Vortrag an. Sein Fokus lag auf der frühen Geschichte des Bundesnachrichtendienstes, wobei bei ihm jedoch nicht die externe Kontrolle durch alliierte Institutionen im Mittelpunkt stand, sondern die Instrumentalisierung des Dienstes als „Werkzeug der Kanzlerdemokratie“. Ähnlich zu heutigen Diskussionen erschien auch hier die ungenügende politische Kontrolle als zentrales Problem, das jedoch vor allem durch die enge Verquickung von Politik und Geheimdienst entstand. Entscheidend hierfür sei die enge Beziehung von Reinhard Gehlen als Präsident des BND und dem Chef des Bundeskanzleramts, Hans Globke, gewesen. Als Beispiel für diese Allianz, die zu einer gegenseitigen Abhängigkeit geführt habe, die eine wirkungsvolle politische Kontrolle unterminiert habe, verwies Henke auf Initiativen des BND, Informanten in den inneren Kreis der SPD zu bringen, deren Informationen über Reinhard Gehlen direkt an das Bundeskanzleramt gingen.

Im letzten Vortrag der Sektion stellte die Politologin ANNA DAUN (Köln) ihre Analyse zu aktuellen „Bedrohungswahrnehmungen“ in deutschen Geheimdiensten vor. Hierzu führte sie 15 Tiefeninterviews mit Geheimdienstmitarbeitern, die unter anderem eine zwar geringe, aber breit gestreute und unübersichtliche Bedrohungswahrnehmung artikulierten sowie einen reaktiven Umgang der Geheimdienste mit potenziellen Gefahren. Ähnlich wie geheimdienstliche Quellen scheinen auch die durch Interviews gewonnenen Aussagen von Geheimdienstmitarbeitern als eine relativ problematische Quelle. Vermutlich sagen sie mehr darüber aus, welches Bild Geheimdienste von der eigenen Arbeit zeichnen wollen, als über konkrete Arbeitsweisen oder Feind- und Gefahrenwahrnehmungen.

Die Sektion „Kinder des Krieges als Mittler zwischen Verlierern und Gewinnern in europäischen Nachkriegsgesellschaften“ griff das Bild der Gewinner und Verlierer zwar im Titel auf; die einzelnen Beiträge blieben von dieser Metaphorik jedoch relativ unberührt. Für die Sektion war dies eine gute Entscheidung, da sie mit dem klar erkennbaren Ziel konzipiert war, die Debatten über die sogenannten „Kriegskinder“ aus gängigen normativen Zuschreibungen und Narrativen zu lösen – und damit auch aus dem Narrativ des „Verlierers“, das gerade in biographischen Selbstbeschreibungen ein häufig wiederkehrendes Motiv darstellt.

Dieser kritischen Perspektive folgte auch die Einführung von LUTZ NIETHAMMER (Jena), der für die Sektion als zentrale Frage formulierte, auf welche Weise sich ein Diskurs über die Erfahrungen von Kriegskindern führen lasse, ohne in die Falle klassischer Opfernarrative zu gehen. Niethammer und die folgenden Sektionsbeiträge gaben hierauf zwei überzeugende Antworten: zum einen betonte er, dass eine enge Verschränkung einer biographischen bzw. erfahrungsgeschichtlichen Ebene mit der Ebene öffentlicher Diskurse und gesellschaftlicher und politischer Kontexte nötig sei. Darüber hinaus betonte er die für die Sektion gewählte gesamteuropäische Perspektive, die – vor allem durch den Vergleich zu Osteuropa – eine wichtige Differenzierung und Kontextualisierung von Erfahrungsdimensionen des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit verspreche.

LU SEEGERS (Hamburg) griff diese Perspektiven auf und betonte, dass eines der zentralen Probleme des Kriegskinder-Diskurses in der Tendenz zur Universalisierung von Erfahrungen bestehe, für die in Wirklichkeit vor allem eine Kontextualisierung innerhalb der zeitgenössischen gesellschaftlichen Deutungsangebote nötig sei. In diesem Sinne betonte sie in ihrem Vortrag über die Situation von vaterlos aufwachsenden Halbwaisen in Nachkriegsdeutschland vor allem die Bedeutung der politischen, gesellschaftlichen und medialen Ebene des Phänomens der Vaterlosigkeit. Die individuellen Erfahrungen der Protagonisten seien durch diese gesellschaftlichen Deutungsmuster (und nicht zuletzt durch die späteren Angebote einer gemeinsamen Erinnerungskultur) in entscheidender Weise geprägt worden.

Wie wichtig solche national unterschiedlichen Möglichkeiten des kollektiven Erinnerns für die Konstruktion gemeinsamer Erfahrungen ist, ließ sich in MAREN RÖGERs (Warschau) Vortrag zu Besatzungskindern in Polen erkennen. Röger begann mit der Beobachtung, auf wie wenig Erinnerungsgegenstände und Fotos sie – beispielsweise im Vergleich zu ähnlichen Forschungen in Frankreich – in ihrer Forschung gestoßen sei. Dies sei einerseits Ausdruck eines unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontextes im Krieg selbst, der in den östlichen Besatzungsgebieten mit der Tabuisierung jeglicher Beziehungen innerhalb des nationalsozialistischen „Umgangsverbots“ verbunden gewesen sei. Zugleich verwies es jedoch auch auf grundlegende Unterschiede der späteren Erinnerungsarbeit der Protagonisten, die anders als in vielen Ländern Westeuropas nur wenige Möglichkeiten einer kollektiven oder institutionalisierten Erinnerungskultur oder eines gegenseitigen Austauschs hätten aufgreifen können. Die Stigmatisierung, die diese Kinder in der Zeit nach 1945 – sowohl gesellschaftlich, im Raum der Schule oder in innerfamilialen Konflikten – erfahren hätten, sei daher bis heute kaum je durchbrochen worden.

Gerade dieser Aspekt der ausgebliebenen biographischen und kollektiven Erinnerungsarbeit stand in deutlichen Kontrast zu den Beobachtungen von SILKE SATJUKOW (Magdeburg), die in ihrem Vortrag über Besatzungskinder in Ost- und Westdeutschland betonte, wie groß bei vielen Protagonisten ihres Untersuchungsfeldes der biographische Druck der Erinnerung und der Suche nach den eigenen Vätern sei. Auf der Ebene der gesellschaftlichen Zuschreibungen waren auch diese Kinder in der Nachkriegszeit auf doppelte Weise stigmatisiert: einerseits als unehelich Geborene und andererseits als „Kinder des Feindes“, die – so kann man ergänzen – zugleich eine immer präsente Erinnerung an die Vergangenheit darstellten. Zugleich betonte Satjukow jedoch auch eine zweite Ebene: nämlich jene der Schuldlosigkeit, die anthropologisch mit der Rolle von Kindern verbunden wird. Hier tauchte kurz der im Titel der Sektion formulierte Gedanke auf, dass Kriegskinder womöglich als „Mittler“ innerhalb einer problematischen Vergangenheit hätten fungieren können. Jedoch zeigte sich auch bei Satjukow, dass diese Möglichkeit durch die gesellschaftliche (Nicht-)Thematisierung in der Nachkriegszeit meist ungenutzt blieb. Das galt sowohl für die entstehende Bundesrepublik, in der die Kinder nur äußerst zögerlich als Teil der Gesellschaft akzeptiert wurden, als auch für die DDR, wo noch nicht einmal die Möglichkeit einer offenen Thematisierung bestand, weil hiermit zugleich das Tabu eines Sprechens über das Verhalten der russischen Soldaten in der letzte Kriegsphase berührt war.

Eine Zusammenfassung so unterschiedlicher Sektionen kann hier nicht erfolgen – und noch weniger ein Überblick über den Gesamtkontext der auf dem Historikertag verhandelten zeitgeschichtlichen Themenfelder. Einige wiederkehrende Themen lassen sich im Querschnitt jedoch erkennen. Hierzu gehört mit Sicherheit ein Fokus auf sozialpolitische und ökonomische Fragestellungen, der wohl auch als Ausdruck einer zeitgeschichtlichen Unterfütterung aktueller Debatten interpretiert werden kann. Ein weiterer Schwerpunkt kann im Fokus auf transnationale Themenfelder und Verbindungslinien erkannt werden, zu der unter anderem auch die Diskussion migrationsgeschichtlicher Fragestellungen gehörte. Weniger präsent als in früheren Kontexten waren dagegen Sektionen zur Erinnerungskultur, obwohl hier eine Verbindung zum Rahmenthema des Historikertags durchaus eine interessante Verbindung hätte darstellen können. Ein letztes wiederkehrendes Themenfeld war die Beschäftigung mit digitalen Arbeitsformen und deren Einfluss auf die geschichtswissenschaftliche Arbeit. Die Beschäftigung hiermit spielte – unter anderem initiiert durch die AG Digitale Geschichtswissenschaft – eine wichtige Rolle. Eine explizit historische Perspektive auf dieses Feld, das auch nach einer zeitgeschichtlichen Einordnung und Historisierung digitaler Kulturen und Praktiken fragen würde, spielte auf dem Historikertag jedoch noch keine Rolle und könnte ein spannender Anknüpfungspunkt für kommende Veranstaltungen sein.

Anmerkung:
[1] Anselm Doering-Manteuffel / Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008.

Zitation
Historikertag 2014: Zeitgeschichte, in: H-Soz-Kult, 20.11.2014, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2543>.