M. Pernau / H. Jordheim: Global history meets area studies. Ein Werkstattbericht

Von
Margrit Pernau, Center for the History of Emotions, Max Planck Institute for Human Development; Helge Jordheim, Institutt for kulturstudier og orientalske språk, Universitetet i Oslo

Globalgeschichte und ihre Probleme
Die Globalgeschichte hat in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren einen Siegeszug angetreten, den viele so nicht für möglich gehalten hätten. Er schlug sich nicht nur in neuen Zeitschriften und Buchserien und (in geringerem Ausmaß) in Stellen nieder, sondern Globalgeschichte war auch schick – Konferenzen brauchten zumindest ein oder zwei Teilnehmer mit Expertise in außereuropäischen Regionen; Projekte erhöhten ihre Bewilligungschancen, wenn sie zeigten, dass sie über Europa hinausblickten. Es ist schwer einzuschätzen, wieviel davon Strategie und Modeerscheinung, und wieviel wirkliche Überzeugung war. Die reine Addition von anderen Regionen, ohne dass auf Fragen der Verflechtung eingegangen wurde, ohne vor allem die Bereitschaft, die europäische Geschichte in diesem Horizont neu zu denken, führte kaum zu einer Globalgeschichte, die diesen Namen verdient. Inzwischen hört man wieder mehr skeptische Töne, und eine Rückkehr zur nationalen Geschichtsschreibung, oder doch zumindest eine Beschränkung auf den überblickbaren europäischen Raum scheint durchaus eine Alternative.

Die erste Kategorie an Einwänden kann man unter der Überschrift bündeln, der Erkenntnisgewinn von Globalgeschichte sei begrenzt. Sicherlich: nicht alles ist mit allem verflochten und die Intensivierung von Kommunikation überwindet nicht nur Grenzen, sondern schafft auch neue. Viele Prozesse beziehen sich nach wie vor auf einen nationalen Referenzrahmen. Welche Bedeutung jedoch dieser nationale Rahmen hat, wann er durch einen Blick auf regionale und lokale Entwicklungen ergänzt werden muss, und wann er nur durch transnationale oder globale Bedingungen erklärlich wird, das kann aus der nationalen Perspektive allein nicht entschieden werden. Hierzu bedarf es, wie Jacques Revel schon 1996 ausgeführt hat, des jeux d’échelles, des Spiels mit verschiedenen Maßstäben, des nationalen ebenso wie des globalen oder des lokalen – oder auch im temporalen Sinne, mit den verschiedenen Zeitmaßstäben, vom politischen Weltereignis zur Strukturgeschichte der Moderne zur longue durée der Klimageschichte. Das gilt für die europäische Geschichte ebenso wie für die anderen Regionalwissenschaften. Die Maßstäbe schließen sich nicht aus, sondern ergänzen einander notwendig. Ohne diese Ergänzung aber geht es nicht, wenn wir nicht hinter die bereits erreichte Komplexität der Fragestellungen zurückfallen wollen. Eine Aufsplitterung des Faches in Teildisziplinen, in der Spezialisten der Lokalgeschichte (ob es jetzt die Lokalgeschichte Württembergs oder der Pamirregion ist), sich abgrenzen von solchen, die globale Zusammenhänge in den Blick nehmen, in der eine Studentin sich entscheiden müsste, welcher Richtung sie sich anschließt und welche Fähigkeiten sie ausbildet, wäre ein herber Verlust für die Geschichtswissenschaft und die Fragen, die sie stellen und beantworten kann.

Weiterhin: ein bedeutender Teil der Selbstbeschreibungen Europas und der verschiedenen europäischen Länder seit der Aufklärung – als modern, rational und säkular – sind nur als Differenzbeschreibungen analysierbar. Sie bedürfen des noch-nicht-modernen, emotionalen und religiösen Gegenübers. Dieses Gegenüber, das hat die Forschung der letzten zwanzig Jahre herausgearbeitet, kann innergesellschaftlich konstruiert werden: Frauen, Bauern, Arbeiter können diese Funktion zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlicher Weise ausüben. Die Selbstvergewisserung durch Differenzierung erfolgte fernerhin zwischen europäischen Gesellschaften, sie konnte aber auch Europa als Ganzes der außereuropäischen Welt gegenüberstellen. Dabei sind dieser Differenzierungen untereinander in vielfacher Weise verflochten. Die Feminisierung der Kolonien reflektiert die unterschiedlichen und veränderlichen Genderdiskurse in den Metropolen ebenso, wie diese auf die Bestimmung dessen zurückwirken, was als feminin oder maskulin in den Metropolen verhandelt wird: die Aufnahme des Zivilisierungsdiskurses durch britische Frauen und ihr Engagement zunächst in Missionsvereinen, dann aber auch in den säkularen Bemühungen um eine Anhebung des moralischen Niveaus der Kolonien ist nicht zuletzt eine Strategie, die eigene Zivilisiertheit unter Beweis zu stellen und so zu einem anerkannten Teil der Zivilgesellschaft zu werden. Diese Interdependenzen funktionieren auch dann noch, wenn die Zivilisationskritik die Wertung der Begriffe auf den Kopf stellt und das Vormoderne, der Orient aber auch das Dorf und die Frauen, zur Projektionsfläche der Sehnsüchte werden.

Der Einwand kommt rasch: dazu brauche man doch keine Globalgeschichte, zumal keine, die über Europa hinausgehe, denn dies seien doch in erster Linie europäische Diskurse und Prozesse, in denen die außereuropäischen Regionen allenfalls als Objekte europäischer Vorstellungen in den Blick kämen. Und in der Tat, die New Imperial History der 1990er- und 2000er-Jahre liest sich in der Tat bisweilen so, als sei endlich ein Weg gefunden, kritische Kolonialismusgeschichte zu betreiben, ohne sich aus Europa hinauszubewegen. Die Bewegung hat wichtige Studien hervorgebracht und sie hat viel mit dazu beigetragen, der Globalgeschichte Aufmerksamkeit zu verschaffen. Was sie in geringerem Maße hinterfragt hat, ist die Verteilung der Agency. Gewiss, die Produktion von Wissen ruht auf Machtstrukturen auf, und die Macht war zwischen den Metropolen und den Kolonien sehr ungleich verteilt. Problematisch wird es nun aber, wenn dieses Argument dazu verwendet wird, die Passivität der Kolonien zu unterstreichen (in dieser Hinsicht dem kolonialistischen Diskurs gar nicht so unähnlich) und sie damit aus der gemeinsamen Geschichte herauszuschreiben.

Zumindest in drei Aspekten lohnt es sich, der Frage des kolonialen Einflusses auf die europäischen Differenzbestimmungen einmal näher nachzugehen: Zum einen kann man Wissen als Interpretation von Erfahrungen lesen, die in und mit den Kolonien gemacht wurden. Dies impliziert die Frage nach den konkreten Erlebnissen und Begegnungen, nach ihrer Medialisierung und Mediatisierung. Dies schließt die Analyse der Art und Weise, durch die Machtverhältnisse sowohl die Erfahrung als auch ihre Interpretation prägen, ausdrücklich ein. Zum zweiten gibt es mittlerweile genügend Anzeichen, dass die Produzenten kolonialen Wissens sich nicht nur lokales Faktenwissen aneigneten, sondern auch Interpretationen übernahmen, ohne diese Übernahme als solche zu kennzeichnen. Und zum dritten, ganz grundsätzlich, hat die europäische Geschichte die Bedeutung von Klasse und Geschlecht in ihre Narrative integriert und die Ansprüche der bürgerlichen Männer, sie seien das Universale, das aus sich selbst heraus Verständliche, in mühevollen Kämpfen zurückgewiesen. Dass das Geschlecht und die soziale Stellung sowohl der historischen Akteure als auch derer, die sie erforschen, von Bedeutung ist, ist mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden. Genderblindheit ist nicht mehr akzeptabel – bei Farbenblindheit sind wir noch lange nicht so weit. Die Provinzialisierung Europas wird oft als Schlagwort zitiert, es ist an der Zeit, sie in der konkreten Forschung umzusetzen.

Das Wissen und das Selbstverständnis europäischer Länder können also möglicherweise gar nicht am besten aus einer ausschließlich europäischen (und schon gar nicht aus einer ausschließlich nationalen) Perspektive untersucht werden, sondern bedürfen der Zusammenarbeit über die Grenzen verschiedener Regionalwissenschaften hinweg. Dies ist sicherlich ein Autonomieverlust für die europäische Geschichtsschreibung – nicht genug, dass Globalgeschichte und Regionalwissenschaften Platz an den Fakultäten fordern, jetzt wollen sie auch noch in der europäischen Geschichte mitreden. Aufgewogen werden kann dieser Verlust nur durch den Erkenntnisgewinn: die Möglichkeit, deutlich komplexere Fragen in Angriff zu nehmen und zu beantworten und so eine neue Perspektive auf die europäische Geschichte zu erhalten, die Verflechtungen einbettet, aber auch in ihrer Relevanz zu situieren vermag. Dies könnte für die Historiker der europäischen Regionalwissenschaften durchaus reizvoll sein.

Die zweite Kategorie an Einwänden bezieht sich auf die Machbarkeit. Globalgeschichte als Verflechtungsgeschichte, mit dem gleichen historiographischen Anspruch an Empirie und Quellendichte wie die Regionalgeschichte Europas oder der außereuropäischen Regionen, kann von einem einzelnen Historiker, einer einzelnen Historikerin nicht geschrieben werden. Dieser Einwand hat die geballte Macht der pragmatischen Herangehensweise auf seiner Seite. Der Gewinn der globalgeschichtlichen Perspektive, so hört man immer wieder, rechtfertige den Verlust an Tiefe, der daraus resultiert, dass man die Akribie der außereuropäischen Regionalwissenschaften und vor allem ihrer philologischen Traditionen zwar respektiere, ihre Methoden und Zugänge jedoch nicht selber anwenden könne, sondern sich auf die Rezeption der Sekundärliteratur (auf Deutsch und Englisch, bisweilen Französisch und selten ein wenig Spanisch) beschränken müsse. Das Problem dieser Argumentation ist nun freilich, dass die Globalgeschichte genau an dem Punkt wirklich spannend wird, wo sie über den Vergleich und Typenbildung hinausgeht (und dass selbst ein präziser Vergleich schwierig ist, wenn er sich auf Sekundärforschung bezieht, die aus unterschiedlichen Traditionen kommt und mit unterschiedlichen Fragestellungen arbeitet, hatte die Komparatistik schon früh herausgearbeitet). Eine Verflechtungsgeschichte lässt sich nicht auf der Basis von Literatur schreiben, die genau diese Verflechtung nicht untersucht – das aber trifft auf fast alle Historiographie zu, die in einem und für einen nationalen Rahmen produziert wurde.

Einer Globalgeschichte, die das jeux d’échelles ernst nimmt und auf die Verflechtung auf den gleichen Ebenen, aber auch zwischen den Ebenen abzielt, bleibt daher in den meisten Fällen nichts übrig, als selbst an die Quellen zu gehen. Hier meldet sich die Pragmatik wieder zu Wort, denn das Erlernen von Sprachen kostet wertvolle Studien- und Forschungszeit (und stößt damit schnell an seine natürlichen Grenzen), und die Archive jenseits der Nationalarchive sind in vielen außereuropäischen Regionen eine ganz eigene Herausforderung, die ebenfalls Zeit braucht. Nicht aus ideologischen, wohl aber aus praktischen Gründen beschränken sich daher viele Globalhistoriker auf die Archive der ehemaligen Kolonialmacht – die Konsequenzen aber bleiben weitgehend die gleichen, die für die Kolonialgeschichtsschreibung schon oft diskutiert wurden. Es hilft wenig, sich auf der theoretischen Ebene lange darüber zu unterhalten, ob der subaltern sprechen könnte oder nicht, wenn man auch da, wo er (und bisweilen sogar sie) gesprochen hat, nicht bereit oder nicht in der Lage ist, diese Stimmen zu lesen. In welchem Maße sie dabei auf koloniales Wissen zurückgreifen, wann sie es ignorieren oder es anhand von vor- oder parakolonialem Wissen anders interpretieren, ist eine empirische, nicht eine theoretische Frage, die vorab so eindeutig geklärt werden könnte, dass es gerechtfertigt wäre, diese Texte gar nicht erst zur Kenntnis zu nehmen. Die Zusammenarbeit mit den Regionalwissenschaften und das Aufbauen auf ihren Traditionen ermöglicht der Globalgeschichte nicht nur einen Gewinn an historiographischer Solidität – in der Erschließung von Archiven, der Gründlichkeit der Quellenlektüre und der Präzision ihrer Kontextualisierung –, sondern auch an Innovationskraft, durch die Zusammenführung bislang unverbundener Perspektiven.

Dies ist durch eine einzelne Person nicht zu leisten, wohl aber durch ein Team. Kooperationsprojekte haben in den Geisteswissenschaften noch immer einen schlechten Ruf. Es gibt während der Qualifikationsphase keinen Ort für sie, jedenfalls keinen, in dem Aufwand und Anerkennung in einem angemessenen Verhältnis stünden. Danach ist die Forschungszeit, über die man frei verfügen kann, so knapp bemessen, dass man endlich einmal machen möchte, was einen zutiefst interessiert, ohne die Kompromisse, die eine Gruppe immer fordert. Einsamkeit und Freiheit sind noch immer Lockworte mit großer Anziehungskraft, gerade weil sie Situationen beschreiben, die selten geworden sind. Kooperationsprojekte laufen zudem Gefahr, zu weniger Kohärenz zu führen, als ein Unternehmen, das man selber in Ruhe durchdenken kann – eine Globalgeschichte aus einem Guss, so scheint es, kann nur einem einzelnen Forscherhirn entspringen. Wenn es eine Gruppe gäbe, so bräuchte sie eine klare Leitungsstruktur, jemanden, der am Anfang die Parameter festlegt und am Schluss die zusammengetragene Materialfülle bändigt. Genau darum aber kann es in einem Projekt, das verschiedene Regionalwissenschaften – und Europa als eine Regionalwissenschaft unter anderen – zusammenbringt, nicht gehen, wenn die Regionalwissenschaftler nicht nur Fakten beisteuern, sondern auch die Interpretation und gerade deren Parameter prägen sollen. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten – dem wissenschaftspolitischen Leviathan stehen zivilgesellschaftliche Modelle gegenüber, die sich aus der Freude an der Debatte speisen, aus den Funken, die überspringen, wenn Ideen hin und her fliegen, und aus der Begeisterung gemeinsam Dinge zustande zu bringen, die keiner allein gekonnt hätte. Emotions matter – nicht nur als Gegenstand der Forschung, sondern auch als ihre Triebkraft.

Civilizing Emotions – ein Werkstattbericht
Pragmatische Überlegungen lassen sich nicht theoretisch widerlegen. Gegen die Argumente, dass es erstens zwar wünschenswert wäre, globalgeschichtliche Perspektiven mit regionalwissenschaftlicher Kompetenz zu vereinen, dies aber in der Praxis nicht möglich sei; und zweitens, dass Teamarbeit praktisch immer auf Kosten der Kohärenz ginge, hilft nur der konkrete Nachweis, dass dies eben doch gelingen kann. Daher folgt an dieser Stelle ein relativ ausführlicher Werkstattbericht über ein Projekt, das aus genau diesen Debatten erwachsen ist, die in diesem Forum nochmals auf den Punkt gebracht und weitergeführt werden.

Das Projekt Civilizing Emotions hat von 2011-14 ein Team von Forschern zusammengebracht, gefördert je zur Hälfte von der Universität Oslo und dem Max Planck Institut für Bildungsforschung, Berlin. Das Ziel war es, gemeinsam eine Verflechtungsgeschichte des semantischen Feldes von Civility/Civilization zu schreiben, die zugleich einen Beitrag zur Emotionsgeschichte, zur Begriffsgeschichte und zur Globalgeschichte leisten sollte. Das Team bestand aus Forschern aus drei Kontinenten, die zusammen Quellen in dreizehn Sprachen analysierten: für Europa nahmen wir neben den „Klassikern“ Englisch, Französisch und Deutsch auch Norwegisch hinzu; für den Nahen und Mittleren Osten ging es um Osmanisch/Türkisch, Arabisch und Persisch; für Indien bezogen wir Urdu, Hindi und Bengali ein; und für Ostasien schließlich Chinesisch, Japanisch und Koreanisch. Das war zwar deutlich weniger als eine Weltgeschichte auch nur eines einzelnen Begriffsfeldes, aber doch viel mehr, als ein einzelner leisten kann, und erlaubte uns, einige der möglichen Probleme im kleineren Rahmen einmal durchzuspielen und Lösungsansätze zu entwickeln.

Wir haben uns den Luxus gegönnt, fast ein Jahr auf die Zusammenstellung dieses Teams zu verwenden. Es war uns wichtig, dass die Teammitglieder nicht auf allzu unterschiedlichen Stufen ihrer Karriereleiter standen, um Machtgefälle innerhalb der Gruppe einzudämmen; dass sie fachlich hervorragend ausgewiesen und starke Persönlichkeiten waren, die um ihren Standpunkt kämpfen würden, gleichzeitig aber auch bereit waren, die Kompromisse mit zu tragen, die ein gemeinsames Projekt notwendig machte. Wir wollten ausdrücklich keine Koryphäen, die das Thema schon so gut beherrschten, dass sie bereits am Anfang gewusst hätten, was das Ergebnis sein konnte oder sollte. Als Koordinatoren schrieben wir den ersten Projektentwurf, der schon in der Vorphase zirkuliert und umgeschrieben wurde. Diesen Entwurf haben wir in der ersten Sitzung nochmals zur Disposition gestellt, um sicher zu gehen, dass er nicht nur für jede Region zu verwirklichen war, sondern dass er auch die Perspektiven und Forschungstraditionen der jeweiligen Regionen adäquat berücksichtigte – bereits in der Fragestellung und nicht erst in den Ergebnissen. Nur so war es zugleich möglich, das nötige Maß an Identifikation mit dem Projekt zu generieren, das für seine Bearbeitung in der Gruppe nötig war.

Wir haben uns im Zeitraum von drei Jahren zu vier Workshops getroffen. Der erste war neben der Reformulierung und Präzision des Zugriffs der Diskussion von Basistexten gewidmet, um ein gemeinsames Vokabular zu entwickeln – die wenigsten Teilnehmer waren mit allen drei Forschungszugängen gleichermaßen vertraut. Zugleich wurden erste Skizzen der regionalen Projekte vorgestellt und erste Ansatzpunkte für Verflechtungen herausgearbeitet. Beim zweiten und dritten Treffen wurden Kapitelentwürfe diskutiert. Die Verantwortung für die einzelnen Kapitel lag zwar bei den jeweiligen Regionalexperten. Zugleich übernahm die Gruppe als Ganzes die Verantwortung dafür, dass die Kapitel sich zusammenfügten. Dies war ein zugegebenermaßen riskantes Vorgehen, da wir sowohl eine maximale Kohärenz erreichen, als auch keine Autoren verlieren wollten, weil sie sich in den Vorgaben nicht mehr wiederfinden konnten. Immerhin hatten wir weder Druckmittel noch finanzielle Anreize (bezahlt wurden nur die Workshops, nicht Forschungsmittel), und theoretisch hätte jeder zu jeder Zeit aussteigen und damit die Tektonik des Projektes zum Einsturz bringen können. Das letzte Treffen galt dem Feinschliff und der Diskussion der Einleitung und des Inhaltsverzeichnisses – die Frage der Reihenfolge der Kapitel, und ob wir mit Europa beginnen würden oder nicht, brachte sämtliche Debatten der letzten Jahre nochmals auf den Punkt. Das Buch wurde 2015 von Oxford University Press veröffentlicht.[1] Dass das Genre der kollektiv geschriebenen Monographie noch nicht wirklich eingeführt ist, ist dabei nicht unproblematisch. Zwar tauchen auf der inneren Titelseite sämtliche Namen auf, doch weder war der Verlag davon zu überzeugen, dass es sich nicht um einen Sammelband handelt, noch wird die Arbeit der einzelnen Autoren über ihre Kapitel hinaus so gewürdigt, wie es ihrem Engagement entsprach.

Neben den organisatorischen (und emotionalen) Fragen, waren es vor allem drei Gruppen von Problemen, die besondere Aufmerksamkeit erforderten. Die erste betraf die Rolle Europas. Entgegen der Haltung, mit der Teile der außereuropäischen Regionalwissenschaften sich von der europäischen Dominanz zu distanzieren suchen, indem sie eine eigene Positionalität fern von der europäischen Forschung entwickeln, war es uns von Anfang an wichtig, Europa mit mehreren Kapiteln in dem Buch vertreten zu haben. Nur auf diese Weise, so argumentierten wir, ließ sich ein verflachender Rückgriff auf den Einfluss „des Westens“ oder „Europas“ vermeiden und die europäischen Begriffe sowohl provinzialisieren als auch präzisieren. Nicht nur auf der Ebene der historischen Forschung war es zentral, diese vermeintliche Homogenität aufzulösen und gegensätzliche Positionen, Wandel und Kämpfe aufzuzeigen. Auch ein relevanter Teil der historischen Akteure in außereuropäischen Regionen, so wurde immer deutlicher, waren sich dieser Differenzen bewusst und trafen reflektierte Entscheidungen, mit welchem Zivilisationsbegriff sie sich auseinandersetzten und welche Texte sie zitierten oder übersetzten. Zugleich erlaubte uns das Einbeziehen Norwegens, Machtbeziehungen und ungleiche Transfers sowie Fragen von Zentrum und Peripherie auch für Europa zu thematisieren.

Mit dem Fokus auf die Zeit von 1870 bis 1920, also der Phase des Hochimperialismus, lag es nahe, die Bedeutung Europas für die Begriffsentwicklung und für die Herausbildung von Praktiken sehr hoch zu bewerten. Aber auch wenn die europäischen Mächte einen Rahmen setzten, so wurde er nicht immer so gefüllt, wie sie sich dies vorgestellt hatten. Sowohl die vor- und parakolonialen Traditionen prägten die Rezeption der Einflüsse und ihre Verarbeitung, als auch die zunehmenden Kontakte der außereuropäischen Regionen untereinander. Interessanter als die abstrakte Frage, wie wichtig Europa und der europäische Einfluss war, erwiesen sich daher ergebnisoffene Detailstudien, wer wann und warum auf welche Wissensbestände – französische oder englische, aber auch arabische, persische oder japanische – zurückgegriffen und sie sich in welcher Weise und mit welchem Ziel angeeignet hatte und in welche Praktiken umsetzte.

Die zweite Gruppe an Problemen rankte sich um Fragen des Zeitrahmens und der Ungleichzeitigkeit. Eine Verflechtungsgeschichte bedarf einer gemeinsamen Gegenwart, in der sich die Akteure begegnen, in der sie sich auf gleiche globale Entwicklungen beziehen können und die den Rahmen darstellt, in dem Unterschiede verortet und erklärt werden können. Dieser synchrone Schnitt steht in Spannung zu immer noch wirkmächtigen Vorstellungen von diachronen Stufenfolgen, die die Betonung darauf legen, dass ähnliche Phänomene in unterschiedlichen Regionen zu unterschiedlichen Zeiten stattgefunden haben. Die Herausforderung bestand nun darin, weder die Unterschiede einzuebnen noch die Ähnlichkeiten unhinterfragt anzunehmen: was zunächst einmal ähnlich aussieht, kann vor dem Hintergrund der globalen Entwicklung um 1800 eine durchaus andere Bedeutung haben (und damit ein anderes Phänomen sein) als um 1900 oder 1945. Dieses Problem wird zwar gegenwärtig innerhalb der Zeitforschung intensiv diskutiert, ist aber in seiner zentralen Bedeutung für die Globalgeschichte noch kaum reflektiert worden. Zum Anfang der Zusammenarbeit hingen die einzelnen Teilnehmer immer noch sehr an ihren vertrauten Perioden und Periodisierungsstrategien und bestanden darauf, dass die von ihnen anvisierten Fragestellungen nur unter einem bestimmten zeitlichen Horizont betrachtet werden konnten. Aber sobald die Verflechtungen zwischen Sprachen und National- oder Regionalgeschichten zum Vorschein kamen, wurde deutlich, dass das Nebeneinander von Synchronie und Diachronie nicht nur für die Akteure von zentraler Bedeutung, sondern auch für die Untersuchung einer Herausforderung war, um die volle Komplexität und Breite der Verflechtungen in den Blick zu bekommen. Das von Revel angeregte jeux d’échelle bedeutete eben auch eine Konfrontation mit unterschiedlichen Periodisierungen und Temporalitäten, je nachdem wo auf der Leiter die Analyse sich gerade bewegte.

Die dritte Gruppe an Fragen bezog sich auf die analytischen Begriffe, die der Diskussion zugrunde liegen sollten und die Bedeutung der Sprache, in der wir als Gruppe von Forschern miteinander kommunizierten und zum Schluss auch publizierten. Englisch war die einzige Sprache, die wir alle in Wort und Schrift beherrschten, hierzu gab es keine Alternative. Zugleich hat die Tatsache, dass der Forschungsgegenstand „civility/civilization“ war (und nicht etwa tamaddun oder wenming, die arabischen oder chinesischen Begriffe mit einer deutlich anderen Tradition), das Thema und den Zugriff bereits englisch/britisch vorgeprägt. Dies wurde schon in der ersten Phase wichtig, als es darum ging, welche Begriffe denn in den einzelnen Kapiteln im Zentrum stehen sollten: die Frage, wie civility ins Deutsche (Zivilisation? Kultur? Sittlichkeit?) oder Koreanische übersetzt wurde, gab dem englischen Begriff eine zentrale Bedeutung, die nur schwer kontrolliert werden konnte. Die Arbeit mit semantischen Netzen, die trotz Überlappungen für jede Sprache unterschiedlich ausfielen, aber auch die Untersuchung der Vorgeschichte derjenigen Begriffe, die in Wörterbüchern und Übersetzungen als Äquivalente angeboten wurden, schufen eine Annäherung. Zudem halfen sie, das Bewusstsein für die Paradoxie wachzuhalten, gerade diese Diskussionen auf Englisch zu führen und die Problematik, dass Englisch sowohl eine der Quellensprachen, als auch zugleich die hier von untrennbar verbundene analytische Sprache für alle Kapitel war, immer wieder zu reflektieren.

Was hat’s gebracht – einige Ergebnisse
In der Fülle der sprachlich und geographisch so vielfältigen Quellen ließen sich drei Felder identifizieren, in denen die Begriffe von civility und civilization verhandelt wurden, und in denen ihre Verbindung zu Emotionen zentral war. Erstens war civility auf der Ebene des Individuums verbunden nicht nur durch die Eindämmung ungezügelter Passionen, sondern auch eingebunden in das semantische Feld von Begriffen, die sich um Höflichkeit ranken und Benimmregeln und Etiquette evozierten. Hier wurden die Gefühle oft durch Ästhetik geformt: zivilisiert sein bedeutete nicht nur, ein Musikstück wertschätzen zu können oder durch ein Gedicht zu Tränen gerührt zu werden, sondern auch den Gefühlen durch die schöne Geste Ausdruck verleihen zu können. Ästhetik und Ethik berührten sich hier aufs Engste. Die Zivilisierung der Gefühle stand zweitens in Verbindung zur Soziabilität. Nur im gesellschaftlichen Miteinander konnten die angemessenen Gefühle und Tugenden erlernt und perfektioniert werden; zugleich waren die Gefühle notwendig, um diese Interaktionen harmonisch gestalten zu können. Drittens konstituierten zivilisierte Gefühle die Basis für die politische Partizipation innerhalb der Zivilgesellschaft. Nur diejenigen, die sich und ihre Gefühle einem Zivilisierungsprozess unterzogen hatten, besaßen die notwendigen Eigenschaften, die es ihnen erlaubten, Verantwortung für das gemeinsame Wohl zu übernehmen. Historisch stellten civility und zivilisierte Emotionen daher zugleich universelle moralische Werte dar, und Kriterien für die Schaffung einer sozialen Hierarchie durch Inklusion und Exklusion. In allen drei Feldern ging es um die Zivilisierung der Emotionen, zugleich wurde den Emotionen selber ein zivilisatorisches Potenzial zugeschrieben. Diese Entwicklungen mögen den Fachleuten für europäische Geschichte so vertraut vorkommen, dass der Schluss naheliegt, die Diskurse und Praktiken könnten nur durch eine Diffusionsgeschichte in andere Regionen gelangt sein. Dass dem nicht so war, dass diese Diffusionsgeschichte vielmehr einbettet war in Prozesse des Othering (die Einzigartigkeit „unserer“ Zivilisierheit setzt „deren“ Andersartigkeit voraus und stellt sie diskursiv her – um dann in einem nächsten Schritt durch die Zivilisierungsmission wieder Ähnlichkeiten zu schaffen), zeigte ein genauerer Blick auf vor- und parakoloniale Traditionen.

Zwischen 1870 und 1920, also in der Phase des Hochimperialismus, wurden diese drei Felder in einer Weise miteinander verknüpft, dass individuelle Emotionen die Basis für eine globale Ordnung wurden, die die verschiedenen Gesellschaften hierarchisch ausrichtete. Es war die Fähigkeit der Angehörigen einer Gesellschaft, ihre Emotionen zu zivilisieren und einzuhegen, die jetzt den Maßstab für die Zivilisation nicht nur einzelner Menschen oder sozialer Gruppen, sondern ganzer Gesellschaften darstellte, und damit zur Grundlage für ihren Platz in der globalen Hierarchie wurde. Um einen möglichst hohen Platz auf dieser Leiter zu erringen oder zu verteidigen, bedurfte es der Kultivierung bestimmter Emotionen, Heroismus, Tapferkeit, Patriotismus, aber auch Liebe, Solidarität und Freundschaft. Andere mussten kontrolliert werden, wie etwa Zorn, Hass oder auch Apathie. In allen Sprachen, die das Projekt untersucht hat, konnte nachgezeichnet werden, wie die globale Ordnung als auf habituellen Gefühlen und Charakter der Gesellschaften aufruhend gezeichnet wurde, wie sie aber auch im Gegenzug die Wahrnehmung, Normierung und Praktiken von Emotionen durchdrang.

Neu war nicht die Überzeugung, dass Gruppen – in der gleichen oder unterschiedlichen Regionen – sich hinsichtlich ihrer kulturellen und ethischen Qualitäten unterschieden und dass diese Unterschiede hierarchisch geordnet waren und Hierarchien legitimierten; sie hatte vielmehr eine lange Tradition in vielen Gesellschaften, die das Projekt untersucht hat. Wohl aber tauchte die semantische Verknüpfung von civility, Emotionen und globaler Ordnung erstmals in der schottischen Aufklärung auf. Im folgenden Jahrhundert gewann sie globale Bedeutung. Die europäische Expansion verbreitete sie als Erklärungsmuster in Asien; zugleich wurde der Begriff der civility/civilization sowie sein Gegenbegriffe der barbarity und savagery zentral für die Deutung und Legitimation ebendieser Expansion. Damit repräsentierten die Kategorien, anhand derer civility identifiziert wurde, nicht mehr eine Qualität, die einer Gruppe inhärent war, und sich von dem Einzelnen im Laufe des Lebens angeeignet werden muss. Vielmehr wurde aus dem statischen Begriff der civility der Prozessbegriff der civilization, die alle Gesellschaften durchlaufen mussten. Diese Stadien wurden nicht nur durch wirtschaftliche und politische Entwicklungen charakterisiert, sondern auch durch ihre je spezifischen Gefühlslagen. Es war die Zivilisierung der Gefühle, die einen Menschen in die Lage versetzte, auf äußere Kontrollen verzichten zu können und sie durch Selbstregulierung zu ersetzen. Dies galt nicht nur für Individuen, sondern auch für Nationen und Gesellschaften: nur den zivilisierten unter ihnen wurde die Fähigkeit und das Recht zu politischer Souveränität zugesprochen. Zugleich fiel den zivilisierten Nationen die Pflicht zu, die Barbaren oder Halbbarbaren zu zivilisieren, und, solange dies noch nicht von Erfolg gekrönt war, die Herrschaft über sie auszuüben. Civility und civilization waren damit nicht nur Begriffe, durch die die neue Globalität erklärt und intellektuell geordnet werden konnte, sondern auch die Basis für neue Praktiken globaler Herrschaft. Diese bildeten den Rahmen, in dem in außereuropäischen Sprachen über civility nachgedacht werden konnte – aber auf der Grundlage des bereits vorhandenen Vokabulars und der überlieferten intellektuellen Traditionen. Die neuen Machtverhältnisse führten zu semantischen Umdeutungen, sie schufen aber keine tabula rasa für die Übernahme europäischer Begriffe. Die Grundannahme, die Dichotomie von civility und barbarity, wurde überraschend selten in Zweifel gezogen. Wo es Debatten gab, bezogen sie sich in aller Regel auf die Verortung der eigenen Gesellschaft in der globalen Hierarchie oder auf die Auswahl der Emotionen, anhand derer der Nachweis über diese civility geführt werden sollte.

In der Mehrzahl der Texte, die für das Projekt analysiert wurden, ging es weniger um kurzlebige Affekte, denn um habitualisierte Emotionen, die dem Einfluss des Willens unterworfen und entsprechend der (Selbst-)Erziehung und Kultivierung zugänglich waren. Die Reflexion über die Emotionen fügte sich daher ein in einen bereits elaborierten ethischen und philosophischen Diskurs über Tugenden und Laster, der die Sprache und die Begriffe über einen langen Zeitraum geprägt hatte. Erziehung hatte das Ziel der Formierung des Charakters, sie wandte sich nicht nur an Kinder, sondern an alle, deren Mangel an zivilisierten Emotionen den Fortschritt der Nation gefährdete. Wie jede Habitualisierung wurde auch die Habitualisierung der Gefühle als das Resultat einer andauernden Praxis angesehen. Die meisten Kapitel zeigten die enge Verbindung des pädagogischen Projektes mit der Religion, sie zeigen aber auch, dass die Religion sehr oft selber erst als ein Objekt der Zivilisierungsbemühungen angesehen wurde, bevor sie die ihr zugedachte Rolle ausüben konnte.

Erziehung behielt im gesamten Untersuchungszeitraum eine wichtige Position. In Spannung hierzu stand die zunehmende Prominenz und Bedeutung des Rassediskurses, der die Emotionen (und damit das zivilisatorische Potenzial der unterschiedlichen Gesellschaften) an ein biologisches Fundament zurückband. Die Fähigkeit, sein Temperament zu zügeln oder heftigen Gefühlen ausgeliefert zu sein, gehörte nun ebenso zu einem Körper, der durch seine Rasse determiniert war, wie Hautfarbe oder die Form des Schädels. Veränderungen waren auch jetzt nicht ausgeschlossen, vollzogen sich jedoch nicht mehr im Zeittakt eines individuellen Lebens, sondern der langfristigen Evolution. Neben Erziehung wurden damit Praktiken wichtig, durch die man auf diese Veränderung der Körper Einfluss zu nehmen versuchte, von Sport und Ernährung bis hin zur Eugenik. Doch zeigt das Beispiel des Sports in Indien, dass es hierbei nicht nur um die Einführung des Cricket ging, sondern zugleich auch um eine Reinterpretation und Ausweitung von Yoga und Ringkampf.

In zunehmendem Maße wurde die Kultivierung von emotionalen Tugenden auf die Nation und ihren Platz im globalen Konzert der zivilisierten Mächte hin ausgerichtet. Drei Gruppen an Gefühlen standen dabei im Vordergrund: die erste bestand aus den Emotionen, die sich ausdrücklich auf die Nation selber bezogen, also alle Formen von Patriotismus, der Liebe und Hingabe an die Nation, die Kultivierung von Selbstlosigkeit und Bereitschaft, das eigene Ich in der größeren Gemeinschaft aufgehen zu lassen, und schließlich den Opferwillen. Die zweite Gruppe hatte das Mitgefühl als ihren Kern, die Fähigkeit, die Freuden und Schmerzen der Gemeinschaftsgenossen zu fühlen, als wären es die eigenen. Diese Emotion lag dem Appell zugrunde, die Nation durch Philanthropie zu stärken, zu zivilisieren und ihren globalen Rang zu verbessern, durch Eintreten für die Hilfsbedürftigen, aber auch durch das Opfer von Zeit und Kraft, um sich in Vereinen und Freiwilligenverbänden zu engagieren. Die dritte schließlich führt die beiden ersten zusammen, hier geht es um die Überwindung der Apathie und Selbstbezogenheit zugunsten eines aktiven Eintretens für die Gemeinschaftsbelange. Oft fällt hierunter auch die Kasteiung der Faulheit und des planlosen In-den-Tag-hinein-Lebens. Wiederum: neu ist die Funktion der Gefühle auf der globalen Ebene. Jedoch haben die Gefühlsnormen und -praktiken, die hier verhandelt und neu interpretiert werden, eine Geschichte, die mit der Ankunft der Europäer nicht einfach verschwindet, sondern die Verhandlungsprozesse (zumal in den lokalen Sprachen) nachhaltig prägt.

Aber Emotionen und ihre Mobilisierung und Zivilisierung richteten sich nicht nur nach außen, auf Praktiken im Bereich des Staates und der Gesellschaft, sondern auch nach innen, in die Familien hinein und die intimen Beziehungen zwischen Eheleuten, Geschwistern und über die Generationen hinweg. Ratgeber, aber auch das an vielen Orten zunehmend bedeutsame Theater, diskutierten die angemessenen emotionalen Beziehungen und banden sie zurück entweder an traditionelle Ideale oder an europäische Einflüsse und Praktiken. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde in vielen Regionen die Gefährtenehe das neue Ideal (noch nicht die Praxis). Die Liebe zwischen den Ehepartnern wurde hier nicht nur als Mittel der Zivilisierung beider gesehen, sondern auch als ein Indikator dafür, wie es um den Grad der gesellschaftlichen Zivilisierung bestellt sei. Emotionen im privaten, ja intimen Bereich wurden so zum Transmissionsrahmen zwischen der Mikro- und der Makroebene: durch die Art, wie Eheleute einander liebten, vermochten sie einen Beitrag zu leisten, wo ihre Gesellschaft auf der globalen Hierarchie verortet wurde und dies sogar zu beeinflussen.

Besondere Aufmerksamkeit galt in dem Projekt auch den Zeitstrukturen, die sich in den Begriffen niederschlugen. Ihre Verzeitlichung begann im 18. Jahrhundert, nahm aber dann im 19. Jahrhundert nochmals Fahrt auf, vor allem durch die Verknüpfung von civilization mit Fortschritt. Grundlegend war hierbei das Versprechen, dass die Nachteile der Gegenwart überkommen werden konnten, und dass selbst diejenigen, die als Barbaren oder Halbbarbaren klassifiziert worden waren, sich zu höheren Formen würden erheben können. In der bisherigen begriffshistorischen Forschung war diese Verzeitlichung oftmals eng mit dem Begriff der westlichen Moderne verknüpft; sie verlieh den Grundbegriffen der politischen und sozialen Sprache eine zeitliche Dimension, die sie vorher so nicht hatten. Neben den bekannten Bewegungsbegriffen, wie Geschichte, Fortschritt und Revolution, gehörte in dieses Feld auch civilization (im Gegensatz zur civility). Dieses semantische Feld enthielt signifikante zeit- und zukunftsorientierte Elemente, die sich in Redewendungen wie dem Zivilisierungsprozess, der Zivilisierungsmission, der Ausbreitung der Zivilisation, dem Zivilisiert-Werden und dem Erreichen der nächsten Stufe der Zivilisierung niederschlugen. Hier öffnete sich ein neuer Erwartungshorizont, der sich von den früheren, auf Tradition bezogenen Emotionen und Tugenden abgrenzte, bisweilen in einer radikalen Art und Weise. Zivilisation erhielt dadurch einen zeitlichen Index, zufolge dessen sie die Vergangenheit, vergangenen Erfahrungen und Ereignisse, hinter sich ließ und sich einer prinzipiell offenen und immer besseren Zukunft öffnet. Dazwischen ordnete sich das Jetzt der Emotionen und ihrer Kultivierung ein.

Das Projekt hat den Zivilisierungsprozess aus seiner bisherigen Engführung auf die westliche Tradition und die europäische Moderne herausgelöst und damit sowohl seine Homogenität als auch den historischen Vorrang des Westens in Frage gestellt. Stattdessen wurde er auf die verschiedenen Sprachen heruntergebrochen, deren Verflechtungen, untereinander und mit Europa damit dem analytischen Zugriff geöffnet wurden. Mit der Heterogenität der Sprachen verknüpft war eine Heterogenität der Zeiten, der nations- und kulturspezifischen Zeithorizonte und Rhythmen, die oft nicht mehr harmonierten, nicht mehr in sync waren. Dennoch blieb die europäische Fortschrittsidee eines der mächtigsten Zeitregime, auf die sich andere Kulturen beziehen, mit dem sie sich vergleichen und an das sie sich anpassen. Auf diese Weise lässt Fortschritt eine ganze Reihe von unterschiedlichen Temporalisierungsprozessen entstehen, die Wissenschaft, Religion, Politik und Moral umfassen und sehr unterschiedliche Zeitstrukturen und Zeitregimes hervorbringen, die jede ihre eigene Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart haben. Innerhalb dieser Zeitregime sind Gefühle, wie auch die Strategien ihrer Zivilisierung, je unterschiedlich konfiguriert.

Die Zusammenstellung von Moderne und Befreiung auf der einen Seite, und von Tradition und Unterdrückung auf der anderen gehören sicherlich zu den am häufigsten verwendeten Topoi in den Debatten über civility und civilization in der Zeit. Schaut man genauer hin, wurden jedoch Moderne und Tradition, wie auch Unterdrückung und Befreiung in vielfältiger Form verflochten. Die Debatten zeigten ein breites Spektrum von Wiedererwachen und Erneuerung, wie zum Beispiel in der Arabischen nahda oder der Bengali renaissance, die die Beziehung zwischen alt und neu immer wieder aufs Neue austarierten. Der Unterschied konnte aber auch stärker als Oppositionsbeziehung gefasst werden, wie dies zur gleichen Zeit im Iran der Fall war, wo Vorstellungen einer allmählichen Reform, aufruhend auf bestehendem religiösen und politischen Wissen und Traditionen, aufeinanderprallten mit radikalen, sogar revolutionären Ansätzen, die sich hiervon nachdrücklich distanzierten. Diese verschiedenen Rhythmen des Fortschritts (oder auch seiner Ablehnung, in Teilen Europas oder in den Kolonien) sind eng verbunden mit unterschiedlichen Emotionsregimes, die auch spezifisch temporale Emotionen umfassen, wie Nostalgie, das Gefühl des Verlustes, Ungeduld, Sehnsucht und Angst.

Das Projekt hat viele Beispiele zutage gebracht, wie der Rhythmus des Fortschritts als geprägt gesehen wurde durch den Kampf zwischen Individuen, Gruppen, Nationen oder sogar Rassen. Koreanische Zeitschriften, zum Beispiel, unterstrichen die Normalität des Kampfes als einer positiven Antwort auf eine sich verändernde Welt. Ende des 19. Jahrhundert bezog die Semantik des Kampfes ihr Vokabular länderübergreifend aus dem Sozialdarwinismus, vor allem Spencer’scher Prägung. Phrasen wie der Überlebenskampf, das Überleben der Stärksten, und natürliche Auslese hielten ihren Einzug in die Debatten um civility/civilization nicht nur in Europa, sondern ebenso auch in Asien. In diesem Kampf wurden Emotionen sowohl als Mittel im Überlebenskampf als auch als Indikatoren für einen erfolgreichen oder erfolglosen Kampf angesehen. Doch wo in den Diskursen derer, die sich bereits an der Spitze des Fortschritts glaubten und eine tatsächliche Machtposition innehatten (oft, aber nicht immer Europäer und nicht alle Gruppen innerhalb der europäischen Nationen), das Spencer’sche Modell oft zu Ängsten vor dem Niedergang führte, wurde er aus der kolonisierten Perspektive häufig als ein Verkünder der Hoffnung gelesen, der Dynamik in die Starrheit der Rassekategorien brachte und die Möglichkeit eröffnete, dass Anstrengung und Kampf zu tatsächlichen Veränderungen führen würden.

Schließlich umfassten die Rhythmen des Fortschritts auch Elemente der Zirkularität und der Wiederholung, die im Widerspruch zu stehen schienen zum elementarsten Zeitbegriff der Moderne: dem Bruch mit der Vergangenheit, der Bewegung hin zur Zukunft und dem Vorrang von Innovation und Erneuerung. Dies wird deutlich in den weit verbreiteten Metaphern von Ebbe und Flut oder auch von Aufstieg und Niedergang. Weiterhin konnte der Fortschritt durchaus mit einer Wendung zurück zu einem Goldenen Zeitalter einhergehen, mit der Orientierung des Islams beispielsweise an der Zeit des Propheten, die mit den Kategorien des Vor und Zurück, oder des Unterschiedes zwischen einer kreis- oder einer linienförmigen Zeitbewegung gar nicht mehr adäquat zu erfassen ist.

Lässt sich dieses Modell verallgemeinern?
Sicherlich sind für dieses Projekt eine Reihe von begünstigenden Faktoren zusammengekommen, die ebenso dem Glück und der Risikobereitschaft aller Involvierten (nicht zuletzt der beiden Institute, die es finanziert haben) geschuldet sind, wie einer durchdachten Strategie. Falls es jedoch als Modell zu überzeugen vermochte, dass wir in einer Reihe von Problemen in der Globalgeschichte nur mit Hilfe von Kooperationsprojekten weiterkommen können, so lohnt es sich darüber nachzudenken, welche Bedingungen geschaffen werden müssten, um solche Projekte nicht dem glücklichen Zufall zu überlassen.

Erstens müssen wir früher mit der Ausbildung zur Teamarbeit anfangen. Gegenwärtig erkennen wir bis zur Habilitation letztlich nur individuelle Leistungen an und bilden unsere Nachwuchskräfte auch nur hierfür aus. Wenn sie dann nach einem über mehr als anderthalb Dekaden gehenden Trainingsprogramm zum Einzelkämpfer auf einmal teamfähig sein sollen, gibt das Verwerfungen, die jedoch nicht in der Natur der Sache oder gar der menschlichen Natur liegen. Studenten brauchen Hilfestellung dafür, wie man ein Thema und Fragestellungen in der Gruppe formuliert, wie man sich als Team organisiert und wie man das gemeinsame Schreiben am effektivsten organisiert, und sie brauchen Anerkennung für die Arbeit im und für das Team und nicht nur für die brillante Einzelleistung.

Wir müssen zweitens darüber nachdenken, wie wir dieses in der Qualifikationsphase fortsetzen können und wie wir die Fähigkeit zur Teamarbeit prämieren können. Diese Art von Projekten darf nicht länger ein Karriererisiko oder gar ein Karrierehindernis sein, sondern muss sich lohnen – nicht nur intellektuell, sondern auch für die Karriere.

Wenn die Globalgeschichte stärker auf einer Kollaboration der Regionalwissenschaften aufruhen soll, so bedeutet dies drittens auch, der gegenwärtigen Tendenz zum Herunterspielen von Sprachkenntnissen entgegenzuwirken. Sprachen lernen kostet Zeit. Wenn wir den Studenten dies nicht mehr einräumen, dann manövrieren wir die Globalgeschichte und irgendwann auch die Regionalwissenschaften mit viel Pragmatismus ins Abseits der Bedeutungslosigkeit – sowohl gegenüber der europäischen Geschichte, wo zum Glück noch niemand auf die Idee kommt, dass man französische oder italienische Geschichte ohne entsprechende Sprachkenntnisse betreiben könnte, als auch der Global- und Regionalgeschichte, die in anderen Regionen geschrieben wird. Im Klartext: wenn amerikanische Universitäten ein oder zwei Jahre intensiven Sprachunterricht vor Ort finanzieren und wir allenfalls vorschlagen können, diese Zeit auf eigene Kosten zwischen Master und Promotion einzuschieben, werden wir auf Dauer die Doktoranden und Doktorandinnen verlieren, die wir für eine Zusammenführung der Globalgeschichte und der Regionalwissenschaften dringend brauchen.

Zuletzt brauchen wir viertens Förderlinien, die auf solche kollaborative Projekte abgestimmt sind, indem sie zum einen Vorkonferenzen aufgrund einer Projektidee ermöglichen, die es erlauben, einen Projektentwurf gemeinsam und in der Zusammenführung unterschiedlicher regionaler Perspektiven zu schreiben, und zum zweiten in der zweiten Hälfte des Projektes (also nach der ersten Runde der Archivrecherche) einer längere Zusammenarbeit der Gruppe ermöglicht, idealerweise eine Woche bis zehn Tage.

Anmerkung:
[1] Margrit Pernau/ Helge Jordheim/ Christian Bailey/ Orit Bashkin/ Oleg Benesch/ Jan Ifversen/ Mana Kia/ Rochona Majumdar/ Angelika Messner/ Myoungkyu Park/ Emmanuelle Saada/ Mohinder Singh/ Einar Wigen, Civilizing Emotions. Concepts in Nineteenth Century Asia and Europe, Oxford 2015.

Zitation
M. Pernau / H. Jordheim: Global history meets area studies. Ein Werkstattbericht, in: H-Soz-Kult, 14.11.2017, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-4229>.