Historikertag 2014: Westeuropa im 20. Jahrhundert

Von
Anna Karla, Historisches Institut, Universität zu Köln

Besprochene Sektionen:

Gewinner und Verlierer „nach dem Boom“ in Westeuropa
Ein verlorenes Jahrzehnt? Die 1970er Jahre in Frankreich und Großbritannien
„Gewinner“ und „Verlierer“ des Versailler Vertrags
Aus der Niederlage lernen? Archivische Überlieferungsbildung, Sammlungsaktivitäten und Erinnerungskulturen in der Weimarer Republik

Die westeuropäische Geschichte zählte auf dem 50. Deutschen Historikertag zu den guten alten Bekannten, die wie selbstverständlich dazugehören. Diese Verlässlichkeit spiegelte sich auch in der Einladungspolitik – nach Frankreich 2012 war in diesem Jahr Großbritannien zu Gast. Bei der Eröffnungsfeier in der Göttinger Lokhalle erinnerte der britische Botschafter Sir Simon McDonald an das 300jährige Jubiläum der Personalunion und an die engen Bande zwischen dem Vereinigten Königreich und der Stadt Göttingen. Institutionell war das Gastland durch die Royal Historical Society vertreten, die gemeinsam mit dem Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands eine Sektion zum Thema „The Psychology of National Difference in the Mid-20th-Century Crisis“ organisierte.

Im Gesamtprogramm des Historikertags drängte sich der geographische Schwerpunkt keineswegs auf. Im Bereich der Zeitgeschichte betrieben zwei Sektionen explizit westeuropäische Forschung, andernorts stand der Bezugspunkt dagegen höchstens implizit im Hintergrund. Der vorliegende Bericht bezieht sich daher auf den Stand der Forschung zu Westeuropa nach 1945, wie er in den zwei Zeitgeschichts-Sektionen vorgestellt wurde. Darüber hinaus behandelt er zwei Sektionen zur Zwischenkriegszeit, die Westeuropa nur indirekt thematisierten, die aber gerade dadurch zum Nachdenken über die Kategorie und ihre Bedeutung für die Erforschung des 20. Jahrhunderts anstießen.

In den Sektionen zu Westeuropa nach 1945 spiegelte sich der Trend der Zeitgeschichte, die 1970er-Jahre als die Zeit eines tiefgreifenden Strukturbruchs zu historisieren. Beiden Sektionen ging es um die Signatur einer Übergangsepoche, welche die zeitgenössisch tendenziell optimistisch konnotierte Nachkriegszeit von einer unmittelbaren Gegenwartsvorgeschichte mit hörbar pessimistischen Untertönen trennt. Die normativen Kategorien von „Gewinnern“ und „Verlierern“ erwiesen sich in der historischen Draufsicht als besonders fruchtbar, weil sie Abwägung verlangten und insofern gegen allzu kurze Schlüsse immunisierten. In der Gesamtschau bot sich das schillernde Bild einer Zeitgeschichte, die sowohl die Prosperität der Nachkriegszeit als auch den „neoliberalen Quellcode“ (Morten Reitmayer) der jüngsten Vergangenheit kritisch auf ihre Ambivalenzen und Schattierungen hin prüft. Die 1970er-Jahre bilden in dieser Periodisierung eine Art Wasserscheide. Auf ihnen liegt eine besonders hohe Beweislast und konsequenterweise standen sie auch in beiden Sektionen im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Die von MORTEN REITMAYER (Trier) geleitete Sektion „Gewinner und Verlierer ‚nach dem Boom‘ in Westeuropa“ verstand sich als empirisch breite Erprobung und analytische Schärfung einer ursprünglich „frechen Programmschrift“ – so LUTZ RAPHAEL (Trier) in der Diskussion.[1] Nachdem über diese Sektion schon mehrfach berichtet worden ist, werden die einzelnen Beiträge von Raphael, CHRISTIAN MARX (Trier), DIETMAR SÜß (Augsburg) und STEFANIE MIDDENDORF (Halle-Wittenberg) an dieser Stelle nicht noch einmal gesondert besprochen.[2] Insgesamt fiel auf, dass Westeuropa als Kategorie in den Beiträgen nicht eigens problematisiert, sondern in Gestalt der „Großen Drei“ – Großbritannien, Frankreich und die Bundesrepublik – pragmatisch gesetzt wurde. Dass es sich dabei letztlich um keine im Gegenstand begründete Konsequenz, sondern um eine heuristische Vorentscheidung handelte, wurde in der Diskussion deutlich. HARTMUT KAELBLE (Berlin) mahnte in seinem Schlusskommentar an, die Krisenepoche der 1970er-Jahre auch für das östliche Europa zu konturieren und, mehr noch, sie auch in globale Kontexte zu rücken. In einer Perspektive, die mittel- und osteuropäische Länder einbezieht, so ließen die einzelnen Beiträge vermuten, würde sich insgesamt „doch eher eine Verlierergeschichte“ (Kaelble) herauskristallisieren. Umso genauer müsse dann aber auch nach Elementen einer relativen Stabilisierung und nach den spezifischen Gewinnertypen der neoliberalen Lebens- und Arbeitswelt gefragt werden. In globaler Perspektive würde sich die Zeit „nach dem Boom“ in Westeuropa wohl vor allem als eine Zeit „vor dem Boom“ in den Schwellenländern erweisen.

Die Sektion „Ein verlorenes Jahrzehnt? Die 1970er Jahre in Frankreich und Großbritannien“ verstand sich als ein Schritt hin zu einer konsequenteren Internationalisierung der zeithistorischen Forschung.[3] Ziel der Sektion war es, die 1970er-Jahre als ein Jahrzehnt zu charakterisieren, in dem die britische und die französische Gesellschaft zwar mit strukturell ähnlichen Problemen befasst waren, diese jedoch auf unterschiedliche Weise artikulierten und reflektierten. Wie SONJA LEVSEN (Freiburg) in der Einführung hervorhob, seien Ansätze der Vergleichs- und der Transfergeschichte in Frankreich und Großbritannien derzeit noch auffällig unterrepräsentiert. In neueren Arbeiten zur Bundesrepublik der 1970er-Jahre würden Einflüsse aus Großbritannien, Frankreich und den USA dagegen tendenziell sogar überbetont. Diese „nationalspezifischen Logiken und Forschungsagenden“ (Levsen) müsse man nicht nur mitbedenken, sondern sollte sie ihrerseits innerhalb zeitgenössischer Narrative historisieren. Die Zeitgeschichtsschreibung laufe sonst Gefahr, populären Deutungsangeboten aufzusitzen – etwa dem britischen Pessimismus des „declinism“ oder dem relativen Optimismus der „années Giscard“ in Frankreich. Eine länderübergreifende Debatte sei auch deshalb nötig, so Levsens Plädoyer, weil man nur so auch der Spezifik nationaler Entwicklungspfade angemessen gerecht würde.

Die Fallbeispiele zu Frankreich setzten die angemahnte kritische Sicht auf zeitgenössische Wahrnehmungs- und Deutungsmuster um. CHRISTIANE REINECKE (Paris/ Hamburg) gab in ihrer Analyse der räumlichen und sozialen Marginalisierung in französischen Großstädten seit den 1960er-Jahren zu bedenken, dass die Exklusionsprozesse im urbanen Raum in Frankreich eine lange Geschichte hätten und daher auch jenseits der wirtschaftsgeschichtlichen Zäsur der 1970er-Jahre erforscht werden müssten. Reinecke sprach sich dafür aus, die „Trente Glorieuses“ um ihre Schattenseiten zu erweitern. Die Problemgeschichte der „neuen Armut“ in „Ausnahmeräumen“ (Reinecke) müsse in die Geschichte des tiefgreifenden Wandels westlicher Industriegesellschaften in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts integriert werden. HÉLÈNE MIARD-DELACROIX (Paris) griff in ihrem Beitrag zum Frankreich der 1970er-Jahre die These auf, dass die französische Forschung oft unreflektiert auf zeitgenössische Wahrnehmungsmuster und Beschreibungskategorien rekurriere. Gegenüber den gängigen Niedergangs- und Krisennarrativen seit den frühen Siebzigern müsse man für Frankreich berücksichtigen, dass der Zukunftsoptimismus von `68 keineswegs im Zuge der Ölkrise abrupt versiegt sei. Die Identifikationskraft des linken Lagers sei in breiten gesellschaftlichen Schichten virulent geblieben und habe im Verlauf des Jahrzehnts sogar zugenommen.

Die Fallbeispiele zu Großbritannien wiesen ebenfalls auf die Ambivalenzen der 1970er-Jahre hin und differenzierten folglich die im Sektionstitel bewusst provokant gehaltene Vermutung eines „verlorenen Jahrzehnts“. NICOLE KRAMER (Frankfurt am Main) kontrastierte anhand der Entwicklung des „voluntary sector“ im Großbritannien der Nachkriegszeit die gängige Rede vom „decline“ mit Aspekten der Innovation, des Aufbruchs und eines zumindest partiellen Zugewinns an wohlfahrtstaatlichen Elementen. Eine genaue Kontextualisierung zeitgenössischer Niedergangsnarrative erlaube es zudem, die Rede vom Ende des Wohlfahrtsstaats auf Planungsexperten und Politiker zurückzuführen und somit als Argumente innerhalb einer politischen Arena zu bewerten. JÖRG ARNOLD (Nottingham) widmete sich mit dem britischen „coal miner“ einer Schüsselfigur der Deindustrialisierung und zugleich einem Symbol für die „emotionale Tiefe“ (Arnold) der innerbritischen Auseinandersetzungen um den Wandel der Industriegesellschaft. In der öffentlichen Wahrnehmung durchlief die Figur des Bergarbeiters eine Karriere vom wirtschaftshistorischen Auslaufmodell und Inbegriff der britischen Krankheit hin zu einer positiv-romantisch konnotierten Heldenfigur. Der Vortrag regte dazu an, zeitgenössische Vorstellungen von Tradition und Sozialromantik stärker als bislang geschehen in die Analyse der 1970er-Jahre einzubeziehen. Nicht zuletzt wurde das Potential einer vergleichend-europäischen Perspektive deutlich, die den britischen „coal miner“ in einer länderübergreifenden Geschichte der Deindustrialisierung und der sozialen Bewegungen verortet.

DIETMAR SÜß (Augsburg) sprach sich im Schlusskommentar dafür aus, die nationalen historiographischen Landschaften noch systematischer zu kartographieren, um auf dieser Basis zu neuen Vergleichsnarrativen über die 1970er-Jahre zu kommen. Die von Süß vorgeschlagenen vier Kategorien umfassten die Rolle des Staates, der im Untersuchungszeitraum immer stärker in den Fokus einer auch selbstreflexiv-kritischen sozialwissenschaftlichen Expertenkultur rückte; die Präsenz von Arbeitskämpfen, die es notwendig machten, neben konsensliberalen Vorstellungen auch konkrete Akte von Gewalt in die Analyse einzubeziehen; die sozialen Bewegungen mit ihrem Überschuss an Utopie und ihren internationalen Verflechtungen; schließlich das postkoloniale Erbe in Frankeich und Großbritannien, das insbesondere auch auf die Trägerschichten sozialer Bewegungen rückwirkte.

Differenzierung im Detail und Vorsicht vor dem langen Nachwirken zeitgenössischer Narrative – dies war die Quintessenz einer Sektion, die insgesamt nicht beanspruchte, neue Epochensignaturen zu präsentieren, sondern überkommene nationalgeschichtliche Narrative zu destabilisieren. Schlüsselkonzepte der 1970er-Jahre wie der „Zerfall des Empires“ und die „Unregierbarkeit“ Großbritanniens, der Hoffnungsbegriff „modernité“ in Frankreich und schließlich der in beiden Ländern in unterschiedlicher Intensität reflektierte „Abschied vom Industriezeitalter“ gewannen durch die Konkretion in der historischen Empirie an Problempotential. Westeuropa wurde von den Referenten als heuristischer Rahmen indes nicht eigens bemüht. Offen blieb auch, inwieweit der vorgenommene französisch-britische Vergleich einen übergeordneten Begriff von Westeuropa voraussetzt – oder ob es sich dabei um einen Zugriff handelt, der für eine offenkundig transnational engagierte deutschsprachige Westeuropaforschung symptomatisch ist. Die anschließende Debatte konzentrierte sich dagegen auf die aus dem Plenum heraus vorgetragene Aufforderung, dekadische Zugriffe nicht überzustrapazieren und sie durch problemorientierte Ansätze zu ersetzen. Ob und inwiefern historische Zahlensymbolik auch auf eine Tendenz zur epochalen Selbstreflexion zurückzuführen ist, die vielleicht ihrerseits für die westeuropäische Nachkriegszeit spezifisch war, müssten ebenfalls weitere, auch vergleichende Studien zeigen. Die geleistete „Ortsbestimmung“ (Levsen) der 1970er-Jahre regte dazu fraglos an.

„Westeuropa“ war dem Programm nach nur im Bereich der Zeitgeschichte und dem Titel nach dort sogar nur in einer Sektion anzutreffen. Dennoch boten sich in zwei Sektionen zur Zwischenkriegszeit ebenfalls Perspektiven auf die westeuropäische Geschichte. Die Sektion „‚Gewinner’ und ‚Verlierer’ des Versailler Vertrags“ war institutionell das Resultat einer länderübergreifenden Zusammenarbeit zwischen dem Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands und dem französischen Historikertag „Le Rendez-vous de l’Histoire“ in Blois. Nach der jüngsten Kontroverse um den Beginn des Ersten Weltkriegs, der auf dem Historikertag in einer Podiumsdiskussion mit Christopher Clark und Gerd Krumeich Rechnung getragen wurde, hatte sich die Sektion zum Ziel gesetzt, die Frage der Kriegsschuld in die Debatten der Zwischenkriegszeit einzubetten und mithin zu historisieren. GERD KRUMEICH (Düsseldorf) bot eine engagierte Lesart des Artikels 231 des Versailler Vertrags, dessen zeitgenössische Brisanz eines Dokuments der „Schande“ von den Historikern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu stark relativiert worden sei. JOHANN CHAPOUTOT (Grenoble/ Paris) analysierte die völkerrechtlichen Diskurse, auf denen die Publizistik zur Revision des Versailler Vertrags in Deutschland und Österreich beruhte. JEAN-MICHEL GUIEU (Paris) beschrieb die französische Verhandlungsposition in Versailles als ein Lavieren zwischen französischen Interessen und einer notwendigen Solidarität mit den anderen Alliierten. In der anschließenden Diskussion kamen längere historische Linien und breitere geographische Kontexte zur Sprache. So plädierte Krumeich entschieden dafür, die Fragilität der internationalen Beziehungen nach dem Ersten Weltkrieg in einer gesamteuropäischen Perspektive zu erfassen. Die traditionell auf die westlichen Alliierten und das Deutsche Reich fokussierte Versailles-Forschung müsse viel stärker die zeitgenössisch völlig offene Lage in Mittel- und Osteuropa mit einbeziehen. In der rein westeuropäischen Sicht auf das „System Versailles“ seien einschneidende Ereignisse wie die Friedensverträge von Brest-Litowsk und Bukarest, aber auch so aufschlussreiche Quellen wie die Berichte der osteuropäischen Grenzkommissionen nach 1918 noch nicht genügend berücksichtigt worden.

Ungeplante Schützenhilfe erhielt Krumeichs Plädoyer für eine konsequentere Einbettung Westeuropas in den gesamteuropäischen Kontext durch die Sektion „Aus der Niederlage lernen? Archivische Überlieferungsbildung, Sammlungsaktivitäten und Erinnerungskulturen in der Weimarer Republik“.[4] Aus den Fachvorträgen von Archivaren und Bibliothekaren ging anschaulich hervor, dass eine kritische Sicht auf die Überlieferungslage und die Quellenproduktion nach 1918 neue Akzente in der Geschichte des Ersten Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit setzen könnte. So müsste etwa die Gründung des Reichsarchives im Jahr 1919 in die Geschichte der Weimarer Republik integriert, aber auch mit der Archivierungspraxis der Alliierten kontrastiert werden. Ferner wäre zu fragen, inwiefern sich die Neuordnung insbesondere des östlichen Europas nach dem Ersten Weltkrieg in nationalspezifischen Sammlungstätigkeiten niederschlug und inwiefern sich bei zeitgenössischen Dokumentationspraktiken auch länderübergreifende Tendenzen beobachten ließen.

Unterm Strich bündeln sich die Eindrücke des Historikertags zu drei Beobachtungen, aus denen sich einige Rückschlüsse auf den Stand der Westeuropaforschung zum 20. Jahrhundert ableiten: Erstens ist die vergleichende Forschung zu Großbritannien, Frankreich und der Bundesrepublik empirisch gut aufgestellt, wobei ein deutliches Gewicht auf der zweiten Jahrhunderthälfte und hier insbesondere auf der jüngeren Zeitgeschichte seit den 1960er-Jahren zu erkennen ist. Hier dominieren sozioökonomische Fragestellungen, die strukturelle Wandlungsprozesse mit Alltagswahrnehmungen und -erfahrungen verknüpfen. Besonders vielversprechend erschienen in Göttingen solche Ansätze, die diese Erkenntnisse konsequent auch auf die Agenden unterschiedlicher politischer Akteure beziehen. Die Zwischenkriegszeit war insgesamt unterrepräsentiert, wobei gerade für die unmittelbare Nachkriegszeit nach 1918 empirischer Forschungsbedarf besteht.

Zweitens schien Westeuropa auch heuristisch zu den guten alten Bekannten zu zählen und wurde daher häufiger als Prämisse gesetzt anstatt eigens reflektiert. Ein pluralistisches Westeuropa, zu dessen Geschichte die Beneluxstaaten, die Schweiz, Irland und die Iberische Halbinsel mindestens ebenso viel beizutragen hätten wie Großbritannien oder Frankreich, stand auf diesem Historikertag nicht zur Debatte. Die Diskussionen zu den 1970er-Jahren und interessanterweise auch die Sektionen zur Zwischenkriegszeit haben aber ohnehin deutlich gemacht, dass „Westeuropa“ letztlich immer nur ein Relationsbegriff ist, der im Grunde nicht aus sich selbst heraus historisch gefüllt werden kann. Konsequenterweise müsste man die westeuropäische Geschichte folglich immer auch als eine Form der Propädeutik zu einer Geschichtsschreibung verstehen und konzipieren, die geopolitische Differenzbegriffe wie West-, Mittel- und Osteuropa historisiert, parallel aber auch die Strukturähnlichkeiten europäischer Gesellschaften herausarbeitet. Dass im Umkehrschluss auch die Nationalgeschichten mit ihren eigenen Rhythmen und Pfadabhängigkeiten an Gewicht gewinnen könnten – dies war eine Erkenntnis dieses Historikertages.

Drittens schließlich war auch der 50. Deutsche Historikertag nicht nur Anzeiger von Fachdebatten, sondern schwangen unter der Hand Fragen der Gegenwart mit. Das Motto der „Gewinner und Verlierer“ verhehlte seine außerwissenschaftlichen Reminiszenzen in Zeiten von Wirtschaftskrisen und Debatten um soziale Ungleichheit jedenfalls nicht. In dieser Hinsicht war in den Vorträgen und Diskussionen zu beobachten, dass der einstmalige Verheißungsbegriff „Westeuropa“ nicht unbeschadet geblieben ist, sondern in den letzten Jahren sichtliche Kratzer abbekommen hat. Abzuwarten bleibt, ob im Zuge der Ostverschiebung von westlich konnotierten Normen und Werten seit 1989 und durch die EU-Erweiterungen die politische Rede von Westeuropa obsolet geworden ist, oder ob ihr nicht gerade angesichts aktueller Konfliktlinien eine ungeahnte Renaissance beschieden sein wird. Der britische Botschafter und der deutsche Bundespräsident umschifften in der Lokhalle derlei drängende Themen gekonnt. Die Geschichtswissenschaft aber muss sich wohl künftig auch die Frage gefallen lassen, welche Argumente für eine spezifische geographisch-kulturelle Einheit namens „Westeuropa“ sprechen und wie sich diese historisieren lassen. Dass man dafür auch das 19. Jahrhundert wieder brauchen wird, das in Göttingen kläglich unterrepräsentiert war, steht auf einem anderen Blatt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008.
[2] Vgl. den Sektionsbericht von Reinhild Kreis: Historikertag 2014: Gewinner und Verlierer „Nach dem Boom“ in Westeuropa, 23.09.2014–26.09.2014 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 20.10.2014, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5631> sowie den Querschnittsbericht zur Zeitgeschichte von Benjamin Möckel: Historikertag 2014: Zeitgeschichte, in: H-Soz-Kult, 20.11.2014.
[3] Vgl. den Sektionsbericht von Arne Hordt: Historikertag 2014: Ein verlorenes Jahrzehnt? Die 1970er-Jahre in Frankreich und Großbritannien, 23.09.2014–26.09.2014 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 31.10.2014, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5644>.
[4] Vgl. den Sektionsbericht von Senta Herkle: Historikertag 2014: Aus der Niederlage lernen? Archivische Überlieferungsbildung, Sammlungsaktivitäten und Erinnerungskultur in der Weimarer Republik, 23.09.2014–26.09.2014 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 31.10.2014, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5646>.

Zitation
Historikertag 2014: Westeuropa im 20. Jahrhundert, in: H-Soz-Kult, 30.01.2015, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2607>.