Bildwissenschaft als interdisziplinäres Unternehmen

Von
Klaus Sachs-Hombach, Virtuelles Institut für Bildwissenschaft Universität Magdeburg

Einleitung
Weitgehend unbestritten ist, dass Bildern ein enormer (und weiter zunehmender) Einfluss in den unterschiedlichsten Bereichen der Gesellschaft zukommt. Das galt immer schon für Religion, Kunst und Politik, es gilt mittlerweile aber im gleichen Maße für alle Bereiche des Sozialen wie auch für Ökonomie und Wissenschaft. Strittig ist aber nach wie vor, wie dieser Einfluss zu bewerten ist. Hierin lassen sich seit den berühmten Bilderstreiten und Bilderstürmen zwischen Ikonodulen und Ikonoklasten auffällig entgegengesetzte Auffassungen ausmachen. Das mag damit zusammenhängen, dass ebenfalls nach wie vor ungeklärt ist, ob es eine wissenschaftliche Erforschung der Bilder überhaupt geben kann. Obschon im letzten Jahrzehnt wiederholt der Ausdruck "Wende" im Zusammenhang mit der verstärkten Hinwendung auf das Bildthema bemüht (und damit eine Analogie zur methodologisch-wissenschaftlichen Bedeutung des linguistic turn nahegelegt) wurde, blieb entsprechend unklar, in welchem Sinn von Wissenschaft eine Bildwissenschaft möglich ist. Dieser Frage gelten meine philosophisch orientierten Ambitionen seit etlichen Jahren. Im folgenden möchte ich einige sehr allgemeine Aspekte vorstellen, die mit der Klärung des Begriffs der Bildwissenschaft verbunden sind. Sie betreffen den wissenschaftlichen Status der Bildforschung, ihre interdisziplinäre Verfasstheit sowie die Möglichkeiten ihrer Institutionalisierung.

Natürlich (und ebenfalls unbestritten) gibt es zahlreiche Bildwissenschaften, die sich berechtigterweise allgemeiner Anerkennung erfreuen. Hierzu zählt etwa die Kartografie. Insbesondere aber die Kunstgeschichte (bzw. Kunstwissenschaft), die gegenwärtig (mit Rückbezug auf die Warburg-Tradition) eine Umakzentuierung vom Kunst- zum Bildaspekt vorzunehmen scheint. Die Frage nach dem Status der Bildwissenschaft zielt aber auf die Möglichkeit einer Disziplin, die weder nur teilweise mit Bildern noch nur mit Teilbereichen der Bildthematik beschäftigt ist, sondern ganz ausschließlich und erschöpfend in den verschiedenen Bildphänomenen ihren Gegenstandsbereich findet. Kann es eine solche Bildwissenschaft etwa analog zu der sehr erfolgreich etablierten Sprachwissenschaft geben? Oder kann es die Bildwissenschaft vielleicht höchstens in dem Sinne geben, dass unterschiedliche Disziplinen (etwa analog zur Kognitionswissenschaft) über einen gemeinsamen Gegenstandsbezug aufeinander bezogen sind, der einen intensiveren Austausch zwischen ihnen ermöglicht?

Die folgenden Ausführungen sind von der Auffassung geleitet, dass eine Bild"wissenschaft" auf jeden Fall in dem zweiten Sinn möglich ist, sofern es gelingt, einen gemeinsamen Theorierahmen zu entwickeln, der für die unterschiedlichen Disziplinen als ein integratives Forschungsprogramm dienen kann. Hierzu werde ich einen theoretischen Vorschlag im nächsten Abschnitt (in sehr knapper und verkürzter Form) vorstellen[1], der sich auf die These komprimieren lässt, dass Bilder wahrnehmungsnahe Zeichen sind. Dass sich der Titel "Allgemeine Bildwissenschaft", mit dem ich die damit verbundene Unternehmung bezeichnen werde, an die sehr erfolgreiche Etablierung einer allgemeinen Sprachwissenschaft anlehnt, ist aber nicht zufällig, sondern soll darüber hinaus die Möglichkeit andeuten, dass sich mit dem vorgeschlagenen Theorierahmen ein erster Schritt zu einem Regelsystem ergibt, das sich von dem linguistischen Regelsystem zwar grundsätzlich unterscheidet, aber mit derselben Strenge und Genauigkeit formuliert werden kann.[2] Da der vertretenen Auffassung zufolge die Besonderheit der Bilder mit dem Wahrnehmungsaspekt zusammenhängt, bedarf die Bildwissenschaft - im eklatanten Unterschied zur Sprachwissenschaft - einer starken wahrnehmungspsychologischen Ausrichtung. Damit erhält zudem die Materialität und Medialität des Bildes eine entscheidende Bedeutung. Folglich ist nur in der Kombination der Momente Zeichen, Medium und Wahrnehmung eine allgemeine Bildwissenschaft möglich.

Zur wissenschaftlichen Grundlegung der Bildforschung
Damit habe ich meine Thesen zum wissenschaftlichen Status sowie zur interdisziplinären Verfasstheit der Bildwissenschaft bereits vorgebracht. Ich möchte sie nun noch etwas erläutern. Als wesentlich für eine allgemeine Bildwissenschaft erachte ich einen Theorierahmen, den zu erstellen primär eine begriffliche und insofern philosophische Aufgabe ist. Für die Bildwissenschaft (oder auch die Kognitionswissenschaft) besteht die Besonderheit eines solchen Theorierahmens darin, dass ein solcher nicht nur die Forschung innerhalb einer Fachdisziplin strukturieren, sondern ganz wesentlich auch zur interdisziplinären Organisation sehr unterschiedlicher Disziplinen beitragen soll. Nach einer Unterscheidung, die Eco zur Charakterisierung der Semiotik verwendet hat[3], würde ein entsprechender Vorschlag dann mit dem Anspruch auftreten, dass eine allgemeine Bildwissenschaft selbst eine eigene Disziplin bilde und nicht nur ein Forschungs"feld". Als Feld wäre eine Wissenschaft nur induktiv anhand der unterschiedlichen Forschungsaktivitäten zu bestimmen; als Disziplin verstanden müsste es jedoch möglich sein, deduktiv ein Modell zu entwickeln, an dem sich die einzelnen Forschungen orientieren. Beide Ansätze widersprechen sich nicht, sondern können sich ergänzen.

In der Diskussion lassen sich heute zwei bildtheoretische Paradigmen unterscheiden - das zeichentheoretische und das wahrnehmungstheoretische Paradigma -, die bereits eine längere Tradition besitzen, einen jeweils unterschiedlichen Einfluss auf die theoretischen Grundlagen der verschiedenen Bilddisziplinen haben und daher beide als Kandidaten für ein übergeordnetes Paradigma in Frage kommen würden.

Mein eigener Vorschlag besteht darin, diese beiden Traditionen als sich ergänzende Aspekte zusammenzuführen.[4] Bilder als wahrnehmungsnahe Zeichen aufzufassen bedeutet dann, dass für uns ein Gegenstand nur dann ein Bild ist, wenn wir ihm eine Bedeutung auf der Grundlage unserer Wahrnehmungskompetenzen zuweisen. Der Begriff der Wahrnehmungsnähe ist hierbei variabel. Er soll nicht darauf hinweisen, dass Zeichen im Kommunikationsprozess wahrgenommen werden müssen, denn diese Bedingung gilt für den Zeichengebrauch generell. Entscheidend ist hier vielmehr, dass bei der Interpretation bildhafter Zeichen die Struktur der Bildträger - im Unterschied zu arbiträren Zeichen - zumindest Hinweise auf die Bildbedeutung enthält. Diese Besonderheit der wahrnehmungsnahen Interpretation liegt am stärksten bei illusionistischen Bildern vor. Zwar müssen wir auch hier bereits verstanden haben, dass es sich um ein Bild handelt, und damit eine allgemeine Zeichenkompetenz besitzen; aber um zu bestimmen, was im Bild dargestellt ist, können wir im wesentlichen auf die Prozesse zurückgreifen, die wir mit der Fähigkeit zur Gegenstandswahrnehmung bereits besitzen.[5]

Aus dem Gesagten lässt sich zusammenfassend als minimales Kriterium für eine allgemeine Bildwissenschaft fordern, dass sie ein Modell bereit halten muss, das nicht nur die verschiedenen Bildphänomene, sondern auch die genannten Bildwissenschaften in systematischer Weise verbindet, ohne deren Eigenständigkeit in Frage zu stellen. Wird der Ausdruck "Wissenschaft" relativ streng aufgefasst, wären zudem einheitliche (oder zumindest aufeinander abgestimmte) methodische Vorgaben zu entwickeln. Eine allgemeine Bildwissenschaft ist demnach keine neue, weitere Disziplin, die neben die bereits ausgebildeten Bildwissenschaften tritt. Sie besteht vielmehr in nichts anderem als einem übergeordneten Theorierahmen. Als begriffliche Vorklärung liefert dieser die theoretischen Grundlagenreflexionen, die jeder fachspezifische bildwissenschaftliche Forschungsansatz enthalten sollte und über die sie insgesamt aufeinander bezogen wären.

Erst mit dem Vorliegen eines solchen Theorierahmens scheint mir die Analogie zum linguistic turn, die mit den Ausdrücken "pictorial turn" oder "iconic turn" zumindest angedeutet wird, ihre Berechtigung zu erhalten - nicht schon mit den Hinweisen auf das viel beschworene Phänomen der Bilderflut, auf die zunehmende Bedeutung der elektronischen Bildmedien oder auf den verstärkt erfolgenden ideologische Einsatz von Bildern -; denn auch der linguistic turn konstatierte eine Wende zur Linguistik (!) -, also nicht nur zur Sprache, sondern zur Sprachwissenschaft. Wird diese Analogie ernstgenommen, dann setzt sie das Bestehen einer Visualistik, einer allgemeinen Bildwissenschaft, voraus und würde daher richtiger als visualistic turn angesprochen werden.

Zur interdisziplinären Verfasstheit der Bildwissenschaft
Es wird auf diese Weise verständlich, wie die Beziehungen der zahlreichen, sehr heterogenen Bildwissenschaften beschaffen sind. Auszuschließen sind diejenigen Disziplinen, die Bilder nur als methodische Werkzeuge einsetzen - etwa zu diagnostischen Zwecken, wie die Medizin. Zu den Bildwissenschaften sollten nur diejenigen Disziplinen zählen, die zum theoretischen Verständnis der Bildthematik beitragen, die also in systematischer Weise Aussagen machen über die unterschiedlichen Bildformen, Bildtypen und Bildverwendungen, über die verschiedenen Verfahren ihrer Herstellung und Bearbeitung, über die speziellen Bedingungen ihrer Rezeption und Distribution oder auch ganz allgemein über den Begriff des Bildes und seine Stellung innerhalb des wissenschaftliches Diskurses.

Das Ordnungskriterium für die folgende Gliederung ist die Praxisnähe bzw. -ferne der relevanten Disziplinen.[6]
- Grundlagendisziplinen
- Historisch orientierte Bildwissenschaften
- Sozialwissenschaftliche Bildwissenschaften
- Anwendungsorientierte Bildwissenschaften
- Praktische Bilddisziplinen
Gemäß der Annahme, dass Bilder wahrnehmungsnahe Zeichen sind, liegt es nahe, als Grundlagendisziplinen die Wissenschaften auszuzeichnen, die sich professionell mit Wahrnehmungsphänomenen (Kognitionswissenschaft, Neurowissenschaft und Psychologie) und mit Zeichenphänomenen (Kommunikationswissenschaft, Medienwissenschaft, Semiotik) befassen. Vor allem ist aber die Kunstwissenschaft in diesen Bereich einzuordnen, die insofern eine besondere herauszuhebende Grundlagendisziplin ist, als sie komplexe Beschreibungskategorien besitzt, die einen auch systematisch wichtigen Beitrag in der Phänomenerfassung leisten. Ihr kommt insbesondere in der Funktion als deskriptive Wissenschaft ein zentraler Platz innerhalb der verschiedenen Bildwissenschaften zu, weil ihre Analysen konkreter historischer Bildformen und -strukturen überhaupt erst die differenzierte Sichtung und kritische Würdigung des vielschichtigen Bildphänomens ermöglichen, die für eine angemessene wissenschaftliche Bearbeitung vorausgesetzt werden muss. Diese Gliederung kann als horizontale Gliederung angesprochen werden. Sie wird als übergeordnete Strukturwissenschaften auch Mathematik, Logik sowie Philosophie umfassen.

Da das Bildphänomen in sehr unterschiedlichen historischen und kulturellen Gestalten auftritt, muss eine allgemeine Bildwissenschaft auch die entsprechenden historisch orientierten Bildwissenschaften (vor allem Archäologie, Ethnologie, Geschichtswissenschaft und Museumswissenschaft) integrieren. Die in diesen Bereichen entwickelten Theorien werden vor allem die Geschichtlichkeit der Bilder und ihre besondere Eignung zur kulturellen Selbstverständigung zum Gegenstand haben. In diese Zusammenhänge gehören auch Bildverwendungen, die sich uns heute kaum noch erschließen, wie die Phänomene der Bildmagie oder des Bildzaubers. Unter den geschichtlich orientierten Bildwissenschaften ließe sich erneut die Kunstgeschichte nennen, da sie die wohl vollständigste historische Erfassung der unterschiedlichen Bildformen, Bildtypen und Bildverwendungen unternommen hat.

Neben der historisch-kulturellen Variabilität lassen sich viele kontext- und funktionsspezifische Besonderheiten der Bildverwendung ausmachen, die eine Beteiligung der verschiedenen Sozialwissenschaften (etwa Erziehungswissenschaft, Kulturwissenschaft, Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft, Rhetorik, Soziologie) erfordern. Während die historisch orientierten Bildwissenschaften die Theorien der Grundlagendisziplinen um die geschichtlich-kulturelle Dimension ergänzen, entfalten die sozialwissenschaftlichen Disziplinen die Bildthematik relativ zu den speziellen Bereichen und Funktionen der Gesellschaft. Wie die Grundlagendisziplinen sind diese Wissenschaften daher nicht auf bestimmte Bildtypen eingeschränkt, im Unterschied zu jenen behandeln sie je nach fachlicher Ausrichtung aber teilweise sehr spezifische Formen des Bildeinsatzes (etwa den politisch-ideologischen Bildeinsatz).

Gegenüber allen genannten Bereichen bilden die anwendungsorientierten Bildwissenschaften (etwa Informatik, Kartografie, Werbung) eine Gruppe eher technisch verfahrender Disziplinen. Wie die Computervisualistik als exemplarische angewandte Bildwissenschaft veranschaulichen kann, werden ihre Theorien zur Bildherstellung und Bildbearbeitung immer in Hinblick auf die Realisierung entsprechender Werkzeuge entwickelt. Sie liefern daher keinen reflexiven Beitrag zum Verständnis bildhafter Darstellungsformen. Dennoch bleiben sie auf die übrigen Wissenschaften bezogen, weil ihre Verfahren einerseits die in den sozialwissenschaftlich orientierten Bildwissenschaften formulierten Theorien konkreter Bildverwendungen nicht außer acht lassen sollten und ihre technischen Modelle und Implementationsverfahren andererseits zur Beurteilung dieser Theorien beitragen können.

Der letzte aufgeführte Bereich der praktischen Bilddisziplinen (etwa Design oder Typografie) ist nur im uneigentlichen Sinn eine Wissenschaft, denn diesen (oft den künstlerischen Akademien angegliederten) Disziplinen geht es in der Regel primär um die konkrete Gestaltung oder Realisierung von Bildprojekten. Sie als theoretische Disziplinen aufzuführen, ist insofern aber gerechtfertigt, als sie bildgestalterische Theorien entwerfen, also allgemeine Regeln formulieren, nach denen bei der praktischen Bildherstellung zu verfahren ist.

Die einzelnen genannten Disziplinen gehen nicht in einer allgemeinen Bildwissenschaft auf, sondern beschäftigen sich in der Regel nur unter anderem mit Bildern. Sie besitzen also zumindest einen bildrelevanten Forschungsbereich, der für das Fach insgesamt aber oft eher marginal ist. Damit geht faktisch einher, dass diese Disziplinen nur Teilbereiche der Bildthematik erforschen. Die Politikwissenschaft beschäftigt sich etwa in dem Teilbereich "Symbolische Politik" mit einem speziellen Aspekt des Einsatzes von Bildern, aber die meisten Themen, die sie sonst bearbeitet, etwa die makroökonomischen Fragestellungen, haben mit Bildern wenig zu tun. Ähnliches ließe sich sicher von der Kommunikationswissenschaft, von der Soziologie oder auch von der Informatik sagen.

Innerhalb der skizzierten Konzeption ist mit dem Titel "Interdisziplinärität" nicht nur an eine systematische Verbindung der Grundlagendisziplinen gedacht, sondern auch an eine Verknüpfung von Grundlagenreflexion und Anwendung. Dieser Intention trägt vor allem die in Magdeburg angestrebte enge Beziehung von Bildwissenschaft und Computervisualistik Rechnung. Letztere ist eine angewandte Bildwissenschaft[7], deren Lösung praktischer Probleme der Bildgenerierung und Bildverarbeitung von den grundlagentheoretischen Ergebnissen profitieren kann, wie umgekehrt die Grundlagenreflexion in der Praxis ein geeignetes Korrektiv für ihre Reflexionen finden mag.

Zur Institutionalisierung der Bildwissenschaft im Rahmen des Virtuellen Instituts für Bildwissenschaft
Meine wissenschaftlichen Bemühungen um eine Bildwissenschaft gelten dem ambitionierten Versuch, nicht nur eine neue Wissenschaft zu begründen bzw. tatsächlich zu gründen, sondern einen neuen Wissenschaftstyp zu entwickeln, der paradigmatisch für die interdisziplinäre Forschung eine Aufhebung der vielbeschworenen zwei Kulturen durchführt und zudem neue Formen der Vermittlung sowohl innerhalb der scientific community als auch mit Bezug auf die Lehre bereit stellt. Für dieses Vorhaben, das wohl besser als Vision zu bezeichnen ist, habe ich einerseits den angesprochenen bildwissenschaftlichen Theorierahmen entwickelt[8], anderseits bemühe ich mich aber zugleich um neue Formen der Institutionalisierung. Forschung findet üblicherweise an Instituten statt, die in der Regel eine Einheit von Forschung und Lehre anstreben, teilweise aber auch als reine Forschungsinstitute Grundlagenforschung betreiben. Das Entstehen neuer Wissenschaften war so traditionell mit der Gründung neuer Institute verbunden. Dies ist gegenwärtig (nicht nur) durch die verknappten finanziellen Mittel immer schwieriger geworden. Im Rahmen der Magdeburger Bildwissenschaft unternehmen wir daher den Versuch, eine Institutionalisierung der allgemeinen, interdisziplinär verfassten Bildwissenschaft mit den Mitteln der Informationstechnologie zu erleichtern. Hierzu wird derzeit das Virtuelle Institut für Bildwissenschaft (VIB)[9] aufgebaut.

Virtuell ist das Virtuelle Institut für Bildwissenschaft nur in dem Sinne, dass es die Prozesse der internen Abstimmung der Forschergruppen auf einer elektronischen Plattform vornimmt. Zwar ergeben sich hierdurch auch einige Veränderungen in den Formen der Diskussion und der Vermittlung, die eigentliche Forschung wird aber wie bisher von einzelnen Forschern an ihren jeweiligen Instituten durchgeführt werden (müssen). Die mittelfristige Zielsetzung des Virtuellen Instituts für Bildwissenschaft besteht darin, im Sinne eines Wissensportals eine zentrale Anlaufstelle zur Verfügung zu stellen, die einerseits durch die Unterstützung von entsprechenden Datenbanken und digitalen Ressourcen gezielt umfassende Informationen bereitzustellen erlaubt und die andererseits eine möglichst ungehinderte Kommunikation der beteiligten Bildforscher ermöglicht. Langfristig soll das VIB auch all die Funktionen übernehmen können, die üblicherweise von den wissenschaftlichen Gesellschaften wahrgenommen werden. Der Aufbau der hierzu nötigen Infrastruktur wird sicherlich noch längere Zeit in Anspruch nehmen, schon jetzt bietet das VIB Forschergruppen aber die Möglichkeit, gemeinsame Projekte online zu diskutieren. Es fungiert damit als ein Preprint-Forum. Funktionsfähig ist bereits ein Kongressplaner und ein Veranstaltungskalender. Zudem ist eine bildwissenschaftliche Datenbank sowie ein virtuelles Lehrangebot im Aufbau begriffen. Ab Januar 2005 wird das VIB durch das E-Journal IMAGE (unter http://www.bildwissenschaft.org/VIB/journal/) ergänzt werden.

Zusammenfassung
Die vorangegangenen Darstellungen und Überlegungen lassen sich von der Überzeugung leiten, dass es möglich ist, eine allgemeine Bildwissenschaft als Wissenschaft in einem strengeren Sinne zu etablieren. Hierzu wird als nötig erachtet, einen gemeinsamen Theorierahmen zu entwickeln, der für die unterschiedlichen Disziplinen ein integratives Forschungsprogramm bereitzustellen gestattet. Ein konkreter Vorschlag hierzu besteht in der These, dass Bilder wahrnehmungsnahe Zeichen sind. Der Theorierahmen muss so konzipiert sein, dass er einerseits den unterschiedlichen Bildbegriffen Rechnung trägt und andererseits hinreichend Anknüpfungspunkte für die verschiedenen disziplinspezifischen Zugangsweisen eröffnet. Ihn im einzelnen auszugestalten, wird ohne die Unterstützung der Bildforscher der unterschiedlichen Disziplinen nicht möglich sein. Insofern ist dieser Vorschlag vor allem als eine Bitte um Mitarbeit und als Angebot zur Koordination zu verstehen.

PD Dr. Klaus Sachs-Hombach ist Oberassistent am Institut für Simulation und Graphik der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

[1] Vgl. ausführlicher: Sachs-Hombach, Klaus, Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft, Köln 2003.
[2] Vgl. etwa die perspektiventheoretischen Ausführungen bei Rehkämper, Klaus, Bilder, Ähnlichkeit und Perspektive. Auf dem Weg zu einer neuen Theorie der bildhaften Repräsentation, Wiesbaden 2002.
[3] Eco, Umberto, La struttura Assente, Milano: Casa editrice Bompiani, zitiert nach der autorisierten deutschen Ausgabe: Trabant, Jürgen, Einführung in die Semiotik, 7. Auflage, München 1991, S. 17ff.
[4] Vgl. zur Diskussion dieser Traditionen auch Sachs-Hombach, Klaus (Hg.), Wege zur Bildwissenschaft. Interviews, Köln 2003.
[5] Vgl. hierzu Gombrich, Ernst H., Art and Illusion. A Study in the Psychology of Pictorial Representation, Princeton N.J. 1960, zit. nach dem neunten Druck der zweiten Auflage von 1989; Wollheim, Richard, Art and its Objects. 2nd edition with six supplementary essays, Cambridge 1980, zit. nach der deutschen Ausgabe: Objekte der Kunst, Frankfurt am Main 1981.
[6] Vgl. hierzu auch Sachs-Hombach, Klaus (Hg.), Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen und Methoden, Frankfurt am Main 2005.
[7] Vgl. Sachs-Hombach, Klaus; Schirra, J. R. J., Computervisualistik als angewandte Bildwissenschaft. Angewandte Mediensemiotik, in: Hess-Lüttich, Ernest W. B. (Hg.), Medien, Texte und Maschinen, Wiesbaden 2001, S. 117-137.
[8] Sachs-Hombach (wie Anm. 1).
[9]http://www.bildwissenschaft.org (27.01.2005).

Zitation
Bildwissenschaft als interdisziplinäres Unternehmen, in: H-Soz-Kult, 22.01.2004, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-372>.
Redaktion
Veröffentlicht am
22.01.2004
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