Forum: M. Effinger: FID Altertumswissenschaften

Von
Maria Effinger, Universitätsbibliothek Heidelberg

Im Rahmen des neuen DFG-Förderprogramms "Fachinformationsdienste für die Wissenschaft" bauen die Universitätsbibliothek Heidelberg und die Bayerische Staatsbibliothek München (BSB) die bestehenden Angebote ihres gemeinsamen Portals „Proplyaeum“ zu einem Fachinformationsdienst Altertumswissenschaften aus. Ziel ist es, noch stärker als bisher maßgeschneiderte Angebote für die altertumswissenschaftliche Fachcommunity zu entwickeln.

Einige der im Portal propylaeum.de vereinigten Angebote des Fachinformationsdienstes, die in den aufgeführten Aktionsfeldern entstehen, verfolgen Ansätze der 2006 ins Leben gerufenen Virtuellen Fachbibliothek weiter oder verbessern diese, andere sind gänzlich neu. So war es auch vor zehn Jahren den WissenschaftlerInnen bereits wichtig, effektive Recherchewerkzeuge nutzen zu können, anschließend möglichst einfach Zugriff auf die gefundenen Ressourcen zu erhalten und schließlich die eigenen Forschungsergebnisse zitierfähig und ihrerseits wieder recherchier- sowie abrufbar zu veröffentlichen; so entstanden während der noch im SSG-Kontext angesiedelten Projektlaufzeiten der ViFa Propylaeum bereits die Module PropylaeumSearch sowie Propylaeum-DOK.

Doch das Gewicht der rein digitalen Aspekte hat zugenommen: Die Nutzung von Online-Produkten und -diensten wird selbstverständlicher, die Digital Humanities sind auch für die Altertumswissenschaften kein Fremdwort mehr, Fragen der Nachhaltigkeit digitaler Angebote und Veröffentlichungen treten immer mehr in den Fokus. Innerhalb der aktuellen Projektlaufzeit (2016–2018) werden in enger Abstimmung mit der Fachwissenschaft sechs Schwerpunkte verfolgt:

1. Bereitstellung von Informationsressourcen

Mit einem geschärften, auf die wissenschaftliche Spitzenforschung ausgerichteten Erwerbungsprofil für konventionelle Medien und mit dem Ziel der Umsetzung der E-Only-Policy der DFG werden in diesem Aktionsfeld des FID in Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum Göttingen verschiedene Zugriffsmodelle für lizenzierte Produkte erprobt (z.B. Patron Driven Acquisition[1]; Kontingentlösungen für Datenbanken, E-Book-Pakete oder E-Journals; E-Book-Fernleihe). Darüber hinaus entwickeln die Universitätsbibliothek Heidelberg und die Bayerische Staatsbibliothek für die Fachcommunity den Service „Digitales Wunschbuch“, über welchen auf Nutzerwunsch gemeinfreie Bücher, vergriffene Werke deutscher Verlage, eigene Publikationen oder andere, deren Rechte individuell mit Autor und Verlag geprüft wurden, digitalisiert und zur Verfügung gestellt werden können. Dadurch besteht die Möglichkeit, rasch auf aktuelle Forschungsbedarfe zu reagieren.

Den veränderten Anforderungen begegnet der Fachinformationsdienst Altertumswissenschaften – „Propylaeum“ jedoch nicht nur in Form von „elektronischen Diensten“, sondern auch mit einer veränderten Erwerbungspolitik: Da die Altertumswissenschaften zu den geisteswissenschaftlichen Fächern zählen, die primär mit Texten (oder auch Bildern) verschiedener Art arbeiten, haben sich die UB Heidelberg und die BSB dazu entschieden, auch künftig der Bereitstellung von Informationsressourcen – durchaus auch im Printbereich – weiterhin besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei wurde jedoch insofern ein Paradigmenwechsel vollzogen, als der bisherige Vollständigkeitsanspruch aufgegeben und eine Profilierung auf hochspezialisierte Forschungsliteratur vorgenommen wurde. Dazu wurden umfängliche Bestands- und Nutzungsanalysen durchgeführt, um einerseits den Alleinbesitz vor allem im Zeitschriftenbereich zu identifizieren, und um andererseits die Forschungsbereiche zu identifizieren, die in diesem Spektrum besondere Nutzung erfahren. Aufbauend auf diesen Evaluierungsergebnissen wird künftig im Printbereich das Prinzip eines partiell vorsorgenden Bestandsaufbaus verfolgt werden. Natürlich wurden auch die einzelnen Erwerbungsprofile der jeweiligen Fächer geschärft, indem z. B. Überschneidungsmengen mit anderen Fachinformationsdiensten (etwa dem FID Osteuropa) identifiziert und nur noch einem der beiden zugeordnet wurden, oder indem Grenzen zu Nachbarfächern, wie z.B. der Rechtsgeschichte oder der Theologie, nach Möglichkeit konsequenter gezogen wurden.

2. Ausbau der fachspezifischen Informationsinfrastruktur: PropylaeumSEARCH und my.propylaeum

Nach dem Anfang April 2016 erfolgten Relaunch von Propylaeum.de als Portal des FID Altertumswissenschaften auf Basis von Responsive Webdesign soll während der Projektlaufzeit das Recherchetool PropylaeumSEARCH umfassend verbessert und ausgebaut werden. So sind sowohl die Integration weiterer für die Altertumswissenschaften relevanter Kataloge und Datenbanken als auch die Entwicklung neuer Recherchefunktionalitäten für Publikationen aller Medienformen bis auf die Volltextebene geplant. Darüber hinaus soll auch die Usability der Suche verbessert werden, beispielsweise durch die Darstellung aller Ergebnisse in einer gemeinsamen Trefferliste, die schnellere Anzeige der Suchergebnisse durch asynchrone Abfrage externer Indizes sowie die Verbesserung der Facettierung.

Um die Nutzer automatisch, regelmäßig und individuell über neu in Propylaeum eingebrachte Erwerbungen, fachrelevante Datenbanken, E-Journals, E-Books, E-ToCs, Retrodigitalisate und vieles mehr informieren zu können, wird ein Profildienst „my.propylaeum“ entwickelt. NutzerInnen von Propylaeum können sich nach erfolgter Registrierung individuell ihr gewünschtes Portfolio zusammenstellen und festlegen, ob sie täglich, wöchentlich, monatlich oder quartalsweise per Mail oder RSS-Feed über Neuzugänge informiert werden wollen.

3. Elektronisches Publizieren im Open Access – Propylaeum-E-Publishing

Im Aktionsfeld „Propylaeum-E-Publishing“ sollen neben dem Ausbau der Publikationsplattform Propylaeum-DOK nun auch die Angebote Propylaeum-eJournals und Propylaeum-eBooks vorangetrieben werden. Im Rahmen von Propylaeum-eJournals wird die Transformation bislang gedruckt erschienener altertumswissenschaftlicher Zeitschriften in elektronische Open-Access-Zeitschriften bzw. die Neuherausgabe genuiner E-Journals mit Hilfe der Software Open Journal Systems (OJS) unterstützt. Einzelne Monografien und ganze Serien aus den Altertumswissenschaften können von den Altertumswissenschaftlern per Open Monograph Press (OMP) über Propylaeum-eBooks publiziert werden.

Zusätzlich zu diesen drei Publikationsschienen soll in Erweiterung der etablierten Rezensionsplattform recensio.net ein Open Access-Aggregator für Rezensionen altertumswissenschaftlicher Neuerscheinungen geschaffen werden.

4. Nachhaltigkeit für exzellente Fachinformation

Um auch das Problem der Nachhaltigkeit altertumswissenschaftlicher Fachinformation anzugehen wird innerhalb der Projektlaufzeit die bibliografische Datenbank „Gnomon“ aus ihrer proprietären Umgebung heraus in die bayerische Verbunddatenbank B3Kat transferiert, um deren Nachhaltigkeit, Wartbarkeit, Sicherheit und Nutzbarkeit zu verbessern.

5. Linked Open Data

In Zusammenarbeit mit dem DAI sollen in diesem Aktionsfeld Ortsbezüge zu bibliografischen Daten hergestellt und der iDAI.Gazetteer in PropylaeumSEARCH eingebunden werden. So werden zwei von unterschiedlichen Communites gepflegte Informationssysteme miteinander vernetzt um sich gegenseitig zu ergänzen und somit ein geografisches „Rückgrat“ für PropylaeumSEARCH zu schaffen.

6. Wissenschaftskommunikation / Öffentlichkeitsarbeit auf neuen Wegen

Neben den herkömmlichen Zweigen der Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation mit der Wissenschaft, wie z.B. Beiratstreffen, Workshops, Roadshows oder Umfragen, sollen nun auch der neue Propylaeum-Blog, der Facebook-Auftritt von Propylaeum sowie Twitter die Vernetzung mit und die Bekanntheit innerhalb der Fach-Community fördern.

Bereits seit der Begründung der Virtuellen Fachbibliothek Propylaeum im Jahre 2006 stehen die Vertreter der Universitätsbibliothek Heidelberg und der Bayerischen Staatsbibliothek in stetem und regem Austausch mit den wissenschaftlichen Beiräten des Projekts, die sich aus allen beteiligten Fachrichtungen rekrutieren. Dieser Austausch wird auch im Rahmen des Fachinformationsdienstes für die Altertumswissenschaften weiter gepflegt, um die Bedürfnisse der Community aus erster Hand zu erfahren. Im Vorfeld der konkreten Planungen für den FID wurde der Beirat, erweitert um Vertreter verschiedener Einrichtungen und Verbände der beteiligten Fächer (DAV, Berliner Antike-Kolleg, DAFBS, Mommsen-Gesellschaft, DAI, TLL), zu einem Rundgespräch eingeladen, auf dessen Ergebnissen die Schwerpunktsetzung des FID Altertumswissenschaften basiert. Rückmeldungen anderer Altertumswissenschaftler zu den bereits realisierten Teilprojekten oder weitere Bedarfsmeldungen nehmen wir gern per E-Mail, bei unseren Veranstaltungen im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit und natürlich auch über unseren Blog sowie über Facebook und Twitter entgegen.

Anmerkung:
[1] Patron Driven Acquisition = kundengesteuerte Erwerbung; ein Modell, bei dem erst bei Abruf einer elektronischen Publikation bzw. deren tatsächlicher Nutzung ein kostenpflichtiger Erwerb durch die Bibliothek beim Verlag stattfindet.

Zitation
Forum: M. Effinger: FID Altertumswissenschaften, in: H-Soz-Kult, 20.09.2016, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-3879>.
Redaktion
Veröffentlicht am
20.09.2016
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