Forum: T. Rahlf: Die Ironie der Geschichte

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Thomas Rahlf, Lehrbeauftragter an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Institut für Geschichtswissenschaft, Abteilung Verfassungs-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte

Das VHD-Grundsatzpapier „Quellenkritik im digitalen Zeitalter: Die Historischen Grundwissenschaften als zentrale Kompetenz der Geschichtswissenschaft und benachbarter Fächer“ von Eva Schlotheuber und Frank Bösch ist sehr zu begrüßen. Als Student hatte ich mich immer gefragt, wozu man sich eigentlich mit Heraldik oder Sphragistik beschäftigt. Gab und gibt es doch so viel spannendere Bereiche der Geschichtswissenschaft, wie zum Beispiel die Auswertung serieller Quellen mit fortgeschrittenen statistischen Verfahren, um damit zu völlig neuen Erkenntnissen zu gelangen. Es ist nicht zu bestreiten, dass die „klassischen“ Hilfswissenschaften ihre Existenzberechtigung haben: Wenn niemand mehr weiß, was Wappen, Siegel und Münzen bedeuten, wie Urkunden aufgebaut sind und ediert werden müssen, wie man handschriftliche Akten überhaupt lesen kann, dann braucht man auch keine digitale Hilfs- oder Hauptwissenschaft, die auf dieser Grundlage wohlmöglich neue, zumindest jedoch zeitgemäße Erkenntnisse und Resultate produziert. Und zugegeben: Die mittlerweile auch von deutschen Autorinnen und Autoren publizierten Arbeiten mit fortgeschrittenen computergestützten statistischen Berechnungen, insbesondere zur Wirtschaftsgeschichte, verwenden ausnahmslos Verfahren, die in den Methodenübungen der benachbarten Wirtschafts-und Sozialwissenschaften erlernt werden können.

Was aber ist mit den seriellen Quellen? Das ist die Ironie der Geschichte. Ausgerechnet sie spielen in den Diskussionen um die Digital Humanities keine Rolle. Das ist zum einen bemerkenswert, weil sie nämlich ein Nukleus dieser mittlerweile doch recht strahlenden „neuen“ (Hilfs-)Wissenschaft waren, als die quantitative Geschichtswissenschaft nicht nur Wirtschafts- und Sozialgeschichte war, sondern mehr sein wollte, und in Computern ihre Instrumente für einen Paradigmenwechsel erblickte. Gleichzeitig gehört die quantitative Auswertung serieller Quellen traditionell auch nicht zu den Historischen Grund- oder Hilfswissenschaften. Daher ist es zum anderen vor allem bedauerlich, dass diese Quellen weder hier noch dort eine nennenswerte Rolle spielen. Was ihre Verfügbarmachung angeht, fristen sie ebenfalls ein Schattendasein. Zwar ist der Bereich der Editionen geradezu idealtypisch für eine erfolgreiche Verknüpfung von Altem (textkritischem Editieren) und Neuem (digitalem Enkodieren und Präsentieren). Quelleneditionen, vor allem die traditionell unter der Obhut von Historischen Kommissionen oder landesgeschichtlichen Gesellschaften stehenden großen Editionsprojekte, widmen sich aber eher solchen Überlieferungen, die gerade nicht durch die Eintönigkeit des scheinbar immer gleichen hervorstechen – Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel.

Aus den Archiven kommen in den letzten Jahren begrüßenswerte Initiativen, durch Information für den Gebrauch ihrer, so wörtlich, „unbekannten“ seriellen Quellen und Massenakten zu werben.[1] Aber die Archive beschränken sich eben auf „ihre“ Quellen im Sinne von „Beständen“. Ausführungen zu den Möglichkeiten einer computergestützten Auswertung oder auch nur maschinellen Verarbeitung sucht man bislang vergeblich: Was kann man auf welche Weise auswerten, was sollte man tunlichst vermeiden? Wie kann man die einen Daten mit den anderen verknüpfen? Georg Vogeler stellte kürzlich die Frage: „Warum werden mittelalterliche und frühneuzeitliche Rechnungsbücher eigentlich nicht digital ediert?“[2] Man könnte ergänzen: Warum erklärt eigentlich niemand den Studierenden die Aussagefähigkeit und Auswertungsmöglichkeiten dieser Quellengattungen – über den Einzelfall hinaus? So, wie wir es von der Heraldik und Sphragistik für Wappen und Siegel kennen. Eine systematische, didaktische Quellenkunde zu seriellen Quellen gibt es in Deutschland nicht, nicht als Lehrbuch, geschweige denn als Lehrstuhl oder Institut. Will man in deutscher Sprache zum Beispiel etwas zu den Methoden der Historischen Demographie erfahren, muss man auf ein schmales Büchlein von 1978 zurückgreifen.[3]

Richtungweisende Erkenntnisse auf der Basis von seriellen Quellen in der Wirtschafts-, Sozial-, Umwelt-, Politik-, Kultur- oder Kriminalitätsgeschichte verdanken wir häufig Autodidakten: einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern oder kleinen Arbeitsgruppen, die sich selbst erarbeitet haben, welche Schlüsse man aus Preiskuranten, Kirchen-, Renten- und Hypotheken-, Rechnungs-, Turm- und Steuerbüchern, Inventuren und Teilungen, Testamenten, Matrikeln, Haushaltsrechnungen, Personenakten, amtlichen Statistiken unterschiedlichster Provenienzen und vielem mehr ziehen kann. Oder solchen, die auf die Landesgeschichte zugegangen sind.[4] Keine dieser Erkenntnisse ist in den letzten dreißig Jahren ohne den Gebrauch von Computern entstanden. Aber praktisch in jedem einzelnen Fall ist es „irgendwie“ geschehen.

Manfred Thaller hat vor einem Vierteljahrhundert in einer „Halbgrauen Reihe zur Historischen Fachinformatik“ in einer „Serie A - Historische Quellenkunden“ mehrere Skripte herausgegeben, die jeweils eine (serielle) Quellengattung in den Mittelpunkt stellten, in der diese nicht nur Quellen, sondern auch Daten waren. Eine „Serie C – Datenbasen als Editionen“ sollte die Quellenkunden um konkrete Daten / Quellen ergänzen. Mit dem technischen Fortschritt und den zunehmenden Möglichkeiten der digitalen Verarbeitung nichtnumerischer Informationen sind solche Ansätze in der Versenkung verschwunden. Sie sind aber so aktuell wie eh und je: denn historische Daten weisen in aller Regel einen höheren Komplexitätsgrad auf als etwa Meinungsumfragen der Sozialwissenschaften. Man könnte sie nunmehr mit allen Raffinessen der modernen Möglichkeiten digitaler Geisteswissenschaften standardisiert bearbeiten. Man müsste sehen, wie man ihre Auszeichnungspraktiken (TEI, EAD) mit denen der Sozialwissenschaften (DDI, SDMX) in Einklang bringt. Eine echte und lohnenswerte Herausforderung. Man müsste Standards schaffen, wie diese Daten angemessen digital erschlossen werden können, so dass sie für relevante Fragestellungen primär und sekundär verwendbar sind. Das müsste verbunden werden mit der Aufnahme einer seriellen Quellenkunde in den Kanon der klassischen Hilfswissenschaften. Wie genau das zu lösen ist, muss man sehen. Eine analoge wie digitale Kunde serieller Quellen gehört jedoch zu einer kompletten Geschichtswissenschaft und zu ihren Hilfswissenschaften als integraler Bestandteil dazu, jenseits aller strategischen Herausforderungen durch neue Quellen oder durch aktuelle technische Möglichkeiten zur Bearbeitung alter.

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Anmerkungen:
[1] Unbekannte Quellen: „Massenakten“ des 20. Jahrhunderts. Untersuchungen seriellen Schriftguts aus normierten Verwaltungsverfahren (= Veröffentlichungen des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen 32), im Auftrag des Landesarchivs hrsg. von Jens Heckl, Düsseldorf 2010; Dass. Band 2 (= Veröffentlichungen des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen 43), Düsseldorf 2012. Die Bände orientieren sich vom Aufbau her an: Serielle Quellen in südwestdeutschen Archiven (= Publikationen des Württembergischen Geschichts- und Altertumsvereins), hrsg. von Christian Keitel und Regina Keyler, Stuttgart 2005.
[2] Georg Vogeler, Warum werden mittelalterliche und frühneuzeitliche Rechnungsbücher eigentlich nicht digital ediert?, in: Constanze Baum / Thomas Stäcker (Hrsg.), Grenzen und Möglichkeiten der Digital Humanities (= Sonderband der Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften, 1) (2015), <http://www.zfdg.de/warum-werden-mittelalterliche-und-fr%C3%BChneuzeitliche-rechnungsb%C3%BCcher-eigentlich-nicht-digital-ediert> (24.11.2015). DOI: 10.17175/sb001_007
[3] Arthur E. Imhof, Einführung in die historische Demographie, München 1977. Dass derlei Fragestellungen durchaus noch aktuell sind, belegen beispielweise die Aktivitäten des Rostocker Forschungsverbunds Historische Demographie oder ein jüngst erschienener Sammelband mit Beiträgen aus Spanien, den Niederlanden, Dänemark, Kanada und Australien, den die Herausgeber im Vorwort als „at the heart of digital humanities“ verorten: Gerrit Bloothooft / Peter Christen / Kees Mandemakers / Marijn Schraagen (Hrsg.), Population Reconstruction, Cham 2015.
[4] Siehe zum Beispiel den Tagungsbericht des gemeinsam vom Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften (sic!) Tübingen, der University of Cambridge, der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart und dem Alemannischen Institut veranstalteten Tagung „Revolution des Fleißes, Revolution des Konsums? Leben und Wirtschaften im ländlichen Württemberg 1650-1800“: Georg Wendt, Tagungsbericht: Revolution des Fleißes, Revolution des Konsums? Leben und Wirtschaften im ländlichen Württemberg 1650-1800, 12.09.2012 – 14.09.2012 Stuttgart-Hohenheim, in: H-Soz-Kult, 28.11.2012, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4491> (24.11.2015).

Zitation
Forum: T. Rahlf: Die Ironie der Geschichte, in: H-Soz-Kult, 09.12.2015, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2916>.
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Veröffentlicht am
09.12.2015
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