Forum: Interview mit Ewald Frie (Univ. Tübingen) zum FID Geschichte

Von
Ewald Frie, Historisches Seminar - Abteilung für Neuere Geschichte, Eberhard-Karls-Universität Tübingen

H-Soz-Kult: Herzlichen Dank an Sie, Herr Frie, für Ihre Bereitschaft zu unserem Interview über die Fachinformationsdienste (FID). Bereits 2016 haben wir verschiedene Kolleginnen und Kollegen aus dem Fach sowie aus an FID beteiligten Bibliotheken zu den damals gerade im Entstehen begriffenen FID-Strukturen befragt <https://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-3829>. Wir möchten nun nach zwei Jahren ein erstes Resümee versuchen und daher Sie als Professor für Neuere Geschichte an der Universität Tübingen wie auch als Beiratsmitglied des FID Geschichte um eine Einschätzung bitten. Welche Entwicklungen des FID begrüßen Sie und welche schätzen Sie eher kritisch ein?

Ewald Frie: Angesichts grundlegender Veränderungen der Strukturen geschichtswissenschaftlichen Arbeitens (räumlich Entgrenzung des Gegenstandsbereichs, Neukonfiguration der Fächergrenzen, Wandel der Aufschreib-, Speicher- und Kommunikationssysteme) war es sicher richtig, die Routinen der Sondersammelgebiete zu überdenken. Die Fachinformationsdienste sind eine für die Geschichtswissenschaften nicht unproblematische Antwort. Die Umstellung von Grundversorgung mit Literatur auf die je aktuellen Bedürfnisse der Wissenschaft prämiert die je aktuellen Moden des Fachs und schränkt zukünftige Moden ein. Der Übergang zu dauerhafter Projektförmigkeit in den FIDs ist nicht sinnvoll, weil es den Aufbau verlässlicher Infrastrukturen gefährdet. Als Beirat habe ich einen Eindruck davon erhalten, wie aufwändig der Aufbau einer fachspezifischen Informationsinfrastruktur ist. Bei einem Wechsel des FID-Ortes müsste sie immer wieder neu gemacht werden. Darüber hinaus ist es auch für unsere zukünftige Alltagsarbeit als Historikerinnen und Historiker nicht sinnvoll, wenn der Ort der schwerpunktmäßigen Informationsbereitstellung, auf dessen Ressourcen wir im Zweifelsfall zurückgreifen, immer wieder wechselt bzw. gewechselt hat.

Dass der FID Geschichtswissenschaft an der BSB angesiedelt ist, scheint mir ein Glücksfall. Möglicherweise bin ich als Beirat voreingenommen, aber mein Eindruck ist, dass die BSB-Leute engagiert und zweckdienlich arbeiten. Mit der Formel „eingeschränkt vorsorgender Bestandsaufbau“ ist ein Kompromiss gefunden zwischen der Forderung der DFG nach Orientierung am aktuellen Bedarf der Wissenschaft einerseits und Bereitstellung der verfügbaren Information im Ganzen andererseits. Besonders erfreulich finde ich, dass es zu gelingen scheint, an die Stelle der eingestellten Jahresberichte für Deutsche Geschichte und der ebenfalls ausgelaufenen Historischen Bibliographie eine neue Deutsche Historische Bibliographie zu setzen.

H-Soz-Kult: Welche Rolle spielt für Sie in Forschung und Lehre das digitale Publizieren? Hat sich vor dem Hintergrund Ihrer Beiratsmitgliedschaft Ihr Nutzungsverhalten in Bezug auf elektronische Ressourcen (Literatur und Fachdatenbanken) geändert?

Ewald Frie: Ich mag Bücher. Ich fasse sie gern an, türme sie zu Stapeln auf, trage sie herum, ich blättere gern beim Lesen. Ich bin stolz, wenn ein Buch vor mir liegt, das ich selbst geschrieben habe. Bücher machen Gefühle. Aber im ICE hat die Zahl der Bücherleser abgenommen. Und auch ich selbst arbeite immer stärker mit digitalen Texten. Rezensionen suche ich im Netz, nicht in der Bibliothek. Ich bin dankbar für Aufsätze, die ich direkt am Bildschirm lesen kann. Mein persönlicher Bücheretat ist, so merke ich bei der jährlichen Steuererklärung, im Wissenschaftsbereich kleiner geworden. Bei der schönen Literatur ist er möglicherweise größer geworden, aber da habe ich keine belastbaren Zahlen. Wahrscheinlich mache ich unreflektiert einen Unterschied zwischen Gebrauchstexten, mit denen ich am Rechner herumwirtschafte, und nachhaltigen, werthaltigen Texten mit langem Atem, die ich gern in der Hand halte und wieder in die Hand nehme.

Für meine eigenen Produkte mag ich allerdings den Begriff „Gebrauchstexte“ nicht so gern. Ich feile an ihnen herum, damit sie nicht nur Informationsträger sind, sondern Vergnügen bereiten – jedenfalls manchmal. Dennoch finde ich es gut, wenn sie über kurz oder lang elektronisch verfügbar sind. Schnelle Erreichbarkeit ist ein Vorteil. Elektronisch verfügbare Texte werden häufiger zitiert. Wir gewöhnen uns daran. 2014 hat die ANU E Press in Canberra zum zehnjährigen Jubiläum das „E“ aus ihrem Namen gestrichen. „Digital publication has become the norm across publishing, the Press no longer needs to set itself apart as a digital publisher”, heißt es zur Begründung auf der Homepage. Ob das auch für den deutschen Büchermarkt gilt? Der Tübinger SFB “Bedrohte Ordnungen”, dessen Sprecher ich eine Zeitlang war, hat mit Mohr Siebeck eine Buchreihe gemacht, bei der wir großen Wert auf qualitätssichernde Prozeduren wie peer review, aber auch auf qualitativ hochwertiges Aussehen und eine entsprechende materielle Anmutung gelegt haben.

Meine Beiratsmitgliedschaft hat dazu geführt, dass ich mehr und auch andere elektronische Ressourcen nutze. In der Lehre kann ich die Faszination des quellen- und forschungsorientierten Arbeitens leichter an die Studierenden vermitteln, wenn viele, gute und originelle Quellen und Literatur schnell verfügbar sind. Es wird allerdings auch weiterhin Quellen und Literatur geben, die nicht elektronisch verfügbar und doch unverzichtbar sind. Digital aufgewachsene Studierende benötigen diesen Hinweis gelegentlich.

H-Soz-Kult: Eine der großen Befürchtungen im Vorfeld des Umstiegs von den SSG auf die FID war, dass die „umfassende Erwerbung von Literatur“ zum Erliegen kommen würde. Im FID Geschichte selbst stehen nach Angaben des FID im März 2018 ca. 70% des früheren SSG-Erwerbungsetats zur Verfügung, was sich derzeit im Verzicht auf Erwerbung von Populärliteratur, Studienliteratur, Überblicksdarstellungen und Bildbänden niederschlägt. Welche Folgen hat das aus Ihrer Perspektive für die Forschung?

Ewald Frie: Das ist sehr schwer zu sagen. Auch in Zeiten der SSGs hat es ja keine deutschlandweite Koordination der Buchanschaffungen gegeben, sondern nur eine Art Back-up. Jetzt fällt das weg, war vielleicht auch aufgrund der zunehmenden Textmenge und der aufkommenden E-Angebote faktisch zuletzt nicht mehr gegeben. Für Historikerinnen und Historiker tritt m.E. keine Beeinträchtigung der Forschungsmöglichkeiten ein. Dafür werden die FIDs Sorge tragen. Aber es wird einen Quellenschwund geben. Weil, wie Martin Schulze Wessel einmal gesagt hat, die Dynamik in den Geisteswissenschaften von statischen Bedingungen, nämlich der themenblinden Gesamtzurverfügungstellung der Literatur, abhängt, ist es wichtig, dass der Quellenschwund unsystematisch bleibt. Angesichts der Vielfalt des deutschen Bibliothekssystems bin ich zuversichtlich, dass das geschieht.

H-Soz-Kult: Eine weitere, oft geäußerte Kritik an den FID bezieht sich auf das Risiko überhöhter Preise bei den FID-Lizenzen für Fachdatenbanken oder elektronisch verfügbare Literatur und damit verknüpft der Einengung des Nutzerkreises auf ausschließlich die "Spitzenforschung" – was in einem Ausschluss von z.B. Studierenden münden würde; welche Erfahrungen haben Sie in der Lehre im Umgang mit digitalen, kostenpflichtigen Angeboten gemacht?

Ewald Frie: Ich glaube, dass das Problem überschätzt worden ist. Anders als in den Naturwissenschaften treffen exorbitante Preissteigerungen die Geschichtswissenschaften nicht im Kern (wir haben nicht die zwei oder drei Zeitschriften oder E-Angebote, auf deren Zugänglichkeit die Forschung basiert), sondern an den Rändern. Derzeit experimentiert unser FID mit Lizenzierungs- und Kontingentmodellen und trifft sowohl bei den Verlagen als auch bei uns, den Nutzerinnen und Nutzern, auf Zögerlichkeit. Wir werden noch einige Zeit brauchen, um die besten Lösungen zu finden.

Ich selbst greife in der Lehre nicht auf hochspezifische Datenbanken zurück, für die ich eine FID-Lizenz bräuchte, sondern arbeite in der Regel mit leicht verfügbaren Materialien. Im Beirat haben wir aber über die Preisfragen und Einengung der Nutzerkreises für hochspezialisierte Ressourcen lange diskutiert. Wir haben mit Nachdruck für umfassende Verfügbarkeit von Ressourcen plädiert, und ich habe den Eindruck, dass dieser Ratschlag beherzigt wird.

H-Soz-Kult: Welche Auswirkungen des Umstiegs von SSG auf FID sind für Sie (sonst) bereits spürbar? Hat sich Ihrer Meinung nach die ursprüngliche Skepsis an der Überführung der SSG in FID gelegt, wie nehmen Sie diese Skepsis in Ihrem unmittelbaren Umfeld war?

Ewald Frie: Zunächst einmal gibt es bei diesen Fragen viel Unwissen, die auch die BSB-Leute trotz reger Bemühungen in der zielgruppenorientierten Öffentlichkeitsarbeit nicht haben beseitigen können. Die Skepsis vor allem im Hinblick auf die Grundversorgung ist nicht gewichen. Das ist auch kein Wunder, denn die Folgen der Umstellung können erst mit einigem Zeitabstand wirklich sichtbar werden. Meine Aufgabe als Beirat sehe ich auch darin, zu informieren und die Vorteile der Neuaufstellung zum Tragen zu bringen.

Der Umstiegsprozess kann beispielhaft an historicum.net beobachtet werden, das zum Portal des FID geworden ist, ein wenig BSB-Repräsentation macht und auch Züge seiner etwas informelleren Vergangenheit mit sich herumträgt. Spannend wird sein, wie sich der FID nach dem weiteren Ausbau seiner Informationsinfrastruktur zu anderen Informationsanbietern stellen wird. Rund um recensio.net müssen landeshistorische Zeitschriften jetzt schon entscheiden, ob sie ihre Rezensionen direkt allgemein verfügbar online stellen wollen, eine ‚moving wall‘ einführen oder auf selbständige regional basierte Information setzen. Verlage, Zeitschriften und der FID diskutieren über open access. Die laufende Retro-Digitalisierung von Büchern wird das Nutzerverhalten in den Bibliotheken verändern. Die FIDs werden aktive und auch mächtige Spieler in einem sich entwickelnden public-private-mix materialer und elektronischer Informationsanbieter sein.

H-Soz-Kult: Als Beiratsmitglied kommt Ihnen natürlich die Aufgabe zu, den Nutzerbedarf der "Community" zu formulieren - Wie bringen Sie Ihre Expertise konkret ein? Sehen Sie spezifische Anforderungen an einen geschichtswissenschaftlichen FID gegenüber anderen Fächern und anderen Online-Angeboten in den Geschichtswissenschaften, und welche Wünsche und Vorschläge knüpfen Sie an die Weiterentwicklung der FIDs?

Ewald Frie: Konkret sitze ich in den Beiratssitzungen, lese Papiere, höre Präsentationen und gebe Kommentare, die freundliche Aufnahme finden. Ich halte meine Augen und Ohren offen, nehme Anregungen und Wünsche auf und trage sie in die Beiratssitzungen hinein. Grundlegend sind für mich mehrere Dinge: das Fortbestehen einer möglichst umfassenden Grundversorgung mit Literatur, der ungehinderte Zugang zu allen Informationsressourcen für alle, sowie der verantwortungsbewusste Umgang mit dem Wandel der Aufschreib-, Speicher- und Kommunikationssysteme, mit der räumlichen Entgrenzung unseres Gegenstandsbereichs sowie der Neukonfiguration der Fächergrenzen. Der geschichtswissenschaftliche FID unterscheidet sich von anderen dadurch, dass seine Kundinnen und Kunden Allesfresser sind. Alles ist Geschichte. Das entgrenzt den Informationsraum und macht unsere Arbeit wie die der FID-Verantwortlichen interessant.

Zitation
Forum: Interview mit Ewald Frie (Univ. Tübingen) zum FID Geschichte, in: H-Soz-Kult, 22.09.2018, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-4568>.