Thomas Etzemüller: Suchen wir Schuld oder wollen wir Gesellschaft analysieren? Eine Anmerkung zur aktuellen Debatte um Hans Rothfels

Von
Thomas Etzemüller

Schaut man sich die seit einigen Jahren geführte Debatte zur Geschichte der Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus an, so kann man feststellen, dass nicht wenige Historiker einem "staatsanwaltschaftlichen" Paradigma folgen. Ob es - um nur einige Beispiele zu nennen - um Werner Conze, Theodor Schieder, Otmar Frhr. von Verschuer, Hans Nachtsheim oder nun auch Hans Rothfels geht, es wird in erster Linie durch akribische Quellenarbeit versucht herauszufinden, was ein Individuum von den Verbrechen des Nationalsozialismus wusste, inwieweit der Einzelne sie vorbereitete und inwieweit man ihm Verantwortung oder Schuld zuschreiben kann. Einzelpersönlichkeiten werden als "Vordenker der Vernichtung" (Conze, Schieder) oder zumindest als Vordenker des Faschismus entlarvt, so wie nun Rothfels durch Karl Heinz Roth. Zweifellos sind derartige Untersuchungen notwendig. Ohne Individuen, deren Intentionen man kausal auf die Verbrechen des NS bezöge, könnte man eine Geschichte des Nationalsozialismus gar nicht schreiben.

Es bleiben aber zwei Probleme bei diesem Ansatz. Zum einen die Frage von Moral. Derartige Untersuchungen können durchaus entgleisen, etwa wenn es in erster Linie darum geht, Schuld posthum festzustellen und ein Urteil zu fällen. Während Staatsanwälte immerhin verpflichtet sind, in ihre Anklage auch entlastende Momente einzubeziehen, wird bei manchen Historikern die Unschuldsvermutung von vornherein ausgeblendet. Die Feststellung von "Schuld" wird leicht zu einer moralischen Pflicht, und das kann soweit gehen, dass in der gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskussion Theorien und methodische Ansätze mit moralischen Argumenten bekämpft werden, sei es, dass ein Generationenmodell abgelehnt wird, weil es "jegliche Verantwortung für das eigene Handeln" ausblende[1], sei es, dass "postmoderne Theorien" - was immer das nun sein soll - mit dem unsinnigen Hinweis verworfen werden, dass dann Auschwitz zum Diskurs oder Text reduziert und verharmlost würde. [2] Das zweite Problem ist die Frage der Intention. Für die Verbrechen des Nationalsozialismus benötigt man Schuldige, die wussten und wollten, was sie taten. Das Gegenmodell baut auf die Figur des "Verführten" oder "Missbrauchten", der eigentlich ganz andere Intentionen gehabt habe und vom Regime (oder einfach nur von Hitler) verführt oder missbraucht worden sei, ohne auch nur zu wissen, was ihm geschah. Natürlich kann man beide Figuren beobachten. Wie weit aber kommt man analytisch, wenn man Schuld, Unschuld oder Mitläufertum plausibel zugewiesen hat? Was haben wir davon, dass Roth meint, den Nachweis führen zu können, dass Rothfels "eine faschistische Bresche" in die Zunft habe schlagen können? Wir laufen da rasch Gefahr, eine Geschichte des "Dritten Reichs" zu schreiben, die von Individuen besiedelt ist, deren Handlungen nachträglich beurteilt werden. Und dann?

Die Reduktion der Analyse auf Individuen, ihre Intentionen und Schuld scheint mir ein Ansatz zu sein, der zuviel verdeckt. Auf diese Weise kommt man nicht zu der in meinen Augen wirklich wichtigen Frage, wie der Nationalsozialismus sich entfalten konnte. Deshalb sollte man - ich kann das aus Platzgründen nur andeuten - kollektive Prozesse und das, was im Anschluss an Michel Foucault, Pierre Bourdieu und Ludwik Fleck pauschal als "Dispositionen" bezeichnet werden kann, in die Analysen einbeziehen. Damit wird der Nationalsozialismus grundlegend anders beobachtet: Nicht mehr Männer machen Verbrechen oder bereiten sie vor (Intentionalismus), nicht mehr Strukturen determinieren Verbrecher (Funktionalismus), sondern Dispositionen bringen Individuen dazu, im Kollektiv zu handeln. An dem, was sich als Individuum identifizieren lässt, kann man detailliert untersuchen, wie sich Diskurse, Denkstile und Habitus überschneiden und das Individuum in einem geistigen und sozialen Feld verorten, das seine Wahrnehmungen und seine Handlungen formatiert, ohne sie zu determinieren. Man versteht dann m.E. differenzierter, warum ein Individuum gehandelt hat, wie es gehandelt hat, und wie es durch sein Handeln zur Reproduktion von Dispositionen im Einklang mit einem Kollektiv beigetragen hat, Dispositionen, die wiederum den Nationalsozialismus begünstigt haben. [3]

Nehmen wir als Beispiel die bürgerlichen, oft humanistisch gebildeten deutschen Historiker wie Werner Conze, Theodor Schieder, Gerhard Ritter, Hermann Aubin oder Hans Rothfels, denen man durchaus Distanz zu den "pöbelhaften" Seiten des Nationalsozialismus unterstellen darf. Und doch traf dessen ideologischer Kern auf bestimmte mentale und habituelle Dispositionen der Historiker, etwa den Habitus des "feinsinnigen" Bildungsbürgers, der sich nach 1918 von der "Masse der Ungebildeten" bedroht fühlte. Dieser Habitus verband sich mit einem massiv antikommunistischen und national orientierten Diskurs, so dass für zahlreiche Historiker automatisch Affinitäten zur nationalsozialistischen Großmacht- oder Rassenpolitik entstanden - selbst dann, wenn dessen radikalste Ausformungen bewusst abgelehnt wurden -, denn der NS schien erneute nationale Größe und eine stabile, gegen Revolutionen imprägnierte Gesellschaftsordnung zu versprechen. Das Entscheidende ist, dass Historikern nicht bewusst wurde, dass sie diese Allianz nicht einfach auf der politischen Ebene schlossen (1933) und dann wieder lösen konnten (1945), sondern dass sie Ausdruck einer ganz anderen, wesentlich tiefergehenden Allianz war, die ihre wissenschaftliche Arbeit prägte. Es lässt sich nämlich beobachten, dass es für Historiker von der Weimarer Republik bis weit in die Nachkriegszeit nichts weniger als "natürlich" war, wissenschaftlich auf Seiten ihrer Nation gegen andere Nationen und vor allem gegen den Kommunismus zu kämpfen. Diese antikommunistisch geprägte Affinität zur Nation durchtränkte ihre gesamte Geschichtsschreibung und machte ihre wissenschaftliche Arbeit automatisch zu einer politischen Geschichte; damit bestand aber auch eine "natürliche" Affinität zum jeweiligen politischen System - soweit es die Nation nicht bedrohte. Die Nation war das unhinterfragbare und nichtreflektierbare Gehäuse, die Sorge vor ihrer Desintegration (sprich: Revolution) der Motor ihres Denkens und Handelns. [4]

Diese Affinität zum System und die Prägung wissenschaftlicher Arbeit durch Denkbilder aus dem sozio-politischen Bereich ist den meisten Historikern verborgen geblieben. Auf Grund eines spezifischen Objektivitätsverständnisses - "Objektivität" als Abwehr alles subjektiv Willkürlichem, und "Ideologiefreiheit" als Abwehr politischer Anweisungen - konnten sie mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit ein politisches System stützen und gleichzeitig, vor wie nach 1945, guten Gewissens der Meinung sein, ihre wissenschaftliche Unabhängigkeit und Objektivität gewahrt zu haben, also im engen Sinne unpolitisch geblieben zu sein. Eine ähnliche Politisierung ohne direktes Engagement und ein ähnliches symbiotisches Verhältnis zwischen Nation und Wissenschaft bzw. Technik ist mittlerweile für die deutschen Physiker, Architekten und Ingenieure herausgearbeitet worden. [5] Und diese nicht reflektierbaren Allianzen, die zu eindeutig politischen Effekten geführt haben, müssen analysiert werden. Das heißt, es sollten hier auf jeden Fall drei Ebenen untersucht werden: 1. Wollen: Intentionen, denen man Schuld zuordnen kann. 2. Nichtsehen-Wollen: Handlungen, die von den Handelnden mit Hilfe ausgeklügelter Mechanismen verdrängt wurden (räumliche Trennung von KZ und Forschungsinstitutionen, die neutrale Bezeichnung von menschlichen Körperteilen als "Material" und dergleichen mehr), denen man aber immerhin Verantwortung zuordnen kann. 3. Nichtsehen-Können: Praktiken, die Affinitäten zum NS herstellten, die die Beteiligten tatsächlich nicht sehen konnten, die aber gleichwohl Effekte zeitigten, die das Regime stützten und seine Verbrechen ermöglichten. Ich halte diese Ebene für die Wichtigste. Denn hier kann man beobachten, wie von Betroffenen Handlungen in ein kognitives System eingefügt wurden, so dass diese Handlungen legitim erschienen, während die Effekte abgespalten und über eine auf der Basis von Intentionen operierende Argumentation auf dezidierte Nationalsozialisten abgeschoben werden konnten. Das radikale Ordnungsdenken von deutschen Historikern ist ein Beispiel dafür, wie ein spezifischer Denkstil (Deutschland ist von Desintegration bedroht) unreflektiert bestimmte Intentionen (Ordnung wahren) und dann NS-stabilisierende Effekte produzierte (Volksgeschichte), die später mühelos in die bundesrepublikanische Sozialgeschichte überführt werden konnten, weil sie - auch in den Augen der Umwelt! - offensichtlich nicht gegen das Objektivitätspostulat verstoßen hatten. "Schuldig" waren einige wenige "Epigonen" wie Hans Frank. [6] Dieser Prozess war derart effektiv, dass noch heute die verborgenen Werthaltigkeiten etwa in Werner Conzes Aufsatz "Vom Pöbel zum Proletariat" oder seinem Buch "Ostmitteleuropa" übersehen werden. [7]

Diese Mechanismen müssen voneinander abgegrenzt und beobachtet werden, um zu verstehen, dass der Nationalsozialismus nicht nur das Ergebnis böswilliger oder verblendeter Individuen war, nicht nur Folge struktureller Spannungen, sondern dass er letztlich nur deshalb bestehen konnte, weil er aus den unterschiedlichsten Gründen in der alltäglichen Praxis ganz unterschiedlicher Individuen immer aufs Neue vollzogen worden ist. Auf diese Weise verbleibt das Individuum in der NS-Geschichte, ohne dass man aber allein auf die Termini von Ideologie, Wille oder Schuld angewiesen ist. Was kann das Individuum wollen, was lassen die Dispositionen es wollen und was sind die realen Effekte seines (unreflektierten) Handelns? Vielleicht kann ein aktuelles Beispiel die Vorzüge einer solchen Herangehensweise verdeutlichen. Auf der einen Seite gibt es Wissenschaftler, die alles daran setzen, den ersten Menschen zu klonen. Ihnen kann man möglicherweise nachweisen, dass sie gegen ethische Regeln oder Gesetze verstoßen oder gar aus reinem Eigennutz oder kommerziellen Interessen handeln; dann lässt sich ihre Tätigkeit einschränken oder verhindern. Hinter solchen Frontfiguren, auf die man sich - zu Recht - einschießt, laufen andererseits ganz subtile Prozesse ab: Immer mal wieder werden den meisten Menschen bislang vollständig unbekannte Krankheiten in das Licht der Öffentlichkeit gehoben. Zeitungsartikel schildern tragische Schicksale, am liebsten die von Kindern, illustriert mit herzzerreißenden Bildern. Als Lösung werden zukünftige Medikamente angeboten, die aber nur mit Hilfe von Genforschungen entwickelt werden können. Sollte man da nicht tatsächlich eine Ausnahme machen, um diesen Kindern zu helfen? Nur nebenbei erfährt man allerdings, dass weltweit gerade 100 Menschen an der beschriebenen Krankheit leiden, das Bild des Kindes, die Vorstellung der schrecklichen Krankheit und der Diskurs, Krankheiten seien in jedem Fall zu vernichten, dominieren die Diskussion. So werden - durch Individuen, aber ohne explizite Intentionen - Maßstäbe in der alltäglichen Praxis unmerklich verschoben. Am Ende wird eine Grenze aufgeweicht und wir werden da angekommen sein, wo wir offiziell bislang auf keinen Fall hinkommen wollten. Und dann wird man auch den Wissenschaftlern kein Einhalt mehr gebieten können. Kann man diesen Prozess mit dem Nachweis von "Schuld" oder auch nur "Verantwortung" analysieren?

Prof. Dr. Thomas Etzemüller ist Juniorprofessor für Zeitgeschichte nach 1945 an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich der deutschen bzw. schwedischen Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert sowie der Geschichte und Theorie der Geschichtswissenschaft. Homepage: http://www.staff.uni-oldenburg.de/thomas.etzemueller/

Anmerkungen:

[1] Diese Kritik referieren Jaworski, Rudolf; Petersen, Hans-Christian, Biographische Aspekte der „Ostforschung“. Überlegungen zu Forschungsstand und Methode, in: Bios. Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 15 (2002), 1, S. 47-63, hier S. 55f.

[2] Und damit sei die Sinnlosigkeit der "postmodernen" Theorie für alle Bereiche der Geschichte bewiesen, vgl. Evans, Richard J., Fakten und Fiktionen. Über die Grundlagen historischer Erkenntnis, Frankfurt am Main 1998, hier S. 123. Evans ist ein typisches Beispiel für Historiker, die Theorie mit Moral auszuhebeln versuchen, weil sie nicht fähig (oder willens) sind, die abgelehnte Theorie adäquat (also: wissenschaftlich) zu diskutieren.

[3] Dazu ausführlich: Foucault, Michel, Archäologie des Wissens, 5. Aufl., Frankfurt am Main 1992; Ders., Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt am Main 1991; vgl. auch Ders., Was ist ein Autor?, in: Ders., Schriften zur Literatur, Frankfurt am Main 1988, S. 7-31; Ders., Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, 8. Aufl., Frankfurt am Main 1989 (als gute Einführung nunmehr: Maset, Michael, Diskurs, Macht und Geschichte. Foucaults Analysetechniken und die historische Forschung, Frankfurt am Main 2002, bes. S. 113-160); Fleck, Ludwik, Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv, Frankfurt am Main 1980; Bourdieu, Pierre, Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft, Frankfurt am Main 1979; vgl. auch Ders., Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt am Main 1987; Ders., Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Kreckel, Reinhard (Hg.), Soziale Ungleichheiten, Göttingen 1983, S. 183-198.

[4] Für die Verquickung von Nation, "Masse" und Wissenschaft in der wissenschaftlichen und politischen Arbeit deutscher Historiker vgl. Etzemüller, Thomas, Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945, München 2001, bes. S. 296-309.

[5] Metzler, Gabriele, Internationale Wissenschaft und nationale Kultur. Deutsche Physiker in der internationalen Community 1900-1960, Göttingen 2000; Willeke, Stefan, Die Technokratiebewegung in Nordamerika und Deutschland zwischen den Weltkriegen. Eine vergleichende Analyse, Frankfurt am Main 1995, bes. S. 131f., 152, 160, 167f.; Durth, Werner; Gutschow, Niels, Träume in Trümmern. Stadtplanung 1940-1950, München 1993, S. 9-11.

[6] Etzemüller, Thomas, Kontinuität und Adaption eines Denkstils. Werner Conzes intellektueller Übertritt in die Nachkriegszeit, in: Weisbrod, Bernd (Hg.), Akademische Vergangenheitspolitik. Beiträge zur Wissenschaftskultur der Nachkriegszeit, Göttingen 2002, S. 123-146.

[7] Vgl. hierzu Etzemüller (wie Anm. 4), S. 116-118, 273-278.

Zitation
Thomas Etzemüller: Suchen wir Schuld oder wollen wir Gesellschaft analysieren? Eine Anmerkung zur aktuellen Debatte um Hans Rothfels, in: H-Soz-Kult, 16.02.2003, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-284>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.02.2003
Weitere Informationen
Sprache Beitrag