Forum: H. Mäkeler: Hilfswissenschaftliche Kenntnisse für _ignoti_: Eine schwedische Perspektive

Von
Hendrik Mäkeler, Uppsala University Coin Cabinet

Auch in Schweden besteht ein grundlegendes Problem in der Repräsentation der historischen Hilfswissenschaften an den Hochschulen. Zu Recht eigentlich müsste man hierzulande, wenn überhaupt, von sprach- und literatur- bzw. bibliothekswissenschaftlichen Hilfswissenschaften sprechen, wenn man bedenkt, dass beispielsweise Paläographie eher in das Lehrangebot dieser Fächer aufgenommen ist.

Dagegen kann Schweden sich rühmen, eine zumindest im relativen Vergleich zu Deutschland recht hohe Vertretung der Numismatik und Geldgeschichte aufweisen zu können. Dies ist nicht zuletzt den beeindruckend zahlreichen Münzfunden der Wikingerzeit geschuldet, deren Erforschung sich eine Stiftungsprofessur für Numismatik an der Universität Stockholm in erster Linie widmet. Dementsprechend ist die Professur allerdings der Archäologie angegliedert, nicht der Geschichtswissenschaft. Darüber hinaus verfügt Schweden mit den Münzkabinetten an den Universitäten Lund und Uppsala gleich über zwei von weltweit nur einer Handvoll Universitätssammlungen, die von Spezialisten für numismatische Sammlungsobjekte betreut werden.

An beiden Universitäten sind Numismatik und Geldgeschichte dennoch keine offiziellen Lehrfächer, unter deren Lehrveranstaltungen spezifisch hilfswissenschaftliche Kurse ebenso durch ihre weitgehende Abwesenheit glänzen wie an den meisten deutschen Universitäten auch.

Dieser Befund führt zu drei Fragen von allgemeiner Bedeutung, die im Folgenden aus mittelschwedischer Perspektive erläutert seien: Wieso ist es für eine Universität relevant, einer Hilfswissenschaft nennenswerte Mittel zu widmen? Warum resultiert dies nicht notwendigerweise in institutionalisierten Lehrveranstaltungen an einem historischen Institut oder Seminar? Wie lässt sich aus einer solchen Situation heraus das nicht zuletzt in Schweden erschreckende Defizit an hilfswissenschaftlichen, in diesem Beispiel spezifisch numismatischen, Kenntnissen ausgleichen?

Das Münzkabinett in Uppsala gehört ebenso wie die anderen Universitätsmuseen zur Verwaltung unserer Universität. Somit sind die Interessen der Universitätsleitung entscheidend für die Finanzierung des Münzkabinetts, nicht die Interessen einzelner Fakultäten, Institute oder gar Professuren. Als älteste Universität Skandinaviens und eine der führenden Forschungsuniversitäten der Welt ist die Universität Uppsala darauf bedacht, ihr internationales Ranking kontinuierlich auszubauen. Dies ist vornehmlich über die Naturwissenschaften möglich, die ihrer Natur nach international sind: Ein Atom und dessen Beschreibung unterscheiden sich grundsätzlich nicht zwischen Uppsala, Peking und Berlin. Dies ist in den Geisteswissenschaften und nicht zuletzt in der Geschichtswissenschaft vollkommen anders: Ein Spezialist für die deutsche (Landes-)Geschichte wird jenseits des deutschen Sprachraums per se geringes Interesse für seine Kenntnisse finden, sofern er nicht durch eine zumindest grundlegende Beschäftigung mit der Geschichte des Gastlandes auf eine erfolgreiche Anstellung im Ausland hoffen kann.

Dies gilt allerdings nicht in gleichem Maße für die historischen Hilfswissenschaften. Sie sind, allein schon aufgrund ihrer geringen Personalstärke, immer international organisiert gewesen, und eine Münze ist in Deutschland zumindest in der Praxis dasselbe wie in China oder Schweden. Wer als Universität also im historischen Bereich an internationalisierter Forschung und einer erleichterten weltweiten Anstellbarkeit der dort ausgebildeten Studenten interessiert ist, tut gut daran, die Hilfswissenschaften zu stärken. Im deutschen Sprachraum hat die Universität Wien dies in exemplarischer Weise getan, worauf Wolfgang Schmale in diesem Diskussionsforum bereits hingewiesen hat. Die hohe, oftmals einzigartige Qualität der dortigen hilfswissenschaftlichen Ausbildung ist inzwischen allgemein anerkannt und findet mit vollem Recht auch in österreichischen Diplomatenkreisen als Alleinstellungsmerkmal der dortigen Forschungslandschaft Erwähnung.

Da die bundesdeutschen Universitäten sich jenseits der Altertumswissenschaften in der universitären Ausbildung in den Hilfswissenschaften weitgehend selbst aus dem Rennen genommen haben, ist man als Hochschullehrer mithin tunlichst bemüht, die eigenen Studenten zumindest über einen Erasmus-Austausch nach Wien zu senden, was von den dortigen Kollegen erfreulicherweise überaus unbürokratisch unterstützt wird.

Kehrt man die Argumentation um, müssten eigentlich alle historischen Institute händeringend um die Etablierung guter hilfswissenschaftlicher Angebote bemüht sein, oder aber ihren Studenten offen eingestehen, dass mit der verfügbaren Ausbildung eine internationale Karriere nicht eben erleichtert wird. Stattdessen sind die meisten historischen Institute, in Schweden wie in Deutschland, um eine möglichst große Stärkung ihrer fachlichen Kompetenz im engeren Sinne bemüht. Häufungen von Professuren auf recht engen Themenbereichen zeugen dabei aus Sicht der Fachgenossen von Anerkennung und der Annahme besonderer Forschungsstärke. Die Interessen der Institute einerseits und der Universitätsleitungen andererseits laufen dabei auseinander. Da die Entscheidungsbefugnisse der Rektorate und Präsidien begrenzt sind, dürfte sich an der allgemeinen Lage nicht allzu bald etwas ändern, sofern an den einzelnen Instituten nicht ein Umdenken einsetzt. Wenn die überaus erfreuliche Initiative von Eva Schlotheuber und Frank Bösch zur Quellenkritik im digitalen Zeitalter dazu beitrüge, wäre das nur zu begrüßen.

Bis in der Folge hoffentlich einmal wieder breite hilfswissenschaftliche Kenntnisse verfügbar sein werden, die nicht nur in geringem Ausmaß außerhalb der Universitäten etwa an einer stetig abnehmenden Zahl von Museen und Archiven sowie Akademien gepflegt werden, muss man dem Benutzer aus in Schweden vielfach vertretener Sicht bereits bei der Digitalisierung der Quellen ein außerordentliches Maß an Hilfestellungen geben. Die Digitalisate werden dazu nicht nur ediert, sondern die Editionen zunehmend so aufbereitet, dass sie ohne umfassende hilfswissenschaftliche Vorkenntnisse gegenüber dem Original nachgeprüft werden können. Ein Beispiel dafür ist das Svenskt Diplomatarium (SD), gewissermaßen die schwedischen MGH, das am Reichsarchiv in Stockholm angesiedelt ist. Die zuletzt edierten Urkunden aus den Jahren 1368-1370 und 1374-1379 in der Datenbank von SD verdeutlichen dies exemplarisch.[1] Eine Urkunde vom 11. August 1368 (siehe [2]), in der die Schenkung eines Hofes verbrieft ist, wird beispielsweise nicht nur mit einem Regest erschlossen und abgebildet, sondern auch vollständig transkribiert, wobei die Auflösungen von Abkürzungen kenntlich gemacht und etwaige grammatikalische Merkwürdigkeiten erläutert werden. Die Urkunde selbst kündigt bereits an, dass ihre Ausstellerin über kein eigenes Siegel verfügte, weshalb unter anderem deren Bruder und der Bischof von Uppsala das Schriftstück besiegelten. Die Edition wiederum beschreibt die Siegel und löst auch deren Inschriften auf. Zusätzlich werden die Edition verlinkt, das Regest genannt und in einem Kommentar auch die Zuweisung an einen bestimmten Schreiber belegt. Darüber hinaus finden sich weitere Literaturangaben zu den genannten Personen und zum allgemeinen Hintergrund der Urkunde. Damit sollte selbst ein hilfswissenschaftlicher ignotus etwas anfangen können.

Ein anderes Beispiel ist die Sammlungsdatenbank des Münzkabinetts der Universität Uppsala. Sie nutzt ein neues, von der Universitätsbibliothek Uppsala entwickeltes Portal für die Digitalisierung des nationalen Kulturerbes[3], das vor allem in der technischen Unterstützung des Anwenders noch weitergeht. Indem den jeweiligen Digitalisaten Metadaten nicht nur in Form ausführlicher Beschreibungen, sondern auch in Form von verlinkten Normdaten etwa zu Personen, Körperschaften und geographischen Beziehungen beigefügt werden, lassen sich über einfaches „Weiterklicken“ problemlos zugehörige Digitalisate auffinden und Zusammenhänge erschließen.

Betrachtet man etwa einen hessischen Dukaten des Landgrafen Friedrich I.[4], so sind auch für Nicht-Numismatiker die gemeinhin kryptisch abgekürzten Referenzwerke über entsprechende Links leicht aufzuschlüsseln. Ausführliche Angaben zu Gewicht und Prägetechnik, Inschriften und Bildern sollten es zumindest dem schwedischsprachigen Benutzer leicht machen, einen vollständigen Eindruck der Quelle zu gewinnen.

Das Alvin-Portal soll Daten jedoch nicht nur wiedergeben, sondern auch Wissen generieren können. Ein Klick beispielsweise auf den Namen des Münzherrn führt zu den entsprechenden Normdaten, die auch für einen Laien erkennen lassen, dass Friedrich ebenfalls König von Schweden war.[5] Über „Related: Search for resources“ werden sämtliche Gepräge ausgeworfen, die mit Friedrich assoziiert sind, egal ob als Landgraf von Hessen oder als König von Schweden. Sobald im Alvin-Portal weitere Digitalisate, seien es Urkunden, Mandate, Gemälde oder andere Objekte, mit dem Namen des Landgrafen und Königs getaggt werden, fügt die Datenbank sie automatisch der entsprechenden Suche bei.

Während in Schweden mithin ähnliche strukturelle Probleme für die historischen Hilfswissenschaften bestehen wie in Deutschland, nimmt man auf die daraus resultierenden Defizite bei Wissenschaftlern und der Allgemeinheit größere Rücksicht als dies im deutschsprachigen Raum der Fall zu sein scheint. Über die Digitalisate werden von einer verschwindenden Minderheit an Spezialisten somit auch hilfswissenschaftliche Kenntnisse an die große Mehrheit von Historikern vermittelt, die auf diesem Gebiet weniger bewandert sind. Auf diese Weise lässt sich Interesse an den vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten der Originalquellen wecken, die sich unter Einsatz unterschiedlicher Hilfswissenschaften eröffnen. Dies resultiert nicht zuletzt in Lehrveranstaltungen in einem spürbar wachsenden Interesse. Dadurch wird der material turn in der Geschichtswissenschaft verstärkt, der seinerseits weiter vermehrtes Interesse an den Hilfswissenschaften erwarten lässt.

Anmerkungen:
[1] Siehe <https://sok.riksarkivet.se/sdhk> (alle Links zuletzt geprüft am 17.01.2016).
[2] <https://sok.riksarkivet.se/sdhk?SDHK=9325>.
[3] <http://www.alvin-portal.org>.
[4] <http://urn.kb.se/resolve?urn=urn:nbn:se:alvin:portal:record-54501>.
[5] <https://www.alvin-portal.org/alvin/view.jsf?pid=alvin-person:26364>.

Zitation
Forum: H. Mäkeler: Hilfswissenschaftliche Kenntnisse für _ignoti_: Eine schwedische Perspektive, in: H-Soz-Kult, 30.01.2016, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2970>.
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Veröffentlicht am
30.01.2016