Forum: U. Mühlschlegel (IAI-SPK Berlin): FID Lateinamerika

Von
Ulrike Mühlschlegel, Ibero-Amerikanisches Institut – Preußischer Kulturbesitz, Berlin

Zum derzeitigen Stand des FID Lateinamerika, Karibik und Latino Studies hat Ulrike Mühlschlegel vom Ibero-Amerikanischen Institut der Stiftung Preußischer Kulturbesitz unsere Fragen beantwortet.

H-Soz-Kult: Herzlichen Dank an Sie, Frau Mühlschlegel, für Ihre Bereitschaft zu einem kurzen Bericht über den FID Lateinamerika, Karibik und Latino Studies. Welche Informationsangebote zur Literaturversorgung bieten der FID und dessen Träger, das Ibero-Amerikanische Institut (IAI)?

Das Ibero-Amerikanische Institut (IAI) ist eine multidisziplinär orientierte, außeruniversitäre Einrichtung der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften. Als Area-Studies-Institution hat es einen regionalen Fokus – Lateinamerika, Karibik, Spanien, Portugal – und berücksichtigt dabei auch transregionale Verflechtungen. Die Bibliothek sammelt Informationen und Medien aus und über die genannten Regionen in allen Erscheinungsformen mit den Schwerpunkten Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften. Sie ist mit über 1.000.000 Büchern, fast 4.000 laufenden Zeitschriftentiteln, über 6.000 e-journals und einem jährlichen Zugang von über 30.000 Monographien eine der weltweit größten Sammlungen zu Lateinamerika und der Karibik. Hauptzielgruppe der Bibliothek sind WissenschaftlerInnen. Als moderne Forschungsbibliothek legt die Bibliothek des IAI ein besonderes Augenmerk auf die kontinuierliche Verbesserung des Zugangs zur Information im Kontext der digitalen Transformation. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die zeitgemäße und schnelle Erfüllung der Bedarfe aus der Wissenschaft. Digitale Informationen und Publikationen rücken deutlicher in den Vordergrund (E-First-Politik), ohne dass jedoch Print- und andere analoge Medienarten an Bedeutung verlieren. Dabei sind die zahlreichen Besonderheiten des lateinamerikanischen Buchmarktes und die Herausforderungen eines außereuropäischen Sammelgebiets insgesamt zu berücksichtigen.

Seit den 70er Jahren und bis Ende 2015 betreute die Bibliothek erfolgreich das Sondersammelgebiet (SSG) 7.36 Ibero-Amerika, in dem durch die DFG Erwerbungen von bzw. zu Recht, Parlamentaria, Tageszeitungen Lateinamerikas und der Karibik, Latino Studies im engeren Sinne sowie der internationale Bibliothekstausch finanziell unterstützt wurden. Zunächst für die Jahre 2016 bis 2018 wird am IAI nun der „Fachinformationsdienst Lateinamerika, Karibik und Latino Studies“ von der DFG gefördert. Neben der kontinuierlichen Erwerbung aktueller Publikationen stehen hier forschungsrelevante, antiquarische Zeitschriften sowie große Datenbanken mit Zeitungen, Zeitschriften und weiteren Volltexten im Vordergrund. In Zusammenarbeit mit WissenschaftlerInnen werden neue Wege der Kommunikation zwischen der Forschung und den wissenschaftlichen Bibliotheken erprobt .

H-Soz-Kult: Wie wurde die Fachcommunity einbezogen? Welche Rolle übernehmen Fachverbände und Beiräte?

Der Wissenschaftliche Beirat des IAI, der sich aus acht Mitgliedern zusammensetzt, berät das Institut in grundlegenden fachlichen und fächerübergreifenden wissenschaftlichen, bibliothekarischen Fragen sowie zu Themen der Kulturvermittlung. Er begleitet die Arbeit des Institutes kritisch und fördert dessen nationale und internationale Vernetzung. Der Beirat bewertet Aktivitäten und Entwicklungen des IAI, erarbeitet Empfehlungen und berichtet dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz regelmäßig über die Arbeit des Institutes. Der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirates wird vom Stiftungsrat berufen, die weiteren Mitglieder vom Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.[1] Der Wissenschaftliche Beirat des IAI ist mit Beschluss vom 09.03.2018 zugleich als Beirat für den FID Lateinamerika, Karibik und Latino Studies tätig.

Diese Rolle des Wissenschaftlichen Beirats begrüßten die VertreterInnen der Fachverbände[2] explizit. Um solche und ähnliche Themen mit den Fachcommunities abzustimmen, wurden insgesamt drei Workshops durchgeführt, einer vor der Einrichtung des FID (15./16.01.2015), zwei weitere vor der Antragstellung für eine zweite Förderphase (09./10.2.2018 und 01.03.2018). Zu den Workshops waren VertreterInnen der verschiedenen Fachverbände, ForscherInnen aus einschlägigen Verbundprojekten, NachwuchswissenschaftlerInnen sowie VertreterInnen anderer außereuropäischer FID eingeladen.[3] Sie nahmen an moderierten Diskussionen und Feedback-Runden teil.

Zum breiteren Dialog mit den WissenschaftlerInnen ist der FID auf Tagungen der Fachverbände (siehe Anmerkung 2) mit einem eigenen Informationsstand präsent, stellt sich in den Mitgliederversammlungen und Vorstandssitzungen vor und publiziert in den Verbandsmitteilungen sowohl Überblicksartikel über das Projekt wie auch laufende Hinweise auf seine Angebote.

H-Soz-Kult: Welche Lizenz- und Erwerbungsmodelle haben Sie entwickelt, wie gestaltet sich der Übergang vom umfassenden SSG-Erwerbungsmodell zum nutzungs- bzw. bedarfsgesteuerten Betrieb? Welche Kooperationsmodelle, welche Überschneidungen zu anderen FIDs haben sich in der Praxis ergeben und wie stimmen Sie Lizenzierung und Erwerb ab?

Bei den Lizenzen des FID ergeben sich einige Besonderheiten: Die vom IAI erworbenen Lizenzen für e-books, e-journals und Datenbanken sind stets Bibliothekslizenzen mit Remote-Zugriff. Die elektronischen Texte sind ortsunabhängig für die eingeschriebenen BibliotheksnutzerInnen per Authentifizierung zugänglich. Als größte europäische Fachbibliothek für Lateinamerika und die Karibik ist der OPAC der Bibliothek des IAI der zentrale Einstiegspunkt für bibliographische Suchen. Mit FID-Mitteln konnten folgende Datenbanken dauerhaft erworben werden: Latin American Newspapers, Series 1 and 2; Caribbean Newspapers, Series 1; Hispanic American Newspapers; Caribbean History and Culture, 1535-1920. Insgesamt ist die Zahl der neu zu lizensierenden Produkte durchaus begrenzt, da Lateinamerika im Bereich der Wissenschaft und Forschung eine flächendeckende und sehr aktive Open-Access-Politik betreibt. Abweichend von den ursprünglichen Planungen konnten dadurch weniger kostenpflichtige e-journals lizensiert werden als beabsichtigt. Durch die Einbindung von großen Open-Access-Repositorien (LAReferencia, CEPAL, CLACSO) aus Lateinamerika wird das elektronische Angebot aber maßgeblich gesteigert. Zusätzlich werden aus Eigenmitteln weitere Lizenzen erworben, wie z.B. Oxford Research Encyclopdia on Latin American History.

Kooperationen und schriftliche Erwerbungsabsprachen bestehen mit der SUB Hamburg (Schwerpunkt Spanien im FID Romanistik) und der SUB Göttingen (FID Anglo-American Culture). Im Workshop „Transregionale Verflechtungen“ (01.03.2018) konnten Absprachen mit anderen regionalen außereuropäischen Fachinformationsdiensten erzielt werden. So wird zwischen dem IAI und dem FID Afrikastudien an der UB Frankfurt am Main ein Datenaustausch stattfinden: Titeldaten zur am IAI erworbenen Literatur des portugiesischsprachigen Afrika werden in den Katalog des FID Afrikastudien eingespielt .

H-Soz-Kult: Welche Rolle spielen digitale Ressourcen (ebooks, Fachdatenbanken) in Ihrem FID? Lassen sich ggf. Veränderungen in Ihrem Angebotsportfolio hin zu digitalen Ressourcen bereits in einem verändertem Nutzungsverhalten messen?

Flankierend (und nicht als Teil des FID) wird der Ausbau der eigenen Digitalisierung und der Digitalen Sammlungen des IAI vorangetriebenen . Urheberrechtsfreie Materialien und besonders fragile Bestände, an denen nachgewiesenermaßen ein Interesse von einzelnen ForscherInnen, Forschungsgruppen und wissenschaftlichen Projekten herrscht, werden hier zur Verfügung gestellt. Während der allgemeine Trend in Bibliotheken eine Abnahme der physischen Ausleihe von Büchern verzeichnet, steigt die Nutzung der Digitalen Sammlungen.[4]

H-Soz-Kult: Welche Evaluierungen, Nutzungsstudien etc. haben Sie oder Dritte vorgenommen?

Die kontinuierliche Erwerbung aktueller Publikationen geschieht proaktiv in enger Abstimmung mit den wissenschaftlichen Communities. Durch in den Jahren 2016 bis 2018 intensiv beworbene und genutzte Instrumente wie ein elektronisches Formular für Erwerbungsvorschläge https://tinyurl.com/ybe6sap5 und die Möglichkeit, bei der Einrichtung von Verbundprojekten bereits Erwerbungslisten einzureichen, wurden Strukturen für einen nachfrageorientierten, in die Zukunft gerichteten Bestandsausbau geschaffen.

Insbesondere der Workshop „Zwei Jahre Fachinformationsdienst Lateinamerika, Karibik und Latino Studies: Feedback und Ausblick“ (09./10.02.2018) diente der Auswertung der bisherigen Aktivitäten, Angebote und Strategien. Im Vorfeld wurde zudem von der Gruppe der NachwuchswissenschaftlerInnen innerhalb der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Lateinamerikaforschung (ADLAF) ein Fragebogen zum Bekanntheitsgrad und zur Nutzung des FID erstellt, versandt und ausgewertet. Weitere Rückmeldungen erhält der FID durch den Wissenschaftlichen Beirat des IAI.

H-Soz-Kult: Wie wird weitere Ausbau des FID gestaltet, welche Perspektiven und Ziele sehen Sie für den FID?

Mitte April 2018 hat das Ibero-Amerikanische Institut bei der DFG einen Förderantrag für die Fortsetzung des Fachinformationsdienstes gestellt. In der zweiten Förderphase soll die Erwerbung in der bisherigen Form weitergeführt werden, insbesondere die E-First-Politik sowie die Einbindung weiterer elektronischer Informationsquellen in den OPAC der Bibliothek des IAI als zentralem Recherche-Werkzeug des FID. Begründet in der Vielfalt der abzudeckenden Disziplinen und der internationalen und transregionalen Ausrichtung der Fachcommunities soll der FID in der zweiten Phase über die Bereitstellung von Medien hinaus auch verstärkt Instrumente der Vernetzung zwischen WissenschaftlerInnen, Projekten und Wissensarchiven entwickeln und erproben . Diese sollen bei ihrer Weiterentwicklung stärker dialogisch und noch zielgruppenspezifischer ausgerichtet werden. Nach dem Fokus auf den literatur-, kultur- und sprachwissenschaftlichen Communities in der ersten Projektphase sollen in der zweiten Förderphase die Sozialwissenschaften deutlich stärker einbezogen werden.

Anmerkungen:
[1] Für die Zusammensetzung des Beirats 2016-2018 siehe https://www.iai.spk-berlin.de/das-iai/wissenschaftlicher-beirat.html
[2] Dies bezieht sich auf den Deutschen Romanistenverband (DRV), den Deutschen Hispanistenverband (DHV), den Deutschen Lusitanistenverband (DLV), die Gesellschaft für Karibikforschung (Socare) sowie die Arbeitsgemeinschaft Deutsche Lateinamerikaforschung (ADLAF). Außerdem bestehen enge Kontakte zum Deutschen Katalanistenverband, zum Deutschen Frankoromanistenverband und weiteren deutschen wie auch internationalen Fachverbänden.
[3] Die Protokolle der Workshops finden sich unter https://fidblog.iai.spk-berlin.de/dokumente/
[4] Zu den Nutzungszahlen 2016 und dem veränderten Nutzerverhalten siehe den Blog-Beitrag „Die Bibliothek im 21. Jahrhundert“ von Mike Heidenreich https://fidblog.iai.spk-berlin.de/2017/02/08/die-bibliothek-im-21-jahrhundert/

Zitation
Forum: U. Mühlschlegel (IAI-SPK Berlin): FID Lateinamerika, in: H-Soz-Kult, 25.09.2018, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-4569>.