Editorial: „Außereuropäische Geschichte“, „Globalgeschichte“, „Geschichte der Weltregionen“? Neue Herausforderungen und Perspektiven

Von
Redaktion H-Soz-Kult, Sebastian Dorsch, Achim von Oppen, Barbara Mittler, Anke Ortlepp, Matthias Middell, Katja Naumann

Liebe Leserinnen und Leser,

In der Redaktion von H-Soz-Kult führen wir begleitend zu unserer Arbeit stetige Diskussionen über die Kategorienbildung in den Geschichtswissenschaften, beispielsweise im Hinblick auf die von uns verwendeten regionalen und epochalen Kategorien und die thematischen Schwerpunkte, die wir zur Klassifizierung aller Beiträge anbieten. Die regionale Klassifikation beispielsweise wurde im Lauf der Jahre mehrmals verändert oder ergänzt; der Begriff "Außereuropäische Geschichte" wurde in der Redaktion immer wieder kritisch diskutiert. Umso erfreuter waren wir, als die Herausgeber dieses Forums sich, auch auf Anregung aus dem Arbeitskreis für Außereuropäische Geschichte (AAG) im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD), mit der Idee zu einem Diskussionsforum an die Redaktion wandten, um in einer Reihe eingeworbener Beiträge das Verhältnis von "Außereuropäischer Geschichte", "Globalgeschichte" und "Geschichte von Weltregionen" zu diskutieren. So entstanden mehrere gedankenanregende Essays, die wir Ihnen ab heute vorstellen werden. Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre und sind wie immer gespannt auf Ihre Reaktionen.
Die Redaktion von H-Soz-Kult

Editorial
Angelika Epple, die sich mit der historischen Konstruktion von Lokalität weltweit befasst, fragte 2013: „Wird Geschichte in Zukunft nur noch Globalgeschichte sein?“[1] Und der Global- und Asienhistoriker Jürgen Osterhammel eröffnete seine Geschichte des 19. Jahrhunderts mit der Aussage: „Alle Geschichte neigt dazu, Weltgeschichte zu sein“.[2] Seit geraumer Zeit diskutieren viele Historikerinnen und Historiker über geeignete räumliche Ebenen historischen Arbeitens. Sowohl für Vertreterinnen und Vertreter der weltregional als auch der globalgeschichtlich ausgerichteten Historiographie, also der Area und der Global History, gehen diese Fragen an das grundsätzliche Verständnis des Faches: Inwieweit begründen regionale und globale Perspektiven auf Geschichte heute noch unterschiedliche Teildisziplinen?

Dieses Forum geht auf eine Anregung des Arbeitskreises für Außereuropäische Geschichte (AAG) im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) zurück. Die Idee wurde von der Redaktion von H-Soz-Kult sehr gern aufgegriffen, setzt sie doch auch eine seit 2005 im Fachforum geschichte.transnational geführte Debatte fort.[3]

Manche Area-Historikerinnen und Historiker sehen ihr Fachgebiet langfristig in der Globalgeschichte aufgehen. Andere aber sehen sich umgekehrt als notwendige Ergänzung oder sogar Herausforderung für letztere. Wie lassen sich – so die leitende Fragestellung dieses Forums – beide und ihr wechselseitiges Spannungsverhältnis epistemologisch und forschungspolitisch verorten? Vielzitierte gemeinsame Ziele der Area und der Global History sind die Etablierung einer „Geschichtswissenschaft jenseits des Nationalstaates“[4] sowie die „Provinzialisierung Europas“.[5] Grenzüberschreitende Geschichtsschreibung wird heute als transnationale[6], transregionale[7] und transkulturelle[8], zuletzt auch als translokale[9] Geschichte gefasst, verflechtungs- und beziehungsgeschichtliche Vorgehensweisen stehen neben unterschiedlichen komparativen Verfahren.[10]

Neben diesen gemeinsamen Zielen und Methoden werden aber auch immer wieder Unterschiede diskutiert: So interessiert sich die Globalgeschichte für bestimmte Themen, Zeiträume oder Ereignisse, wie beispielsweise Sklaverei, Imperien, die „Weltkrise zwischen 1720 und 1820“[11] oder die Wirkungen der Weltkriege, aus einer globalen bzw. regionsübergreifenden Perspektive. Den Ausgangspunkt der Area History bildet dagegen die Geschichte spezifischer Weltregionen, wie die Afrikas, Asiens, die der Amerikas oder auch von Teilen Europas. Konstitutiv für deren Etablierung war, ebenso wie für die interdisziplinären Area Studies ganz allgemein, die Nachfrage nach Expertise zu diesen Regionen, insbesondere zum „globalen Süden“ (und auch „Osten“), d.h. außerhalb (West-)Europas und Nordamerikas. Ein Erbe dieses ursprünglich auf das „Andere“ zielenden Erkenntnisinteresses der Area History ist heute die historisch-reflexive Auseinandersetzung mit den problematischen Stereotypen des europäischen Othering dieser Weltregionen. Ein weiterer Teil dieses Erbes ist eine besondere Sensibilität für die Macht von Grenzziehungen, für die Asymmetrie transregionaler Beziehungen zu Europa, und für die Agency nichteuropäischer Akteure. All dies drückt sich heute auch in einer besonderen Betonung des „Forschens mit“ wissenschaftlichen Partnern aus den Regionen aus.

Aus den genannten Gründen haben Historikerinnen und Historiker, die zu nicht-europäischen Weltregionen arbeiten, lange bewusst das Außer-Europäische dieser Regionen betont. Hierbei spielten auch forschungspolitische Gründe und die Hoffnung auf stärkere Förderung der Außen-Seiter eine wichtige Rolle. So konstituierte sich 1980 auf dem Historikertag in Würzburg der Arbeitskreis für Außereuropäische Geschichte (AAG). Zwanzig Jahre später, auf dem Aachener Historikertag im Jahre 2000, wurde der AAG unter dem Vorsitz von Dietmar Rothermund als Arbeitsgruppe des VHD offiziell anerkannt. In diese zwanzig Jahre fallen die Einrichtung des DFG-Schwerpunktprogramms „Transformationen der europäischen Expansion vom 16. bis zum 20. Jahrhundert: Forschungen zur kognitiven Interaktion europäischer mit außereuropäischen Gesellschaften“ (1993-98), die Gründung der Zeitschrift „Periplus. Jahrbuch für außereuropäische Geschichte“ (1991) und der Gesellschaft für Überseegeschichte (1988)[12], während die in Leipzig beheimatete Zeitschrift „Comparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte und vergleichende Gesellschaftsforschung“ schon 1991 das Globalgeschichtliche in den Vordergrund stellt(e), aber mit der Provinzialisierung Europas auch Anliegen der außereuropäischen Geschichte aufgegriffen hat. Die Geschichte Europas bzw. des „Nordens“ oder „Westens“ blieb für die „außereuropäische“ Area History implizit oder explizit immer eine wesentliche Bezugsgröße, besonders im Kontext der europäischen Expansion.

Die Betonung des Außer-Europäischen war durchaus erfolgreich. So ist heute, 2016/2017, die historische Forschungslandschaft in Deutschland weltregional sehr viel ausdifferenzierter: Fast drei Dutzend (33) Universitäten und außeruniversitäre Institutionen verfügen laut AAG-Homepage (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) mittlerweile über historische oder interdisziplinäre Schwerpunkte, die sich mit der Welt außerhalb Europas und mit wechselseitigen Beeinflussungen beschäftigen. Knapp die Hälfte dieser Einrichtungen (16) etablierte nach Erhebungen des AAG mehr als nur einen weltregionalen historischen Schwerpunkt.[13] Seit einigen Jahren wird auch bei Ausschreibungen von Professuren zur europäischen Geschichte vermehrt nach Expertise zu anderen Weltregionen gefragt.

Damit erfährt die Dichotomie zwischen europäischer und außereuropäischer Geschichte eine kritische Revision. Zugleich nähern sich Area History und Global History weiter an. Erstens wird, unterstützt durch historische Entwicklungen, die häufig mit dem Begriff der Globalisierung umschrieben werden, Europa in der Forschungspraxis vermehrt zu einer Weltregion unter vielen, wird also in der Tat gewissermaßen provinzialisiert. Zweitens wird inzwischen weniger die Dichotomie zwischen Außer-Europa und Europa, sondern das Grenzüberschreitende, die Beziehungen und Verflechtungen unterschiedlicher Reichweite, aber auch die Asymmetrien und Abgrenzungen zwischen Räumen unterschiedlichen Zuschnitts betont, die das Globale erst konkret machen.[14] Historikerinnen und Historiker einzelner Weltregionen verstehen sich nicht „nur“ als Experten für die Geschichte einer Area (die immer schon eher trans-national gedacht war), sondern arbeiten auch trans-regional. „Außereuropäer“ verschiedener regionaler Spezialisierung kooperieren dabei oft mit Kolleginnen und Kollegen der europäischen Geschichte. Drittens schließlich sind neben diesen „Süd-Nord und Ost-West“-Beziehungen – und deren Transformationen, etwa durch Migrationsprozesse – verstärkt auch Vergleiche und Verflechtungsräume in den Blick gekommen, die zwischen den außereuropäischen Weltregionen angesiedelt werden, etwa im Black Atlantic, im Indischen Ozean, oder in politischen Konstrukten wie dem einer „Dritten Welt“.

In Themenwahl und Methoden unterscheidet sich die Area History also immer weniger von der Global History. Diese Annäherung schlägt sich auch in der Umbenennung von Professuren (z.B. an den Universitäten in Hagen und Nürnberg-Erlangen) und Arbeitsbereichen nieder: An der Universität Hamburg heißt der vormalig „Außereuropäische Geschichte“ genannte Bereich seit Sommer 2015 „Globalgeschichte“.[15] Unser Forum nimmt diese Situation zum Anlass, um die bereits an vielen Orten laufenden Diskussionen über die Positionierung der „außereuropäischen“ bzw. weltregionalen und der Globalgeschichte innerhalb der „allgemeinen“ Geschichtswissenschaft in Deutschland zu bündeln und zu vertiefen. Zunächst haben wir eine Reihe von Kolleginnen und Kollegen um Eingangsstatements zu ihren Erfahrungen mit den Herausforderungen des Verhältnisses von Area und Global History gebeten. Zur Orientierung und Strukturierung der Beiträge haben wir folgende Fragen formuliert:

Erstens: Wie schätzen Sie die Stellung/Bedeutung der Geschichtsschreibung zu „Ihrer“ Weltregion ein und zwar im Verhältnis 1) zur nationalen Geschichtsschreibung, 2) zur europäischen Geschichtsschreibung, 3) zu Historiographien anderer Weltregionen und 4) zur Globalgeschichtsschreibung? Wenn möglich gehen Sie dabei bitte sowohl auf Untersuchungsgegenstände/-methoden als auch auf institutionelle und forschungspolitische Aspekte ein.
Zweitens: Welche infrastrukturellen und forschungspragmatischen Herausforderungen und Bedingungen sind typisch für die deutsche Area History zu „Ihrer“ Weltregion bzw. aus Ihrer Sicht für die Globalgeschichte?
Drittens: Welche spezifischen Qualifikationen (nicht nur sprachlicher Art) sind Ihres Erachtens mit der Geschichte Ihrer Weltregion bzw. mit Globalgeschichte verbunden? Was ist für seriöse, d.h. quellenfundierte Forschung in diesen Bereichen essentiell, was ist andererseits gerade im Rahmen von Dissertationen und Habilitationen aber auch realistisch? Welche Vor- und Nachteile bieten die Area History bzw. die Globalgeschichte Ihres Erachtens für den wissenschaftlichen Nachwuchs?

Selbstverständlich war es den Eingeladenen überlassen, wie sie diese Fragen angehen und mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen in dem zur Debatte stehenden Feld verknüpfen. Die Differenzen in Format und Strukturierung der Argumente sind auch als Einladung zur weiteren Diskussion gemeint. Wir werden zunächst eine Reihe von Statements veröffentlichen, die aus einer Tagung des Arbeitskreises in Bayreuth hervorgegangen sind, möchten aber ausdrücklich die Leserinnen und Leser von H-Soz-Kult ermutigen, den Faden aufzunehmen und aus ihrer Sicht die Beschreibungen eines für unser Fach bedeutsamen Wandels zu ergänzen.

Sebastian Dorsch, Achim von Oppen, Barbara Mittler und Anke Ortlepp, in Zusammenarbeit mit Matthias Middell und Katja Naumann und der Redaktion von H-Soz-Kult

Anmerkungen:
[1] Angelika Epple, Lokalität und die Dimensionen des Globalen. Eine Frage der Relationen, in: Historische Anthropologie 21/1 (2013), S. 5.
[2] Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009, S. 13.
[3] Vgl. http://geschichte-transnational.clio-online.net/forum/type=diskussionen (01.11.2017).
[4] Jürgen Osterhammel, Geschichtswissenschaft jenseits des Nationalstaats. Studien zur Beziehungsgeschichte und Zivilisationsvergleich, Göttingen 2001.
[5] Dipesh Chakrabarty, Provincializing Europe. Postcolonial Thought and Historial Difference, Princeton, NJ 2000.
[6] Vgl. stellvertretend: Gunilla Budde u.a. (Hrsg.), Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien, Göttingen 2006; Margit Pernau, Transnationale Geschichte, Göttingen 2011.
[7] Vgl. bspw. das Forum Transregionale Studien (Berlin) oder spezifischer auf die Regionen des Globalen Südens ausgerichtet das Global South Studies Center (GSSC) in Köln sowie Jerry H. Bentley u.a. (Hrsg.), Interactions: Transregional Perspectives on World History, Honolulu 2005.
[8] Vgl. die Arbeiten des Clusters Asia and Europe in a Global Context in Heidelberg, hier vor allem Madeleine Herren-Oesch u.a., Transcultural History. Theories, Methods, Sources, Heidelberg 2012.
[9] Vgl. Ulrike Freitag / Achim von Oppen (Hrsg.), Translocality. The Study of Globalising Processes from a Southern Perspective, Leiden 2010.
[10] Vgl. Sebastian Conrad / Shalini Randeria (Hrsg.), Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt am Main 2002; Hartmut Kaelble / Jürgen Schriewer (Hrsg.), Vergleich und Transfer: Komparatistik in den Sozial-, Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt am Main 2003; Jürgen Kocka, Comparison and Beyond, in: History and Theory 42 (2003), S. 39-44; Osterhammel, Geschichtswissenschaft; Michael Werner / Bénédicte Zimmermann, Vergleich, Transfer, Verflechtung. Der Ansatz der Histoire croisée und die Herausforderung des Transnationalen, in: Geschichte und Gesellschaft 28/4 (2002), S. 607-636; Matthias Middell, Kulturtransfer, Transferts culturels, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 28.1.2016, URL: http://docupedia.de/zg/Kulturtransfer?oldid=108736 (01.11.2017); Birgit Schäbler (Hrsg.), Area Studies und die Welt: Weltregionen und neue Globalgeschichte, Wien 2007; siehe auch die Debatten auf dem Blog des Forums Transregionale Studien http://www.forum-transregionale-studien.de/blogs-des-forums.html (01.11.2017).
[11] Christopher A. Bayly, The birth of the modern world 1780-1914. Global connections and comparisons, Malden 2004.
[12] Siehe Gründungsaufrufe und frühere Selbstdarstellungen der genannten Organisationen.
[13] So verfügen z.B. folgende Universitäten über mindestens zwei nicht-europäische Geschichtsprofessuren: Bayreuth, FU Berlin, HU Berlin, Bielefeld, Bochum, Bonn, Erfurt, Freiburg, Hamburg, Hannover, Heidelberg, Köln, Leipzig, LMU München, Münster und Tübingen. Die FU, Hamburg, Heidelberg und Köln bieten mit je vier außereuropäischen Schwerpunkten hier am meisten an. Die Zahlen gemäß der AAG-Homepage wurden nach dem Wissensstand der Autoren angepasst; die Seite unterliegt ständiger Überarbeitung.
[14] Frederick Cooper, What is the concept of globalization good for? An African historian's perspective, in: African Affairs 100/399 (2001), S. 189-213.
[15] Freilich existieren auch (noch?) Arbeitsbereiche/Institute/Professuren zur Außereuropäischen Geschichte, wie in Duisburg-Essen oder Münster, in Nürnberg-Erlangen jetzt nur noch ein Lehrstuhl „Auslandswissenschaft“.

Zitation
Editorial: „Außereuropäische Geschichte“, „Globalgeschichte“, „Geschichte der Weltregionen“? Neue Herausforderungen und Perspektiven, in: H-Soz-Kult, 02.11.2017, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-4319>.