Forum: „Das eigene Verständnis reflektieren“ – Digitale Lehre - Interview mit Alexandra Przyrembel (FernUniversität Hagen)

Von
Alexandra Przyrembel, Lehrgebiet Geschichte der Europäischen Moderne, FernUniversität in Hagen

H-Soz-Kult: Zum Abschluss unseres Themenschwerpunktes veröffentlichen wir heute unser Interview mit Alexandra Przyrembel von der FernUni Hagen. Frau Przyrembel, mit welchen Formaten digitaler Lehre beschäftigen Sie sich und welche Erfahrungen können Sie weitergeben?

Alexandra Przyrembel: Herzlichen Dank für die Möglichkeit, meine Erfahrungen mit der digitalen Lehre an der FernUniversität in Hagen zu schildern. Bisher nutze ich digitale Formen der Lehrvermittlung in drei unterschiedlichen Weisen. Wie andere Universitäten nutzen wir auch in Hagen eine Online-Lehrplattform (Blackboard, StudIP), bei uns ist das Moodle. Während ich an anderen Universitäten diese Plattform vor allem als erweiterten Semesterapparat – das heißt zur Präsentation von Forschungsliteratur, Quellenmaterial – genutzt habe, haben wir in Hagen diese Funktionen wesentlich dahingehend erweitert, dass wir hier auch Aufgaben zur Erarbeitung historischer Themen und Fragestellungen anbieten. Diese werden dann von den Lehrenden oder auch von den Studierenden kommentiert. Auch bei der Auswahl des Quellenmaterials haben wir darauf geachtet, dass wir zunehmend auch digitale Archive beispielsweise des Bundesarchives https://www.bundesarchiv.de/DE/Navigation/Finden/Digitalisierte-Bestaende/digitalisierte-bestaende.html oder auch der Library of Congress https://www.loc.gov/collections/ in diese digitale Lehrplattform integrieren.

Auch ein großer Teil der Kommunikation zwischen den Studierenden und Lehrenden zum Thema Prüfungen erfolgt über Moodle und E-Mail. Grundlage von Hausarbeiten ist die Erstellung eines mehrseitigen Exposés, das von uns, manchmal auch mehrfach, kommentiert und besprochen wird. Diese Arbeitsphase ersetzt die „klassische“ Sprechstunde. Einen zweitenr Schwerpunkt unseres digitalen Lehrangebots stellen Online-Seminare dar, in denen wir – wie in anderen Seminaren auch – historische Themen gemeinsam mit den Studierenden erarbeiten. Für diese Online-Veranstaltungen nutzt die FernUniversität in Hagen Adobe Connect. Dieses Programm ermöglicht Phasen der Gruppenarbeit, Referate usw. und hat sich aufgrund der diversen Tools – vom „Teilen“ des Bildschirms etwa im Fall von Quellenmaterial über die Präsentation von Referaten bis hin zur Gruppenarbeit – sehr bewährt. Die FernUniversität bietet hier Instrumente zur Selbstschulung an und hat diese für alle Interessierten geöffnet https://ekoo.fernuni-hagen.de/neues-angebot-offene-selbstlernkurse-zur-digitalen-hochschullehre/. Einige Hagener Kolleg/innen bieten auch sogenannte Hybrid-Seminare an, das heißt Fernstudierende können sich sowohl online zu einer Veranstaltung hinzuschalten, Wortbeiträge machen und aktiv teilhaben als auch vor Ort in einem der Regionalzentren Hagens teilnehmen. Dieses Format trägt natürlich der besonderen Studierendenschaft der FernUniversität in Hagen Rechnung, mir scheint dies allerdings auch ein sehr gutes Format für Kolloquien zu sein, ob nun im internationalen oder nationalen Kontext.

Außerdem biete ich drittens eine Online-Vorlesung zur Geschichte der Europäischen Moderne an, die ich gemeinsam mit dem Zentrum für Medien und IT der FernUniversität aufgenommen habe. Insbesondere dieses Format unterscheidet sich wesentlich von den „klassischen“ Vorlesungen, wie ich sie an anderen Universitäten kennengelernt habe, da es sich ja um eine vorher im Filmstudio der FernUniversität in Hagen aufgezeichnete Vorlesung handelt. Diese Lehrform ist als Einführung in bestimmte Themengebiete sinnvoll und kann durchaus auch im digitalen Klassenzimmer (etwa über Adobe Connect oder Zoom) umgesetzt werden. Allerdings sollten Inhalte – aufgrund der Sehgewohnheiten – im darstellenden Teil verknappt und um weitere Materialien (Forschungstexten, Quellen) ergänzt werden. Aufgrund der gängigen medialen Seh- und Hörgewohnheiten sind die Erwartungen an ein solches Format natürlich sehr hoch.

H-Soz-Kult: Wie setzen Sie rein digitale Formate praktisch um? Und welche Vorteile konnten Sie bisher gegenüber der „analogen“ Lehre gewinnen, welche Hürden sind Ihnen begegnet?

Alexandra Przyrembel: Zunächst gilt, dass alle Beteiligten – Lehrende wie Studierende – erst einmal das neue Medium kennenlernen und die Scheu vor dem neuen Medium ablegen sollten. In der Praxis heißt dies beispielsweise, dass alle Teilnehmer/innen einer Lehrveranstaltung auch die eigene Kamera für andere freigeben. Diese Scheu zu überwinden, ist gar nicht so einfach, da sich im virtuellen Lehrraum anders als im Seminarraum die Seminaratmosphäre, vor allem auch die informellen Hierarchien, schlechter einschätzen lassen. Auch ist es gar nicht so einfach, die „Stille“ auszuhalten, nach einer Fragerunde oder einem Referat – das Schweigen lässt sich, dieses Phänomen kennt man ja auch aus Präsenzveranstaltungen, über die virtuelle Distanz noch schlechter einschätzen als in einem Seminarraum. In der Überwindung informeller Hierarchien liegt natürlich auch eine Chance. Gelingt die Überwindung der ersten Hürden, dann ist der Unterschied zwischen diesen beiden Räumen gar nicht mehr so groß. Im virtuellen Klassenzimmer lassen sich (so bei Adobe Connect) Phasen der Gruppenarbeit oder auch Referate sehr gut in die Veranstaltung integrieren. Natürlich setzt dieses Format – aber das ist ja auch in anderen Seminaren so, wenn beispielsweise die empfohlene Lektüre nicht in der erwünschten Weise rezipiert wurde – ebenso eine gewisse Geduld und die Freude an Improvisationsbereitschaft voraus, zum Beispiel wenn die Technik nicht funktioniert, also der Ton oder auch das Bild während des Seminars versagt. Ideal ist die Verknüpfung beider Formate, da die informellen Vor- und Nachbereitungen des Seminars oder auch der unmittelbare Austausch über einen Text oder ein Referat wegfallen bzw. in die Chat-Funktion oder E-Mail verlagert werden. Aber in einer Übung, die sich mit einigen zentralen Texten zur Verflechtungsgeschichte der Europäischen Moderne beschäftigte, habe ich mit der Erarbeitung historischer Debatten im virtuellen Klassenzimmer sehr gute Erfahrungen gemacht – das virtuelle Medium hat keineswegs zu einem Verlust von Inhalten geführt. Aber natürlich fiel der informelle Austausch, den auch die Studierenden der FernUniversität sehr schätzen, weg.

Neben den Online-Seminaren, die für Hagen aufgrund der besonderen Studierendenschaft (Berufstätigkeit, Familienphasen, Internationalität usw.) eher die Regel als die Ausnahme darstellen wird, bieten wir in Hagen auch zahlreiche Präsenzveranstaltungen in den Regionalzentren der FernUniversität (etwa in Berlin, Frankfurt am Main oder Nürnberg) und Exkursionen an. Diese Präsenzveranstaltungen sind wie Blockseminare an anderen Universitäten organisiert. Vor allem aufgrund des informellen Austausches wäre ein dauerhafter Verzicht auf das „live“-Format auch für die FernUniversität in Hagen absolut nicht wünschenswert.

H-Soz-Kult: Gerade mit Blick auf Ihre rein digitalen Plattformen haben Sie ja bereits angedeutet, auch auf digitale Quellen zurückzugreifen. Welche weiteren Inhalte und Formate nutzen Sie und wie bereiten Sie Lernziele und Inhalte einzelner Sitzungen vor?

Alexandra Przyrembel: Vermutlich sind eine Präzisierung und möglicherweise auch Verknappung des Lehrstoffes des zu erarbeitenden Themas in dem Online-Format sinnvoll. Auch die Studierenden sollten vor dem Seminar intensiver als vielleicht sonst üblich in das Seminargeschehen integriert werden, um den Ablauf einer solchen Online-Sitzung besser zu gestalten. Dies lässt sich auch auf die Arbeit mit der Lernplattform Moodle übertragen: Historische Fragestellungen, methodische Konzepte und die Quellenarbeit müssen kleinteiliger vorbereitet werden, da der persönliche Austausch hierüber beispielsweise in der Sprechstunde in der Regel wegfällt. Digitale Lernplattformen ermöglichen andererseits auch, dass die Aneignung von Wissen mithilfe verschiedener „Tools“ (wie beispielsweise ein StudentQuiz als Klausurvorbereitung) ausprobiert werden kann. Neben also den in unserem Fach etablierten Formen des Nachweises von Wissen (Essay, Rezension, Hausarbeit) können mit Lernplattformen auch kreativere Formen ausprobiert werden.

Dies alles wirkt auf den ersten Blick arbeitsaufwändig und detailorientiert, letztlich fordert diese Vorgehensweise immer wieder dazu auf, das eigene Verständnis von Geschichtswissenschaft zu reflektieren.

H-Soz-Kult: Wenn Sie mit rein digitalen Inhalten bzw. Quellenbeständen arbeiten, wie gehen Sie mit Quellenkritik als elementarem Bestandteil der Geschichtswissenschaften um? Welche Kompetenzen müssen Ihrer Meinung nach im Umgang mit digitalen Formaten und Inhalten vermittelt werden?

Alexandra Przyrembel: Wir haben in Hagen das Projekt „Von Staub zu Bits: Wissen, Archive und historische Forschung im Zeitalter des digitalen turn“ gestartet, über das wir noch berichten werden. Mit diesem Projekt verfolgen wir zum einen das Ziel, die Studierenden an die Nutzung digitaler Archivbestände heranzuführen. Neben der konkreten Vorstellung von Archiven und Quellenbeständen (wie das Bildarchiv des Bundesarchivs, das Holocaust Memorial in Washington D. C. oder den Briefwechsel der Archäologin Gertrude Bell http://gertrudebell.ncl.ac.uk/) verfolgt das Projekt auch zweitens das übergeordnete Ziel, zu vermitteln, wie sich die Forschungspraxis von Historiker/innen verändert und welches Wissen und welche Forschungserfahrung möglicherweise verloren geht. Aber natürlich eröffnen digitale Archive auch neue Chancen, die unabhängig davon, ob die Studierenden nun in Hagen, Berlin oder New York leben, genutzt werden können.

Die systematische Reflexion dieser Veränderung, die mit den zunehmenden digitalen Beständen eintritt, sowie deren Konsequenzen für den historischen Forschungsprozess und auch die akademische Ausbildung, so ist zumindest mein Eindruck, steht hier noch am Anfang. Ziel dieses Hagener Projektes ist es letztlich auch, besser zu verstehen, was es heißt, wenn „Der Geschmack des Archives“ (Arlette Farge) – also die Materialität des historischen Arbeitens – verlustig gegangen ist und neue Arbeitsformen entstehen.

H-Soz-Kult: Wie Sie schildern, stellt die digitale Lehre einen Schwerpunkt an der FernUniversität Hagen dar: Auf welche Infrastrukturen können Sie einerseits zurückgreifen und welchen Entwicklungsbedarf sehen Sie andererseits?

Alexandra Przyrembel: Wie so oft ist auch die Umsetzung der digitalen Lehre an Ressourcen gebunden. An der FernUniversität Hagen gibt es mit dem Zentrum für Medien und IT zahlreiche Ebenen der Unterstützung, die für die Umsetzung der digitalen Lehre einen günstigen Rahmen bieten. Vor allem auch die Mediendidaktik in Hagen hilft uns sehr dabei, unsere Ideen in das digitale Format zu „übersetzen“. Auch werden zahlreiche Weiterbildungsseminare angeboten.

Diese Infrastruktur ist sehr hilfreich, denn insgesamt ist die digitale Lehrbetreuung doch sehr zeitaufwändig, sodass auch auf der Ebene des einzelnen Lehrstuhls weitere Unterstützung durch wissenschaftliche und studentische Mitarbeiter/innen nötig ist. Diese technische und personelle Infrastruktur ist sicher die Voraussetzung dafür, um eine langfristigere Umstellung bzw. Erweiterung klassischer Lehrformate mithilfe des Digitalen zu ermöglichen. Ohne die konkreten Zahlen zu kennen, scheint es doch auch so zu sein, dass beispielsweise amerikanische Universitäten wie die New York University, wo ich gerade war, in einem ganz anderen Ausmaß als es in der Bundesrepublik zurzeit möglich ist, auf digitale Bestände in den Bibliotheken zurückgreifen können. Auch die digitale Präsenz öffentlicher Bibliotheken in den Vereinigten Staaten legt die Vermutung nahe, dass hier der Transfer von textbasierten zu digitalen Ressourcen wesentlich weiter vorangetrieben wurde. Die Public Library in New York https://www.nypl.org/ ist hierfür ein besonders prominentes Beispiel.

H-Soz-Kult: Welche Anregungen möchten Sie abschließend den Kolleginnen und Kollegen für die Planung und Durchführung digital (gestützter) Lehre mit auf den Weg geben?

Alexandra Przyrembel: Geduld und Freude an der Improvisation.

H-Soz-Kult: Frau Przyrembel, wir bedanken uns ganz herzlich dieses Interview!

Alexandra Przyrembel: Sehr gerne!

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Neben unseren Beiträgen sammeln wir Hinweise zur aktuellen Entwicklung, die für die Geschichtswissenschaften von Relevanz sein können sowie Wortmeldungen von Historiker/innen. Außerdem möchten wir Ihnen eine erste Übersicht über Einstiegs- und Orientierungspunkte zu digitalen Fachangeboten bieten.

Sie finden unsere Übersicht unter dem folgenden Link: https://www.hsozkult.de/text/id/texte-4953

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Forum: „Das eigene Verständnis reflektieren“ – Digitale Lehre - Interview mit Alexandra Przyrembel (FernUniversität Hagen), in: H-Soz-Kult, 10.04.2020, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-4965>.
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Veröffentlicht am
10.04.2020