Forum: J. Keupp: Die digitale Herausforderung: Kein Reservat der Hilfswissenschaften

Von
Jan Keupp, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Das Positionspapier des VHD liefert eine konsensfähige Diagnose, mit der "Integration der Digital Humanities"[1] in die Historischen Hilfswissenschaften gleichwohl eine fragwürdige Therapieempfehlung. Als "Klageschrift"[2] zum schleichenden Rückbau hilfswissenschaftlicher Kompetenzen und Ressourcen an den deutschen Universitäten war ihm eine positive Resonanz sicher, zumal es dem Schmerz über vergangene Verluste nicht auch noch den Schrecken zukünftiger Umverteilung hinzufügte. "Im Kern (...) konservativ"[3] sucht es, das Althergebrachte durch eine Verschmelzung mit dem vermeintlich Innovativen zu bewahren, die digitale Herausforderung zum Vehikel einer Stärkung hilfswissenschaftlicher Lehrstühle zu machen. Anders gesagt: Den sprichwörtlichen Kuchen zu essen und ihn gleichzeitig zu behalten.

Hohe Standards und noch höhere Erwartungen
Die bisherigen Debattenbeiträge offenbaren das Profil dieser paradoxen Doppelstrategie. Die Diskutant/innen bekräftigen einerseits die m.E. berechtigte Sorge, dass durch eine Geringschätzung der Hilfswissenschaften "Wissen verloren geht, das später nur schwer wieder an den Universitäten etabliert werden kann"[4], und beschwören die gewachsenen wissenschaftlichen Standards, die freilich "ein hohes Maß an Spezialisierung in der Forschung"[5] verlangten. Auf der anderen Seite geben sie der ebenso nachvollziehbaren Hoffnung auf eine digitale Erweiterung der Hilfswissenschaften Ausdruck: Es gelte dem "digitalen Analphabetismus" vorzubeugen, müsse von einem zukunftsorientierten Fachvertreter doch im Mindestmaß verlangt werden, "einen vorgefundenen statistischen Datensatz in einem SPSS-Derivat konzeptionell einordnen zu können."[6] Die bisherige Digitalisierungspraxis sei daher um "kritische methodische und epistemologische Fragestellungen"[7] zu ergänzen, zugleich gelte es, "Methoden wie Data und Text Mining, Datenvisualisierung, digitales Kartieren und viel mehr"[8] einzuüben und auszubauen. Die aktuelle Praxis einer amateurhaften Wilderei im Grenzgebiet von Geschichtswissenschaft und Informatik sei bei mangelnder Medienkritik derart problematisch, "dass wer die Entstehung und Verarbeitung von Daten nicht nachvollziehen kann, diese nicht innerhalb von historischer Forschung verwenden darf."[9]

Die geforderte "Integration der Digital Humanities” bedeutet vor diesem Hintergrund eine erhebliche Zusatzbelastung für eine Fächergruppe, die momentan bereits nach "Schwerpunktbildung statt nach kanonorientierter Breite"[10] verlangt. Wo aktuell die fachgerechte Unterscheidung zwischen "carta und notitia" zum Gradmesser hilfswissenschaftlicher Kompetenz gemacht wird[11], scheinen für das offenbar unterschätzte Methodenspektrum der Digital Humanities kaum Kapazitäten vorhanden.[12] Sie fallen vermutlich umso geringer aus, als zu Recht "Zeiten knapper werdender Ressourcen und zunehmend verschulter Curricula"[13] moniert werden.

Konsumption der Hilfswissenschaften durch die Digital Humanities?
Die naheliegende Option, vorhandene Professuren durch eine zusätzliche Denomination mit "Digital Humanities" vermeintlich aufzuwerten, stellt angesichts einer solchen Überfrachtung unweigerlich vor eine strategische Grundsatzentscheidung: Gibt man den traditionellen Hilfswissenschaften den Vorzug oder etabliert doch lieber eine epochen- und disziplinübergreifende Fachinformatik? Droht aber auf diesem Wege nicht die Konsumption des einen durch das andere? Zumal dann, wenn – wie jüngst durch Thomas Rahlf in diesem Forum – nicht mehr nur unter vorgehaltener Hand argumentiert wird, dass "es doch so viel spannendere Bereiche der Geschichtswissenschaft" als die Sphragistik oder die Numismatik "gab und gibt".[14] Messerscharf bringt Claudia Märtl das hieraus resultierende Dilemma auf den Punkt: "Der unbefriedigenden Situation kann nicht dadurch abgeholfen werden, dass Digital Humanities eingeführt werden und die Grundwissenschaften weiterhin marginalisiert bleiben."[15] Die Utopie einer digitalen Erneuerung der Historischen Hilfswissenschaften droht in den Mühlen der universitären Stellenbewirtschaftung auf dystopische Weise zu scheitern.

Der Entscheidungsdruck wächst mit Blick auf die universitäre Lehre. Der Rückgang der Fachanteile in der Lehrerausbildung in Verbindung mit dem verschulten Kerncurriculum der grundständigen Studiengänge zwingt zu fortwährenden Selektionsakten in der akademischen Wissensvermittlung. Der Komplexitätsreduktion dient es dabei, wenn Datierungsfragen nurmehr über den "Grotefend online"[16] vermittelt und Schriftüberlieferung im Wesentlichen durch den Filter kritischer Editionen bzw. Übersetzungsausgaben wahrgenommen werden. Der mancherorts obligatorischen Methodenübung in den Historischen Hilfswissenschaften abzuverlangen, sowohl systematisch die Kernkompetenzen traditioneller Quellenkritik zu stärken als auch Techniken digitaler Datenanalyse zu vermitteln, käme einer Quadratur des Kreises gleich.

Ein chimärenhaftes Verschmelzen von Hilfswissenschaften und Digital Humanities zu einem gemeinsamen Stellenprofil könnte sich bereits mittelfristig als fauler Kompromiss erweisen. Die komplexe digitale Herausforderung lässt sich kaum mit Hilfe disparater Feigenblatt-Professuren bewältigen oder als Appendix einer bestehenden Fachgruppe, bestehend aus einem letzten "dreckigen Duzend" von Lehrstühlen[17], betreiben. Persönlich möchte ich anmerken: Es dürfte mir schwerfallen, die Digital Humanities auf einem wünschenswerten Qualitätsniveau in das Portfolio meiner dreifach denominierten Professur für "Geschichte des Hoch- und Spätmittelalters und Historische Hilfswissenschaften" zu integrieren.

Digital Humanities: Eine Gemeinschaftsaufgabe
Ich teile grundsätzlich Torsten Hiltmanns Vision, "die Historischen Hilfswissenschaften methodisch zu digitalisieren".[18] Daran führt angesichts der enormen Potentiale und Herausforderungen kein Weg vorbei. Doch sollte diese digitale Wende anders als ältere Diskussionen um die paläographische Entwicklung der e-cauda kein sorgsam gehütetes Reservat einiger weniger hilfswissenschaftlicher Spezialisten blieben, eingeschlossen im Elfenbeinturm eruder Fachgelehrsamkeit. Sie muss auf die breiten Schultern aller historischen Teildisziplinen gelegt und aus den Fragestellungen möglichst aller Fachkolleg/innen gespeist werden. Die geforderte "Integration der Digital Humanities" ist eine genuine Gemeinschaftsaufgabe der gesamten historischen Zunft. Nur auf diese Weise kann "Digital History" sich tatsächlich als "Mannschaftssport" etablieren.[19]

Daraus erwächst der Bedarf an universitätsübergreifenden Kompetenzzentren einer digitalen Geschichtswissenschaft. Sie sollten nach dem Vorbild der Max-Planck-Institute Fachinformatiker/innen und Historiker/innen unter einem institutionellen Dach zusammenführen. Aufgabe solcher Zentren wäre es, als Supporteinrichtungen und Impulsgeber für die unzähligen dezentralen Initiativen zu agieren. Selbstverständlich wären zu ihrer Etablierung finanzielle und personelle Ressourcen bereitzustellen. Diese Lasten sollten aber nicht alleine den Historischen Hilfswissenschaften aufgebürdet, sondern gleichfalls auf die Schultern der gesamten Disziplin gelegt werden.

Eine Übersicht über alle Beiträge des Diskussionsforums finden Sie hier: <http://www.hsozkult.de/text/id/texte-2890>.

Anmerkungen:
[1] Forum: E. Schlotheuber/F. Bösch: Quellenkritik im digitalen Zeitalter: Die Historischen Grundwissenschaften als zentrale Kompetenz der Geschichtswissenschaft und benachbarter Fächer, in: H-Soz-Kult, 16.11.2015, <http://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2866> (alle Links letztmals am 10.12.2015 abgerufen).
[2] Forum: J. Johrendt: Digitalisierung als Chance, in: H-Soz-Kult, 02.12.2015, <http://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2902>.
[3] Forum: H. Müller: Schlüsselkompetenzen der Quellenkundigkeit, in: H-Soz-Kult, 20.11.2015, <http://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2892>.
[4] Forum: E. Schlotheuber/F. Bösch: Quellenkritik im digitalen Zeitalter (wie Anm. 1).
[5] Forum: H. Müller: Schlüsselkompetenzen (wie Anm. 3).
[6] Forum: M. Krajewski: Programmieren als Kulturtechnik, in: H-Soz-Kult, 30.11.2015, <http://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2901>.
[7] Forum: E. Pfanzelter: Historische Quellenkritik in Lehre und Forschung, in: H-Soz-Kult, 24.11.2015, <http://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2903>.
[8] Forum: J. Olsen: Digital History als Mannschaftssport, in: H-Soz-Kult, 23.11.2015, <http://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2894>.
[9] Forum: M. Rehbein: Digitalisierung braucht Historiker/innen, die sie beherrschen, nicht beherrscht, in: H-Soz-Kult, 27.11.2015, <http://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2905>.
[10] Forum: H. Müller: Schlüsselkompetenzen (wie Anm. 3).
[11] Magdalena Weileder: Rezension von: Christian Rohr: Historische Hilfswissenschaften. Eine Einführung, Stuttgart: UTB 2015, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 10 [15.10.2015], URL: http://www.sehepunkte.de/2015/10/27237.html.
[12] Die Forderung bei G. Vogeler: Digitale Quellenkritik in der Forschungspraxis, in: H-Soz-Kult, 28.11.2015, <http://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2893>, die bisherigen Akteure durch "neues Personal, das befähigt ist, die Herausforderungen anzunehmen", zu ergänzen, sucht den Knoten auf dem Wege der wundersamen Stellenvermehrung zu durchschlagen.
[13] Forum: E. Pfanzelter: Historische Quellenkritik (wie Anm. 7).
[14] Forum: T. Rahlf: Die Ironie der Geschichte, in: H-Soz-Kult, 09.12.2015, <http://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2916>.
[15] Forum: C. Märtl: Grundwissenschaften im Studium, in: H-Soz-Kult, 26.11.2015, <http://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2896>.
[16] Der Hinweis entstammt der hausinternen Diskussion mit Torsten Hiltmann, dem ich für den lebhaften Gedankenaustausch im Vorfeld unser beider Veröffentlichungen herzlich danken möchte. Siehe nun auch Forum: T. Hiltmann: Hilfswissenschaften in Zeiten der Digitalisierung, in: H-Soz-Kult, 14.12.2015, <http://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2936>.
[17] Die Kleinen Fächer an den deutschen Universitäten. Bestandsaufnahme und Kartierung. Beiträge zur Hochschulpolitik 4/2008, hrsg. von der Hochschulrektorenkonferenz, Bonn 2008, S. 128f. (<http://www.hrk.de/fileadmin/redaktion/hrk/02-Dokumente/02-10-Publikationsdatenbank/Beitr-2008-04_Kleine_Faecher.pdf>). Gerade im Beitrag von K. Moeller: Grundwissenschaften als Masterdisziplin der Nachnutzung, in: H-Soz-Kult, 11.12.2015, <http://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2923>, scheint ein grundlegendes Missverständnis vorzuliegen: Es handelt sich bei den Hilfswissenschaften um keine personenstarke Fachgruppe, die multiple Serviceleistungen für außeruniversitäre Institutionen anzubieten in der Lage wäre. Vielmehr liegen die digitalen Kompetenzen längst anderswo, die Hilfswissenschaften sind massiv auf Input von außen angewiesen.
[18] Forum: T. Hiltmann: Hilfswissenschaften (wie Anm. 16).
[19] Forum: J. Olsen: Digital History (wie Anm. 8).

Zitation
Forum: J. Keupp: Die digitale Herausforderung: Kein Reservat der Hilfswissenschaften, in: H-Soz-Kult, 18.12.2015, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2944>.
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Veröffentlicht am
18.12.2015
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