Historikertag 2004: Alte Geschichte

Von
Henning Börm, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Besprochene Sektionen:

"Beschränkte Götter im Reich ohne Grenzen: Horizonte religiöser Kommunikation im Imperium Romanum"
"Römer und Germanen in der Spätantike – ein Konflikt der Kulturen?"
"Wege als Medium der Kommunikation zwischen Mittelmeer und Indischem Ozean in der Antike"
"Alte Geschichte und Alter Orient – Auch ein Plädoyer für Universalgeschichte"

Der Historikertag hat für die Alte Geschichte nicht ganz die Bedeutung, die er für andere historische Fächer - vor allem für die Neuere und Neueste Geschichte - besitzt. Schon ein flüchtiger Blick auf das Programm bekräftigte auch für das Jahr 2004 diesen Eindruck: Mit nur vier regulären Sektionen (zuzüglich der Vorträge im Rahmen der "Jungen Historiker") war der Anteil der Alten Geschichte so gering wie der keiner anderen Teildisziplin. Dem Vernehmen nach wurden dabei von den Organisatoren im übrigen alle althistorischen Sektionsvorschläge berücksichtigt. Die geringe Zahl an Sektionen aus dem Bereich der Alten Geschichte war mithin nicht auf eine rigide Zulassungspolitik der Veranstalter, sondern auf die geringe Zahl der Vorschläge zurückzuführen.

Alle althistorischen Sektionen waren hingegen gut bis sehr gut besucht, wobei sich das Publikum relativ bunt gemischt präsentierte - neben einer ganzen Reihe bekannter und etablierter Gelehrter aus dem gesamten deutschsprachigen Raum war insbesondere der akademische Mittelbau recht zahlreich vertreten. Gerade für den wissenschaftlichen Nachwuchs, für Doktoranden und Habilitanden, boten sich so zahlreiche Möglichkeiten, miteinander ins Gespräch zu kommen und neue Bekanntschaften zu schließen. Einen besonders günstigen Rahmen dazu bot zudem das abendliche Althistorikertreffen am 16. September.

Die einerseits bedauerlich niedrige Zahl an althistorischen Sektionen brachte andererseits einen deutlichen Vorteil mit sich: Es war möglich, alle vier zu besuchen, da kein Abschnitt zeitlich mit einem anderen kollidierte. Doch während zu hören war, dass gerade für die neuhistorischen Sektionen die Ergiebigkeit des Mottos "Kommunikation und Raum" oft lobend erwähnt worden sei, da diese tatsächlich wie eine Klammer viele der Sektionen miteinander verbunden habe, konnte dieser Effekt für die Alte Geschichte weniger verzeichnet werden; jeweils zwei der Sektionen hingen aber thematisch enger miteinander zusammen. Es drängte sich der Verdacht auf, dass sich viele aktuelle Forschungsschwerpunkte des Faches möglicherweise eher schlecht dem gewählten Motto des Historikertages unterordnen ließen.

Bereits im Vorfeld war nicht selten zu hören gewesen, dass unter den althistorischen Sektionen Themen vermisst würden, die traditionell im Zentrum der Alten Geschichte stünden. Und in der Tat befassten sich alle vier Sektionen mit Bereichen, die erst in den letzten Jahren zunehmend das Interesse der Forschung auf sich gezogen haben, nämlich mit der kaiserzeitlichen Religionsgeschichte, mit der Spätantike sowie mit den antiken Kontakten zwischen Orient und Okzident. Sektionen zur griechischen Geschichte in archaischer und klassischer Zeit, die nach wie vor den Forschungsschwerpunkt vieler Althistoriker bildet, fehlten hingegen vollständig, Hellenismus und römische Republik wurden lediglich während der Veranstaltung "Junge Historiker stellen sich vor" behandelt - also bezeichnenderweise in eben jenem Rahmen, in dem aktuelle und abgeschlossene Habilitationsprojekte vorgestellt wurden und der mithin einigen Rückschluss darauf erlaubt, in welchen Themengebieten derzeit geforscht wird.

Wenngleich also keinesfalls bestritten werden soll, dass die vier althistorischen Sektionen wichtige Teilbereiche des Faches behandelten, bleibt doch festzustellen, dass zentrale Themenfelder der Alten Geschichte weitgehend bis vollständig unberücksichtigt blieben. Nicht zuletzt diesem Umstand dürfte wohl zuzuschreiben sein, dass die Diskussionen innerhalb der Sektionen nicht selten eher allgemein und leidenschaftslos geführt wurden, da eben in der Regel nur wenige Zuhörer selbst Experten auf den fraglichen Gebieten waren, während zu vermuten ist, dass etwa bei einer Sektion zur Sozialgeschichte der römischen Republik oder einem anderen "Mainstream"-Thema ein lebhafterer und kontroverserer Meinungsaustausch stattgefunden hätte.

Im Folgenden sollen alle althistorischen Sektionen kurz vorgestellt werden, wobei eine detaillierte Darstellung der Inhalte den jeweiligen Sektionsberichten vorbehalten bleiben wird. Abschließend soll ein allgemeines Fazit gezogen werden.

Mittwoch, 15.9.2004
Mit Bedauern nahmen viele Zuhörer zur Kenntnis, dass Simon Price (Oxford) nicht wie angekündigt an der ersten althistorischen Sektion "Beschränkte Götter im Reich ohne Grenzen: Horizonte religiöser Kommunikation im Imperium Romanum" teilnehmen konnte. Doch auch so wurden dem Publikum zahlreiche interessante Informationen geboten.[1] Den Auftakt der Sektion bildete Alfred Schäfers (Berlin) Vortrag über die Rolle der "Reichsreligion" bei der Besiedlung Dakiens. Schäfer stellte zunächst fest, die römische Kultur sei dort vornehmlich von Soldaten und sonstigen Zuwanderern getragen worden. Dabei hätten die in diversen Militärlagern nachweisbaren Kulte nicht zuletzt der Stärkung eines Gemeinschaftsgefühles innerhalb der Einheiten gedient; dies gelte insbesondere für die Pflege von Kulten aus der ursprünglichen Heimatregion solcher Truppenteile, die der östlichen Reichshälfte, zumal Syrien, entstammten. Durch Aufnahme von Einheimischen in die Truppe seien dann mit der Zeit auch neue Kulte eingeführt worden. Einigen Zuhörern schien die postulierte langjährige Pflege der Kulte der ursprünglichen Herkunftsregion dennoch mit der communis opinio zu kollidieren, der zufolge die Einheiten meist innerhalb weniger Jahre ihren Charakter durch Aufnahme von Soldaten aus dem Stationierungsraum änderten und bald nur noch dem Namen nach mit dem anfänglichen Rekrutierungsgebiet zusammenhingen.[2] Zudem wurde eine grundsätzlichere Klärung des Begriffs "Reichsreligion" eingefordert, der von vielen eher mit der kapitolinischen Trias verbunden wurde als mit östlichen Lokalgottheiten wie Bel/Baal.

Den zweiten Vortrag der Sektion hielt Anette Hupfloher (Leipzig), die sich mit der Frage auseinander setzte, ob das kaiserzeitliche Korinth tatsächlich so lange Zeit eindeutig römisch geprägt gewesen sei, wie oft angenommen wird. Als Argumentationsgrundlagen dienten Hupfloher die epigrafischen Zeugnisse; in das Zentrum ihrer Betrachtungen stellte sie den religiösen Bereich. Hier sei zu beobachten, dass die korinthische Kultverwaltung von der stadtrömischen zwar inspiriert worden sei, sie aber nicht im Detail nachgeahmt habe. Aus dem frühen Vorkommen einiger eigentümlicher Priesterämter, deren Bezeichnungen griechische und lateinische Bestandteile enthalten, schloss Hupfloher auf eine baldige Vermischung römischer und einheimischer Kultorganisation. Auffällig sei in diesem Kontext auch die frühe Wiederaufnahme der Isthmien, die eine wichtige Kontaktebene zwischen Römern und Griechen geboten hätten.

Den Höhepunkt der Sektion stellte wohl der Vortrag von Rudolf Haensch (München) dar, der sich mit der Frage auseinander setzte, ob die römische Armee tatsächlich für die Verbreitung jener Kulte im Imperium gesorgt habe, die innerhalb des Militärs besonders prominent gewesen zu sein scheinen. Haensch trennte dabei die "privaten" religiösen Überzeugungen der Soldaten von den "offiziellen" der jeweiligen Einheiten. Die Teilnahme an gemeinschaftlichen Kulten sei wie die Errichtung von Weihinschriften für bestimmte Gottheiten vermutlich unter gewissen Bedingungen üblich gewesen, sage aber nichts über den Glauben des Einzelnen aus. Während senatorische und ritterliche Offiziere offenbar oft den Iupiter Optimus Maximus verehrt hätten, seien die einfachen Soldaten in der Regel Anhänger der Lokalgötter ihrer Heimat sowie ihres Stationierungsraumes gewesen und hätten daher als Veteranen nicht für ein Eindringen der im Militär gepflegten Kulte in die Provinzbevölkerung gesorgt. Die "Reichsreligion" (wenn man unter dieser die Zwölfgötter und den Kaiserkult verstehen will) sei auf diesem Wege nicht verbreitet worden, sondern allenfalls die heimatlichen Kulte der Veteranen. Wie Hupflohers Beitrag stieß auch Haensch insgesamt auf Zustimmung im Plenum.

Jörg Rüpke (Erfurt) schließlich untersuchte in seinem Beitrag die Frage, ob die "Buchreligionen" in Hinblick auf die Verbreitung im gesamten Imperium gegenüber den anderen Kulten im Vorteil gewesen seien. Rüpke beantwortete diese Frage eher negativ. Zum einen zeige etwa die reichsweit im Kern identische ikonografische Darstellung der Stiertötung im Rahmen des Mithraskultes, für die keine literarische Tradition erkennbar ist, dass Schriftlichkeit nicht unumgänglich für die Verbreitung von Formen und Inhalten gewesen sei. Zum anderen erleichterten schriftliche Texte zwar überregionale Kommunikation, garantierten sie aber keineswegs. Und in der Tat spielte Schriftlichkeit auf die eine oder andere Weise in so vielen antiken Kulten eine Rolle, dass sich über die Sinnhaftigkeit der Bezeichnung "Buchreligion" trefflich streiten ließe. So bleibt auch zu untersuchen, welche Rolle die Re-Oralisierung der Texte im Rahmen der Kulthandlungen spielte. Wie verlief der Prozess der Kanonisierung? Insgesamt blieb der Zuhörer nach der Sektion mit mindestens ebenso vielen offenen Fragen wie Anregungen zurück.

Die zweite althistorische Sektion ("Römer und Germanen in der Spätantike - ein Konflikt der Kulturen?") schloss sich thematisch recht glücklich an die vorhergehende an, da die ersten beiden Beiträge ebenfalls religionsgeschichtliche Probleme behandelten - wobei allerdings keiner der Vorträge einen Gegenwartsbezug in der Weise herzustellen versuchte, die der Titel der Sektion nahe legte. So sprach Wolfgang Spickermann (Osnabrück) über die Bedeutung der germanischen Landnahme in den gallischen und germanischen Provinzen für die Stellung von Christen- und Heidentum.[3] Im Kern liefen Spickermanns Ausführungen auf die These hinaus, dass die Ereignisse des fünften Jahrhunderts weniger zu einer Re-Paganisierung als vielmehr nur zu einem vorläufigen Ende der christlichen Mission geführt haben dürften, die erst nach der Taufe Chlodwigs langsam wieder eingesetzt habe. Dieser These ist sicherlich zuzustimmen, auch wenn der faktische Rückschlag, den die starke Beeinträchtigung des spätantiken Städtewesens durch die Barbareneinfälle für das Christentum gerade deshalb bedeutete, weil sich im ländlichen Bereich hartnäckig pagane Kulte hielten, wohl nicht unterschätzt werden darf. Offen blieb die Frage, ob sich die verbliebenen Kulte der römischen Provinzialen mit denen der germanischen Neuankömmlinge vermischten.[4]

Mit der Frage nach der Rolle der Religion befasste sich auch Jörg Spielvogel (Bremen), der in seinem Beitrag die Beziehungen zwischen den arianischen [5] Germanen und den katholischen Römern untersuchte. Im vandalischen Nordafrika lasse sich dabei insgesamt eine klare Bevorzugung der Arianer fassen, und die Konfession habe dort noch nach der oströmischen Rückeroberung eine wichtige Rolle gespielt. Im ostgotischen Italien hingegen habe es praktisch keinen Konvertierungsdruck von seiten der Germanen gegeben, ohne dass dies aber zu einer Akzeptanz der gotischen Herrschaft geführt habe; und im Westgotenreich sei 589 auch das Königshaus schließlich zum Katholizismus übergetreten, um das Reich zu stabilisieren. Spielvogels These, die Germanen seien zum Katholizismus konvertiert, da sich nur so die notwendige innere Einheit der Reiche habe herstellen lassen, ist allerdings nicht ganz unproblematisch, konnten Vandalen und Goten doch offensichtlich lange Zeit auch ohne Konversion über katholische Römer herrschen.

Karl Leo Noethlichs (Aachen) skizzierte die oströmische Sicht auf die Germanenreiche mit dem Schwerpunkt auf der Zeit Justinians. Er zeigte überzeugend, dass sich im Verlauf des 5. und 6. Jahrhunderts die nur begrenzt geduldete Präsenz der Germanen auf weströmischem Reichsboden schleichend hin zur faktischen Autonomie entwickelt habe, versuchte, verschiedene "offizielle" und "inoffizielle" Sichtweisen der Römer auf die Barbaren zu fassen, und stellte schließlich völlig zu Recht die Frage, ob die "Reconquista" Justinians wirklich im Namen der Orthodoxie geschehen sei. Insgesamt sei die oströmische Politik stets von Nützlichkeits- und Machbarkeitsüberlegungen bestimmt gewesen.[6]

Den Abschluss der Sektion bildete der Beitrag von Herwig Wolfram (Wien), der gewiss von vielen als ein Höhepunkt empfunden wurde, wenngleich der untersuchte Zeitraum eigentlich nicht mehr zur Alten Geschichte zu zählen ist. In einem an Fakten und Beispielen reichen Vortrag skizzierte Wolfram das Fortbestehen, die Veränderung und Fragmentarisierung der Dichotomie "Römer/Romanen" und "Barbaren" im Alpenraum bis ins Hochmittelalter. Es wurde deutlich, wie fließend sich der Übergang von der Antike zum Mittelalter auch in dieser Region gestaltete. Als Detail ist für den Experten übrigens bemerkenswert, dass Wolfram die Angaben der Vita Severini, die bekanntlich von einem weitgehenden Abzug der Römer spricht, für stark übertrieben hielt.

Donnerstag, 16.9.2004
Die dritte Sektion ("Wege als Medium der Kommunikation zwischen Mittelmeer und Indischem Ozean in der Antike") wurde von einem weiteren Österreicher eröffnet: Reinhold Bichler (Innsbruck), ausgewiesener Herodot-Experte, fasste in einem weiten Bogen die Kernthesen seiner Forschungen zusammen. Die Entwicklung des griechischen Orient- und Perserbildes seit der Eingliederung der ionischen Städte ins Achaimenidenreich, die zunehmende Verfestigung von Topoi, Klischeefiguren und -abläufen, die Spiegelfunktion des herodoteischen Perserbildes oder der große Einfluss der Persika des Ktesias auf das griechisch-römische Orientbild bis in die Spätantike - all dies war dem Fachmann aus Bichlers Veröffentlichungen zwar schon bekannt, doch bot der Historikertag eine gute Bühne, die Thesen einem breiteren Publikum vorzustellen.

Der Beitrag von Hilmar Klinkott (Tübingen) befasste sich mit dem Wegenetz des Achaimenidenreiches und hier insbesondere mit den Königsstraßen, die sicherlich richtig als staatlich beaufsichtigt und betreut dargestellt wurden. Leider geriet die Schilderung einer Hieroglypheninschrift, die Klinkott aufgrund einer neuen Lesart als Beleg für die Existenz des Amtes eines Oberaufsehers über die Reichsstraßen präsentierte, für viele Zuhörer etwas zu detailreich, was bedauerlich war, da der Inhalt des Vortrags mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Andreas Luther (Berlin) stellte in seinem Beitrag die palmyrenischen Karawaneninschriften vor, die er als Belege für das weitreichende Handelsnetz und die engen Kontakte zwischen den "Auslandspalmyrenern" und ihrer Heimat auswertete. Für die rapide Abnahme der Zeugnisse nach etwa 200 bot Luther zwei mögliche Interpretationen: Entweder sei der Handel stark beeinträchtigt worden, oder er sei im Gegenteil so reibungslos verlaufen, dass man keine Dankinschriften (denn darum handelt es sich in den meisten Fällen) mehr zu setzen brauchte. So sei der epigrafische Befund letztlich nicht als Quelle für die wirtschaftliche Entwicklung des palmyrenischen Handels heranziehbar.

Den Abschluss der Sektion bildete der Vortrag von Udo Hartmann (Berlin) über die Kanäle des Kontaktes zwischen Rom und dem sasanidischen Persien. Zwar habe es vor allem im philosophisch-religiösen Bereich regen Austausch zwischen den beiden spätantiken Großmächten gegeben, dennoch habe man sich um eine möglichst weitgehende Kontrolle bemüht. Hartmann lieferte eine knappe Übersicht über diejenigen Gruppen, die in seinen Augen vor allem für Kontakte gesorgt hätten: Spione und Überläufer, Diplomaten, Ärzte, Fernhändler, religiöse Flüchtlinge und Deportierte (vor allem im dritten und sechsten Jahrhundert wurden zahlreiche Römer nach Persien verschleppt). In der westlichen Historiografie (Ammian, Prokop usw.) zeige sich dennoch weitgehende Ignoranz gegenüber den Sasaniden. In der anschließenden Diskussion wurde allerdings die Ansicht vertreten, der Austausch gerade entlang der langen Grenze sei nicht zu unterschätzen; die Römer hätten notwendig mehr über die Perser gewusst, als sich in den herangezogenen Quellen, die eben der traditionellen Barbarentopik verpflichtet gewesen seien, finde - gerade auch im militärischen Bereich.

Auf die Vorträge der "jungen Historiker" kann hier aus Platzgründen nicht weiter eingegangen werden; sie boten aber, wie gesagt, gerade aufgrund ihrer fehlenden Einbindung in einen größeren thematischen Kontext eine angenehme Abwechslung - auch wenn man sich über Sinn und Unsinn dieser Institution gewiss nach wie vor trefflich streiten könnte.

Freitag, 17.9.2004
Die letzte althistorische Sektion ("Alte Geschichte und Alter Orient - auch ein Plädoyer für Universalgeschichte") stand als einzige im Zeichen einer Grundsatzfrage: Sollte die Geschichte des Vorderen Orients integraler Bestandteil des Faches Alte Geschichte sein, oder fallen die "Randkulturen" nur dann ins Arbeitsfeld des Althistorikers, wenn es sich um unmittelbare Kontakte mit Griechen und Römern handelt?

Josef Wiesehöfer (Kiel) vertrat vehement die erste Position. Es gehe dabei nicht darum, den Alten Orient [7] auf Kosten der griechisch-römischen Geschichte zu bevorzugen; vielmehr seien zahlreiche Themenfelder auch der griechisch-römischen Antike ohne tiefere Kenntnis des Orients kaum zu bearbeiten. Diese These wurde durch den Beitrag von Amélie Kuhrt (London) sogleich eindrucksvoll illustriert: Anhand zweier Episoden des Alexanderzuges - zum einen des friedlichen Einzugs des Makedonen in Babylon, die analog zur früheren persischen und assyrischen Eroberung erfolgt sei, zum anderen des Erscheinens eines rätselhaften "Usurpators", der laut Kuhrt in Wahrheit ein traditioneller babylonischer "Ersatzkönig" gewesen sei - wurde die Nützlichkeit von Kenntnissen der orientalischen Geschichte deutlich gemacht. Allerdings äußerten später einige Zuhörer, dass gerade in Hinblick auf Alexander und den Hellenismus die Wichtigkeit solcher Kenntnisse ohnehin längst nicht mehr bestritten werde und Kuhrt mithin offene Türen eingerannt habe.

Fortgesetzt wurde die Sektion durch einen Beitrag von Robert Rollinger (Innsbruck), der einen Überblick über die Rahmenbedingungen für Kulturaustausch und Kontakte zwischen Ägäisraum und Levante in der Archaik gab. Im Kern ging es hierbei darum, sowohl die Präsenz von "Ioniern" im vorderen Orient als auch das Vorhandensein von Sprachkenntnissen festzustellen - und damit also zu klären, dass die Rahmenbedingungen für Kulturkontakte bis weit ins Zweistromland hinein bereits zu dieser Zeit gegeben waren. Zudem seien die Zeugnisse ergiebiger und zahlreicher, als oft vermutet werde.

Es folgte das Referat von Rolf Michael Schneider (München), der sich kritisch mit der etablierten These befasste, während der Perserkriege sei es in Athen zur Ausprägung eines persischen "Feindbildes" gekommen, das sich vor allem in einigen spektakulären Vasenmalereien finden lasse, die im Kampf unterliegende Perser zeigen.[8] Indem Schneider diese Bilder in den weiteren Kontext der Gewaltdarstellungen einordnete, konnte er eindrucksvoll verdeutlichen, dass sich die Darstellung der besiegten Perser eher positiv von der unterlegener Hopliten (die überdies weit häufiger sei) abhebt, so dass von den Vasen nicht auf die Entstehung eines Feindbildes geschlossen werden könne. Dieses habe sich erst im Verlauf der folgenden Jahrzehnte langsam entwickelt.

Den Abschluss der Sektion bildete der Vortrag von Eckhard Meyer-Zwiffelhoffer (Hagen) über die Rolle des Orients in der Frühzeit der Altertumskunde. In seinen sehr detailreichen Ausführungen stellte er, beginnend mit dem 18. Jahrhundert, die Sichtweise zahlreicher Gelehrter dar und konnte erhebliche Unterschiede in der Auffassung und Bewertung des Orients verdeutlichen, leider sprengte das Referat aber den zeitlichen Rahmen und musste abgebrochen werden, bevor Meyer-Zwiffelhoffer auch das 19. Jahrhundert behandeln und zu einer Synthese kommen konnte. Vielleicht auch deshalb blieb eine lebhaftere Diskussion, die eigentlich zu erwarten gewesen wäre, am Ende der Sektion leider weitgehend aus.

Insgesamt kann der Historikertag aus althistorischer Sicht gewiss als gelungen betrachtet werden, auch wenn die Diskussion während der Sektionen, wie bereits angedeutet, meist leider nicht eben sehr angeregt war - was als Indiz dafür gedeutet werden kann, dass entweder die Interessen vieler Teilnehmer eher in anderen Bereichen lagen oder dass die gewählten Themenbereiche (vielleicht mit Ausnahme der letzten Sektion) wenig Anlass zu Kontroversen boten. Andererseits kann man natürlich die Ansicht vertreten, der althistorische "Mainstream" beherrsche ohnehin oft genug das Feld, so dass der Umstand, dass sich die meisten Teilnehmer veranlasst sahen, sich mit ihnen bislang eher unbekannten Gebieten des Faches auseinander zu setzen, gewiss auch begrüßenswert war. Dies gilt insbesondere für die Beschäftigung mit dem Alten Orient und seinen Kontakten zur Mittelmeerwelt, die sich als fruchtbarer erwies, als mancher erwartet haben dürfte. So bleibt festzuhalten, dass die Veranstaltung dem Althistoriker zwar viel Gelegenheit bot, mit Kollegen ins Gespräch zu kommen und mindestens in dieser Hinsicht die Anreise lohnte. Einen wirklich repräsentativen Querschnitt durch die derzeitigen Schwerpunkte des Faches (mit Ausnahme der Spätantike) oder einen Blick auf derzeit besonders kontroverse Themen hingegen konnten die althistorischen Sektionen schon aufgrund ihrer geringen Zahl kaum bieten. Erfreulich war aber in jedem Fall, dass das Fach durch die Verleihung des Historikerpreises an Mischa Meier, der für seine althistorische Arbeit über Justinian geehrt wurde, und die Wahl von Peter Funke zum neuen Verbandsvorsitzenden zusätzliche öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr.

Es ist zu hoffen, dass sich die Alte Geschichte der Öffentlichkeit bei zukünftigen Historikertagen in größerer Breite präsentieren wird - auch wenn die Besucher dann eher als jetzt die Qual der Wahl haben werden. Dabei soll und muss die Grundlagenforschung natürlich weiter einen wichtigen Platz einnehmen; zugleich aber wäre es sicher klug, ein Fach, das in der Öffentlichkeit (wie unter Neuhistorikern) leider oft als besonders antiquiert und wirklichkeitsfern gilt, bei einer Großveranstaltung wie dem Historikertag als möglichst interessant, zugänglich und relevant zu präsentieren. Dies zu bewerkstelligen, ohne sich anzubiedern oder das Wesen des Faches preiszugeben, wird eine der Herausforderungen sein, denen man sich spätestens 2006 in Konstanz stellen müssen wird.

Henning Börm ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Klassische Altertumskunde der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Römische Geschichte in Kaiserzeit und Spätantike sowie die Kontakte zwischen Rom und dem Orient. Die Dissertation wird sich mit Prokop von Caesarea als Quelle für die Geschichte Persiens und die oströmisch-sasanidischen Beziehungen im Zeitalter Justinians befassen.

Anmerkungen:
[1] Erwähnt werden sollte vielleicht auch, dass drei der Referenten am Erfurter DFG-Schwerpunktprogramm 1080 beteiligt sind, das sich mit römischer Reichs- und Provinzialreligion befasst.
[2] Allerdings zählten gerade syrische Bogenschützen (ähnlich wie etwa die batavische Reiterei) zu jenen spezialisierten Auxiliareinheiten, die oft noch lange weiter aus der Heimatregion ergänzt wurden. Dies könnte eine Erklärung für die längere Beibehaltung syrischer Traditionen sein.
[3] Verwiesen sei hier auch auf Spickermann, Wolfgang u.a. (Hgg.), Religion in den germanischen Provinzen Roms, Tübingen 2001.
[4] Bemerkenswert war im Übrigen die Aussage, dass sich im germanisch-gallischen Bereich kaum Belege für eine christliche Okkupation zuvor heidnischer Stätten finden ließen; für diese Praxis gibt es zumindest im oströmischen Reich durchaus Beispiele.
[5] Die Bezeichnung "arianisch" ist übrigens ähnlich wie "monophysitisch", "katholisch" oder "orthodox" nur mit Vorsicht zu verwenden, da es sich um polemische Begriffe handelt, die "die Sicht des Gewinners zementieren" (H. Leppin).
[6] Dem interessierten Leser sei ferner als Überblickswerk empfohlen: Blockley, Roger C., East Roman Foreign Policy. Formation and conduct from Diocletian to Anastasius, Leeds 1992. Zum justinianischen Zeitalter vgl. auch die kurze Einführung von Meier, Mischa, Justinian. Herrschaft, Reich und Religion, München 2004 (mit weiterer Literatur).
[7] Unter dem "Alten Orient" versteht Wiesehöfer dabei Vorderasien und Ägypten nicht nur bis 539 oder 323 v. Chr., sondern bis zur arabischen Expansion, die für Ostrom und das Sasanidenreich das endgültige Ende der Antike markiert.
[8] Zum athenischen Perserbild im 5. Jahrhundert vgl. insbesondere: Miller, Margaret C., Athens and Persia in the fifth century BC, Cambridge 1997.

Zitation
Historikertag 2004: Alte Geschichte, in: H-Soz-Kult, 03.11.2004, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-487>.